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Der Engel aus dem Norden

 

Eine Woche war seit Elenas seltsamen Traum vergangen. Langsam aber sicher machte sich Ungeduld in ihrer Seele breit.

 

Die Prophezeiung harrte nach wie vor ihrer Erfüllung. Noch immer war ihr kein Mensch begegnet, dessen Ausstrahlung ihr Herz hätte entflammen können. So viele Männer waren ihr in den letzten Tagen über den Weg gelaufen, doch  nichts geschah. Sie würde den Menschen sofort erkennen, hatte Kovacs ihr gesagt. Es versteht sich von selbst, dass all Jene, die aus dem Norden eintrafen, ihre ganz besondere Aufmerksamkeit erregten.

„Ach Kovacs, alter Freund, warum nur musst du immer in solchen Rätseln zu mir sprechen?“, bedauerte Elena.

Hatte sie wirklich die Augen offen gehalten, wie Kovacs ihr im Traum so dringend ans Herz gelegt hatte? Oder war die Person bereits unverrichteter Dinge an ihr vorbei geschritten?

Ihre Tätigkeit nahm sie derart in Anspruch, dass es ihr kaum gestattet war, die Personen die ihr tagtäglich zuhauf begegneten, genauer in Augenschein zu nehmen.

Es bestand kein Zweifel, sie hatte ihre Chance vertan. Kummer bemächtigte sich ihrer. Also auch weiterhin in der Einsamkeit dahinwelken. Offensichtlich hatte das Schicksal sie dazu verdammt. Kein Mensch an ihrer Seite. Nicht heute, nicht morgen, nicht … .

Elena stürzte sich in ihre Arbeit, um sich nicht noch weiter in diesen Gedanken zu verlieren.

Aus und vorbei, basta.

 

Eines Abends, Elena hatte gerade ihr Tagwerk beendet und die Tür hinter dem letzten Patienten geschlossen, drohte wieder einmal der Absturz in die Depression, wie so oft in den zurückliegenden Monaten. Elena fühlte sich nur noch müde und verbraucht.

„Puah, Geschafft! Ich dachte schon, dieser Tag würde nie zu Ende gehen. So viele auf einmal hatten wir schon seit langem nicht mehr.“ stöhnte Klaus und ließ sich erschöpft auf einen Hocker nieder.

" Kannst du nichts machen. Liegt an den vielen Neuankömmlingen aus dem Norden.

Ich kann mir gar nicht vorstellen, wo die alle her kommen. Da oben dürfte ja kaum noch eine Menschenseele anzutreffen sein.  Problematisch wird es, wenn die letzte Notunterkunft vergeben ist.“ erwiderte Elena.

„Mir ist zu Ohren gekommen, dass Neidhardt die leer stehenden Wohnkomplexe der Oberschicht beschlagnahmt haben soll, um für mehr Wohnraum zu sorgen.“ schaltete sich Gabriela ein, während sie das Mobiliar säuberte.

„Wurde auch höchste Zeit. Das kündigen die schon seit Ende der Revolution an und nichts geschah. Wen wunderts, haben doch schon wieder all zu viele der alten Bosse an Einfluss gewonnen in der neuen Regierung. Cornelius könnte sich dadurch eine Menge Feinde machen.“ stellte Elena fest.

„Ach die hat er schon. Ich denke, er ist sich dessen bewusst und geht deshalb aufs Ganze. Eine Gruppe Feinde mehr, was macht das schon noch aus.“ meinte Klaus.-

„Ich denke, es war ein Fehler von mir, den Kontakt so schnell abzubrechen. Ich hätte bedeutend mehr rausholen können.“ resignierte Elena.

„Nach allem, was er dir angetan hat? Du hattest vollkommen Recht. Ich hätte keinesfalls anders gehandelt.“ warf Gabriela aufgebracht ein.

