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Aufmarsch im Morgengrauen

Melancholanien in Aufruhr!

Wie aus dem Nichts tauchten sie in der Morgendämmerung auf und waren im Handumdrehen überall präsent. Die von blauen Orden organisierten und finanzierten Freikorpsverbände der "Patrioten für Melancholanien" breiteten sich wie ein Schwarm Heuschrecken über das Land. Innerhalb kurzer Zeit besetzten sie die wichtigsten öffentlichen Einrichtungen. Ganz am Anfang schon fielen ihnen die Rundfunk und TV-Sender in die Hand. Es folgten die Polizeistationen, kommunalen Verwaltungseinrichtungen und ganz zum Schluss Ministerien und der Regierungssitz.

Selbst die noch amtierende Regierung wurde nicht verschont.

Canisius, der am Nachmittag sein Amt an Elena übergeben sollte, wurde ebenso festgesetzt wie alle sich noch in ihren Ämtern befindlichen Minister.

Die regulären Streitkräfte, sowie Polizeiverbände kamen der Aufforderung zum Eingreifen nicht nach. Im Gegenteil, ein Großteil sympathisierte offen mit den Freischärlern und lief zu ihnen über. „Truppe schießt nicht auf Truppe!“* So die Anweisung des Oberkommandierenden der melancholanischen Streitkräfte. Das hatte zur Folge, dass dem Treiben der Freikorps kaum Widerstand entgegen gebracht wurde. Der Blaue Orden konnte den Staatstreich schon nach wenigen Stunden als vollen Erfolg verbuchen.

Mit brutaler Gewalt gingen die selbst ernannten Ordnungshüter gegen die Fabrikkomitees vor. Die Preka hatten gerade begonnen sich zu organisieren, um der neuen Regierung bei den an stehenden Reformen unter die Arme zu greifen, sowie ihre konkreten Forderungen darzulegen. Die Hoffnung auf die so lange ersehnen Verbesserungen bekamen schnell einen Dämpfer. Der kurze Frühling währte nicht lang. Nun drohte ein bitterkalter Winter der Repression. Hilflosigkeit wo hin man blickte

Wo war Elena? Wo hatte sich die Hoffnungsträgerin versteckt? Lebte sie noch? War ihr etwas zu gestoßen? Oder ließ sie am Ende die ihr Anvertrauten im Stich und schlug sich wieder auf die Seite der neuen Machthaber?

Am Abend befand sich das ganze Land unter der Kontrolle der Putschisten. Gespenstische Ruhe!

Thoralf der Großmeister des Blauen Orden sah sich am Ziel all seiner Träume. Nun war es soweit. Die geballte Machtfülle lag allein in seinen Händen. Unterstützt von seinen Paladinen konnte er in Melancholanien schalten und walten, wie immer es ihm beliebte. Niemand würde wagen ihm Widerstand entgegen zu setzen, denn einen solchen gedachte er schon im Keim zu ersticken.In dem Staatsgebilde, das ihm vorschwebte waren abweichende Meinungen nicht vorgesehen. Er gedachte einen Ständestaat zu konstruieren allein jener

elitären Ideologie verpflichtet,  als deren ergebener Diener er sich betrachtete.

Eingehüllt in seine samtene dunkelblaue Operettenuniform, auf Hochglanz polierten schwarzen Langschäftern an den Beinen, schwarzen Hemd und silbergrauer Krawatte und einer Schärpe mit  Melancholaniens Nationalfarben Blau-Beige-Braun betrat er das Studio der bedeutendsten TV-Anstalt um der Bevölkerung unmissverständlich ins Stammbuch zu schreiben, wer hier künftig das Sagen hatte, das jedweder Widerstand zwecklos sei und man  sich so bald als möglich der neuen Ordnung zu unterwerfen hatte.

 

„Volk von Melancholanien!“ Begann Thoralf seine pathetische Rede. „ Unser Land hat zu sich selbst gefunden. Seit den frühen Morgenstunden weht in Melancholanien ein neuer Geist, ein Geist der Kraft, der Hingabe, des Dienens. Der Blaue Orden hat mit sofortiger Wirkung die Macht übernommen. Nach langem abwägen, dafür und dagegenhalten, sahen wir uns gezwungen zu solch drastischen Maßnahmen zu greifen um in unserem Land wieder für Ruhe, Ordnung und  Stabilität zu sorgen.

Das zögerliche und laxe Verhalten der letzten Regierung führte leider dazu, dass in diesem Lande ungehindert subversive Elemente ihr Unwesen treiben konnten, denen es einzig und allein darauf ankam die altbewährte Ordnung um zustoßen, eine Ordnung, die unser Volk vor Zeiten groß und bedeutungsvoll werden ließ. Wir sehen es als unsere Aufgabe Melancholanien dorthin zurück zu führen. Eine große Gefahr konnte abgewehrt werden. Die zu erwartende Regierung  hätte eine verhängnisvolle Politik betrieben und unser geliebtes Melancholanien in den vollständigen Ruin geführt. Die Vorsehung hat uns dazu auserkoren die Initiative zu ergreifen und die Katastrophe abzuwenden.

Die repräsentative Demokratie, die sich bisher als Regierungsform durch aus bewähren konnte, hat versagt. Die ausgesetzten Reformen bedürfen einer zügigen Umsetzung und dass kann nur mit einer starken, unangefochtenen Hand geschehen. Der Blaue Orden ist bereit diesen großen, ruhmreichen Auftrag an zunehmen. Wir werden umgehend als Werk schreiten und dieses Land von den finsteren Elementen säubern, die es bedrohen. Die Staatsfeinde haben keine Chance ihrer gerechten Strafe zu entgehen. Die Aufwiegler, die Volksverhetzer, die mit ihren abstrusen Ideologien die einfachen, arbeitsamen Gemüter verunsichert und gegen den Staat aufgebrachte haben, werden zu Verantwortung gezogen, dessen können sie gewiss sein. Pardon wird nicht gewährt. Wir werden den Sumpf  aus trocken. Schon werden Listen erstellt mit den Namen der Staatsfeinde, die Sondereinheiten sind bereits auf dem Weg.

All jenen die sich nichts zu schulden haben kommen lassen, gewähren wir Gnade, sofern sie sich allen politischen Aktionen enthalten. An die Preka richte ich meine Botschaft: Preka wart ihr, Preka werdet ihr bleiben. Eure Bestimmung ist die Arbeit, nur die Arbeit und sonst nichts. Findet euch damit ab. Arbeitet gut und ihr werdet gut behandelt, arbeitet schlecht und euch wird es schlecht ergehen. Leistungsfähigkeit wird zum obersten Prinzip unseres Handelns.

Nicht nur auf dem Papier, so wie bisher, nein wir gedenken unsere Ideen ohne wenn und aber umsetzen. Wer nicht leistungsfähig oder leistungswillig ist, hat sein Leben verwirkt.

Emanzipation? Welch ein unsinniges Wort. Es wird niemals Emanzipation geben. Gewerkschaften haben in unserem neuen Melancholanien keine Existenzberechtigung mehr. Die haben genug Schaden angerichtet. Ich rufe einen immer währenden Betriebsfrieden aus, wer ihn stört hat mit den Konsequenzen zu rechnen.

An euch Paria kann ich nur eine Botschaft entrichten. Wir wollen euch nicht. Aus diesem Grund wird mit sofortiger Wirkung die Praxis der stillschweigenden Duldung aufgehoben.

In der von mir angestrebten Ordnung ist für Schwächlinge jedweder Couleur kein Platz. Wir werden euch in eigens dafür eingerichteten Lagern zusammenfassen, dort werdet ihr einer gründlichen Prüfung unterzogen, ob ihr noch leistungsfähig seid oder nicht.Euch wird das faulenzen ein für alle mal ausgetrieben, darauf könnt ihr Gift nehmen. Es gibt kein Recht auf Faulheit.**

Wer sich fügt bekommt eine Chance, wer sich widersetzt, hat keine Gnade zu erwarten.

Schluss mit jedweder Humanduselei. Nächstenliebe, Solidarität, alles Phantastereien, die euch diese weltfremden Ideologen eingetrichtert haben.

Das Leben vergibt keine Schwäche. Nur die Starken, die Gesunden, jene die sich durch Leistungsfähigkeit auszeichnen konnte haben fortan noch Lebensrecht.

Das starke kann letztendlich nur triumphieren indem es das Schwache ausmerzt. Mitleid können wir uns nicht mehr leisten. Mitleid ist eine Ursünde der Menschheit. Mitleid zu haben ist Verrat an der Natur, ist Sünde gegenüber den Starken.***

Unsere Weltanschauung ist direkt an der Natur ausgerichtet. In der Natur wird jeder Außenseiter verstoßen, gilt als gemeinschaftsfremd. Die Horde kann mit ihm nichts mehr an fangen. Ein krankes Tier verendet in der freien Natur. Die Artgenossen sind gar nicht imstande sich darum zu kümmern. Denen kommt es auf die Arterhaltung an, sprich das Überleben der Stärksten unter ihnen sicher zu stellen.

