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Abgehängt

                                          

Die Sonne kitzelte Elenas Gesicht, so dass sie niesen musste. Mit einem Schlag wach und aus allen Träumen gerissen.

Langsam richtete sie sich nach oben und streckte leise die Arme in die Höhe. Sie verkniff sich ein lautes Gähnen um den Schlafgast an ihrer Seite nicht zu wecken. Langsam ließ sie sich wieder in das Kopfkissen gleiten und blickte auf die Person neben ihr.

Dagmar schien noch zu schlafen. Oder tat sie nur so? Ihre rechte Brust hatte sie bedeckt, die linke  enthüllt.

Nach einer Weile setzte sich Elena erneut auf. Ganz sanft zog sie die Decke über Dagmar ein wenig zur Seite. Nun lagen beide Brüste frei. Die Gedanken kreisten um die Nacht, die hinter ihnen lag. Geschafft! Hoch gepokert und hoch gewonnen! Wirklich? Oder redete sie sich das nur ein, weil sie es unbedingt glauben wollte

Die Nacht war erfüllt von Gefühl und Leidenschaft. Und der voran gegangene Tag nicht minder intensiv.

Wenn du deine Gegner nicht besiegen kannst, umarme sie! So ein altes Sprichwort. Für Elena hieß das ganz konkret: Schlafe mit ihnen!

Viele Male hatte sie das schon getan und war stets erfolgreich. Die geheimnisumwitterte Kraft  in ihr wirkte noch immer. Es war Aradias Kraft, die Energie der Amazonenkönigin, der keiner widerstehen konnte. Vor nicht all zu langer Zeit hatte Neidhardt damit Bekanntschaft gemacht. Zu seinem eigenen Wohl und zum Wohle aller.

Weshalb also sollte es  in diesem Fall nicht ähnlich funktionieren?

Genau mit dieser Absicht hatte Elena Dagmar zu einem Vieraugengespräch geladen. Die hatte, sehr zu Elenas Erstaunen, sofort zugesagt.

Gemeinsam hatten sie am Nachmittag des Vortages einen Kaffee mit einander getrunken, sich dabei und danach intensiv ausgesprochen. Elena gelang es dabei tief in Dagmars Seele vorzudringen.

Natürlich gab immer wieder Streit, wenn es hart zur Sache ging, doch konnte dieser stets beigelegt werden. Elena hatte ihr Handwerk als langjährige Moderatorin noch immer nicht verlernt.

Als der Abend nahte, kochten beide gemeinsam, aßen und spülten im Anschluss das Geschirr, wie zwei alte Bekannte.

Dann saßen sie erneut beisammen, diesmal bei einem guten Weißwein. Dabei kamen sie sich immer näher. Bald sprang der Funke über und Elena bat ihre Kontrahentin die Nacht mit ihr zu verbringen. Dagmar erkannte die Dimension des Angebots und schließlich landeten sie im Bett.

Konnte das die Lösung bringen? Würde jetzt alles gut? Elena war gespannt auf Dagmars Reaktion am Morgen danach. Welchen Eindruck hatte das Erlebnis bei ihr hinterlassen?

Dagmar war von echter Leidenschaft erfüllt. Daran bestand kein Zweifel. Die Gefühle, die sie für Elena aufbrachte, waren echt und nicht gespielt. Eine Elena konnte man nicht betrügen.

Sanft fuhr Elenas Zeigefinger über Dagmars Stirn, die Nase, den Mund, über den Hals, zwischen den Brüsten hindurch, den Bauch hinab bis zum Nabel.

Dagmar rechte den Kopf weit nach hinten und stöhnte dabei wollüstig. Danach streckte sie die Arme zur Seite und öffnete die Augen.

„Guten Morgen!“ Wurde sie von Elena begrüßt.

„Guten Morgen!“ Erwiderte sie mit einem leichten gähnen.

Sanft ließ Elena ihre Handflächen über Dagmar Brüste gleiten was diese mit einem zufriedenen Schnurren honorierte.

„Wie fühlst du dich?“ Erkundigte sich Elena. Jene Frage, die sie immer dann  zu stellten pflegte, wenn sie mit einem Menschen das erste Mal eine Liebensnacht verbracht hatte.

„Gut! Ich würde sagen sehr gut. Ich bin gerade dabei aus den Himmlischen Gefilden in die Realität hinab zusteigen.“

„Himmlische Gefilde? Das sind aber ganz neue Töne aus dem Mund meiner radikalen Anarchistin.“ Staunte Elena.

„Manchmal müssen sogar Anarchisten über ihren Schatten springen.“ Erwiderte Dagmar und richte ihren Oberkörper auf, so dass sie aufrecht im Bette saß.

„Kann ich daraus schließen, dass es dir gefallen hat?“

„Du kannst! Ein echt erhebendes Gefühl.“ Gab Dagmar in ihrer leicht schnippischen Art zur Antwort.

Was konnte Elena aus dieser wagen Aussage entnehmen? War das nun der Durchbruch. Ließ Dagmar die gleichen Reaktionen wie all die anderen erkennen? War sie im Begriff ein anderer Mensch zu werden?

„Gerne würde ich bei dir bleiben Elena. Aber ich muss mich bald auf den Weg machen. Die Pflicht ruf.“

Enttäuscht ließ sich Elena zurück in die Federn sinken.

„Willst du wieder gegen mich intrigieren?“

Dagmar stieß einen langen Seufzer aus, dann ließ sie ihre Beine auf den Boden sinken, dabei kam ihr ganzer Nackter Körper zum Vorschein.

Elena strich nun mit der Hand über deren Rücken.

„Warum tust du das? Ich hatte Hoffnung, dass wir nach dieser Nacht das Kriegsbeil begraben könnten.“

Dagmar wandte sich um und schenkte ihrem Gegenüber ein sanftes Lächeln.

„Elena, ich habe nichts gegen dich persönlich. Als Mensch, als Frau bist du wunderbar und ich habe die Nacht mit dir in vollen Zügen genossen. Aber in der Sache kann ich deine Ansichten nicht nachvollziehen. Du musst auch meinen Standpunkt verstehen.“

„Das versuche ich ja! Ich tue seit Tagen nichts Anderes. Wie in aller Welt kann ich dir entgegen kommen? Ich ging davon aus, dass die letzte Nacht überzeugend genug war.“ Antwortete Elena und man konnte aus ihrem Tonfall mehr als deutlich die Enttäuschung  entnehmen.

„Wir… wir sind einfach zu verschieden Elena. Das klappt niemals zwischen uns. Ich wünsche mir schon eine Verständigung. Glaub nicht, dass mir das alles leicht fällt. Wir haben gestern ausführlich über alles gesprochen. Ich glaube dem brauchen wir nichts mehr hinzu zufügen.“

Gab Dagmar offen ihre Ablehnung zu erkennen, während sie ihre Kleidung sortierte, die offen auf dem Boden zerstreut lag.

„Möchtest du an meiner Seite leben? Der Platz ist frei. Du kennst die Gründe. Ich würde ihn gern wieder besetzen.  Warum also nicht mit dir?“

Elenas Angebot war ehrlich gemeint. Sie hatte alles genau durchdacht. Auf diese Weise ließen  sich gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen.

Konnte das ihre schärfste Rivalin und Kritikerin besänftigen?

Der Platz an Elenas Seite war begehrt wie kaum ein anderer. Jede Frau, jeder Mann würde Dagmar beneiden.  Konnte die Kanzlerin  noch mehr bieten? Dagmar würde im Rampenlicht stehen, wollte sie dort nicht schon immer hin?

Madleen war nicht zu ersetzen, dass stand außer Frage. Aber eine neue Beziehung würde es Elena leichter machen mit dem Schmerz fertig zu werden. Dagmar war eine bildhübsche junge Frau, dazu hochintelligent und sie strotzte vor Selbstbewusstsein.

Gemeinsam könnten sie ein schlagkräftiges Team abgeben und sich den Herausforderungen konsequent stellen. Nur auf diese Weise hatten sie den Rechtspopulisten etwas entgegensetzen.

Der Friede innerhalb der Schwesternschaft musste wieder hergestellt werden, dafür war Elena bereit weit über ihren Schatten zu springen.

Doch, würde Dagmar drauf eingehen?

„Meist du das im ernst?“ Wandte sich Dagmar zu ihr.

„Natürlich! Was dachtest du denn? Mit so etwas spaßt man nicht. Komm an meine Seite, lass uns gemeinsam einen Weg aus der Krise finden!“

„ Das ist sehr schmeichelhaft und ich fühle mich geehrt.“ Erwiderte Dagmar.

„Also! Worauf wartest du noch? Von mir aus kannst du heute noch bei mir einziehen!“ Elena erschrak selbst über ihre spontane Reaktion.

„Ich …ähm. Das geht mir einfach zu schnell. Gut, wir sind uns näher gekommen, viel näher als ich es für möglich gehalten hätte. Aber zusammen sein? Ein Paar werden? Nein, dass kann nicht funktionieren. Wie ich eben schon sagte. Wir sind einfach zu verschieden.“ Lehnte Dagmar schließlich ab.

Verschieden? Waren sie das wirklich? Eher doch das Gegenteil. Sie waren sich viel zu ähnlich. Bei beiden handelte es sich um ausgesprochene Alphamädchen. Zum führen und leiten wie geschaffen. Es war viel wahrscheinlicher dass eine Beziehung aus diesem Grunde nicht funktionieren konnte.   

Elena war sich dessen bewusst, trotzdem schien ihr die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben.

„Du willst also nicht? Schade! Sehr schade! Ich hatte mir soviel davon versprochen. Vor allem nach all dem was uns die Nacht lehrte.“

„Wenn du eine Fortsetzung möchtest, bin ich gerne bereit. Hin und wieder mal würde mir gefallen. Mehr kann aber nicht daraus werden.“

Dagmar zog sich das Mieder über die Beine und richtete sich auf. Welch ein Anblick. Danach ließ sie sich wieder auf die Matratze nieder und griff nach ihrem Jeansrock.

„Dann ist es also endgültig?“ Hakte Elena noch einmal nach.

„Ich fürchte ja! Wir sollten uns nicht weiter etwas vormachen, Elena. Was ich dir aber versprechen kann ist, dass ich in Zukunft meine Kritik rein sachlich vorbringen werde. Ich verspreche dir, dich nicht mehr persönlich anzugreifen. Keine Polemik mehr. Dazu bin ich nicht mehr imstande, nicht nach dieser Nacht. Mein Ehrenwort!“

„Gilt das auch für andere? Vor allem für Colette?“

„Selbstverständlich! Was Colette betrifft, so habe ich mich bereits bei ihr entschuldigt. Ich achte sie. Nicht als Königin, aber als ältere Person, ich könnte ihre Tochter sein.“

Wenigsten etwas. Es war also nicht total vergebens. Trotzdem, der Einsatz brachte nicht den gewünschten Erfolg. Damit musste sich Elena abfinden. Alles in allem eine Niederlage, die nur sehr schwer zu verdauen war.

Es war das erste Mal, dass sie einen Menschen nicht durch ihre Verführungskünste beeinflussen konnte. Ein absolutes Novum. Das wog viel schlimmer als alles andere. Lange würde sich Elena darüber den Kopf zerbrechen. Warum? Konnte das bedeuten, dass ihre geheimnisvolle Aura, ihre Energie der Liebe, der Harmonie und der Verständigung verschüttet waren? Hatte die Freiheitsgöttin Anarchaphilia sie verlassen?  Gerade jetzt, wo sie deren Hilfe so dringend bedurfte.

Dagmar war für eine Weile im Badezimmer verschwunden. Das gab Elena die Möglichkeit tiefer in ihrer Seele zu schürfen.

Die Kräfte waren nicht erlöschen, sie waren blockiert. Wer unter solch schweren Depressionen litt wie Elena, konnte nicht mehr überzeugend auftreten. Die kraftstrotzende Amazone war schwer verwundet. Wie oft war sie in der Öffentlichkeit in Tränen ausgebrochen, oder hatte aus Angst vor Auseinandersetzungen die Flucht ergriffen. Längeren Diskussionen hielt sie kaum noch stand und immer öfters nahm sie sich ausgesprochen lange Auszeiten und verschwand einfach ,oft tagelang ,ohne eine Nachricht zu hinterlassen.

All das begann sich zusehend negativ auf ihr Umfeld auszuwirken. Es war nicht mehr die souveräne Elena von einst, die auch die hoffnungsloseste Problematik mit Bravour meisterte.