„Genug für heute, ihr zwei. Lasst alles stehen und liegen. Genug gearbeitet. Ihr habt heute mehr getan als erforderlich. Was sollte ich nur ohne euch tun. Schlaft euch morgen richtig aus. Ihr habt es verdient.“ bestimmte Elena, während sie Gabriela den Schrubber aus der Hand nahm.

„Aber nur unter der Bedingung dass auch du Feierabend machst. Wir warten solange hier bis du … .“ versuchte Gabriela zu protestieren, doch Elena grub ihr das Wort ab.

„Natürlich mache ich Schluss. Untersteht euch, auf mich zu warten. Ab nach Hause“

Nachdem beide zauderhaft nachgaben und den Raum verlassen hatte, löschte Elena das Licht und begab sich in den langen, mit grünen Neonlicht ausgeleuchteten Flur und erreichte schließlich ihr Büro das sie sich im unterem Stockwerk von Cornelius alter Kulturfabrik eingerichtet hatte, die seid einiger Zeit als Hauptstandort ihres Hilfsprojektes fungierte.

Mit einem Stöhnen ließ sie sich an ihrem Schreibtisch nieder, auf dessen Oberfläche sich Papiere stapelten, so dass sie kaum noch dahinter zu erkennen war. Alles unbeantwortete Korrespondenz, die ihrer Bearbeitung harrte.

Sie griff nach einem Papier um es sogleich wieder fallen zu lassen. Wie ein gefräßiger schwarzer Geier senkte sich die Depression auf ihr Gemüt. In letzter Zeit genügte schon ein kleiner Gedanke oder Erinnerungsfetzen an die lieben Menschen die sie verloren hatte, um eine depressive Phase hervor zu rufen.

Wieder einmal war es soweit. Mit beiden Händen griff sie an ihren Kopf, dann beugte sie sich langsam, wie in Zeitlupe zur Tischplatte, schluchzte kurz auf um sich dann den Tränen hinzugeben, die wie ein Wasserfall aus ihren Augen schossen.

Nach einer Weile hatte sie den Eindruck als könne sie aus der mit großen Pappkartons verstellten gegenüberliegenden Ecke einen Menschen atmen hören. Ganz leise, aber regelmäßig.

Sie hob den Kopf , schnifte kurz in ihr Taschentuch, dann blickte sie mit ihren verweinten Augen in Richtung der vermuteten Geräuschquelle

„Ist jemand hier? Zeige dich doch, wenn du mit mir sprechen willst!“, fordert Elena mit einiger Anspannung in der Stimme.

Plötzlich raschelte es tatsächlich hinter einem der Kartons. Langsam erhob sich im Dunkel eine Gestalt und bewegte sich zaghaft auf Elena zu.

Das herabfallende Deckenlicht streifte ein zartes, von dichten rabenschwarzen Locken gerahmtes Gesicht, aus der ihr ein leuchtend blaues Augenpaar entgegenblickte. Die glatte bräunliche Haut glänzte wie ein Apfel, die schmalen Lippen formten sich zu einem bezaubernden Lächeln, das Elena sofort in den Bann zog.

Vor ihr erschien eine junge Frau, etwa Mitte 20, deren Anmut Elena die Sprache verschlug.

„Verzeih mein Eindringen.“ begann die Fremde mit melodischer Stimme die Stille zu durchbrechen. „Ich habe mich während eines günstigen Augenblickes eingeschlichen. Auf andere Weise war das leider unmöglich. Seit vier Tagen versuche ich nun schon zu dir Kontakt aufzunehmen, aber ich bekam immer die gleiche Antwort. Elena sei zu beschäftigt.

Ich heiße Madleen, ich komme aus dem Norden, wie so viele in den letzten Wochen.

Viele Tage war ich unterwegs. Ich … ich bin gekommen, um dir meine Hilfe an zu bieten, dass heißt natürlich nur, wenn du derer bedarfst.“

Noch immer sprachlos, starrte Elena auf das Gesicht der Fremden. Sie konnte sich nicht erinnern, je ein Antlitz erfüllt von soviel Schönheit und Liebreiz erblickt zu haben.