Dieses Prinzip gilt es auf die soziale Ordnung zu übertragen. Kranke, Behinderte Alte, Gebrechliche, aber auch leistungsunwillige-oder unfähige Randexistenzen hängen uns wie ein Klotz am Bein und treiben die Kosten ins Uferlose.

Radikale Selektion ist das Schlüsselwort. Wir sortieren die faulen Früchte aus, vertilgen sie, löschen sie aus, damit sich die Gesunden, Starken, Leistungsfähigen zum Wohle unseres Gemeinwesens frei entwickeln können. Dann wird es wieder aufwärts gehen, kann unsere daniederliegende Wirtschaft gesunden und wir können mit einem steten Wachstum rechnen.

Die Demokratie ist tot. Sie hat sich selbst überlebt. Der Parlamentarismus ist tot, er hat seine Aufgabe erfüllt, nun verlangt es nach anderen, geeigneteren Varianten des Regierens.

Wahlen sind fortan überflüssig denn sie sind aufwändig, kosten viel Geld und bringen am Ende eh keine Veränderungen. Veränderungen die wir uns überdies gar nicht leisten können. Also installieren wir eine ewig währende Regierung. Eine Staatsmacht der klaren Befehlsgeber und Befehlsempfänger.

Dies wird uns eine Stabilität bescheren, wie sie unser Land noch nie erleben durfte.

Eine Opposition brauchen wir nicht. Wir streben eine wahre Volksgemeinschaft an mit klarer Aufgabenverteilung, alles ist dem Staat und dessen ewig währender Regierung verpflichtet.

Verboten werden neben der Steinernen front und der Neuen Liga auch  Musterdemokraten und  Superdemokraten, sowie alle weitern politischen Organisationen.

Jedwede Opposition ist ein Krebsgeschwür und mit unnachgiebiger Härte zu verfolgen.

Es gibt keine Versammlungsfreiheit mehr, wir werden subversive Zusammenrottungen schon im Keim ersticken. Die Presse hat sich der neuen Regierung zu fügen und fungiert fortan nur noch als deren Sprachrohr.

Des Weiteren ist es mit sofortiger Wirkung verboten, Bücher zu publizieren, ganz gleich welchen Inhalt sie auch verbergen. Öffentliche Bibliotheken werden geschlossen, das Internet zensiert. Bildung soll fortan wieder zum Privileg all jener werden, die ein hohes gesellschaftliches Niveau erreicht haben. Den unteren Klassen ist jedwede Bildung zu entziehen. Wir brauchen Sklaven und die benötigen keine Bildung.

Melancholanien ist aus seinem Dornröschenschlaf erwacht. Es wird auferstehen aus seinen Ruinen  und zu neuer Blüte reifen. Blühende Landschaften werden schon in kurzer Zeit die Folge sein.

Wir gedenken unser Gesellschaftsmodell zu exportieren. Heute gehört uns Melancholanien, morgen Europa und übermorgen die ganze Welt.

Die melancholanische Republik ist tot. Es lebe das melancholanische Imperium!“

 

Klare Worte! Thoralf hatte der Bevölkerung unmissverständlich verdeutlicht, was sie von ihm und seiner Regierung zu erwarten hatten. Und er hatte ihnen damit vor Augen geführt was sie von sich selbst zu halten hatten, nämlich nichts. Alles, was auch nur annähernd als Menschlich eingestuft werden konnte, würde aus dem Bewusstsein der Bevölkerung getilgt.

Unterdrückung, Repression, Verfolgung jedweder Opposition. Melancholanien erwartete eine eiskalte Nacht der Tyrannei.

Tiefes Entsetzen lähmte das ganze Land, so als habe ein Großteil noch immer nicht begriffen was da vor sich ging.

Als sich Thoralf, begleitet von seinem Gefolge, anschickte das Studio zu verlassen, stellten sich ihm Canisius und Helmfried in den Weg.

„Thoralf, wir verlangen Aufklärung! Mit welchem Recht verbietest du auch unsere Parteien?“

Wollte Canisius aufgebracht wissen.

„Ganz einfach! Mit dem Recht des Stärkeren!“ Antwortete der selbst ernannte Diktator barsch.

„Aber warum? Ich frage warum? Wir sind Ordensbrüder! Wir haben nach besten Wissen und Gewissen gehandelt , haben dem Lande immer treu gedient, haben unser Bestes gegeben…“

„Es war eben nicht das Beste!“ Fuhr ihm Thoralf ins Wort. „Ihr habt versagt, schmählich versagt. Und Versager kann ich in meinen Reihen nicht gebrauchen. Ihr hattet eure Chance und  wußtet sie nicht zu nutzen. Jetzt braucht euch Melancholanien nicht mehr.

Genießt den Ruhestand, am besten im Exil!“

„Sicher! Wir haben auch mal Fehler begangen. Das mag sein. Aber so etwas geschieht nun einmal beim Alltagsgeschäft des Regierens. Niemand ist ohne Fehler.“ Versuchte nun auch Helmfried sich zu rechtfertigen.

„Es gibt fortan keine Fehler mehr in meinem Gefolge. Basta! Ich dulde keine Fehler mehr, verstanden? Wer meint Fehler begehen zu können kann sich gleich bei den Paria einfinden. Ich will ein Volk der Fehlerlosen, ein Volk der Perfekten, versteht ihr?  Fort mit euch, fort aus meinen Augen! Unfähig Seid ihr alle beide. Ich will euch nie mehr wieder sehen.“ Fuhr ihn Thoralf an und aus seinen Worten sprach kalter Hass und Verachtung. Da stieß er beide zur Seite und Schritt einfach an ihnen vorbei.

Es schien, als habe sich der Größenwahn seiner bemächtigt. Wenn ein Mensch schon mit seinen einstigen Freunden und Verbündeten in solch rüder Form umzugehen pflegte, wie viel mehr hatten da wohl jene zu erwarten die tatsächlich zu seien Gegnern zählten? Es gab keinen Zweifel, es war nur noch eine Frage der Zeit bis die Repression das ganze Land im Würgegriff hatte.

Es schien als habe jemand ein überdimensionales Leichentuch über Melancholanien geworfen.

Für die ungewöhnliche Ruhe sorgte natürlich auch die nächtliche Ausgangssperre, die eilends verkündet wurde, um dem Blauen Orden die Feierlaune nicht doch noch zu vermiesen.

In der Ordensburg wurde hingegen eine rauschende Gala zelebriert, der Orden feierte sich selbst und seien grandiosen Sieg.

Die auserwählte Teilnehmerschar, natürlich allesamt aus der Privooberschicht, schwelgte im Luxus.

Thoralf stellte all jene vor, mit denen er in Zukunft zu regieren gedachte. In einer streng verfügten Rangordnung. Dass er sich als die unangefochtene Nummer eins betrachtete verstand sich von selbst.

„Ordensbrüder, Bundesgenossen, liebe geladenen Gäste. Lasst uns gemeinsam die Freuden genießen, die uns von Stunde ab erwarten . Aber wir müssen auf der Hut sein. Die Subversiven Elemente werden sicher bald aus ihrer Kloake kriechen, um uns die Stellung streitig zu machen, die wir gerade errungen haben. Es liegt an uns unsere Rechte, unsere Privilegien verteidigen.

Ich allein vermag es nicht, auch wenn mich die Vorsehung auf diesen Posten berufen hat, auch wenn ich gelobe alles zu geben, wenn es sein muss auch mit meinem Leben bezahlen werde. Ich benötige Helfer, ich brauche Unterstützer. Hier sind meine Stellvertreter, Folko, Frederic und Cassian. Sie werden mich in allem gleichwertig beraten und unterstützen. Die weitere Rangfolge regeln wir in den kommenden Tagen.“

Egbert, der ein wenig am Rande stand, grämte sich. Es wurmte ihn, dass nicht auch sein Name unter den obersten Paladinen zu finden war. Aber was sollte er machen?  So funktionierte nun einmal eine strenge Hierarchie. Allgemeine Verwunderung löste hingegen die Präsentation von Cassian aus. Thoralf hatte ihn zurückbeordert. Es war dem umstrittenen ehemaligen Kommandanten also gelungen verlorenes Terrain zurück zu erobern.   

Thoralf glaubte sich zu 100 % auf ihn verlassen zu können, das alleine zählte.

Das konnte man von Folko nicht sagen, obgleich der seine Rolle noch immer so gut zu spielen verstand, dass man ihm nicht das Geringste anmerkte. Allerdings begann es langsam aber sicher an seiner Substanz zu zehren. Nie in seinem Leben hatte sich Folko schlechter gefühlt. Er sehnte sich ganz einfach zurück in das bunte Treiben der sich immer weiter entwickelnden Kommune, dort fand wirkliches authentisches Leben statt. Hier war er hingegen nur von einer Horde Zombies um geben. Lebende Tote, die versuchten eine Ordnung zu installieren, die eigentlich schon lange in den unendlichen Weiten der Vergangenheit begraben war.