Auch Dagmar hatte es längst bemerkt. Sie war in Begriff Elena einzuholen oder gar abzuhängen.

Elena wurde älter, in der Zwischenzeit hatte sie die 40 erreicht. Noch immer war sie eine strahlende Schönheit, doch das war Dagmar auch und zudem 10 Jahre jünger.

 

Als die Kontrahentin aus dem Bad zurückkehrt, war allerdings nicht viel davon zu spüren. Ihr Auftreten war  weiter höflich, ja fast zärtlich und mitfühlend.

Sie ließ sich erneut auf dem bequemen Doppelbett nieder und begann sich ihre weißen Lederturnschuhe überzuziehen.    

„Dann will ich dich nicht länger aufhalten. Tue was du zu tun für richtig erachtest. Auch wenn ich es sehr schade finde.“ Gab Elena zu verstehen.

Dagmar beugte sich über sie und gab ihr den fünffachen Schwesternkuss.

„Nicht traurig sein, Elena. Alles kommt so wie es kommen muss. Jede von uns hat ihre spezielle Aufgabe, du die deine, ich die meine. Im Moment ist es wichtig, dass du  wieder richtig auf die Beine kommst.“

Dagmars Aussage war tröstend gemeint, eignete sich aber ebenso um zu verletzen. Elena ging es schlecht, aufgrund der zahllosen Probleme die auf ihren Schultern lasteten und Dagmar war ein wesentlicher Teil von allem.

„Dann bis zum nächsten Mal.“ Rief Dagmar ihr zu als sie sich auf die Tür zu bewegte.

„Du meist, dass es ein nächstes Mal gibt?“ Wunderte sich Elena.

„Warum nicht? Wie ich eben schon sagte. Als Mensch bist du mit absolut sympathisch.“

Dann fiel die Tür ins Schloss und Elena befand sich wieder allein mit ihren Sorgen.

Zum ersten Male hatte sie jemand abblitzen lassen. Elena konnte es noch immer nicht glauben

Bis zum Schluss hatte sie die Hoffnung nicht aufgegeben, ihre Rivalin doch noch zu überzeugen.

Sie musste sich die Niederlage eingestehen. Dagmar war und blieb eine Überzeugungstäterin, ja man könnte sie durchaus als Fanatikerin bezeichnen. Auf keinen Fall war sie  Karrieristin. Darauf hatte Elena  insgeheim gehofft. In diesem Fall hätte Dagmar das lukrative Angebot akzeptiert.

Was tut man an einem Tag, der schon mit tiefen Enttäuschungen beginnt? Am besten gar nicht aufstehen, in den Federn verkriechen und sich dem Schmerz überlassen. Die Welt da draußen bedeutete ihr nichts mehr. Sie hatte ihre Arbeit, noch war sie Kanzlerin. In früheren Krisenzeiten, da fand sie Halt in ihren Beschäftigungen, die ihr über den Tag halfen und   einen gewissen Sinn vermittelten. Doch heute? Nichts konnte sie mehr aufrichten. Der letzte Strohhalm war verloren. Hätte sie Dagmar umstimmen können, wäre dass eine neue Herauforderung gewesen, womöglich gar einen Neubeginn. Sie hätte neuen Lebensmut schöpfen können. Erfolge, wenn auch noch so klein und unscheinbar, sind für Depressive wie eine Art von Lebenselixier.

Doch nun? Nun konnte alles nur noch schlimmer werden.

Nur widerwillig begann Elena ihr Tagwerk. Eine ganze Reihe von Aktionen breiteten sich wie ein undurchdringliches Dickicht vor ihr aus. Würde sich die Kanzlerin behaupten können? Sie fürchtete sich vor einem erneuten Versagen und das aus gutem Grund.

Als sie das Konventsgebäude verließ um sich auf den Hubschrauberlandeplatz zu begeben, vernahm sie ein lautes Gemurmel jenseits der Klostermauern.

Sie änderte ihre Richtung und bewegte sich auf die schützende Umfriedung zu, bestieg einen Hochstand, noch aus der Zeit der Belagerung als mahnendes Relikt verblieben, haschte unbemerkt einen Blick nach außen.

Dort hatte sich eine große Menschenmenge eingefunden. Sie führten Tarnsparente bei sich, sowie schwarz-braun-beige Fahnen des untergegangenen Melancholanien. Auch Megaphone waren zu sehen. Elena schloss daraus, dass es hier schon bald zu einer Protestkundgebung kommen würde.

In Windeseile stieg sie die Stufen hinab. Was konnte sie tun? Sollte sie zur Verfügung stehen und sich der Ansammlung stellen? Oder bestand die Lösung darin erneut die Flucht zu ergreifen? Immerhin hatte sie ja einen triftigen Grund. Die heutige Kabinettssitzung , trüben, in der Regierungszentrale, duldete keinen Aufschub.   

Elena war hin und her gerissen.

Schon wieder ein Novum. Bisher hatten alle oppositionellen Parteien auf Protestaktionen vor den Mauern der Abtei verzichtet und sich damit begnügt ihren Unmut vor der Regierungszentrale kund zu tun. Dieser Aufmarsch stellte eine erhebliche Zäsur dar. Sie gaben damit zum Ausdruck, dass sie die Intimsphäre der Schwesternschaft und somit auch Elenas Privatbereich, nicht mehr länger zu respektieren gedachten.

Für die Rechtspopulisten galt der Begriff Würde nicht sehr viel, wenn es um die Durchsetzung ihrer ehrgeizigen Ziele ging.

Plötzlich verdichtete sich das Gemurmel und mündete in die lauthals wie ein Mantra vorgetragenen Forderung: „Freie Wahlen! Freie Wahlen! Freie Wahlen!“

Dann ergoss sich ein Donnerwetter der Beschimpfungen über die angeblich längst errichtete Diktatur der Klugscheißer und Besserwisser und gegen den ihrer Meinung noch immer unkontrollierter verlaufenden Zuzug queerer Neueinwanderer aus allen Teilen des Auslandes.

Elena hielt sich vor Verzweiflung die Ohren zu. Schon am Vormittag am Ende ihrer Kräfte. Wie sollte sie so den Tag überstehen?

Sie konnte sich den Massen nicht zeigen, ihr fehlte der Mut, die Kraft, die Stärke. Wieder einmal mehr würde sich Colette dieser Herausforderung stellen müssen.

Wo war Madleen in diesem Augenblick? Sie fehlte ihr so entsetzlich. Etwa da draußen, unter in Mitten der Protestierern? Nicht auszudenken.

Elena hastet zum Helikopter, der startbereit, auf seinen Passagier wartete, und entschwand in Richtung Innenstadt. Eine Erlösung war das mit Sicherheit nicht. Sie musste  befürchten, dass dort die nächste böse Überraschung auf sie wartete.

 

In der Zwischenzeit hatte selbstverständlich auch die Königin Wind von der unlauteren Aktion vor der Klosterpforte bekommen und begab sich, begleitet von ihrem Gefolge, das zumeist aus Betül, Androgyna und Kim bestand, nach draußen.

Bei ihrem Erscheinen verstummten die Sprechchöre wie auf Bestellung. Colettes natürliche Autorität wirkte noch immer.

Sie griff nach einem Megaphon, das ein zufällig in ihrer Nähe stehender Aktivist in den Händen hielt und drückte es Androgyna in die Hand. Dann nahm sie das Mikro und verschaffte sich Gehör.

„Was schreit ihr hier so rum? Habt ihr nichts Besseres zu tun? Habt ihr vergessen, dass diese Pforte jedermann und jederfrau offen steht um ihre Anliegen vorzutragen, und zwar in sachlicher und kultivierter Art und Weise?“

Colette wies Betül und Kim an das Tor zu öffnen.

„Bitte, tretet ein!  Aber nicht wie eine Hammelherde, sondern wie Menschen, das seid ihr ja doch noch? Oder, hat sich auch das in der Zwischenzeit geändert?“

„Menschen? Wie kommst du darauf das wir Menschen sind?“ Grölte ihr ein untersetzter Glatzkopf aus der Menge zu.

„Wir sind doch bloß Bildungsferne, Bifes, wie man uns seit kurzem nennt. Früher, im alten Melancholanien, da waren wir Paria, unter Neidhardt waren wir nichts und heute? Wir wollen nicht mehr! Wir haben genug von euch Klugscheißern und euren Sprüchen!“

„Aha, ich verstehe! Einverstanden! Diese Bezeichnung ist unwürdig und völlig überflüssig. Aber mir will nicht in den Kopf weshalb ihr euch dann an Leute hängt, die euch zwar vollmundig die Freiheit versprechen, aber in Wahrheit nur in ein neues Joch zwingen wollen.

Diese Demo ist doch von den Patrioten organisiert. Ihr braucht mir nichts vorzumachen.“

Entlarvte die Königin sofort die Verantwortlichen.

„Natürlich ist sie das! Von wem denn sonst? Die sind doch die einzigen die uns verstehen und unsere Probleme ernst nehmen. Euch abgehobenen Besserwissern interessieren wir doch einen Dreck.“ Schleuderte ihr eine Frau mittleren Alters entgegen, die sich wie eine Furie gebärdete.   

„Von wegen, jederzeit Zutritt! Weißt du wie lange ich schon auf einen Termin bei dir warte?

Ich will es dir sagen, seit fast einem Jahr. Ständig wurde ich abgewiesen. Lassen sie sich einen Termin geben, schön hinten anstellen. Ich hab die Schnauze voll von deinen Sprechstunden, spar sie dir auf für wen auch immer.“ Empörte sich ein hager wirkender Endvierziger mit grauem Vollbart.

Diese Beschuldigung traf Colette ins Mark, davon war ihr nichts bekannt. Sie war stets davon ausgegangen, dass alle Leute die zu ihr kamen dies aus einer spontanen Handlung taten.

Doch sie durfte sich ihre Unsicherheit nicht anmerken lassen. Ausreden waren nicht von Vorteil. Sie beschloss einfach gar nicht darauf einzugehen.

„Wer eintreten will soll kommen. Ich werde niemanden abweisen. Wir können in die Kathedrale gehen oder hier sprechen. Mir ist es gleich.“ Erneuerte Colette ihr Angebot.

Ein gut gekleideter Herr mit Schnauzbart, akkurater Frisur und Goldgestellbrille, der sich deutlich von der Menge abzuheben schien, hatte sich durch die dichten Reihen nach vorne bewegt.

„Guten Tag Königin Colette. Es ist richtig, wir kommen von der Patriotischen Offensive und haben diese Demonstration ordentlich angemeldet. Alles ist rechtens. Es gibt keinen Grund zur Aufregung.“

„Patriotische Offensive? So nennt ihr euch also jetzt. Ihr scheint ständig eure Namen zu wechseln. War es letzte Woche nicht noch die Patriotische Aktion? Na egal! Was auch immer.

Welche Offensive gedenkt ihr denn in nächster Zeit ins Feld zu führen.“ Erwiderte die Königin mit ironischem Unterton.

„Keinen Grund zum Sarkasmus. Wir wollen lediglich unser Recht auf freie Wahlen einfordern. Diese Menschen  hier sind unzufrieden mit den Zuständen in unserem Land. Unsere Bewegung hat sich ihrer Interessen angenommen.“ Versuchte der Funktionär eine Erklärung und bewegte sich dabei wie ein Gockel. 

„Schöne Interessenvertreter, muss ich sagen. Komisch nur, das man solche Töne von euch früher nicht zu hören bekam, als ihr noch im Blaue Orden aktiv wart.“

„Das ist eine unerhörte Behauptung Königin. Ich verbiete mir so etwas. Für diese Anschuldigung gibt es nicht den geringsten Beweis.“ Ereiferte sich der Angesprochene.

„Verbieten sie was sie wollen. Ich lade nochmals jeden und jede ein mit mir ein vernünftiges Gespräch zu führen.“

In der Zwischenzeit waren noch mehr herbeigeströmt, doch hatte offensichtlich niemand den Mut zu einer sachlichen Aussprache. Die meisten kam es vor allem darauf an, ordentlich Dampf abzulassen.

„Ich werde mit dir nach drinnen gehen!“ Wurde sie plötzlich von einer älteren Dame angesprochen, die gebrechlich wirkte und einen Rollator vor sich  schob.

„Ich kann nicht mehr so lange stehen. Ich habe starke Schmerzen in den Beinen.