Eine Stimme, die willenlos machen konnte. Elena spürte einen starken Strom ihren Körper durchfluten, der ihren Kopf und ihr Herz entflammte. Im Rausch der Betrachtung hätte sie fast vergessen, zu antworten. Es gelang ihr einfach nicht, ihre Gedanken in Worte zu kleiden.

„Bist du mir  böse, dass ich einfach so, ohne Voranmeldung eingedrungen bin?“, fuhr die junge Frau fort. „Es tut mir leid. Wenn du im Moment keine Zeit hast, wäre ich dankbar, wenn du mir sagst, wann ich wieder kommen kann.“

„Wie? Äh, ja … äh. Ich meine nein. Was quatsche ich denn? Natürlich … natürlich habe ich Zeit. Ich meine, ähh, ich war nur so überrascht,“ stotterte Elena, die nur langsam wieder ihrer Sprache mächtig wurde.

„Aber steh doch nicht so vor mir. Komm setz dich, setz dich einfach zu mir.“

Elena erhob sich kurz um einen Stuhl in Positur zu rücken, dabei fiel ein Stapel Akten vom Tisch und landete direkt vor Madleens Füßen.

Diese machte sogleich Anstalten sich zu bücken, um die Papiere aufzuheben.

Erst jetzt bemerkte Elena den erbarmungswürdigen Zustand der jungen Frau. Diese war in alte  durchlöcherte Jeans und einen Parka gekleidet. An den Füßen trug sie alte Leinenturnschuhe. Alles durchnässt und klamm, dazu vollständig verdreckt. Ihr Haar hing wie ein nasses Wischtuch herab.

Für Elena bestand nicht der geringste Zweifel.  Die Person, von der Kovacs in ihrem Traum gesprochen hatte, war eine Frau.

Ihr Erscheinungsbild, ihre Herkunft, die Art ihres Auftauchens und nicht zuletzt die gewaltige Reaktion in Elenas Gefühlswelt, alles deckte sich mit Kovacs Voraussagen.

Sollte es tatsächlich so etwas wie Liebe auf den ersten Blick geben, hatte Elena soeben damit Bekanntschaft gemacht.

„Komm, setz dich doch. Nicht so ängstlich. Nimm Platz! Was kann ich für dich tun?“, lud Elena erneut ein und griff nach den Händen der Frau. Madleen ließ sich auf einem Stuhl, ihr gegenüber nieder.

„Aber was ist mit dir. Du… bist ja eiskalt. Und krank siehst du auch noch aus.“ stellte Elena fest und fuhr mit dem Handrücken über Madleens Stirn und Wangen.

Elena konnte sich kaum zurückhalten, sie musste dieses märchenhafte Geschöpf einfach berühren, dabei spürte sie, wie ihr erneut eine geballte Macht an  positiver Energie durch den Körper floss.

„Ich vermute dass du Fieber hast. Eine Erkältung hat dich erwischt und du dürftest dich gar nicht so lange im Freien aufhalten.“

„Ich bin seit Tagen unterwegs, zu Fuß, die meiste Zeit. Es gab keine andere Möglichkeit, hierher zu kommen. Aber ich musste dich einfach finden. Ich mache alles, was du willst. Ich meine, ich will es versuchen. Ich bin ausgebildete Krankenschwester, wenn ich auch recht wenig Berufserfahrung habe. Bitte, gib mir eine Chance. Ich werde alles tun, um dich nicht zu enttäuschen. Ich möchte einfach nur in der Nähe der großen Elena sein.“

„Große Elena? Nun ich bin zwar 1,89 groß. Das mag für eine Frau schon eine beachtliche Körpergröße sein. Aber ob man mich deshalb gleich die große Elena nennen muss.“ gab diese ironisch zur Antwort.