Er konnte mit der ihm einst vertrauten Welt nichts mehr an fangen und fühlte sich vollständig deplatziert. Er wollte raus, einfach nur raus, aber wie? Seine neue Stellung hier würde vollen Einsatz fordern. Sich einfach mal für eine Weile abseilen war so gut wie unmöglich. Eine rasche Entscheidung harrte seiner.

So sehr in Gedanken versunken bemerkte er kaum als er von Egbert am festlich gedeckten Buffet absichtlich anrempelt wurde.

„Es scheint  von Vorteil , mal für längere Zeit abzutauchen um dann ganz unversehens wieder auf der Bildfläche zu erscheinen. Ich weis zwar nicht was du in deiner Abwesenheit so getrieben hast, aber auf den Chef scheinst du mächtig Eindruck hinterlassen zu haben.“

„He? Redest du mit mir? Ich weiß nicht wovon du sprichst?“ Erwiderte Folko äußerst genervt.

„Ich bin der Ansicht, andere hätten deinen Posten ebenso verdient, andere die stets zur Stelle waren, wenn man sie brauchte, andere die sich fast verausgabten um den Orden dahin zu bringen, wo er heute steht.“ Egbert ließ nicht locker.

„Ach dass ist es! Du bist scharf auf meinen Posten? Kein Problem! Kannst du gerne haben. Noch nie legte ich ein besonders Augenmerk auf Äußerlichkeiten. Posten, Funktionen sind mir gleich! Mir kommt es auf die Sache an!“ Konterte Folko geschickt, denn er musste seine Rolle unbedingt weiter spielen. In Wirklichkeit bedeutete ihm der Posten aus ganz anderen Beweggründen nichts mehr.

„Ach, lass doch nicht immer den 350 prozentigen Ideologen raushängen. Den habe ich dir nie abgekauft. Im Grund ist dir die Weltanschauung ebenso egal wie mir. Ich bin Praktiker, ich bin Geschäftsmann und das mit Leib und Seele. Ich möchte meinen Lebensstandart halten, womöglich ausbauen. Deshalb bin ich hier. Deshalb bist du hier! Wir wollen die da unten in den Slums und Trabantenstädten weiter im Zaum halten, das ist der Grund unseres Handelns, das sind rein pragmatische Gründe!“ Versuchte Egbert weiter zu stänkern, doch Folko verstand es geschickt, das Thema in Balance zu halte.

„So kann man es natürlich auch betrachten!  Aber sag, warum redest du nicht mal mit Thoralf, schätze der hat sicher schon das geeignete für dich gefunden. Die neue Regierung bedarf einer Reihe von Experten, gerade was ökonomische Fragen betrifft. Fähige Leute wie du werden dort ihren Platz einnehmen, da bin ich sicher!“ Egbert füllte seinen Teller mit all den Leckereien, die hier aufgefahren waren, so als müsse er für eine ganze Fußballmannschaft essen, während Folko sich auffällig zurückhielt. Die Sorge um Kyra, die Sorge um die gesamte Kommune ließen ihn keinen rechten Appetit finden.

Egbert fühlte sich plötzlich geschmeichelt, so war seine Art. Es gelang bei ihm relativ leicht

solche Gefühle auszulösen und Folko verstand sich darauf ausgezeichnet.

„So? Meinst du? Na, da muss ich abwarten. Denkst du die neue Regierung wird schnell gebildet?“

„Bestimmt! Das Land braucht eine feste Hand und wir können uns kein Machtvakuum leisten

 Thoralf wird, wie ich vermute, schon morgen, mit der Alltagsroutine beginnen.“ Bestätigte ihn Folko, auch um ihn endlich los zu werden.

„Aber sag! Ist es nicht eigenartig, dass er Cassian zurückgeholt hat? Vor noch nicht all zu langer Zeit sah das mal ganz anders aus. Thoralf glaubte doch stets, das ihn Cassian aus seiner sicheren Position verdrängen wollte.“ Erinnerte sich Egbert plötzlich.

„Wir haben eine Krisensituation! In solchen Zeiten marschieren wir vereint, private Rivalitäten haben dann keinen Platz. Jeder wird gebraucht, jeder hat seine Aufgabe zu erfüllen, so auch Cassian. Hat sich die Lage erst einmal entspannt, ist unsere Position gesichert , können wir noch immer über solch nachrangige Dinge sprechen.“ Mimte Folko wieder den Überzeugten.

Egbert wollte gerade zur Antwort ansetzen, als plötzlich Frederic auf die beiden zukam.

„Gut dass ich dich erwische. Folko, ich habe etwas mit dir zu besprechen. Egbert, du kannst gerne bleiben.“

„Danke! Sehr höflich von dir!“

„Worum geht es denn?“ Wollte Folko wissen.

„Du kennst dich doch in der Kommune bestens aus. Es wäre wichtig für uns in Erfahrung zu bringen, was Elena von dem ganzen hier hält. Ich meine welchen Standpunkt sie derzeit einnimmt!“ Erklärte Frederic während auch er sich am Buffet bediente.

„Hm, das dürfte dir doch sicher einleuchten. Elenas Standpunkt ist der alte. Die wird sich nicht umstimmen lassen, wenn es denn das ist worauf du hinaus willst.“ Entgegnete Folko.

„Nun um ehrlich zu sein. Das ist es worauf ich noch immer hoffe. Das die alte Elena wieder aufersteht, das sie zurückkehrt zu dem das ihrer würdig ist und das sie ihren Platz in unseren Reihen einnimmt. Wir müssen einen Weg finden sie zumindest äußerlich umzustimmen. Mit ihr an unserer Seite könnten wir die Bevölkerung recht schnell besänftigen und für Ruhe und Ordnung sorgen. Glaubst du es besteht da Hoffnung!“

„Nicht im geringsten! Auf Elena können wir nicht bauen!“ Verneinte Folko Frederics Ansinnen ohne wenn und aber.

„Schade! Na dann eben nicht! Dann müssen wir eben harte Bandagen anlegen, ganz harte um korrekt zu sein!“ Entfuhr es Frederic.

„Harte Bandagen? Ach ich verstehe! Ihr wollt euch diese Kommune vornehmen, sie platt machen, wenn ich nicht irre? Sehr gut! Ich könnte mir vorstellen dass  die alte Abtei wieder  frei wird. Ich war schon immer scharf auf das Anwesen!“ Mischte sich Egbert in das Gespräch ein.

„Du irrst dich gewaltig! Mensch sei doch nicht so naiv. Gegen die Kommune vor gehen? In aller Öffentlichkeit? Damit wir das ganze Volk gegen uns aufbringen? Nein! Was jetzt geschieht hüllen wir unter den Mantel des Schweigens!“ Kanzelte ihn Frederic wie einen Schuljungen ab.

Folko wurde unterdessen kreidebleich. Denn nur zu gut ahnte er, was das zu bedeuten hatte. Die Jagdsaison war eröffnet, allein zu dem Zweck, Elena weich zu kochen. Es war nur zu hoffen dass sich alle klug verhielten und das Gelände nach Möglichkeiten in den nächsten Tagen nicht verließen, so wie er es immer wieder empfohlen hatte.

„Frederic, ich ahne was du vorhast! Kannst du etwas konkreter werden?“ hakte Folko nach, schon um noch mehr Einzelheiten in Erfahrung zu bringen.

„Das will ich gerne tun! Wir greifen uns diesen Leander! Der ist ja seit wenigen Tagen mit Elena verheiratet, lassen ihn erst mal verschwinden. Ich gehe davon aus, dass es Elena bis ins Mark treffen wird, wenn ihrem Geliebten etwas zustößt. Dann werden wir weiter sehen.“

„Klasse! Ich kenne diesen Leander, war früher bei mir in der Fabrik beschäftigt. Hat schon zu jener Zeit für viel Unruhe gesorgt. Ich brenne darauf es ihm heim zu zahlen. Ich bin dabei wenn wir unseren Spaß mit ihm haben, im Verlies der Ordensburg!“ Begeisterte sich Egbert wie ein kleiner Junge, dem man sein Lieblingsspielzeug präsentiert.

„Ich hab mir was ganz besonders für ihn ausgedacht, das wird der bestimmt seinen Lebtag nicht vergessen.“ Drohte Frederic.

Seine gekränkte Eitelkeit verlangte nach Rache. Nie konnte er Leander nachsehen, dass er ihm Elena ausgespannt hatte. Es hatte den Anschein, als habe die Eifersucht tiefe Wunden in sein Gemüt gebrannt.

„Was versprichst du dir davon? Ich glaube kaum dass sich Elena davon erweichen lässt. Im Gegenteil, die Ablehnung dir und dem ganzen Orden gegenüber wir nur noch um so größer, wenn du Leander etwas antust, ihn womöglich tötest!“ Versuchte  Folko ihm dieses Ansinnen auszureden, ein zweckloses Unterfangen.