Aber ich wollte einfach dabei sein. Ich hätte es wohl lieber bleiben lassen.“

„Keineswegs! Du hast die richtige Entscheidung getroffen.“ Colette wies Betül und Kim an der Frau dabei behilflich zu sein die Basilika zu gelangen.

Das hatte bei Anderen Eindruck hinterlassen Eine ganze Reihe folgten ihr und bekundeten damit Gesprächsbereitschaft.  

Langsam begann sich das Kirchenschiff zu füllen. Ein Gemurmel gleich einem Bienenschwarm erfüllte die heiligen Hallen. Eine gespannte Atmosphäre schwebte über der ganzen Szene.

War es wirklich schon so lange her, als die damalige Bürgerbewegung ihrerseits massenhaft solche Veranstaltungen organisierte und Elena dabei wie ein Star gefeiert wurde. So schnell verändern sich die Zeiten. Nun also richtete sich Volkes Zorn gegen die vermeintlichen Befreier von damals.

Durch einen Seiteneingang betrat eine ganze Reihe von Schwestern die Basilika. Chantal, Kyra, Alexandra, Inga, Sonia, Gabriela und noch andere wollten die Königin in dieser beklemmenden Situation nicht alleine lassen und scharten sich um sie wie Küken um eine Glucke. 

Die alte Frau mit dem Rollator hatte sich direkt neben Colette platziert.

Nachdem endlich eine gewisse Ruhe eingekehrt war ergriff die Königin das Wort.

„Du hast mich als erste angesprochen und du sollst auch als erste deine Anliegen vortragen.“

Bot Colette der Frau an.

„Also, was soll ich sagen? Ich bin eine alte Frau, von dauerhaften Schmerzen geplagt, ich kann kaum noch laufen und nichts mehr machen, das ist sehr belastend. Ich lebe allein in einem kleinen Haus und ich weiß nicht wie es weitergehen soll. Die Schmerzen sind schlimm, doch viel schlimmer die Ungewissheit und die Einsamkeit. Es ist niemand da der helfen kann.“

„Zwei verschieden Sachverhalte. Gegen die Einsamkeit können wir etwas tun.“ Bot Colette spontan an.

„Einsamkeit im Alter darf es nicht geben, einer unserer wichtigsten Grundsätze. Leider klappt es zugegebener Maßen noch nichts so mit unserem Hilfsdienst, den wir eingesetzt haben. Aber ich verspreche dir mich persönlich darum zu kümmern. Ich selbst kenne das Gefühl der Verlassenheit und Einsamkeit nur zu gut. Du wirst Hilfe bekommen, ich verspreche es, vor vielen Zeugen.

Was die Gesundheitsvorsorge betrifft vermag ich leider kaum etwas zu richten. Wir haben ein kostenloses Gesundheitssystem, dass jedem und jeder zusteht. Wir können es noch verbessern.

Sollten die Patrioten regieren, ist damit Schluss. Die wollen das Gesundheitswesen privatisieren. Dann heißt es, ärztliche Versorgung nur noch für jene die es sich leisten können. Vergesst das bitte niemals.“

„Das ist reine Propaganda! Das sagst du nur um die Menschen zu verunsichern.“ Rief ein Mann aus der Mitte der Ansammlung.

„Hast du das Programm der Patrioten gelesen? Dich mit ihren Idee vertraut gemacht?“

„Nein, habe ich nicht!“ Kam die überraschende Antwort.

„Das solltest du aber! Das solltet ihr alle, bevor ihr euch vorschnell festlegt, wen ihr euer Vertrauen schenken wollt.“ Konterte Colette geschickt.

„Und wenn schon! Wir nehmen das gerne in Kauf. Dann müssen wir eben wieder bezahlen.

Die Hauptsache ist doch, dass etwas gegen dieses absonderliche Gesindel getan wird, dass seit Monaten schon in unser Land strömt. Es wird Zeit hier einzuschreiten. Die Patrioten haben es versprochen.“ Meldete sich nun ein älterer Mann aus der vorderen Reihe zu Wort.

„Ja, diese Leute kommen hierher mit einer Lebensweise die uns fremd ist. Sie sprechen unsere Sprache nicht, erwarten dass wir englisch mit ihnen reden oder  was auch immer. Künstler, Intellektuelle oder als was sie sich sonst noch ausgeben. Von was leben die denn? Das würde mich mal interessieren:“

Die Menge bekundete klatschend ihre Zustimmung. Eine schwierige Angelegenheit. Colette musste sich sehr genau überlegen, wie sie damit umzugehen gedachte.

„Fühlt ihr euch denn von denen  bedroht?“

„Ja und ob! Ich zum Beispiel komme aus  einem kleinen Dorf etwas nördlich von Manrovia. Wir lebten dort ein beschauliches Leben, alles ging seinen Gang. Doch seit diese Leute kommen ist alles anders. Wir Einheimischen sind dort in zwischen in der Minderheit. Keiner findet sich mehr zurecht. Die konfrontieren uns mit Lebensgewohnheiten, mit denen wir nicht umgehen können. Erwarten dass wir auf sie zugehen und akzeptieren.“ Erwiderte eine jüngere etwas stämmig wirkende Frau, die sich gerade durch die Menge nach vorn durchgekämpft hatte.

„Akzeptieren, ja! Wäre das so schlimm? Neues kennen lernen. Neue Lebensentwürfe, Lebensweisen, Vorstellungen. Den eigenen Horizont erweitern?“ Wollte die Königin wissen.

„Das wäre ja noch schöner! Wir sollen lernen? Von denen? Und wer fragt nach uns? Warum sollen wir uns denen anpassen? Die haben sich unseren Vorstellungen anzupassen, wenn sie hier her kommen und hier leben wollen.“ Entrüstete sich der Glatzkopf, der bereits draußen vor der Tür seinen Unmut bekundet hatte.

„Einverstanden! Ich gebe dir Recht. Einseitige Parteinahme ist in den wenigsten Fällen von Nutzen. Alle müssen sich bewegen. Müssen aufeinander zugehen. Wir haben in der Tat eure Probleme zu wenig berücksichtigt. Aber auch wir sind nur Menschen und machen Fehler. Lasst uns gemeinsam einen Weg suchen.“ Appellierte Colette mit eindringlichem Tonfall.

„Ihr habt gut reden! Ihr lebt  hier abgehoben in der beschaulichen Ruhe der Abtei, ihr seit Privilegierte. Die Last aber haben die kleinen Leute zu tragen. Wir müssen dafür aufkommen. Durch unsere Arbeitskraft. Wir stören eure schöne heile Welt durch unseren Protest. Auch wir wollen etwas vom Kuchen haben, den ihr unter euch aufteilt.“  Rief ein weiterer aufgebrachter Mann, der in einen ausgewaschenen Arbeitsoverall gekleidet war.

Nun sah sich Colette genötigt schärfere Töne anzuschlagen auch wenn ihr das total widerstrebte

„Geht es euch denn so schlecht? Worüber beklagt ihr euch? Denkt doch mal etwas genauer nach! Wir haben eine Regelarbeitszeit von 4 Stunden pro Tag. Damit konnten wir das Problem Arbeitslosigkeit ad acta legen, es gibt keine mehr. Bei uns bekommt tatsächlich ein jeder Arbeit, der  nach einer sucht. Trotzdem besteht kein Zwang zur Arbeit, denn wir gönnen uns ein Grundeinkommen für all jene die nicht arbeiten wollen. Prozentual sehr wenige, denn Arbeit ist nicht mehr an Arbeitshetze  oder Ausbeutung gebunden. Es gibt keine Chefs mehr, die über eure Köpfe bestimmen, sondern ein Team das alles nach eigenem Ermessen regelt.

Unsere Arbeitsproduktivität ist hoch, wir erwirtschaften einen hohen Mehrwert, der nicht in die Taschen einiger weniger fließt sondern allen zugute kommt, aus diesem Grund können wir uns diese sozialen Wohltaten tatsächlich leisten.

Das kostenlose Gesundheitswesen erwähnte ich bereits. Demnächst wird es einen ebenso kostenfreien Öffentlichen Personen-Nahverkehr geben.

Bildung ist allen zugänglich, nicht nur einer kleinen Elite. Auch über 50 jährige können bei uns noch studieren, wenn sie wollen. Wo findet ihr das sonst auf der Welt?

Schönes Wohnen ist für alle erschwinglich. Luxussanierungen von Stadtvierteln zugunsten der Privilegierten sind Geschichte. Die Mieten sind extrem niedrig, für eine Drei-Zimmer-Wohnung bezahlt ihr 49 Mark im Monat1, inklusive Energiekosten.

Ich könnte beliebig weiter fortfahren.

Also, was wollt ihr mehr?“

Colettes Vortag saß. Schweigen senkte sich auf die Köpfe der Anwesenden. Trotzdem war die Unzufriedenheit noch immer zu spüren.

Der Funktionär der Patriotischen Offensive, jener gesetzte Herr mit Kaiser-Wilhelm-Bart und Goldgestellbrille trat zu Colette.

„Das ist alles schön und gut. Aber das sind Geschenke, nicht auf ehrliche Art erarbeitet. Wo bleibt der Wettbewerb?  Alle bekommen den gleichen Lohn? Das ist unfair, es begünstigt die Faulenzer und benachteiligt die Leistungswilligen. Leistung muss sich wieder lohnen!2

Viel zu viel Freizeit! Die meisten können damit nichts anfangen und kommen auf dumme Gedanken. Die Erwerbsarbeit ist der Sinn eines wahren Lebens. Das ist echte Freiheit.“

„Ja, Freiheit, Freiheit, wir wollen Freiheit! Wir wählen die Freiheit!3“ Erschall es nun von allen Seiten wie auf Bestellung.

Die Schwestern, die sich um Colette gruppierten, allen voran Gabriela, Alexandra und Chantal waren versucht  in die Diskussion einzugreifen, doch sie unterließen es. Colette bewährte sich hervorragend. Ihre Souveränität funkelte wie ein Sternenhimmel.

„Wir wollen wählen! Freie Wahlen, Freie Wahlen!“ skandierte der Chor, die schon allzeit bekannte Parole.

„Dort siehst du was die Menschen wollen, Königin! Ihr Recht auf freie Wahlen einklagen.“

Gab der Patriot zu verstehen.

Colette erhob sich schwunghaft aus ihren Sessel.

„Ihr wollt freie Wahlen? In Ordnung, ihr sollt sie bekommen! Ich verbürge mich dafür, dass sie noch innerhalb dieses Jahres stattfinden. Wählt! Wählt wen auch immer ihr wollt. Aber erinnert euch stets an diesen Tag. Denkt an meine Worte. Wählt die Patrioten, oder auch die neuen Konservativen, oder wen auch immer. Werft all die Errungenschaften und Freiheiten die ihr derzeit noch genießt über Bord. Beugt euch tief vor eurer neuen Obrigkeit. Tretet ein in die neue Sklaverei.“

„Aber Colette was tust du? Das darfst du nicht. Damit setzt du alles aufs Spiel!“ Versuchte Gabriela einen Einwand.

„Doch, wir müssen es riskieren! Wir werden sie ihnen gewähren! Sollen sie selber erfahren, welchen Schaden sie sich damit zufügen. Nur die allerdümmsten Kälber, wählen sich ihren Schlächter selber! Wie es so schön heißt!“ Flüsterte Colette ihr ins Ohr.

„Bravo! Bravo! Freie Wahlen! Freie Wahlen!“ Setzte der Chor wieder ein.

„Sieg! Der Sieg ist unser! Ihr habt es gehört! Es gibt kein Zurück mehr. Überall im ganzen Land finden heute ähnliche Aktionen statt. Von nun an werden wir voran schreiten, bis wir unser Ziel erreichen. In wenigen Tagen wird sich der Führer zu erkennen geben. Er weilt bereits unter uns. Der eine oder andere mag ihn schon gesehen haben.

Eure Stimme gehört schon jetzt ihm, ihm allein. Er wird es euch danken, indem er dieses Land wieder in die wohnten Bahnen lenkt.“ Begann der Funktionär schon jetzt mit einer ersten Wahlrede.

Die Königin klatschte in die Hände.

„Bravo! Ein hervorragender Wahlkampfauftakt. Wer hätte das gedacht. Hier in unserer altehrwürdigen Basilika. Nun wäre es aber an der Zeit die Menschen hier mit euren Zielen vertraut zu machen. Ich denke sie haben ein Anrecht darauf. Worauf legt die Patriotische Offensive ihre Schwerpunkte?“

„Na selbstverständlich auf einen sofortigen Stopp der Zuwanderung aus dem Ausland. Es reicht! Wir können nicht noch mehr dieser queeren Emigranten aufnehmen.“ Lautete die Antwort.