„Ich denke da nicht an die Körpergröße, ich meine doch….,“ wollte Madleen erwidern, doch Elena fiel ihr sanft ins Wort.

„Ich weiß sehr wohl, was du zum Ausdruck bringen willst. Aber wie ich schon sagte, das bedeutet mir nichts. Wir sind hier alle gleich. Ich denke schon, dass ich dich brauchen kann.

Darüber werden wir noch sprechen.“

„Du willst mich tatsächlich?“, rief Madleen voller Begeisterung aus. Dann zog sie Elenas Hände zu sich und badete diese in einer Flut von Küssen.

Elena wehrte ab.

„Nicht die Hände, Madleen. Zum Küssen ist doch das Gesicht da. Aber nicht, dass du mich gleich ertränkst.“

In Madleens Augen brannten Freudentränen, als sie diesem Ansinnen nachkam und Elenas Wangen küßte. Diese fühlte sich danach beinahe wie benommen.

„Sag mal, wenn du schon seit vier Tagen hier bist, wo hast du denn gewohnt  die ganze  Zeit.

Ich meine, du musst doch irgendwo untergekommen sein.“

„Nun es ist alles hoffnungslos überfüllt. Am ersten Tag suchte ich mir Unterschlupf in einem alten Schuppen, doch war dieser entsetzlich kalt. Eine günstige Gelegenheit brachte mich in den Heizungskeller. Der ist zwar schmutzig aber dafür bedeutend wärmer.“

„Im Heizungskeller? Ja, jetzt wo du es sagst. Du bist ja voller Kohlendreck.“ nahm Elena mit Entsetzen zur Kenntnis.

„Ich war tagelang unterwegs. Es ging nur langsam voran. Ich schloss mich den Flüchtlingen an, die aus den nördlichen Gebieten kamen und ließ mich einfach treiben. Ein rechter Entschluss, so war ich relativ sicher. Ich konnte in Erfahrung bringen, dass in meiner Heimat zur Zeit nicht gekämpft wird. Das ist beruhigend. Weißt du, ich war schon längere Zeit nicht mehr dort oben. Oft haben wir unterwegs auf freiem Feld campiert. Das war mir gleich. Ich hatte ja ein Ziel. Ich kann es kaum glauben, dass ich am ende meiner Suche bin."

Tränen der Rührung traten in Elenas Augen.

„Du hast es geschafft und  bist am Ziel. Aber bevor du etwas beginnen kannst, musst du dich erholen. Du musst wieder richtig gesund werden.“

„Gibt es denn eine Möglichkeit, dass ich hier im Hause wohnen kann. Ich meine, solange, bis ich etwas gefunden habe. Nur endlich wieder mal ein ordentlicher Schlafplatz, das wäre was.

Mehr bedarf es im Moment gar nicht. Ein kleiner Raum, eine Kammer, was weiß ich, alles ist mir recht.“

„Tja, ich fürchte, das wird wohl nichts!“ wiegelte Elena ab.

„Nein, nicht möglich?“, entgegnete die junge Frau enttäuscht.

„Nein, weil ich eine viel bessere Idee habe. Du kommst ganz einfach mit zu mir in die Alte Abtei. Dort haben wir mehr als genügend Platz . Wenn du magst kannst du direkt bei mir wohnen. Dann bin auch ich nicht mehr so allein. Was hältst du davon?“

„Echt? Ich darf mit zu dir kommen?“, begeisterte sich Madleen überglücklich. „Du bist so gut. Ich…ich weiß gar nicht was ich sagen soll. Ich bin platt.“

„Worauf also warten wir noch? Es ist schon spät. Lass uns gehen! Du hast doch sicher Hunger. Wir werden gleich zusammen essen. Danach stecke ich dich in die Badewanne. Du nimmst erst mal ein ordentliches Erkältungsbad, das wird dir gut tun. Dann geht es ab ins Bett. Du wirst dich in aller Ruhe erholen, bis es dir besser geht.“

Plötzlich hatte es Elena außerordentlich eilig, nach Hause zu kommen.