„Ich habe keinesfalls vor ihn zu töten, ihn am Ende noch zum Martyrer zu machen. Das wäre auch viel zu einfach. Nein, ich habe mir da was ganz besonderes ausgedacht. Du wirst schon sehen.“

„Nur Leander? Oder denkst du auch noch daran weitere Kommunemitglieder ins Visier zu nehmen?“ Forschte Folko weiter nach.

„Ich hab es nur auf Leander abgesehen! Was Thoralf in dieser Hinsicht im Schilde führt vermag ich nicht zu sagen. Aber es kann durchaus sein, das wir weitere ergreifen!“

Die Antwort befriedigte Folko keineswegs, aber er musste sich vorerst damit zufrieden geben.

Was konnte er tun? Nicht viel, zumindest in diesem Moment.

„Aber wir wollen Thoralf nicht warten lassen. Der winkt uns schon seit geraumer Zeit von dort drüben.“ Frederic wies in Richtung Präsidium, wo sich Thoralf nieder gelassen  und wie ein König repräsentierte.

„Darf ich denn auch mit an die Tafel der Großen?“ Wollte Egbert in Erfahrung bringen.

„Keineswegs! Reserviert für die oberste Elite! Du wirst aber in der folgenden Zeit die Gelegenheit bekommen, dich ihrer würdig zu erweisen! Dann kannst auch du dort deinen Platz einnehmen.“ Lies ihn Frederic abblitzen. Das wurmte Egbert ungemein und er wäre in diesem Augenblick am liebsten vor Scham im Boden versunken.

Folko hingegen ließ das alles kalt. In seinen Gedanken war er  in der Kommune und vor allem bei seiner geliebten Kyra. Was würde er tun können um den größten Schaden von allen abzuwenden?

Glaubte Thoralf leichtes Spiel zu haben,   verkalkulierte er sich gründlich. Er hatte einfach die Rechnung ohne den Wirt gemacht und der hieß Neidhardt. Entgegen allen Beteuerungen  hatte dieser seine Milizen keineswegs abgerüstet. Das sollte sich nun als großer Vorteil  erweisen, denn der Widerstand organisierte sich von der Außenwelt völlig unbemerkt und zwar in Windeseile. Nun konnte Neidhardt unter Beweis stellen ,dass er sich nicht nur zum Agitator sondern auch zum glänzenden Organisator eignete.

Nur einen Tag nach der Machtergreifung des Blauen Orden sollte es am darauf folgenden Morgen einen weiteren Aufmarsch geben  Der Überraschungsfaktor würde nun Neidhardt zugute kommen, so wie vordem Thoralf.

Gegen 4 Uhr in der Frühe schwärmten die Revolutionäre aus, die letzten siegestrunkenen Patrioten hatten sich soeben zu Bett begeben, nicht weinige davon in einem stark angeheiterten Zustand.

Die öffentlichen Einrichtungen wurden nur unzureichend verteidigt, niemand rechnete mit einer so schnellen Gegenwehr. So verwunderte es kaum dass die Milizen der Radikalrevolutionäre leichtes Spiel hatten.

Erschwerend kam für den Blauen Orden hinzu dass seine Freikorps vor allem aus Söldnern bestanden. Eine bunt zusammen gewürfelte Truppe aus Verlierern, Randexistenzen und Abgehängten, die glaubten auf diese Weise das schnelle Geld zu machen. Wie alle Rechtsextreme überall auf der Welt, fühlten sich auch die Freikorps vor allem dann stark, wenn es gegen vermeintliche Schwächlinge ging, die kaum imstande waren sich zur Wehr zu setzen. Stand ihnen jedoch ein ebenbürtiger Gegner gegenüber bekamen sie es schnell mit der Angst zu tun und suchten fluchtartig das Weite.  

So auch bei Gloria-TV einem der zahlreichen Sendeanstalten. Schon als sie der graugekleideten  Milizen ansichtig wurden flüchten die Hasenfüße.

Es gab keine erst zu nehmende Auseinandersetzung. Über diesen Sender konnte nun auch Neidhardt seine Ansprüche geltend machen. Er drehte den Spies um und erklärte die gerade erst installierte Regierung kurzerhand für abgesetzt.

„Volk von Melancholanien, hört mich an. Unser Vaterland befindet sich in akuter Gefahr, doch der Alptraum könnte schneller vorüber sein als ihr vermutet. Ich bin Neidhardt Generalsekretär der Radikalrevolutionäre und Oberkommandierender der Freien Milizen Melancholaniens. Hiermit erkläre ich die Machtergreifung des Blauen Orden für beendet. Die selbst ernannte Regierung ist mit sofortiger Wirkung abgesetzt. Alle von ihnen eingeleiteten Maßnahmen erkläre ich für Null und nichtig, sofern sie überhaupt schon in Kraft sind. Die Knechtschaft geht zu Ende noch bevor sie sich richtig entfalten konnte. Die Republik ist nicht tot, sie lebt, sie wird ewig leben, sie wird zur neuen Blüte sich entfalten. Der Blaue Orden hat ausgespielt. Er ist von diesem Augenblick an verboten und mit ihm alle seine Unter-oder Nebenorganisationen.

Wir bieten den verantwortlichen 48 Stunden um das Land zu verlassen, andernfalls gelten sie als vogelfrei und werden für ihre Schandtaten zur Rechenschaft gezogen.

Wir werden nicht zulassen das ihr eure Schreckendherrschaft errichtet. Das melancholanische Volk wird nicht kampflos die Waffen strecken. Wir sind euer überdrüssig, wir wollen euch nicht mehr. Ihr seid nichts weiter als Kriminelle, reaktionäres Lumpenpack. Solltet ihr den Kampf anstreben, seid gewarnt, wir werden schnell mit euch fertig, denn wir besitzen etwas das ihr niemals euer eigen nennen könnt, die Sympathie weiter Teile der Bevölkerung.

Ihr habt eine neue Zeit versprochen? Die wird kommen,aber ihr spielt dabei nicht einmal mehr eine Statistenrolle. Wir streben eine Gesellschaft ohne Gegensätze, eine Gesellschaft ohne soziale Klassen und Schichten, eine Gesellschaft der Solidarität und gegenseitiger Achtung an. Ein Staat in dem das Volk regiert. Es versteht sich von selbst dass für die Feinde des Volkes dort kein Platz mehr ist.

Volk von Melancholanien, ich rufe euch auf zum aktiven Widerstand. Folgt den Anweisungen der neuen Regierung auf keinen Fall. Stellt euch ihnen in den Weg, oder ignoriert sie einfach.

Lasst die Arbeit ruhen. Ich verkünde einen unbefristeten Generalstreik, solang bis der Blaue Orden eine Kapitulation akzeptiert . Denkt daran, alle Bänder stehen still, wenn dein starker Arm es will! Und euer Arm ist stark, er ist mächtig im Kampf, wenn er sich seiner Kräfte bewusst werde. Seid solidarisch untereinander, laßt euch nicht auseinander dividieren, denn genau das werden die derzeitigen Machteliten versuchen.

Wir werden eine revolutionäre Volksregierung bilden, gemeinsam mit allen Kräften  guten Willens. Wir sind auch weiterhin zur Zusammenarbeit mit all jenen bereit, die sich dazu bekennen,die Ungerechtigkeiten in unserem Lande  zu überwinden. Meinungsverschiedenheiten gibt es auch weiterhin,doch müssen die im Moment zurückstehen, es kommt darauf an dieses reaktionäre Gesindel so bald als möglich in die Schranken zu weisen.

 Nur in der Einigkeit liegt die Kraft. Benutzt sie gut! Auf zum Kampf, stürzte die Tyrannei. Es lebe die neue melancholanische Republik! Es lebe die Revolution!“

 

Eine visionäre Rede! Im Gegensatz zu Thoralf verstand es Neidhardt geschickt zu taktieren.

Gekonnt vermied er es gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. Natürlich beanspruchte auch er die Macht für sich allein. Doch war er im Moment zu Kompromissen bereit und würde die Macht teilen, so lange er es für nötig erachtete. Später wenn die größte Gefahr überwunden schien, gedachte er, Schritt für Schritt, die Alleinherrschaft zu installieren.

Die Rede verfehlte ihre Wirkung nicht. Bereits am Vormittag begann sich an Verschieden Stellen des Landes der Widerstand zu organisieren. Die Bevölkerung schien aus dem Trauma erwacht und hatte begriffen. Doch allen war bewusst, dass der Blaue Orden und seine Mitverschworenen nicht im Traume daran dachten, das Feld kampflos zu räumen. Alle Zeichen verwiesen auf eine sich anbahnenden erbittert geführten Auseinandersetzung

Doch eine Frage brannte den Menschen in dieser Stunde ganz besonders unter den Nägeln:

Wo in aller Welt war Elena?