„Ach nein! Und das ist alles? Das heißt, ihr wollt unsere eingeleiteten Reformen weiter gelten lassen? Oder wie darf ich das verstehen?“ Colette lies nicht locker und brachte den aufgeputzten Dandy in arge Verlegenheit.

„Ähm nun ja! Ich meine natürlich nicht. Ich erwähnte bereits dass wir uns diese sozialen Wohltätigkeiten nicht länger leisten können. Die Menschen müssen zunächst wieder das arbeiten lernen. Etwas leisten!  

Jubelrufe aus allen Richtungen.

„Der Wahlslogan ist uns bestens bekannt. Ihr seit also der Ansicht dass die Menschen in diesem Land zu wenig arbeiten! Ist es nicht so? Ich hoffe ihr habt alle genau zugehört. Das also hält euer Freund von euch.“ Rief Colette in die Menge.

Doch die Reaktionen waren geradezu grotesk.

„Recht hat er! Es stimmt! Es wird zu wenig gearbeitet!“ Schrie jemand aus einer dunklen Ecke.

„Wir sind bereit mehr zu arbeiten, viel mehr als bisher. Das doppelte an Zeit, wenn es sein muss noch viel mehr. Wenn wir dadurch mehr verdienen, tun wir es gern.“ Meldete sich der Glatzkopf  erneut zu Wort.

„Wir wollen alle möglichen Opfer bringen.“ Stimmte ihn der hagere ältere Mann mit langem schwarzem Vollbart zu „Heute macht doch eh jeder was er will. Wir brauchen wieder Chefs, die einem jeden Morgen sagen wo es langgeht. Nur so kann eine Wirtschaft funktionieren.“

„Ja, diese ganzen Syndikate und Komitees in den Betrieben, die haben dort nichts zu suchen. Die stiften doch nur Verwirrung. Es gehört wieder Zucht und Ordnung eingeführt!“

Bekundete eine ältere Frau.

„Aber liebe Frau, ich geh davon aus, dass du längst eine Rente erhältst. Wir haben bekanntlich das Renteneintrittsalter deutlich herabgesenkt, auf 55 Jahre für Männer und Frauen. Möchtest du denn wieder in den Arbeitsprozess?“ Wunderte sich Colette.

„Ja, natürlich! Ich fühle mich noch nicht zu alt um noch etwas Nützliches zu tun. Ich möchte es den jungen zeigen.“ Lautete die verblüffende Antwort.

„Ja aber, dass kannst du doch auch anderweitig .Es gibt genügend Möglichkeiten den Lebensabend sinnvoll zu gestalten. Ehrenamtliche Tätigkeiten sind hoch im Kurs. Dich engagieren, deinen Hobbys widmen. Ein paar Wünsche erfüllen. Die Renten  sind hoch und ermöglichen einen würdevollen, sicheren Ruhestand. Niemand ist bei uns gezwungen länger als erforderlich zu arbeiten.“

„Davon verstehe ich nicht. Ein Leben lang hieß es, unsereins sei zum arbeiten geboren. Zum arbeiten und nichts anderes. Jetzt soll ich in meinem Alter noch umdenken? Das geht gar nicht!“ Lehnte die Alte diesen Vorschlag  schroff ab.

„Wir alle sind nur das arbeiten gewohnt, ein Leben lang. Wir können nichts anderes. Mit planen, mit regieren?4 So ein Unfug. Wofür ist denn eine Regierung da, wenn wir ihre Arbeit übernehmen sollen. Nein! Ich sage, alles muss seine Ordnung haben und die Patrioten stehen dafür.“ Stimmte der Vollbärtige ihr zu.

Colette wurde sich der Tragweite dieser Aussagen nur all zu gut bewusst. Da half auch noch so gutes Zureden nicht viel weiter. Diese Menschen fühlten sich abgehängt. Sie waren nicht imstande mit der Akratie etwas anzufangen. Sie schienen schlichtweg überfordert. All die Neuerungen der vergangenen Monate waren an ihnen vorbei gezogen. Akratie, Selbstbestimmung, Selbstverwaltung erfordern ein hohes Maß an Bildung. Es war vermessen es von diesen Menschen zu erwarten. Die brauchten eine starke Hand die führt und die Rechtspopulisten versprachen sie ihnen.

„Meine Frage in die große Runde. Ist das die Meinung aller die sich hier versammelt haben?“

Lautete die provokante Frage.

Lautes Gemurmel, Nickende Köpfe signalisierten Zustimmung. Vereinzelte Zweifler gab es auch, doch befanden die sich deutlich in der Minderheit.

„Jetzt wird es doch total verrückt.“ Empörte sich Alexandra, die es scheinbar nicht mehr aushielt.

„Was seit ihr bloß für Menschen? Da sitzen wir Monatelang und überlegen, reden uns die Köpfe heiß. Was können wir tun um die Stimmung im Lande zu heben. Nur ja kein falsches Wort, zur falschen Zeit, um niemanden vor den Kopf zu stoßen. Könnt oder wollt ihr nicht begreifen, dass ihr den Falschen eurer Vertrauen schenkt? Ach, macht doch was ihr wollt. Worüber rege ich mich auf? Ist doch eh alles zwecklos. Mit euch kann man kein vernünftiges Wort wechseln.“

Kaum hatte sie ausgesprochen, reuten ihr die Worte schon. Das war nur Öl auf die Mühlen der Unzufriedenen. Unbewusst hatte sich Alexandra  einer Wortwahl bedient, die Dagmar und deren Gefolge schon seit geraumer Zeit benutzten.

„Natürlich! Du musst deinen Senf auch noch dazu geben. Was bist du denn? Wer bist du?

Du kannst überhaupt nicht mitreden. Einmal privilegiert, immer privilegiert. Du hast doch keine Ahnung wie es unten aussieht. Ein Leben lang hast du behütet gelebt, von allem unangenehmen abgeschirmt. Bist durch die Welt gereist, fremde Länder und Menschen kennen gelernt.  Klar? Und? Wer hat es dir bezahlt? Glaubst du nicht, die Leute hier würden das auch gerne tun? Sie können aber nicht! Verstehst du das? Sie können nicht anders. Ihnen blieb nur die Arbeit. Tagein, tagaus. So war es im früheren Melancholanien, so war es unter Neidhardt und so ist es jetzt! Es wird sich nie ändern!“ Schimpfte die Frau, die sich schon vor der Klosterpforte Luft gemacht hatte.

Sie hatte den wunden Punkt angesprochen. Erfahrungen sammeln, sich auf Reisen begeben, Fremde Länder und Kulturen erforschen, Sprachen lernen,  in unbekannte spirituelle oder philosophische Lehrgebäude eintauchen ,den Horizont erweitern um sich auf diese Weise weiterzuentwickeln. Wer konnte das? Die Gebildeten, jene, die zudem noch die finanziellen Möglichkeiten besaßen.

Den Bildungsfernen blieben diese Welten Zeit ihres Lebens verschlossen. Kein Wunder, dass sie sich von allem abgehängt fühlten. Ihre Wünsche blieben  unerfüllt.

Viele Wünsche sind stets Ausdruck von Mangelerscheinungen. Daraus entwickelt sich jene

Chronische Unzufriedenheit die den Geist lähmt und schließlich in Depressionen mündet.

Unzufriedenen Menschen sind gefährliche Menschen

Wieder sah sich Colette außerstande in zufrieden stellender Art darauf einzugehen. Aber sie durfte keine Schwäche zeigen. Die Vertreter der Patrioten warteten nur darauf, um es für ihre Zwecke zu missbrauchen.

„Du hast Recht! Natürlich hast du Recht! Alexandra ist, wie viele andere auch eine Privilegierte. Aber sie hat einen langen Weg hinter sich. Sie ist Gründungsmitglied unserer Urkommune. Ihr früheres Leben hat sie hinter sich gelassen um sich mit den Abgehängten und Unterprivilegierten solidarisch zu zeigen. Und es funktioniert. Seit einigen Jahren schon.

Sie spürt keine Sehnsucht nach ihrer früheren Existenz. Warum? Weil sie hier das Leben gefunden hat. Das wahre Leben.“ Versuchte Colette zu verdeutlichen.

„Ja! Aber sie konnte wählen, konnte ihr Leben selbst bestimmen. Das alles konnten wir nicht! Das ist der feine Unterschied.“ Warf der Glatzkopf ein.

Damit hatte  er Colette unbewusst einen Ball zugespielt.

„Ihr konntet es früher nicht! Jetzt aber durchaus. Und warum? Weil wir die Akratie verwirklichen wollen. Alle Menschen sollen ihren Lebensstil frei wählen dürfen. Das ist der Kern unserer Lehre. Bildung heißt das Schlüsselwort. Nur wer sich beständig fortbildet, führt seinen Geist in die Freiheit.“

„Hahaha! Das ich nicht lache! Sich immerwährend fortbilden? Kannst du mir mal sagen wie das geht?“

Ein zwei Meter großer Kleiderschrank mit Stiernacken und bedrohlichem Gesichtsausdruck ruderte durch die Massen. Seine Erscheinung wirkte so Furcht einflößend, dass  die anderen freiwillig eine Gasse bildeten um ihn passieren zu lassen.

Er zog einen etwas schwächlich wirkenden Jüngling hinter sich her, der seinen Blick verlegen zu Boden richtete.

Direkt vor Colette kamen die beiden zum stehen.

„Hier bitteschön! Darf ich bekannt machen? Das ist mein Sohn. Ich schenke ihn dir! Versuche du einen intelligenten Menschen aus ihm zu machen, wenn du es kannst. Ich bin mit meinem Latein am Ende. Der ist so dämlich das er nicht einmal einen Hauptschulabschluss erreichen konnte. Dumm wie ein Brot. Zu blöd einen Eimer Wasser auszukippen, lieber säuft er den aus.  Der kann mit ach und krach seinen Namen schreiben. Nun sage mir, wie man so einem Bildung beibringen soll.“

Wieder musste Colette kapitulieren, diesmal dem Anschein nach endgültig. Denn darauf konnte es keine Antwort geben. Das würde die Quadratur des Kreises voraussetzen.

An diesem unlösbaren Problem drohte die Akratie zu scheitern.

Es gab einfach zu viele von seinem Schlag. Die hoffnungslosen Fälle, dauerhaft bildungsunfähig. Die Akratie würde für sie Zeit ihres Lebens ein Buch mit sieben Siegeln bleiben. Solche Menschen konnten nicht ohne Vorgesetzten auskommen. Jemand der stets zur Stelle war, um Anleitung zu geben.

Auch die Schwachen haben Lebensrecht, es bedarf besonderer Fürsorge im Umgang mit ihnen, um sie in die Gesellschaft zu integrieren. Eine durch und durch paternalistische Antwort. Colette brachte sie nicht über ihre Lippen. 

Stattdessen versuchte sie auszuweichen.

„Einverstanden, guter Mann! Ich nehme ihn! Überlasse ihn mir und ich werde beweisen, dass er durchaus in der Lage ist sich eine entsprechende Bildung anzueignen. Es gibt keine hoffnungslosen Fälle. Es müssen lediglich die Voraussetzungen geschaffen werden. Das Sein bestimmt noch immer das Bewusstsein.“

Keine sehr geistreiche Antwort. Vielmehr war sie von Hilflosigkeit bestimmt. Colette war sich dieser Tatsache bewusste. Doch sie hatte dadurch Zeit gewonnen, so hoffte sie zumindest.

Auch der Vertreter der Patrioten schien das zu durchschauen.

„Du weichst einer zufrieden stellenden Antwort aus Königin. Schade, ich hätte mir mehr davon versprochen. Ein Beweis für den Umstand, dass ihr nicht in der Lage seid dieses Problem zu lösen.“

„Aber ihr könnt es?“ Wollte Colette wissen.

„Genau! Wir können es und wir werden es lösen!“

Er packte den Jungen an den Schultern und drehte ihn mit dem Gesicht zur versammelten Menschenmasse.

„Seht genau hin! Seht ihn euch an! Ist so einer in der Lage eine verantwortungsvolle Tätigkeit zu übernehmen, nach dem Motto: Arbeite mit! Plane mit! Regiere mit.(4)

Das ist ein Witz! Unsere Königin beliebt zu scherzen.