„Ob mir das Recht ist? Natürlich ! Ich bin..... sprachlos!“ 

„Nun wollen wir aber wirklich gehen!“ sprach Elena und griff nach Madleens Hand.

Gemeinsam verließen sie das Gebäude. Draußen peitschte ein stürmischer Herbstwind durch die engen Gassen, trieb erste Schneeflocken heran. Es musste mit einem frühen Wintereinbruch gerechnet werden.

Sie bestiegen Elenas Auto und machten sich auf dem Weg.

Elena bemerkte, wie sehr ihr Begleiterin fror, ihre Kleidung war für diese Jahreszeit viel zu dünn.

Nichts bewegte Elena in diesem Moment mehr, als hinter das Geheimnis dieser sympathischen jungen Frau zu kommen. Doch sie wollte ihr Zeit gewähren, drängte nicht mit weiteren Fragen.

„So, gleich geschafft. In ein paar Augenblicken sind wir am Ziel. Da können wir wieder Wärme genießen.“ durchbrach Elena das gespannte Schweigen.

Elena steuerte den Wagen durch die große Pforte und kam auf dem Innenhof zum Stehen.

Ehrfürchtig blickte sich ihre Beifahrerin nach allen Seiten um, nachdem sie die Wagentür geöffnet hatte, so als habe sie ein Heiligtum von erhabener Große entdeckt.

„Die Alte Abtei! Ich glaub, ich träume. Hier also wohnt Elena! Nie im Leben hätte ich mir träumen lassen, einmal mit eigenen Augen zu sehen, wovon das ganze Land spricht.“ Madleens  Hand berührte die regennasse Wand des Konventsgebäudes.

„Komm, lass uns nach drinnen gehen oder willst du in diesem Schmuddelwetter Wurzeln schlagen? Es ist alles real, du träumst nicht.“ lächelte Elena ihrem noch immer dahinschwelgenden Gast zu.

Madleen folgte ihr, ängstlich um sich blickend, so, als fürchte sie doch, bald unsanft aus einem Traum geweckt zu werden. Sie erreichten das Obergeschoss des Konventsgebäudes, in dem sich auch Elenas abgeschlossene Wohnung befand. Diese hielt den Zeigefinger vor dem Mund. „Pst! Wir müssen etwas leise sein. Ich bin heute wieder spät dran. Die kleine Tessa schläft sicher schon lange. Wir wollen sie nicht wecken. Es genügt, wenn ihr euch morgen früh bekannt macht.“

Sie öffnete die Tür zum Kinderzimmer und lugte durch den Schlitz. Ihr Blick fiel auf Tessa, die in einem sanften Schlummer vor sich hin träumte.

„Mein kleiner Engel. Sie hat so wenig von mir. Ich bin schon eine echte Rabenmutter. Wenn ich Gabriela und Klaus nicht hätte, ich wüsste nicht, was ich tun sollte.“

Nachdem sie sanft die Tür geschlossen hatte, führte sie ihren Gast in die Küche, um ein kleines Mahl zu bereiten.

„Tessa ist Fremden gegenüber etwas reserviert. Das musst du noch wissen. Wundere dich also nicht, wenn sie dich in den ersten Tagen etwas links liegen lässt. Aber ich denke, wenn eine bestimmte Zeit vergangen ist, wird sich auch das einrenken.“ glaubte Elena ihren Gast vorsorglich aufklären zu müssen.

„Wenn eine Zeit vergangen ist? Hast du denn vor, mich so lange bei dir wohnen zu lassen? Ich weiß nicht, ob ich das an nehmen kann! Ich möchte dir auf gar keinen Fall zur Last fallen.