Was war mit ihr geschehen? Warum hörte man nichts von ihr? Keiner konnte sich erklären warum sie, die Siegerin der Parlamentswahlen und rechtmäßige Anwärterin auf das Amt des Kanzlers kein Wort zu den Ereignissen sagte und Neidhardt einfach so  den Vortritt ließ.

Die Menschen die Elena als Hoffnungsträgerin betrachteten, warteten voller Sehnsucht auf eine Verlautbarung ihrerseits. Doch es kam nichts außer schweigen. Ein beklemmendes, gespenstisches Schweigen.

Sorgen bahnten sich ihren Weg. Lebte Elena überhaupt noch? War ihr etwas zugestoßen? Hatten die Schergen das Blauen Orden sie entführt, oder ähnliches?

Niemand vermochte  eine Antwort zu finden. Vor allem deshalb, weil es so ganz und gar nicht  zu ihrer Art passte.

Elena hatte immer etwas zu sagen. Warum schwieg sie ausgerechnet jetzt, in dieser Ausnahmesituation?

Stattdessen gab es zwei neue Hauptkontrahenten ,Neidhardt und Thoralf, die von nun an auf einander treffen sollten, sich dabei kaum unterschieden, vor allem was die Wahl der Waffen betraf.

Elena war buchstäblich von den Ereignissen überrollt worden. Sie schien wie gelähmt, war nicht im Geringsten auf eine solche Möglichkeit vorbereitet.

Auch eine Elena war vor solchen Augenblicken des Verzagens nicht gefeit.

Die Pforte der alten Abtei war seit zwei Tagen geschlossen. Niemanden gelang es zu Elena vorzudringen. Diese hatte sich einen ganzen Tag lang zu einer Meditation im Sandsteinmassiv oberhalb des Geländes zurück gezogen. Die anderen harrten einer Antwort ihrerseits, doch es kam nichts.

Elena wollte keinen Menschen sehen, nicht einmal Leander, der es auch vermied sich ihr zu nähern.

Stumm, fast apathisch blickte sie stundenlang auf den großen zentralen Felsen, so als erwartete sie von diesem das er ihr offenbarte was zu tun oder zu lassen sei. Selbstverständlich geschah nichts dergleichen.

Wo war sie jetzt,die innere Stimme, die doch schon des Öfteren zu ihr gesprochen hatte, deren Vertrauen sie gefunden, obgleich sie noch immer nicht deuten konnte, woher sie kam und welche Macht sich dahinter verbarg. Diesmal blieb sie stumm, so als habe es nie eine Kontaktaufnahme gegeben.

Das brachte Elena fast an den Rand der Verzweiflung. Sie fühlte sich einsam, verlassen und abgehängt. Auch ihr messerscharfer Intellekt konnte ihr  in dieser Situation nicht weiter helfen.

„Aber ich muss doch den Menschen etwas sagen! Sie erwarten es von mir. Sie setzen all ihre Hoffnungen auf mich in dieser Stunde!“ Rief Elena anklagend in Richtung Felsen, so als ließe sich dessen hartes Gestein letztendlich doch erweichen.

„Was haben wir? Keine Milizen, so wie die anderen. Wir können, wenn es hart auf hart kommt nicht einmal unsere Kommune verteidigen, geschweige dem die gesamte Bevölkerung des Landes schützen. Sind wir wirklich so hilflos wie es scheint? Wo liegen unsere Stärken?  In wenigen Stunden müsste ich ein bedeutendes Amt übernehmen, stattdessen stehe ich hier, hilfloser als ein kleines Kind.“ Sprach Elena weiter in das Nichts, oder war dort doch ein offenes Ohr?

Sie drückte die Handfläche ihrer rechten Hand gegen den Felsen und legte ihre Stirn darauf.

Ohnmacht, Verzweiflung, das Gefühl einer Situation hilflos ausgeliefert zu sein. Thoralf war kein Mensch sondern ein gefährliches Tier das nur menschliche Identität angenommen hatte. Sie selbst hatte dessen perversen Trieb vor gar nicht langer Zeit am eigenen Leibe erfahren müssen. War das der Grund für das unerklärliche Trauma das sie lähmte?

„Ich muss mich zusammen reißen! Ich darf mich unter keinen Umständen gehen lassen! Es muss etwas geschehen! Aber was? Was um Himmelswillen?“

Colette hatte sich indes nicht an Elenas Rat gehalten und beschlossen zu ihr vorzudringen.

Sie hatte den letzten Wutausbruch aus der Nähe wahrgenommen.

„Elena! Mit wem sprichst du? Ist da jemand bei dir? Wo bleibst du? Wir warten schon seit Stunden auf deine Rückkehr?“

„Colette, warum bist du mir gefolgt? Kann ich denn nicht einmal eine Weile für mich sein, allein, nur mit meinen Gedanken?  Darf nicht auch ich einmal verzweifelt sein, so wie jeder andere Mensch auch?“ Heischte sie die Schwester an.

„Natürlich darfst du das! Hat dir das je einer von uns abgesprochen? Ich meine nur, dass wir in dieser Stunde zusammen stehensollten, kühlen Kopf bewahren und überlegen was zu tun ist. Meinst du nicht auch?“ Konterte die Gescholtene geschickt.

„Entschuldige! Du hast ja Recht! Ich wollte einfach nur alleine sein. Ich konnte es nicht mehr ertragen. Alle erwarten von mir Rat und Beistand. Immer muss ich alles wissen. Wer bin ich denn? Etwa eine Göttin?“ Bei den letzten Worten die über ihre Lippen kamen, zuckte sie innerlich zusammen, so als habe jemand eine alte Wunde neu geöffnet.

„Das kann ich dir auch nicht sagen. Ich wollte dich nur darüber unterrichten, dass sich die Nachrichten überschlagen. Wir sitzen fast ständig am Radio oder TV, mal berichten sie so, mal wieder anders. Niemand vermag in dieser Stunde zu sagen wer denn nun tatsächlich die Macht in den Händen hält."

„Sag mal hat denn einer Nachricht von Folko?“ Wollte Elena wissen, so als wolle sie mit aller Gewalt vom Thema ablenken.

„Keine! Schon seit etwa vier Tagen nicht mehr. Ich glaube denn müssen wir abschreiben. Der hat sich abgesetzt oder so was. Irgendwie muss er von all dem Wind bekommen haben, wenn ich auch nicht erklären kann woher und vor allem wieso.

Seit Tagen schon sein Geschwafel von einer großen Gefahr die auf uns zukomme. Ich habe ehrlich gesagt nie ein sonderliches Vertrauen zu ihm gehabt." 

In Elena keimte ein Verdacht, doch sie wagte nicht diesen vor der Schwester auszusprechen. Sie glaubte sich plötzlich zu erinnern, Folko schon mal im Umkreis des Blauen Orden gesehene zu haben. Doch sie verwarf diesen Gedanken so schnell wie er gekommen.

„Wer weiß! Womöglich tut er recht damit! Wir alle täten besser das Weite zu suchen. Statt dessen sitzen wir hier und warten wie das Kaninchen vor der Schlange.“ Elena watete durch das Dickicht auf Colette zu. „Du hast Recht! Wir müssen zusammenstehen, müssen überlegen was zu tun ist. Ich komme!“

„Lass dir Zeit! Auf die paar Minuten kommt es nun auch nicht mehr an. Wenn die Melancholanien ins Chaos stürzen wollen, dann tun die das, ganz gleich ob wir dagegen auf begehren oder nicht.  Mich interessiert im Moment eigentlich nur, ob wir hier noch sicher sind:“ Gestand Colette.

„Ich denke das sind wir! Zumindest im Moment! Das Gute ist, das beide Seiten bestrebt sind, mich auf ihre Seite zu ziehen. Das ist unser Trumpf und den müssen wir gekonnt ausspielen:“ Erwiderte Elena, während beide den Weg zur Abtei einschlugen.

Im Refektorium waren derweil die meisten versammelt, auch Cornelius und einige aus seinem Stab hatten sich hier eingefunden.

„Ich bin froh dass du es noch geschafft hast, durchzukommen. Es wird ständig schwieriger sich da draußen fort zu bewegen?“ Begrüßte ihn Elena:

„Das kann man wohl sagen! Ich hätte nicht gedacht heute noch hier vor zu dringen. Diese Gegend wird derweil von den Leuten des Blauen Orden kontrolliert, aber das kann sich stündlich ändern.“ Erwiderte der Angesprochenen den man die Anspannung ins Gesicht geschrieben stand.

„Hast du eine Vorstellung wie wir uns verhalten sollten, Elena?“

„Nein, ich war der Meinung du hättest dir etwas ausgedacht!“ Gab Elena zu verstehen. Hilflosigkeit erfüllte den ganzen Raum.