Dieser Junge ist ein lebendes Beispiel für die Tatsache, dass eine gelebte Akratie auf ewig eine Illusion bleiben wird.

Diese Menschen benötigen eine starke Hand, die ihnen Sicherheit und Ordnung gewährt. Wir bieten sie euch. Dieser Junge hier ist der geborene Nur-Arbeiter, auf seinen Platz gestellt für alle Zeit. Niemand vermag die Ordnung auf den Kopf zu stellen!“

„Du hast einen wichtigen Begriff vergessen. Du wolltest sicher sagen, die gottgewollte Ordnung? Habe ich Recht!“

„Nicht unbedingt! Wir benötigen heute keinen Gott mehr, um unser Programm zu rechtfertigen. Der gesunde Menschenverstand genügt hier vollends um zu begreifen, dass eure Ideologie auf dem Holzweg ist.“

Beifall von allen Seiten. Es schien tatsächlich hoffnungslos. Die Stimmung trieb einem Höhepunkt entgegen

Ein Bespiel für den rasanten Verfall der moralischen Ausgeglichenheit.

Wie konnte sich Colette aus der Affäre ziehen? Auf der einen Seite wollte sie diese spontane Zusammenkunft nicht abrupt beenden, da ihr die Diskussion als ausgesprochen wichtig erschien. Doch andererseits sah auch sie, dass es keinen Sinn mehr machte, das ganze unnötig in die Länge zu ziehen. Diese Menschen hatten sich festgelegt. Die ließen sich nicht einfach umstimmen. Sie würden ihre Erfahrungen machen müssen, daran ging kein Weg vorbei.

„Sag mal, hast du das ernst gemeint, Königin?“ Wollte der stämmige Arbeiter wissen, der noch immer vor ihr wie ein Felsen ausharrte.

„Was meinst du damit?“

„Na, dass du mir diesen Tunichtgut abnehmen willst.“

 Er stieß seinen Sohn so heftig nach vorn, dass er Colette beinahe auf dem Schoß fiel.

„Natürlich! Was dachtest du denn? Wie ist sein Name?“

„Michael! Er heißt Michael!“

„Michael, möchtest du hierbleiben? Hier bei mir? Bei uns in Anarchonopolis. Du kannst doch sprechen, oder?“

„Bleiben? Äh….ja…äh. Ich bleibe!“ Stammelte der Angesprochene. Mehr war ihm nicht zu entlocken.

„Gut, dann wirst du bei uns bleiben! Mal sehen welche Verwendung wir für einen Menschen mit deinen Fähigkeiten haben.“

 

Die Basilika begann sich zu leeren. Offensichtlich hatten die meisten die Lust an einer Weiterführung der hitzigen Debatte verloren.

Colette erhob sich von ihrem Platz und begann durch die Reihen zu laufen.

Auf einmal kam ihr alles so sinnlos vor. Kein Zweifel. Hier bahnte sich eine  Zeitenwende an. Würde es womöglich bald ein Ende haben, das beschauliche Leben in der Abtei?

Immer wieder wurde die Königin von verschiedenen Menschen angesprochen und aus ihrem Tagtraum geholt.

Auch die alte Dame mit dem Rollator richtete noch einmal das Wort an sie.

„Wie wird es jetzt weitergehen? Ich meine nach den Wahlen? Wird sich die neue Regierung ebenso um unsere Anliegen kümmern, wie ihr? Versprochen haben sie es zumindest, oder?“

„Das kann ich nicht beurteilen. Aber wie ich vorhin schon betonte. Es könnte gravierende Veränderungen geben in absehbarer Zeit. Die Menschen haben es in der Hand. So ist das eben mit den freien Wahlen. Nur all zu oft in der Geschichte haben die Menschen ihre Wahl schon nach kurzer Zeit bitter bereut.“ Gab Colette zu verstehen.

„Also dann sollten wir doch lieber alles so lassen wie es ist!“

„Das wäre in der Tat das Beste. Aber ich fürchte der Stein ist schon ins Rollen gekommen und wird sich nicht mehr aufhalten lassen.“

Colette wollte sich entfernen. Doch die Alte hielt ihren Ärmel.

„Warum besuchst du mich nicht einmal in meinem bescheidenen Heim. Oder ist das für die Königin eine Zumutung!“ 

„Ganz und gar nicht! Ich will es gerne tun!“ Colette drückte ihr eine Visitenkarte in die Hand.

„Melde dich einfach bei dieser Nummer und sag wann ich kommen soll. Dann wird alles seinen Lauf nehmen.

 

Auch die Sitzung des Sicherheitsausschusses lief  für Elena alles andere als erbaulich. Endlose Debatten um den Zustand des Landes. Sollte man den Ausnahmezustand ausrufen? Eine schreckliche Vorstellung. Elena lehnte ab. Mit ihr war so etwas nicht zu machen. Sollten sich ihre Nachfolger die Finger daran verbrennen. Ihr Entschluss stand endgültig  fest. Sie würde sämtliche ihrer Ämter niederlegen. Noch behielt sie ihr Vorhaben für sich. Aber lange durfte sie nicht mehr zögern.

Unter solcherlei Gedanken bestieg sie den Helikopter, der sie zurück nach Anarchonopolis brachte. Ein Glück, dass sie sich nicht auf die Straße begeben musste. Überall gab es große Menschenansammlungen. Demonstrationen und Gegenaktionen.

Dieses Bild prägte sich tief in Elenas Bewusstsein. Auch die radikalen Anarchisten hatten zu Protesten aufgerufen, doch richteten sich diese diesmal gezielt gegen die Rechtspopulisten.

Dagmar und deren Gefolge hatte also ausnahmsweise nicht sie selbst im Visier. Ein kleiner Hoffnungsschimmer? Oder bildete sie sich das nur ein, weil sie unbedingt an etwas Positives glauben wollte?

Auf dem Gelände angekommen hastete sie wie besessen über den Landeplatz und strebte dem Konventsgebäude zu. Unter allen Umständen suchte sie Kontakte mit anderen zu vermeiden.

Schnell hatte sie ihr Büro im  Parterre erreicht und schloss sich darin ein.

Dann holte sie ihr Notebook hervor und begann ihre Rücktrittserklärung zu schreiben.

Langezeit fand sie nicht die rechten Worte, musste immer erneut beginnen. Auch lähmte sie der Zweifel. War es wirklich richtig, was sie hier tat?

Doch sie hatte die Entscheidung getroffen. Es gab kein zurück.

Auf welche Weise wollte sie sich verabschieden? Noch einmal eine emotionale Rede im TV? Nein! Nur das nicht! Keine Theatralik! Ihr Abgang sollte ganz still und ohne großes Aufsehen erfolgen.

Eine Nachricht in den Morgenzeitungen, nicht mehr und nicht weniger. Rührseligkeiten bekamen ihr im Moment überhaupt nicht. Sie befürchtete schwach zu werden, wenn sie sich auf Diskussionen einließ.

Sie mailte ihre Erklärung an die Presseabteilung ihres Sekretariates in der Regierungszentrale. Noch eine Weile zögerte sie bis sie die Sendetaste betätigte. Geschafft! Endlich aller Verantwortung enthoben. Sie fühlte sich befreit. Eine zentnerschwere Last schien von ihren Schultern genommen.

Doch schon bahnten sich Ängste ihren Weg.

Wie sollte es nun weitergehen? Was konnte sie tun? Erst einmal erholen, sich entspannen, Einkehr, zu sich selbst finden. Fernab allen Anfechtungen.

Versäumtes oder lange aufgeschobenes nachholen. Jetzt bot sich die Gelegenheit.

mit Madleen und Tessa ans Meer fahren, so wie sie es schon nach Neidhardts Rücktritt  vorhatte.

Doch es gab keine Madleen mehr an ihrer Seite, die hatte sich endgültig anderweitig festgelegt.

Was also konnte Elena mit ihrem Leben beginnen, mit der Unmenge an Freizeit, die ihr jetzt zur Verfügung stand?

Es gab noch Tessa. Ihre Tochter hatte sie zu sehr vernachlässig, das war ihr schon eine ganze Weile bewusst. Jetzt bestand die Möglichkeit alles wieder gut zu machen.

Viel Zeit wollte sie von nun ab ihrer Tochter widmen. Auch die litt ungemein an der Trennung von Madleen, wollte am liebsten zu ihr ziehen. Fast täglich bekam Elena diesen Wusch zu hören.

Eine neue Beziehung eingehen? Wenn ja mit wem? Dagmar war aus dem Spiel. Wer aber käme dann in Frage? Im Grunde verlangte es Elena gar nicht  danach. Zu sehr war sie bereits in der Depression versunken.

Sie benötigt dringend Heilung, sie die doch so viele andere von ihren seelischen Nöten hatte befreien können, bei ihr selbst gelang ihr das nicht.

Sie packte alle Utensilien in den Schreibtisch zurück, dann blickte sie sich noch einmal um. War das nun der letzte Moment, den sie in diesem Raum zugebracht hatte?

Leise verließ sie das Büro und schloss die Tür hinter sich ab, danach eilte sie die Treppe zu ihrer Wohnung hinauf. Die Korridore waren leer, zu dieser Zeit noch niemand daheim.

Sie würde Tessa in die Arme nehmen und ihr alles erklären. Die war ihrem Alter sehr weit voraus und sehr verständig. Dann würden sie gemeinsam beraten wie es weitergehen sollte.

„Tessa, bist du zuhause?“ Rief Elena nachdem sie die Wohnung betreten hatte.

„ Tessa, komm schon! Wo hast du dich versteckt?“ Doch es kam keine Antwort. Elena spähte in alle Zimmer, doch die Tochter war nirgendwo zu finden.

Wo konnte sie sein? Panik bemächtigte sich ihrer.

Eher zufällig erblickte sie den Zettel, der da auf dem Küchentisch lag. Sofort erkannte sie Madleens Schrift.

Voller Angst ergriff sie diesen und lass die Zeilen, die sich wie Peitschenhiebe auf der Haut anfühlten.

„Liebe Elena! Mach dir keine Sorgen. Tessa ist bei mir. Das heißt bei uns. Sie hat sich entschieden bei mir zu leben. Sie ist der Meinung dass ich stets die bessere Mutter war als du. Aus diesem Grund möchte sie auch nicht mehr zurück. Ich kann dich nur bitten es zu akzeptieren und keineswegs zu versuchen Tessa gegen ihren Willen zu dir zurück zu holen.

Es tut mir leid ,dass alles so hat kommen müssen. Ich möchte die Zeit zurückdrehen, aber ich kann es nicht.  Wir waren ein wunderbares Paar und Tessa unsere Tochter. Aber es ist vorbei und ich fürchte es wird nie mehr so wie es einmal war.

Leb wohl, deine Madleen.“

Elena lehnte sich zurück. War das ein schlimmer Traum? Nein, es war ganz real. Das Unglück schien kein Ende zu nehmen. Offensichtlich hatte sie noch nicht genug gelitten.

Sie wollte schreien, doch es gelang ihr nicht. Ihr wurde heiß und kalt zugleich. Der Schock saß tief. Mit zitternden Händen hielt sie den Brief, begann ihn nochmals zu lesen, danach ein Drittes mal und so ging es immer weiter, bis sie begriffen hatte, das ihr nun auch noch dass Letzte genommen war.

Sie erhob sich, lief durch die Wohnung wie ein wilder Tiger den man in einen Käfig gesperrt hatte. Sie raufte sich die Haare, fasste sich an den Hals, sie hatte auf einmal das Gefühl  ersticken zu müssen.

Sie hastete ins Wohnzimmer, zum Fenster und öffnete es. Spontan keimte ein Entschluss. Sie kletterte auf die Fensterbank. Die Versuchung breitete sich vor ihr aus. Springen! Jetzt! Einfach ein Ende machen. Voller Angst blickte sie in den Abgrund. Ihre Wohnung befand sich im dritten Stock.

Nein! Nicht so! Sie wollte keinen so abscheulichen Tod sterben. Noch nicht! Sie hatte noch einiges zu tun, bevor sie diese Welt verlassen konnte.

Sie stieg herunter und schloss das Fenster. Durchatmen, tief durchatmen. Warum nur wollte sie alles aufgeben? Das war doch sonst nicht ihre Art. 

Zu Madleen, sie musste zu Madleen, sie zur Rede stellen. Hatte die ihre Tochter zu diesem Schritt bewogen?