„Es hilft nichts! Wir müssen eindeutig Partei für Neidhardt ergreifen. Es gibt in einer solchen Situation keinen Neutralität. Auch wenn mir nicht ganz wohl bei der Sache ist!“ Fuhr Cornelius weiter fort.

„Im Grund haben wir nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Von beiden Protagonisten ist am Ende nur eine Diktatur zu erwarten. Armes Melancholanien. Nun ist er ausgeträumt der Traum von der Freiheit, noch bevor er überhaupt begann.“ Schaltet sich Kovacs ein. Es war das erste Mal seit langem das er sich wieder in eine Diskussion einbrachte, ja, das er überhaupt auf der Bildfläche erschien. Elena war über diese Tatsache sehr glücklich, denn sie kam nicht umhin sich einzugestehen, dass sie die Situation ähnlich wie er betrachtete.

„Aber du kannst doch nicht Neidhardt mit Thoralf auf eine Stufe stellen. Ich kann nicht von mir behaupten Neidhardt sehr zu mögen, aber ich kann dir auf keinen Fall zustimmen. Neidhardt ist doch immerhin Revolutionär. Thoralf dagegen Vertreter einer menschenverachteten Ideologie der Ausgrenzung und Unterdrückung. Ich stimme Cornelius zu. Wir müssen uns positionieren!“ Widersprach Linus, der mit Cornelius gekommen war.

„Was sollen wir denn sonst tun Kovacs? Wir können doch nicht die Hände in den Schoß legen und Däumchen drehen.“ Warf Kyra in die Debatte ein.

„Natürlich müssen wir uns entscheiden. Eine schwerwiegende Entscheidung. Ich werde mit Neidhardt Kontakt aufnehmen und ihm signalisieren, dass wir auf seiner Seite stehen.“ Bot Elena an.

„Aber du musst ihm Bedingungen stellen! Du kannst ihm nicht die ganze Machtfülle in die Hände spielen. Das wäre fatal.“ Warnte Kovacs eindringlich.

„Wir können doch jetzt keine Bedingungen aushandeln. Wir müssen zusammenstehen. Alle fortschrittlichen Kräfte müssen zusammenarbeiten, wenn auch tiefe ideologische Gräben zwischen ihnen klaffen. Der gemeinsame Gegner muss eliminiert werden. Danach ist immer noch Zeit Bedingungen auszuhandeln. Neidhardt ist das kleinere Übel!“

Cornelius erntete für diese Aussage allgemeine Zustimmung. Kovacs schwieg und senkte deprimiert den Kopf. Er musste sich fügen, musste sich eingestehen, das es im Moment in der Tat keine Alternative gab.

„Gibt es eine Möglichkeit zum Sender vorzudringen? Du und Cornelius solltet euch ebenfalls an die Volksmassen zu wenden. Bietet einfach die Unterstützung der Neuen Liga an.“ Meinte Leander zu Elena gewandt.

„Eine gute Idee! Das werden wir tun! Schnell werden sich uns andere Kräfte an schließen. Parteien, Vereine, Gewerkschaften. Es muss ein großes Bündnis entstehen.“ Begeisterte sich Cornelius.

Pater Liborius der ebenfalls zugegen war erhob sich und sprach mit sanfter Stimme.

„Ich kann mich dem nur an schließen! Ich appelliere an die Mitglieder der kleinen noch vorhandenen christlichen Gemeinden sich dem Widerstand anzuschließen. Auch meine Glaubensbrüder werden in dieser Stunde nicht beiseite stehen.“

„Das ist wunderbar!  Neidhardt hat es schon angekündigt. Ein Generalstreik! Das Land wird vollständig lahm gelegt! Kein Rad darf sich mehr drehen. Auf diese Weise zwingen wir diese Reaktionäre in die Knie!“ Frohlockte Linus.

„Ich kenne Lars noch sehr gut aus meiner Zeit in der Fabrik, ihn werde ich ebenfalls kontaktieren. Ich denke die haben sicher schon ähnliches ausgeheckt. Wir müssen auf jeden Fall einen Großteil der Bevölkerung erreichen. Die Arbeiter aus den Fabriken sind da ein bedeutender Faktor.“ Glaubte Leander zu wissen.

„Wir unterstützen Neidhardt und beweisen damit dass wir eine gewaltige Kraft sind. Wenn wir siegen, wird er uns im Anschluss nicht so leicht beiseite schieben können. Wir sind imstande uns eine aussichtsreiche Position zu erkämpfen. Ist die Gefahr gebannt, kehren wir zur sachlichen Arbeit zurück. Immerhin ist die Neue Liga die Siegerin der Parlamentswahl!“ Stimmte Elena zu. Glaubte sie in diesem Moment tatsächlich Neidhardt nach Ausschaltung des Blauen Ordens einfach in die Schranken weisen zu können?

Noch immer schien sie den Charakter ihres zukünftigen Gegenspielers nicht einschätzen zu können. Ein fataler Fehler.

„Kovacs! Was ist mit dir? Wirst du dich uns wieder bei uns einreihen? In dieser Stunde an unserer Seite stehen?“ Cornelius direkte Frage ließ kein ausweichen zu.

„Natürlich werde ich an eurer Seite stehen! Was dachtest du denn? Das ich mich auf die Seite der blauen Reaktionäres stelle? Ich helfe euch so gut ich kann. Werde auch zu den Massen sprechen, wenn ihr es für richtig erachtet. Trotzdem sind meine Befürchtungen nicht überwunden.“

Kovacs Aussage sorgte für große Freude im Raum. Besonders Elena fiel ein Stein vom Herzen über die Tatsache, dass sie einen Freund zurück gewonnen hatte.

Sie fiel ihm einfach um den Hals.

„Ich bin so froh, dass du wieder auf unserer Seite stehst! Ich habe zu sehr darunter gelitten, dass wir uns entfremdet haben. Nun wird alles wieder gut!“

Kovacs schwieg! Er wollte ihre Freude durch seinen immer noch vorhandenen Zweifel nicht trüben.

Es waren nicht alle anwesend! Folko wohnte der Versammlung aus den verständlichen Gründen nicht bei. Seine Abwesenheit schien aber kaum ins Gewicht zu fallen.

Auch der Tatsache das Ronald und Ansgar nicht zugegen waren, viel erst in dem Moment auf als sie mit Reisegepäck in der Tür erschienen.

„Was…was ist denn mit euch los? Wo in aller Welt wollt ihr denn hin?“ Rief ihnen eine erstaunte Alexandra entgegen.

„Wir haben uns schon lange entschieden! Neidhardt hat allen ehemaligen Funktionären angeboten in die Reihen der Radikal-Revolutionäre zurückzukehren. Alle Zwistigkeiten von einst sind aufgehoben, angesichts der Gefahr der wir uns zu stellen haben. Ich gehe zurück und Ansgar hat sich ebenfalls zu diesem Schritt entschieden.“ Antwortete Ronald ohne Umschweife.

„Aber das kann doch nicht dein ernst sein? Du…du willst mich hier einfach so sitzen lassen? Ich… ich glaube  es nicht!“ Entsetzte sich Alexandra.

„Ich glaube es ebenfalls nicht! Wollt ihr alles aufgeben, was wir in den letzten Monaten hier aufgebaut haben? Haben unsere gemeinsamen Träume bei euch am Ende doch zu wenig ausgelöst?“ Pflichtet ihr Elena bei.

„Träume? Ja, es waren Träume, schöne Träume zugegeben. Ich habe mich hier sehr wohl gefühlt. Das ist nicht das Problem. Aber jetzt erleben wir eine andere Situation. Da können wir uns nicht mehr auf Träume verlassen. Handeln ist angesagt. Ich bin im Grunde immer einer von Neidhardts Leuten geblieben, auch wenn ich in der Zeit hier viel dazulernt habe und viele meiner früheren Ansichten revidieren konnte. Nun muss ich einfach gehen!“

„Dann geh doch! Geh doch einfach und vergiss mich!“ Mit Tränen in den Augen stürzte Alexandra aus dem Saal.

„Die Zeit mit euch war die schönste meines Lebens. Ich werde sie immer in guter Erinnerung behalten. Aber auch ich muss gehen. Die Pflicht ruft einfach. Ich denke, dass ich auf diese Weise, dem Blauen Orden am Besten bekämpfen kann. Am Ende wird es auch unserer Kommune zugute kommen.“ Bekannt nun auch Ansgar.

Betretenes Schweigen! Niemand vermochte in diesem Augenblick noch ein Wort zu sagen.

Allen war bewusst, was das bedeutete. Die Kommune begann sich langsam aufzulösen. Es war nur eine Frage der Zeit bis sich der nächste verabschiedete.

Wie würde sich Leander entscheiden? Elena wagte nicht daran zu denken.

Der schwieg derweil und senkte nur den Kopf.

„Siehst du Elena! Nun tritt ein was ich stets befürchtet. Ich muss gestehen, versagt zu haben. Ich konnte mit meinen Ideen und Visionen noch viel zu wenig auslösen. Zu schwach, alle sind einfach zu schwach in ihrer Entschlossenheit. Zu sehr gefangen in den alten Fallstricken. Die Menschen sind noch nicht bereit sich selbst zu regieren. Ruft der Feldherr folgen sie ihm alle bereitwillig in die Schlacht, ohne auch nur über die Konsequenzen nach zu denken. Nun wird unser kleines Pflänzchen Hoffnung zertreten. Zertreten von den Stiefeln der Macht. Unser Land wird zurückgeworfen um viele Jahrzehnte. Und niemand vermag zu sagen was nun kommen wird. Ich kann nur hoffen und wünschen, das unsere Land mit möglichst wenig Blassuren davon kommt.“

Kovacs drückte das aus was viele in diesem Augenblick dachten. Keiner hätte einen besseren Abgesang anstimmen können in diesem Moment der Verzweiflung.

 

Die Meldungen überschlugen sich. Stündlich wurden neue Veränderungen verkündet.

Spät am Abend, kurz vor Mitternacht, meldete der Rundfunk dass  die Rebellion niedergeschlagen sei und der Blaue Orden das Heft fest in der Hand hielt. Nun war die Verwirrung perfekt.

 

Im Morgengrauen des dritten Tages herrschte die gewohnte Betriebsamkeit auf Melancholaniens Straßen, es hatte den Anschein, als habe es gar keinen Umsturz gegeben.

Darin lag auch die größte Gefahr, dass die Menschen zur Tagesordnung übergingen und alles über sich ergehen ließen, nur damit Ruhe einkehre und man seinen gewohnten Tagesgeschäften nachgehen konnte. Dafür waren die meisten sogar bereit eine Diktatur in Kauf nehmen.

Lediglich die vielen bewaffneten Posten die auf den Straßen patrouillierten, willkürlich Passanten stoppten und deren Papiere kontrollierten, den einen oder andern auch zum mit kommen nötigten, ließ darauf schließen das eben doch kein Alltag herrschte.

In ihrem Kleinbus versuchte sich Elena gemeinsam mit Colette, Gabriela, Chantal, Kyra und Alexandra durch den Straßenverkehr zu kämpfen.

Sie waren in mehreren Gruppen aufgebrochen und versuchten das Gebäude von Solar-TV zu erreichen. Der Sender befand sich im Ostteil von Manrovia und wurde von Neidhardts Revolutionären kontrolliert, während sich der Westteil in den Händen des Blauen Ordens befand. Der hatte eben doch nicht alles unter Kontrolle, wie am Vorabend vollmundig verkündet.

Neidhardt erwartete die Abordnung. Er hatte sich bereit gefunden eine gemeinsame Erklärung zu verlesen. Darin sollte die Bevölkerung zum zivilen Ungehorsam der neuen Regierung gegenüber aufgerufen werden, was nicht weniger als den Generalstreik bedeutete, den er ja schon am Vortag verkündete, einem Ansinnen, dem aber bisher niemand nach zu kommen schien.

Das Problem bestand darin sich erst einmal durch die hermetisch abgeriegelte Demarkationslinie zu kämpfen. Elena war bekannt wie ein bunter Hund, man würde sie sofort enttarnen und sie dazu nötigen mit zu kommen.

Cornelius, Leander, Kovacs sowie die andern befanden sich ebenfalls auf dem Weg zum Sender. Man hatte sich dazu entschlossen in mehreren kleinen Gruppen aufzubrechen, in der Hoffnung dass wenigstens eine davon passieren konnte.

Elena hatte sich geschickt unter der hinteren Ladefläche versteckt, darauf hoffend, dass die Posten, sollten sie denn gestoppt werden, nicht all zu gründlich nachforschten. Mehrmals wurden sie angehalten und kontrolliert, doch dass Glück schien auf ihrer Seite. Es handelte sich um reine Personenüberprüfungen, für den weiteren Inhalt des Wagens schien sich niemand zu interessieren. Elena blieb unbehelligt.

Endlich befanden sie sich auf der anderen Seite der Demarkationslinie und erreichten problemlos ihren Zielort.

Zu ihrer großen Freude stießen sie dort schon auf die anderen, die dort kurz vor ihnen eingetroffen waren.

Neidhardt hatte alles hermetisch abriegeln lassen. Bewaffnete Milizionäre postierten sich rund um das Sendegebäude, jederzeit bereit einen feindlichen Angriff abzuwehren, denn mit einem solchen musste ständig gerechnet werden.

Neidhardt, wie immer in seine mausgraue, hoch geschlossene Parteiuniform gekleidet, erwartete sie schon voller Ungeduld am Eingang und rang sich eine kurze, freundlich ummantelte Begrüßung ab.

„Ich grüße dich Elena, dich und deinen Begleiterinnen. Wie ich sehe konnten euch die feindlichen Posten nicht auf halten. Gut, sehr gut! Dann können wir gleich zur Tat schreiten. Die anderen warten schon. Je schneller desto besser!“

Er streckte Elena die Hand entgegen und drückte diese sanft, so als schien er zu glauben ein Porzellanpüppchen zu berühren.

Noch ehe Elena seinen Gruss erwidern, oder etwas anderes sagen konnte, wandte er ihr den Rücken zu und schritt scharfen Schrittes in Richtung Foyer. Die anderen mussten sich eilen um Schritt zu halten.

„Danke für die freundliche Begrüßung Neidhardt!“ Rief ihm Elena nach, doch er schenkte dem keine weitere Beachtung.

Im Studio herrschte ein fast chaotisches Treiben. In aller Hektik hatte man alles hergerichtet und dabei viel improvisiert.

Cornelius, Leander und die andern standen dicht gedrängt beieinander. Elena gesellte sich ihnen zu.

Neidhardt kommandierte wie ein Feldherr vor der Schlacht und gab konkrete Anweisungen für die in wenigen Augenblicken geplante Übertragung.

Alles sollte rasch und mit möglichst wenigen Verzögerungen durchgeführt werden.

Erstaunlicherweise gewährte Neidhardt Cornelius den Vortritt. Dieser sollte als Erster sprechen, Elena als zweite und erst an dritter Stelle wollte er selbst das Wort ergreifen.

Dann ging es der Reihe nach weiter. Kovacs z. B. aber auch Pater Liborius sollte ein paar Worte an die Bevölkerung richten.

Alles musste sehr schnell über die Bühnen gehen. Es waren daher nur kurze Statements zu erwarten, die aber an Aussagekraft besaßen.

Der Blaue Orden würde nichts unversucht lassen um zu verhindern, dass die Bevölkerung jene Worte des Aufruhrs zu hören bekam.

 

Cornelius eröffnete den Reigen der Beschwörungen:

 

„Bürger von Melancholanien! Eine kleine Clique von Verschwörern die allesamt aus den Reihen des berüchtigten rechtsextremen Blauen Orden kommen, hat die Macht in unserem Lande an sich gebracht und eine widerrechtliche Regierung gebildet. Sie missachten damit den Willen der übergroßen Mehrheit unseres Volkes, das sich in einer freien, gleichen und geheimen Wahl für einen Regierungswechsel und einen damit verbundenen radikalen Neuanfang ausgesprochen hat. Diese selbsternannte Regierung ist durch nichts legitimiert.

Alle ihre Anordnungen und Erlasse sind Null und Nichtig. Schenkt ihren Befehlen keine Beachtung. Verweigert euch ihnen in allen Lebensbereichen. Lasst euch auf keinen Fall einschüchtern. Eine übergroße Mehrheit unseres Landes steht ihnen ablehnend gegenüber. Ihre Regierungsgewalt steht auf tönenden Füßen. Wenn wir alle zusammenstehen, können wir sie in die Knie zwingen und somit eine Terrorherrschaft über Melacholanien verhindern.

Lasst uns ein Exempel statuieren und ein für alle mal bekunden, das für solche Ansichten und Methoden in Melachcholanien kein Platz ist. Wir müssen unsere Absicht bekunden, dass es keinerlei Zusammenarbeit mit Extremisten geben kann. Wir werden dieses Land verteidigen und es nicht den Händen von Verbrechern überlassen.“

 

Die sonst so routinierte und medienerprobte Elena drohte die Stimme zu versagen, sie musste mit den Tränen kämpfen. Nur unter Schwierigkeiten gelang es ihr, ihr Statement vorzutragen.

 

„Liebe Mitbürger und Mitbürgerinnen, ich spreche zu euch als die durch freie Wahlen hervorgegangene Kanzlerin. Ihr habt mir euer Vertrauen geschenkt, ihr habt eure Hoffnung auf mich gesetzt. Ich bin nach wie vor bereit diesem Auftrag nachzukommen. Aber wie ihr euch überzeugen konntet, passt es einigen ganz und gar nicht. Sie trachten mit allem Mitteln danach die Bildung einer neuen Regierung zu vereiteln. Sie wollen keinen Neuanfang und keine Gerechtigkeit in unserem Land. Sie wollen das Rad der Geschichte zurückdrehen. Mit diktatorischen Methoden hoffen sie eine Ordnung aufrecht zu erhalten die sich schon lange überlebt hat. Eine Ordnung die jedwede Legitimität verloren hat.