Doch sogleich verwarf sie diesen Gedanken. Sie würde die Tochter auf keinen Fall mit Gewalt zurückholen. Das konnte ihr Verhältnis für immer vergiften. Es gab keine Lösung. Sie hatte nur die Wahl  zu akzeptieren. Sie wollte weinen, doch dem Anschein nach hatte sie keine Tränen mehr.

Sich jemanden anvertrauen? Colette natürlich, die große Schwester hatte immer ein offenes Ohr. Ja, sie würde zu ihr gehen, heute noch.

Eilig schloss sie die Wohnungstür, durchquerte den Flur und fand sich vor Colettes Wohnung wieder. Einmal klopfen, ein zweites Mal. Es war niemand zu hause. Offensichtlich befand sich die Königin noch immer in der Basilika und diskutierte.

Nein, nicht heute. Auch Colette benötigte dringend der Ruhe.

Morgen, es konnte bis morgen warten. Dann würde alles auf einmal über sie hereinbrechen, denn dann wäre auch ihr Rücktritt publik

 

Die Nacht war entsetzlich. Elena hatte, wie kaum anders zu erwarten , so gut wie nicht geschlafen. Und wenn  sie doch für eine kurzen Zeitpunkt einnickte, wurde sie von Alpträumen heimgesucht.

Sie fühlte sich vorzeitig gealtert und verbraucht. Der Blick in den Spiegel ihres Badezimmers offenbarte das ganze Elend.

Sollte sie in diesem Zustand der Königin unter die Augen treten?

Hatten die Medien in der Zwischenzeit über ihren Rücktritt berichtet?

Fragen über Fragen.

Sie bereitet sich einen Tee, doch sie bekam keinen Schluck hinunter. Normalerweise hätte sie jetzt gemeinsam mit Tessa gefrühstückt und vor gar nicht langer Zeit säße Madleen mit ihr am Tisch.

Alles hier erinnerte an die wunderbare Zeit. Sie konnte sich dem nicht mehr aussetzen. Nur weg von hier. Doch wohin? Fürs erste konnte sie im Waldhaus unterkommen. Zeit ihre Wunden zu lecken, nachdenken, in sich gehen. Vielleicht war es ihr  möglich die alten Kräfte in der Einsamkeit zu reaktivieren.

 

Die Nachricht über den Rücktritt der Kanzlerin hatte eingeschlagen wie eine Bombe.

Colette wurde per Telefon informiert, als sie sich gerade am Frühstückstisch eingefunden hatte.

Noch von der gestrigen spontanen Demonstration geschafft, glaubte sie zunächst an einen Scherz. Doch schon bald musste sie akzeptieren, dass Elena ihr Vorhaben, das sie ihr vor wenigen Tagen gebeichtet hatte, in die Tat umgesetzt hatte.

„Was ist denn Colette? Schlechte Nachrichten?“ Wollte Betül wissen.

Bleich wie eine weißgetünchte Wand legte die Königin den Hörer auf.

„Das kann man wohl sagen! Elena ist zurückgetreten!“

„Waaas? Elena zurückgetreten? Aber wieso denn? Warum um alles in der Welt hat sie das getan?“

„Ich hätte es nicht für möglich gehalten. Ich nahm es nicht richtig ernst, als sie sich mir vor wenigen Tagen anvertraute. Ich hätte nicht gedacht, dass es so schlimm um sie steht.“

„Aber da musst du helfen! Das heißt, wir alle müssen ihr beistehen. Möglicherweise könne wir sie ja noch umstimmen.“ Forderte Betül.

„Ich glaube das wird nicht viel bringen. Elena hat sich festgelegt. Sie ist einfach mit den Nerven am Ende. Sie braucht Ruhe und muss sich aus der Schusslinie entfernen. Ausgerechnet jetzt! Jetzt, wo das Land immer deutlicher in den Abgrund triftet.“

„Los komm, meine Königin! Lass uns gleich zu ihr gehen!“ Betül erhob sich spontan von ihrem Stuhl und nahm Aischa auf den Arm, die laut ihren Unmut darüber bekundete.

Colette folgte ihr in den Flur.

„Ob sie überhaupt zu hause ist?“

„Dann klopfen wir doch erst mal.“ Betül machte sich an der Tür bemerkbar, doch die öffnete sich nicht. Ein zweiter Versuch nach einer gewissen Zeit brachte ebenso wenig.

In der Zwischenzeit waren viele der  anderen informiert. Am andern Ende des ausladenden Flures nähert sich Gabriela, begleitet von Kristin und steuerte schnurstracks zu ihnen.

„Ich nehme an, dass ihr aus dem gleichen Grunde hier verharrt. Ich habe es eben erfahren. In wenigen Stunden wird das ganze Land darüber informiert sein. Mein Gott, was hat sie sich bloß dabei gedacht?“ Begrüßte Gabriela die Königin und ihre Familie.

Kristin schritt auf Betül zu und küsste diese leidenschaftlich, dann tätschelte sie die kleine Aischa auf deren Arm.

„Sie macht nicht auf. Womöglich ist sie nicht zuhause!“ Meinte Colette, während sie nun zum dritten Male anklopfte.

„Wo sollte sie denn sein? Natürlich ist sie da. Sie verweigert sich uns. Wenn ich nur wüsste was wir tun könnten.“ Ereiferte sich Gabriela.

„Warum lassen wir sie nicht einfach in Ruhe?“ Drang eine Stimme aus dem Hintergrind zu ihnen.

Alexandra hastete, begleitet von Kyra, ihrem Ziele zu.

„Das hat ja so kommen müssen. Ich habe es immer gesagt. Aber auf mich hört ja keiner.“

„Hinterher sind immer alle schlauer?“ Hielt ihr Kristin entgegen.

„Klopfen wir einfach noch mal.“ Schlug Betül vor.

„Sinnlos, sie macht nicht auf. Womöglich ist sie gar nicht da.“ Gab Gabriela zu bedenken.

„Trotzdem sollten wir jetzt da rein! Auch wenn es mir Angst und bange bei dem Gedanken wird, was wir dort vorfinden.“ Schlug Kyra vor.

„Du meinst sie hat….sie hat… nein das wäre …das wäre.“ Stotterte Alexandra.

Colette verschwand kurzzeitig in ihrer Wohnung, bald darauf erschien sie mit einem Schlüsselbund, wählte einen davon aus und öffnete die Tür.

„Kyra, du kommst mit! Ihr andern wartet hier auf uns.“

Die beiden betraten die Wohnung. Banges warten bei den anderen auf dem Flur. Mit einem erlösten Gesichtsausdruck kehrten die beiden sogleich zurück.

„Nicht da!“ meinte Kyra kurz und knapp.

„Und was nun?“ Wollte Gabriela wissen.

„Du wirst sogleich alle anderen vom inneren Kreis zusammentrommeln, Gabriela. Wir treffen uns umgehend unten im Kapitelsaal. Dort werden wir überlegen, was geschehen soll.“

Wies Colette an.

Die Königin schloss die Tür und begab sich in Begleitung der anderen in Parterre.

Diese folgten mit gesenktem Kopf.. Eine Welt war im Begriff  wie ein Kartenhaus in sich zusammenzufallen.

Nach kurzer Zeit erschienen alle weiteren Schwestern des inneren Kreises im Kapitelsaal des Konventsgebäudes, des weiteren Folko und Ronald, Klaus. Lukas, Ansgar, sowie der alte Pater Liborius.

Betretenes Schweigen, alle waren sich der Tragik des Augenblickes bewusst.

„Schön dass ihr gleich gekommen seid. Ihr seit im Bilde worum es geht?“ Begrüßte die Königin.

„Wir sind im Bilde. Selbstverständlich dass wir sofort hierher eilten. Auch wenn wir nicht die geringste Ahnung haben, was wir tun könnten?“ Erwiderte Ronald.

„Na was denn schon? Elena suchen. Das ist doch wohl selbstverständlich, oder? Sie muss doch irgendwo auf dem Gelände sein.“  Warf Kim etwas ungehalten ein, dabei musste sie bereits in diesem Augenblick mit den Tränen kämpfen.

„Vor allem heißt es jetzt Ruhe bewahren. Es bringt rein gar nichts, wenn wir alle in Panik verfallen. „ Versuchte Colette zu beruhigen, was ihr aber nur schwerlich gelang.

„Wie kannst du jetzt von Ruhe bewahren reden? Es geht um Elena, unsere Schwester, unsere Anführerin von Beginn an.“ Ereiferte sich Sonia.

„Wir haben sie schon einmal gerettet, als sie ihr Leben wegwerfen wollte. Erinnert ihr euch, nach Leanders Tod und Neidhardts Machtergreifung. Hätten wir nicht eingegriffen, wäre Elena damals schon in den Freitod gegangen.“ Erinnerte Gabriela an die Begebenheit, die den damals Beteiligten noch in lebhafter Erinnerung war.

„Die Situation heute gleich der damaligen aufs Haar. Deshalb bin auch ich dafür das wir uns umgehend auf die Suche begeben.“

„Nein, da gibt es deutliche Unterschiede.“ Widersprach Colette, während sie sich auf einen der zahlreichen Holzstühle niederließ, da ihr das Stehen immer schwerer fiel.

„Durch Leanders Tod fiel Elena in einen spontanen  Schock, der sie zu dieser Reaktion bewegte. Der Sachverhalt heute liegt bedeutend tiefer. Lange schon sinkt unsere Schwester immer tiefer in eine Schwere Depression. Wir alle, mich inbegriffen, wollten es nicht wahrhaben, weil wir Elena für stark genug hielten. Aber das ist sie nicht mehr. Heute ist sie vollkommen ausgebrannt. Des Weiteren waren, im Gegensatz zu heute die Machtverhältnisse damals gefestigt..“

„Aber Elena war krank, viele Monate geistig umnachtet. Du müsstest es doch am ehesten verstehen, Colette.“ Sprach Chantal den wunden Punkt an.

„Selbstverständlich! Ich war hautnahe am Geschehen. Mir viel es zu den kärglichen Rest  der alten Gemeinschaft zu sammeln und am Leben zu erhalten. Sicher gleicht die Situation damals auf dem ersten Blick der heutigen. Geschichte die nicht aufgearbeitet wird neigt in den meisten Fällen dazu sich zu wiederholen. Doch sehen wir genauer hin können wir die Unterschiede deutlich sehen.“

Colettes Hinweis wollte den meisten nicht so recht einleuchten.

„Ich verstehe nicht was du damit sagen willst! Auch haben die früheren Ereignisse noch in guter Erinnerung. Sicher, Kyra und ich verließen kurz darauf die Abtei, ließen dich im Stich. Viele andere handelten ähnlich, sahen keinen Sinn mehr weiter zu machen, nach dem alles in Trümmern lag.“ Brachte Folko zum Ausdruck.

„Siehst du? Heute würde das keiner mehr von euch tun. Heute sind wir eine feste, eingeschworene Gemeinschaft, bereit, sich der Krise zu stellen. Damals waren wir ein hilfloser Haufen Idealsten. Heute haben wir die Regierungsgewalt in diesem Land, das durch unser Handeln stark verändert wurde. Das gilt es zu verteidigen. Dass ist ein deutlicher Unterschied. Ob es uns gefällt oder nicht, wir müssen Elenas Nachfolge regeln. Auch das brauchten wir damals nicht.“

Einigen schien ein Licht aufzugehen. Genauso stellte sich die Situation dar. Es gab viel zu verlieren, zu viel.

„Ich verstehe dich nicht Colette! Wie kannst du in solch einer Situation an Elenas Nachfolge denken? Unsere Schwester ist in Gefahr und du willst einfach zur Tagesordnung übergehen?  Denkst nur an politische Konsequenzen. Ich erkenne dich nicht wieder!“ Diesmal konnte sich Kim der Tränen nicht erwehren.

„Das bringt es mit sich, wenn man in einer großen Verantwortung steht. Ich gedenke mich dem Kampf zu stellen und unsere hart erworbenen Errungenschaften zu verteidigen. Um das zu erreichen, benötigen wir in einer Notsituation eine starke Regierung.“

„Aber wer könnte in ihre Fußstapfen treten? Hasst du bestimmte Personen im Auge?“ wollte Ronald wissen.