Bei freien Wahlen werden Leute vom Blauen Orden niemals eine Chance bekommen die Macht zu übernehmen. Nun versuchen sie sich gewaltsam zu holen, was ihnen auf legalem Weg versagt bleibt. Wir dürfen das niemals zulassen und ihnen uns mit allen Mitteln die uns zur Verfügung stehen widersetzen. Lasst uns zusammenstehen. Lasst uns ideologische Grenzen überwinden. Es geht darum eine Gruppe extremer Menschenfeinde zu schlagen.

 Das wird uns nur gelingen wenn wir an einem Strang ziehen. Reicht euch die Hände zur Versöhnung und laßt uns kämpfen!“

 

 

Neidhardt ließ in seiner Ansprach natürlich kein gutes Haar an den Putschisten.

„Heraus auf die Straßen, Volk von Melancholanien. Ich sage euch nur eins, kämpft, kämpft, kämpft. Ich kann es auch noch hundertmal wiederholen, wenn ihr wollt, solange bis ihr begriffen habt, worum es in dieser historischen Stunde geht. Wir stehen an einem Scheideweg. Wollen wir eine neues, ein bessere Melancholanien, oder wollen wir einen Rückfall in die finsterste Barbarei.   Entscheidet euch! Aber bald! Wir können uns keine Verzögerung leisten. Treiben wir dieses reaktionäre Gesindel in die Rattenlöcher zurück aus denen sie kamen. Räuchern wir ihre Brutnester ein für allemal aus. Der Blaue Orden ist ein Krebsgeschwür im gesunden Organismus unserer Gesellschaft. Für ihn kann und darf es in der neuen Ordnung keinen Platz mehr geben. Diese Leute werden sich nie in eine egalitäre Gesellschaft einfügen können. Denn ihnen geht es nur um Macht und Herrschaft. Jedes Mittel wird ihnen recht sein, ihr verbrecherisches Handwerk auszuführen.

Stellen wir uns ihnen in den Weg. Keinen Meter werden wir ihnen kampflos überlassen. Auch wenn wir einen hohen Blutzoll die Folge ist. Vor denen beugen wir uns nie. Kapitulieren kommt nicht in Frage.

Stehen wir zusammen. Es lebe die Revolution!“

 

Kovacs wandte sich wie so oft ausgesprochen poetisch-theatralisch an die Bevölkerung.

„Melancholanier und Melancholanierinnen ihr habt meine Vorredner und Vorrednerinnen gehört. Da gibt es eigentlich nichts hinzu zu fügen. Genug der pathetischen Worte bin ich geneigt zu sagen. Ihr könnt euch beteiligen oder nicht, ihr könnt auf die Straße gehen und euren Unmut bekunden, oder ihr könnt einfach zu Hause bleiben, so wie es euch beliebt. Ich kenne meine Melancholanier. Ihr seid immer sehr vorsichtig gewesen, seit Generationen. Nur ja nicht die ersten sein die sich zu ihrem Protest bekennen. Immer abwarten ob nicht schon andere voraus gegangen sind.

Natürlich ist das eine riskante Sache. Die Putschisten sind gefährliche Leute, die kennen keine Gnade. Warum sollte sie auch. Die denken elitär. Für die seid ihr nur eine Masse Herdenvieh, das sich anzupassen hat oder verschwindet.

Gut, beteiligt euch nicht und bleibt zu Hause, dann lebt ihr weiter, wenigstens noch für eine Weile. Aber was für ein Leben erwartet euch dann? Ich wage gar nicht darüber nach zu sinnen. Armselige Gestalten seid ihr dann, so armselig, das ihr euch nicht einmal traut am Morgen in den Spiegel zu blicken, denn das was ihr da zu sehen bekommt ist ein trauriger Abgesang an alles menschliche. Ihr seid Mäuse, graue Mäuse, als Menschen verkleidet. Hirnlose Roboter, ferngesteuert. Vom Stumpfsinn gelähmt.

Jeder Mensch ist frei geboren. Die Freiheit ist das höchste Gut. Geht auf die Straße, kämpft für die Freiheit, ihr riskiert dabei eurer Leben, sicher. Aber es ist allemal besser für eine gute Sache zu sterben, als jenes Joch der Knechtschaft zu ertragen das euch dann erwartet.“

 

Pater Liborius schloss sich an, er wandte sich vor allem an die kleine Herde der christlichen Gemeinschaften, die mit sich rangen, ob sie sich an dem Protest beteiligen durften.

„Menschen von Melancholanien, ich wende mich vor allem an jene die noch dem christlichen Glauben anhängen, es sind wahrlich nicht mehr viele. Wir gehören in diesen dramatischen Stunden an die Seite der Protestbewegung. Es gibt keine Alternative. Wir dürfen uns nicht herausnehmen. Dieser Regierung, mit unlauteren Methoden an die Macht gelangt, haftet nichts Menschliches an. Diese Regierung ist nicht von Gott, sie verkörpert das abgrundtief diabolische. Die Ansichten dieser Regierung stehen im krassen Gegensatz zum christlichen Menschenbild. Ein Schreckensregime von gigantischem Ausmaß erwartet uns durch deren Protagonisten. Ihr braucht denen keine Gefolgschaft zu leisten. Ich entbinde euch davon. Kommt mit uns, schließt euch an. Kämpfen wir gemeinsam mit allen Menschen guten Willens für eine Welt der Sanftmütigkeit und Liebe, für eine Welt in der euch ein jeder der Nächste ist.“   

 

Colette bekannte sich zu Harmonie und Verständigung: "Lasst uns daran gehen ein Reich der Liebe und der Verständigung aufzubauen. Ich sehe eine neues Kraft zu uns strömen. Es liegt an uns sie aufzugreifen und zu verwirklichen. Doch vorher müssen wir durch ein dunkles Tal der Tränen. Dort wo heute Thoralf und seine finsteren Gesellen thronen könnte schon morgen die Schwesternschaft der Liebe, der Solidarität und der Versöhnung herrschen.  Ich werbe hiermit dafür dass ihr uns in unserem Kampf unterstützt. Lasst uns nicht allein in dieser Stunde der Not. Schließt euch an und alle werden wir schon bald die Früchte dessen genießen, was wir vor Zeiten aussäen konnten."

 

Es folgten weitere Ansprachen, kurze Statements, die verschieden Strömungen im Lande repräsentierten, die allesamt ihre Bereitschaft bekundeten sich an den ausstehenden Protesten zu beteiligen.

 

Diese Redebeiträge gingen reibungslos über die Bühne und erreichten weite Teile der Bevölkerung und sie verfehlten ihre Wirkung nicht.

Zu groß schien doch das Misstrauen in die Machenschaften des Blauen Ordens. Die Menschen hatten sich zwar damit abgefunden das es ihn gab und das er auch großen Einfluss in den Bereichen Politik, Wirtschaft. Medien und Militär besaß, aber diesem nun die vollständige Alleinherrschaft über das ganze Land zu überlassen, ging dann  doch zu weit.

Und was die Vertreter des Bündnisses zu sagen hatten klang doch weit mehr als überzeugend.

Am darauf folgenden Morgen stand  ganz Melancholanien still. Etwa 90% der Menschen folgten dem Aufruf zum Generalstreik und blieben einfach zu hause.

Kein Rad drehte sich mehr. Die gesamte Produktion war vollständig zum erliegen gekommen. Die Straßen wie leer gefegt, kein Fahrzeug rollte über die sonst so überfüllten Straßen der Hauptstadt, des ganzen Landes. Auch der öffentliche Nah-und Fernverkehr lahm gelegt.

Schulen, Universitäten, Museen, Theater, Kinos, sämtliche öffentliche Einrichtungen blieben geschlossen.

Gespannte Ruhe überall. Angst regierte die Seelen der Menschen. Denn niemand vermochte zu sagen, wie es nun weiter gehen sollte.

Würde sich der Blaue Orden kampflos zurückziehen? Sich einfach in die Knie zwingen lassen? Damit war kaum zu rechnen, denn zuviel stand für die Selbst ernannten Heilsbringer auf dem Spiel.

 Nichts weniger als ihre Glaubwürdigkeit. Würden sie jetzt nachgeben,  gab es nur noch die Möglichkeit den Orden auf zu lösen.

Doch ein kleines Flämmchen glimmte. Denn bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt. Möglicherweise war es doch gelungen die Putschisten mit gewaltlosem Widerstand in die Schranken zu weisen.

Am dritten Tag gab es dann die ersten Massendemonstrationen. Plötzlich füllten sich die Straßen mit Menschen.

So unterschiedlich sie auch waren, sie einte in dieser Stunde einfach nur der Wunsch, dass der Blaue Orden sich zum Teufel scherte.