„Auf jeden Fall sollte es eine Frau sein und zwar eine aus der Schwesternschaft. Eine die von Anfang an dabei war, die Kovacs und die Urkommune erlebt hat. Es gibt nur eine die das Format dafür mitbringt und das bist du Gabriela!“

Die Angesprochen wirkte wie von Blitz getroffen.

„Ich??? Das ist ganz und gar ausgeschlossen. Ich trete nicht an Elenas Stelle! Das kommt überhaupt nicht in Frage. Wie in aller Welt kommst du auf solch eine Idee? Nein, wir benötigen keine Nachfolgerin. Ich bin dafür Elena aufzusuchen und in aller Ruhe mit ihr zu reden. Wir dürfen nichts unversucht lassen, sie doch noch umzustimmen. Ich kenne sie gut. Sie wird es sich überlegen. Letztendlich hat sie in solchen Situationen stets nachgegeben.“

„Gabriela ist nicht gesund! Das hast du doch nicht vergessen. Eine solche Funktion würde ihre Kräfte ganz schnell verbrauchen. Das lasse ich nicht zu.“ Gab Kristin zu verstehen. Ein Einwand der nicht einer gewissen Logik entbehrte.

„Wenn du es nicht willst, dann wird es eben Alexandra tun. Sie wäre die Nummer 2 in der Nachfolgereihe.“ Reichte Colette den Stab weiter.

„Ich lehne ebenso ab. Aus den gleichen Gründen wie Gabriela. Ich fühle mich einer solchen Verantwortung nicht gewachsen. Elena, Elena und sonst keine.“ Wies auch Alexandra den Antrag zurück.

„Hm, nun wird es schwierig, wer käme dann in Frage…“

„Es ist sinnlos Colette. Und wenn du alle Schwestern der Reihe nach aufrufst, wirst du stets die gleiche Antwort erhalten. So kommen wir nicht weiter. Oder? Kyra? Wie wäre es mit dir. Du würdest mich sehr enttäuschen, wenn du  jetzt annimmst!“ Zweifelte Folko.

„Ich werde dich keineswegs enttäuschen, Folko! Ich war nie eine Elena und ich werde niemals eine sein. Auch mein Format ist mit Elenas nicht zu vergleichen.“ Stimmte Kyra zu.

„Aber wir haben doch einen Vizekanzler! Es wäre nahe liegend ihn mit dieser Funktion zu betrauen. Er hat es in den letzten Wochen mehr als oft getan. Somit könnte er es auch dauerhaft. Zumindest für eine Übergangszeit:“ Schlug Inga vor.

„Ganz einfach! Dagobert gehört nicht zu unserer Bewegung. Er ist ein Außenstehender, einer aus Neidhardts altem Gefolge. Versteht ihr denn nicht dass wir unseren Gegnern damit die Munition liefern um auf uns zu schießen.“ Lehnte die Königin zunächst ab.  

„Das mag stimmen, Colette. Aber am Ende wird es doch auf ihn hinauslaufen. Er ist der Einzige der auch mir sofort in den Sinn kam. Dagobert ist ein guter Verwalter und Organisator und hat sich hervorragend eingearbeitet. Ich würde mich auch nicht unbedingt als seinen Freund bezeichnen. In der Vergangenheit hatten wir des Öfteren Meinungsverschiedenheiten. Doch heute leben wir unter veränderten Bedingungen.“ Erwiderte Ronald.

„Wir können uns derweil zurückziehen und überlegen, wie wir uns neu aufstellen. Notfalls eben ohne Elena, auch wenn es mir nach wie vor einfach nicht in den Kopf geht.“ Fügte Gabriela hinzu.

„Habt ihr eigentlich bemerk, dass außer Elena auch noch andere abwesend sind?“ Warf Chantal ein.

„Wen meist du? Etwa Dagmar und ihr Gefolge? Ja natürlich. Warum nicht Dagmar? Die möchte doch so gerne an Elenas Stelle. Jetzt bietet sich die beste Gelegenheit. Soll sie doch unter Beweis stellen, dass sie außer Sprüche noch was anderes drauf hat.“ Meinte Kyra.

„Ach lass doch die aus dem Spiel. Das hätte uns gerade noch gefehlt. Mit der an der Spitze könnten wir bald nur noch einen Scherbenhaufen verwalten.“ Widersprach Inga.

Chantal drängte nach vorne.

„Ihr wisst genau wen ich meine. Es ist Madleen. Sollten wir sie nicht darüber informieren, was mit Elena geschehen ist?“

„Ich gehe davon aus, dass auch Madleen in der Zwischenzeit von Elenas Rücktritt erfahren hat. Alles weitere erübrigt sich. Madleen hat es vorgezogen uns zu verlassen. Sie gehört  nicht mehr zu uns.“ Konterte Alexandra, dabei wirkte sie ausgesprochen barsch.

„Du willst damit sagen dass sie  eine Verräterin ist?“ Empöret sich Chantal.

Betretenes Schweigen. Tief schien die Verletzung, welche die Schwesternschaft erfahren hatte.

„Madleen ist keine Verräterin. Sie steht unter dem äußerst schlechten Einfluss eines Mannes, der hier auftauchte und seither Verwirrung stiftet. Madleen ist nach wie vor unsere Schwester und sie wird es immer bleiben. Auch wenn es im Moment ganz und gar nicht danach aussieht.

Elenas Depressionen haben vordringlich mit ihr zu tun.“ Versuchte Colette ein Machtwort zu sprechen.

„Gut, dann werden wir zunächst sie zurückholen. Ist Madleen wieder unter uns, wird sich auch Elena ganz schnell wieder bei uns einfinden. Ihr werdet sehen. Dann wird alles wieder so wie früher.“ Begeisterte sich Kim mit fast kindlichem Eifer.

„Colette, du solltest mit Madleen reden.“ Verlangte Gabriela.

„Das werde ich unterlassen. Das bringt im Moment  nichts. Madleen kann nur wieder selbst zu sich finden.“

„Aber ich werde es tun und zwar sofort. Ich werde zu ihr gehen. Wenn sie erfährt, dass Elena verschwunden ist, wird sie sich besinnen.“ Glaubte Chantal zu wissen und strebte dem Ausgang entgegen

„Du willst uns jetzt schon verlassen? Aber unsere Zusammenkunft ist noch gar nicht beendet.“ Versuchte Gabriela sie daran zu hindern.“

„Unterrichtet mich später darüber. Ich gehe davon aus dass heute eh nix mehr dabei rauskommt. Wir werden in den Folgetagen mit Sicherheit noch des Öfteren beisammen sitzen und bis tief in die Nacht diskutieren.“

Draußen lehnte sich Chantal an die Wand und atmete tief durch, dann eilte sie durch den Kreuzgang bis zur Pforte. Es würde ein weiter Weg. Madleen und ihr mysteriöser Liebhaber wohnten in einem neu erbauten Reihenhaus ganz am Rande des Abteikomplexes, aber noch innerhalb der Klostermauer. Sie legte einen Schritt zu, so als glaubte sie durch ihre Eile mehr bei Madleen zu erreichen.

Wie konnte sie sicher sein Madleen überhaupt zu anzutreffen?  Es war in der Zwischenzeit bekannt, dass dieser Dandy ständig mit ihr unterwegs war, sie ausführte in alle möglichen Gesellschaften. Natürlich wollte er vor allem mit dieser schönen Frau angeben, die hier im Lande bekannt wie ein bunter Hund war.

 

Während dessen setzte sich im Kapitelsaal die Diskussion weiter fort.

„Wird es nun tatsächlich Wahlen geben? Du hast es den Menschen versprochen Colette.

 Jetzt einen Rückzieher zu machen wäre sicherlich nicht klug. Andererseits würden Wahlen das Ende unserer Revolution bedeuten.“ Schätzte Gabriela die Situation richtig ein.

„Ja! Wir werden es darauf ankommen lassen. Es war, ganz nebenbei bemerkt, keine spontane Reaktion, wie ihr möglicherweise annehmt. Ich habe schon seit geraumer Zeit gründlich darüber nachgedacht und bin zu dem Entschluss gekommen, dass wir den Menschen diesen Wunsch nicht länger vorenthalten dürfen. Wir hätten die Wahlen viel früher durchführen müssen, möglicherweise wären die Patrioten dann gar nicht so stark geworden.“ Antwortete Colette ohne Umschweife.

„Aber was wird dann aus uns? Ich meine. Alles was uns umgibt ist Akratasien, ist die akratasische Idee.  Ich kann mir nicht vorstellen in welche Richtung sich dieses Land nach einem Regierungswechsel entwickeln wird?“  Gab Kyra zu bedenken.

„Schlimmsten Falles könnte es eine Restauration geben. Das heißt die Wiederherstellung der alten melancholanischen Ordnung aus vorrevolutionärer Zeit. Sicher nicht sofort, aber langsam, in kleinen Schritten. Genauso wie ich es gestern in der Basilika prophezeit habe. Den Leuten wird spätestens dann ein Licht aufgehen. Doch sicher ist nicht einmal das.“

Colettes Verheißung löste bei den Anwesenden eine bedrückte Stimmung aus.

Alle versuchten sich die Folgen vorzustellen.

„Ja, aber dann wird es zu spät sein. Daran denkt natürlich keiner. Wahlen. Wer hat tatsächlich eine freie Entscheidungsmöglichkeit? Es ist einfach zu blöd.

Aber in welche Richtung ich auch meine Gedanken auch ziehen lasse, ich finde  keine Lösung.“ Bedauerte Ronald.

„Aber wir müssten doch irgend etwas tun! Wir können doch nicht einfach nur hier sitzen und den alten Zeiten nachtrauern.“ Warf Inga ein.

„Wir müssen uns auf das unvermeidliche einstellen! Noch ist es nicht soweit. Zunächst sollten wir abwarten. Aber schon in absehbarer Zeit müssen wir uns vorbereiten. Wenn die Wahlen tatsächlich kommen, benötigen wir ein Programm, Kandidatenlisten etc etc. Alles was dafür erforderlich ist.“ Überlegte Colette gespannt.

„Armer alter Kovacs! Jetzt scheint seine Idee endgültig flöten zu gehen. Dabei wollten wir doch die Akratie aufbauen. Die Menschen davon überzeugen dass all dieses demokratische Brimborium gar nicht mehr von Nöten ist.“ Bedauerte Kyra.

„Erinnere mich bloß nicht an ihn. Als geistige Verwalterin seiner Ideen liegt die Hypothek schwer auf meinen Schultern. Ich wage kaum noch an sein Grab zu treten.“ Grämte sich die Königin. Schon der Titel den sie trug schien ihn beständig zu verraten.

„Aber überlegt doch mal tiefer! Was wäre geschehen, wenn wir die Akratie schon am Anfang ausgerufen hätten, so wie es Dagmar und ihr Gefolge ständig einfordert und wir es ja auch ursprünglich vorhatten? Glaubt ihr wir wäre heute in einer besseren Lage.“

Wollte Inga wissen.

„Das hätte nicht funktioniert! Wir brauchten diese Übergangsphase. Langsames Hineinwachsen, so war es  von Anfang angeplant. Dagmar kann nicht mitreden, sie war nicht von Anfang an dabei. Aber ich war es und ihr alle auch.“ Betonte Gabriela mit Nachdruck   

 

Zum Schluss einigten sich alle darauf, Dagobert als Elenas Nachfolger vorzuschlagen und zu unterstützen. Er war der einzige der im Moment das Steuer zu bedienen verstand.

Gabriela war noch nicht ganz aus dem Spiel. Colette hielt es nach wie vor für angebracht sie in die vordere Linie zu drängen. Doch hielt sie sich damit vorerst noch zurück.

 

In der Zwischenzeit war Chantal an dem Haus, das Madleen beherbergte, angekommen.

Nach mehrmaligem Klingeln wurde ihr die Tür geöffnet.

Madleen selbst lugte durch den Spalt, erstaunt über die Besucherin, die sich dort eingefunden hatte. Ihre Blicke kreuzten sich und blieben an einander hängen.

„Du Chantal? Was führt dich zu mir?“ Wunderte sich Madleen.

„Ich.. ich möchte einfach mit dir reden! Das ist  alles!“  Antwortete die Besucherin.

„Reden? Mit mir? Ich wüsste nicht was es noch zu reden gibt. Ich wundere mich nur darüber dass sich überhaupt noch eine von euch meiner erinnert. Ich ging davon aus, dass ihr mich alle vergessen habt:“

„Unsinn! Niemand hat dich vergessen! Du bist und bleibst eine von uns. Auch wenn sich keine einen Reim darauf machen kann, warum du es getan hast.“ Antwortete Chantal selbstsicher.“

„Das ist einzig und allein meine Angelegenheit! Ich bin keiner von euch Rechenschaft schuldig. Falls du gekommen bist, mir das unter die Nase zu reiben, war dein Weg umsonst.“

Erwiderte Madleen trotzig und war im Begriff der Besucherin die Tür vor der Nase zuzuschlagen.

Doch Chantal lies sich nicht abwimmeln.

„Darf ich  denn nicht wenigstens reinkommen?“

Madleen öffnete die Tür weiter und  ließ Chantal in den Flur.

„Bist du allein? Können wir ungestört reden?“

„Ich bin allein! Sei ohne Sorge. Das bin ich fast täglich, es sei denn wir sind auf Reisen.“

Antwortete Madleen und aus ihrem Tonfall ließ sich ein Anflug von Traurigkeit erkennen.

Chantal blickte sich um. Eine geschmackvolle Einrichtung, alles vom feinsten und erlesenen.

Das Wohnzimmer war mit teuren Möbeln aus Mahagonieholz ausgestattet, An den Wänden wertvolle Gemälde. Die Couchgarnitur aus feinem dunkelgrünem Plüsch.

„Setzt dich!“ Wies Chantal ihren Gast an.

„Also! Sag schon! Was führt dich nun wirklich zu mir?“

„Möglicherweise kannst du es dir bereits denken? Es geht um Elena.“

„Klar! Um wen sonst? Es geht immer um Elena. Solange ich mit ihr zusammen war ging es ausschließlich um sie.“ In Madleens Antwort schwang überdeutlich

eine Anklage mit.

„Du bist im Bilde? Du weißt was mit ihr geschehen ist?“ Wollte Chantal wissen.

„Natürlich! Ich habe es in den Frühnachrichten gehört. In der Zwischenzeit ist das ganze Land informiert. Ja, es musste wohl so kommen. Ich habe sie immer gewarnt. Aber sie wollte ja nicht auf mich hören. Elena ist nur durch derbe Schicksalsschläge zur Vernunft zu bringen. Diesmal hat sie es allem Anschein nach zu weit getrieben.“

Jedes Wort das über die  Madleens Lippen huschte, beinhaltete einen Vorwurf. Erst jetzt konnte sich Chantal ein Bild darüber machen, wie tief der Graben zwischen den beiden inzwischen war und es tat ihr unendlich weh, das anzuhören.

„Der Rücktritt ist eine Sache und die ist schon schlimm genug. Doch darüber hinaus ist Elena verschwunden und niemand weiß wo sie abgeblieben sein könnte. Wir alle machen uns große Sorgen. Elena litt an schweren Depressionen. Aber das ist dir wohl bekannt!“

Madleen schien geschockt, auch wenn sie sich die größte Mühe gab es zu verbergen. Offensichtlich hatte sie damit nicht gerechnet.

„Depressionen? Seit wann?“

„Seit du weg bist! Von da an ging es immer weiter bergab. Sie verlor jedwede Energie. Es versteht sich von selbst, dass ihr die Kraft fehlte ihre Funktion weiter auszuführen. Sie hat gekämpft, aber schlussendlich doch verloren.“ Gab ihr Chantal in aller Deutlichkeit zu verstehen.

Madleen erhob sich spontan und schritt zum Fenster, starrte im Anschluss wie in Trance auf das wuchtige Panorama des vor ihr aufragenden Gebirges.

„So schlimm?  

„Chantal erschrak über Madleens Reaktion. Sie war gekommen um ihr ordentlich den Marsch zu blasen, doch jetzt empfand sie nur noch tiefes Mitgefühl. Am liebsten wäre sie augenblicklich verschwunden, doch das war nicht möglich. Sie musste dem Gespräch eine andere Note geben.

„Du liebst sie noch immer? Nicht wahr? Du kannst mir nichts vormachen! Ich habe es schon bemerkt, als du mir die Tür geöffnet hast.“

„Das werde ich immer tun! So lange ich lebe. Ich habe in der Zeit der Trennung immer nur an sie gedacht.“

„Dann komm zurück! Was in aller Welt hält dich hier? Hierher gehörst du nicht!. Nicht zu ihm. Das ist ein goldener Käfig. Dieser Typ benutzt dich nur. Bist du wirklich so naiv, dass dir das nicht aufgefallen ist. Dieser Mann ist gefährlich. Für dich , für Elena, für uns alle. Dein Platz ist an Elenas Seite und  bei den Töchtern der Freiheit.“

„Ich fürchte, dafür ist es längst zu spät! Wir haben uns beide zu sehr aus dem Fenster gelehnt. Ich kann nicht mehr. So schmerzhaft es  auch sein mag. Es ist für alle im Moment das Beste, wenn ich es nicht tue.“

Eine Absage, trotzdem  keimte eine leise  Hoffnung. Für den Moment das Beste. Das bedeutete, dass Madleen sich noch nicht endgültig festgelegt hatte. Sie schien hin und her gerissen. Konnte oder wollte sie sich nicht entscheiden?

Plötzlich drehte sie sich um und machte einen Schritt auf Chantal zu.

„Ich habe es satt, ich möchte weg von hier! Weit, weit weg. Ein Vogel möchte sich sein, allem entfliehen, das mich umgibt. Weg von ihm, weg von Elena, weg von allem was mich bindet. Einfach nur ich selber sein? Kannst du das verstehen?“

„Ja, ich glaube dich zu verstehen?“

„Du glaubst, aber du weißt es nicht! Die große Elena, immerfort im Rampenlicht. Sie zerstört unbewusst jeden der sie lieben möchten. Mit ihrer Persönlichkeit, ihren Charisma, ihrer Dominanz, ihrer bloßen Existenz. Ich habe mich immer in Nachsicht geübt, war zufrieden mit dem Platz den sie mir zugewiesen. Mein Gott, was hatte ich alles einzustecken. Alles ertragen, geduldig, ohne zu murren. Wir haben uns oft gestritten in der Vergangenheit, aber stets waren wir zur Versöhnung bereit. So lief das früher. Doch seit sie Kanzlerin wurde, funktionierte das nicht mehr. Im Augenblick ihrer Ernennung habe ich sie für immer verloren. Diese Amt hat sie zerstört und mich auch.“

Madleens Worte waren wie stechende Wespen. Chantal sah sich kaum noch in der Lage darauf einzugehen. Trotzdem wollte sie nicht locker lassen.

„Aber sie liebt dich! Wärst du noch an ihrer Seite, gebe ihr dass ungeheure Kraft.

Einen Rücktritt hätte es dann kaum gegeben. Ich bitte dich, treffe dich mit ihr, sprecht euch aus, nehmt euch viel Zeit und Raum. Ich bin überzeugt, das ihr es schaffen könnt.“

„Warum tust du das Chantal? Warum bist du hierher gekommen? Es könnte dir doch egal sein. Gerade dir?“

„Was willst du damit sagen?“

„ Sei doch nicht so begriffsstutzig. Du liebst sie doch auch!“

Jetzt verschlug es Chantal  die Sprache. Warum musste Madleen wieder mit dieser alten Geschichte anfangen. Das war doch Schnee von vorgestern. Oder nicht?

„Warum sagst du das? Du kennst  die Antwort! Natürlich liebe ich sie, aber als Schwester, als Leitfigur. Das Verlangen brennt nicht mehr. Ich habe Eve und mit der bin ich mehr als reich beschenkt. Sie ist meine Partnerin. Des Weiteren muss ich mich noch um Pater Liborius kümmern.“

„Den Vater deiner Tochter?“ Flocht Madleen ein.

„Ja, der Vater meiner Tochter. Auch ihm steht es zu, einen Teil von mir zu beanspruchen, das bin ich ihm schuldig.“

„Ja, du hast eine Tochter. Du kannst mit Recht stolz auf diesen Umstand sein. Und ich? Gut, ich habe Tessa, sie ist freiwillig zu mir gekommen. Sie möchte bei mir leben, nicht bei Elena, dreimal darfst du raten weshalb.“

„Ja und das hat Elena den Rest gegeben. Bist du dir bewusst was du ihr damit angetan hast. Tessa ist Elenas Tochter.“ Rief Chantal deutlich in Erinnerung.

„Elena hat sie geboren, aber ich habe sie maßgeblich aufgezogen. Natürlich ist das nicht das Gleiche. So blöd bin ich auch wieder nicht, dass ich das nicht erkenne. Werde ich je ein eigenes Kind haben?“

Hier schien sich der ganze Frust von Jahren aus dem Dunkel zu erheben. Madleen packte ein Problem nach dem anderen auf den Tisch.

„Aber du hattest dich doch gegen ein Kind entschieden. Elena hat es dir frei gestellt, immer und immer wieder. Das ist es also. Du möchtest ein Kind. Ich beginne zu verstehen. Deshalb bist du bei ihm? Aber warum ausgerechnet dieser Mann, der hier auftaucht und wo er nur kann Zwietracht stiftet. Da gibt es doch so viele andere. Jeder Mann in Anarchonopolis würde sich glücklich schätzten, diese Aufgabe zu übernehmen.“

Sie kamen vom Hundertsten ins Tausendste. Chantal hatte in diesen wenigen Augenblicken Madleens Leid in allen Einzelheiten erkundet, doch die Lösung des Problems lag noch in weiter Ferne.

„Ich weiß nicht warum ich dir das alles sage. Das habe ich noch keinem anderen Menschen erzählt, nicht einmal Elena. Ich weiß nicht was in mich gefahren ist.“ Gestand Madleen niedergeschlagen.

„Möglicherweise liegt es daran das auch wir einmal eine ganz kurze Affäre miteinander hatten?

Du erinnerst dich doch noch? Damals als Eve zu uns kam und Elena diesen Ausflug mit ihr unternahm. Das brachte uns beide näher zueinander.“ Erinnerte Chantal.

„Selbstverständlich habe ich das nicht vergessen. Ich denke oft zurück an diesen Tag. Eine schöne Zeit, die beste die ich je erleben durfte und das trotz der Spannungen, die auch damals über uns lagen.“ Bestätigte Madleen. Plötzlich schien der Druck von ihren Schultern zu weichen und ihre Stimme klang sanft und positiv.

„Aber es sind Träume, Chantal. Nichts als schöne Träume.“ Schon meldete sich der Zweifel wieder.

„Es müssen keine Träume bleiben! Sie können wieder zur Realität werden. Ihr müsst nur alle beide wollen und aufeinander zugehen.“

Madleen schüttelte nur den Kopf, dabei ließ sich deutlich die Traurigkeit in ihren Augen erkennen.

„Ich kann nicht! Selbst wenn ich wollte. Ich habe mich entschieden. Es ist zu spät. Wir haben einander doch zu tief verletzt. Ich muss mich damit abfinden, Elena wird es auch tun. Dann wenn die Zeit dafür gekommen.“

„Das ist wirklich dein letztes Wort?“

„Mein Letztes!“ Bejahte Madleen Kopf nickend diese entscheidende Frage.

„Dann ist alles aus! Dann habe ich hier nichts mehr verloren!“ entfuhr es Chantal mit tiefen Bedauern.

„Solltest du es dir doch noch anders überlegen, weißt du wo du mich finden kannst.“

Chantal erhob sich, sie hatte es plötzlich ausgesprochen eilig von hier weg zu kommen.

Madleen machte Anstalten sie zur Tür zu geleiten, doch sie lehnte ab.

„Danke! Bemühe dich nicht! Ich kenne den Weg!“

 Schnell huschte sie durch den Flur und ließ die Tür geräuschvoll in ihr Schloss fallen.

Es sollte lange dauern bis sie sich wieder sehen würden Doch davon ahnte im Moment alle beide nichts.

 

 

 

 

 

 

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1 soviel kostete eine Drei-Zimmer-Mietwohnung in der DDR

 

2 Wahlkampfslogan des Bundes freier Demokraten (später FDP) bei der Volkskammerwahl 1990 in der DDR

 

3 Zitat Konrad Adenauer

 

4 auf der 4. Parteikonferenz der SED wurde der planmäßige Aufbau des Sozialismus..

   Beschlossen, unter der Parole Arbeite mit! Plane mit! Regiere mit! Sollte möglichst

   das gesamte Volk einbezogen werden, das Arbeiten funktionierte noch, für das Planen und

   Regieren waren aber bald wieder auserwählte Funktionäre zuständig