Im Grunde bin ich nur gekommen, um zu helfen.“ sorgte sich Madleen.

„Das wirst du auch. Aber zunächst musst du wieder richtig auf die Beine kommen, das hat im Moment Priorität. Über alles weitere reden wir später.“ versuchte Elena zu beruhigen. Dann legte sie die Hand auf Madleens Arm und sah diese eindringlich an.

„Mach dir keine unnötigen Gedanken. Das geht schon in Ordnung. Ich denke, wir werden uns ausgezeichnet verstehen.“

Schnell war das Essen zubereitet. Madleen langte ordentlich zu, was Elena erneut signalisierte, dass sie in den letzten Tagen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nur wenig zu sich genommen hatte.

„ Wird sich deine Familie keine Sorgen machen? Du kannst jederzeit Verbindung mit ihnen aufnehmen, wenn du magst. Ich werde dir gern dabei behilflich sein.“ bot sich Elena an. „Was hast du denn so gemacht? Wie hast du oder wie habt ihr gelebt?“

„Wir lebten auf einer dieser landwirtschaftlichen Kooperativen, die sich schon lange vor der Revolution bildeten.“ begann die neue Freundin zu berichten. „Fast ständig den Repressalien von staatlicher Seite ausgesetzt. Ließen uns aber nicht beugen. Ich arbeitete nach meiner Ausbildung zunächst auf einer ambulanten Krankenstation. Einen solchen Beruf zu erlernen, bedeutete schon ein echtes Privileg. Ich musste lange darum kämpfen, hatte das Glück, dass gerade Leute benötigt wurden.  Ansonsten hätte man mich,wie so viele andere ungelernt in die produktive Arbeit verfrachtet.

Dann brach die Revolution aus. Es wurde fürchterlich gekämpft, bis sich der Blaue Orden endlich geschlagen gab. Immer wieder wurden unsere Siedlungen zerstört. Aber die Menschen ließen sich nicht entmutigen und  bauten immer wieder auf. Es fehlte oft an den nötigsten Dingen des Alltages. Als wir endlich wieder einigermaßen zurecht kamen, setzten uns die Attacken der Untergrundkämpfer zu. Auch die Regierungstruppen schonten uns nicht.

Halfen wir gezwungenermaßen den einen, attackierten uns die andern und so weiter und so fort.

Irgendwann habe ich es dort nicht mehr ausgehalten. Schon vor Monaten verließ ich mein Zuhause. Arbeitete in einer etwas friedlicheren Gegend. Doch mein sehnlichster Wunsch war, hier an deiner Seite zu leben. Wie es zuhause aussieht, keine Ahnung. Bekomme keine Verbindung. Schon seit Wochen sind die Leitungen in Richtung Norden gestört. Die Regierung will Kontaktaufnahmen unbedingt vermeiden. Ich weiß nicht einmal, ob meine Eltern und meine Brüder noch leben….“

Jetzt konnte sich Madleen der Tränen nicht mehr erwehren und schluchzte, den Blick dabei zu Boden gesenkt.

Elena ergriff ihre Hände und drückte sie fest.

„Wir werden es herausfinden. Das verspreche ich. Ich habe noch immer ausgezeichnete Verbindungen, auch wenn ich in der letzten Zeit sehr wenig Gebrauch davon machte. Ich werde Nachforschungen anstellen. Es gibt kaum jemand im Lande, der sich einer Zusammenarbeit mit mir verweigert.“

„Das würdest du wirklich für mich tun? Dabei kennst du mich noch gar nicht richtig.“

„Nun, dann werden wir uns eben noch näher bekannt machen.“ erwiderte Elena.

Sie sprachen noch eine  ganze Weile und das geschah mit einer Vertrautheit an die noch vor Stunden kaum zu denken war. Elena konnte noch eine ganze Menge über Madleens Leben in Erfahrung bringen, über ihr Schicksal, über ihre unerfüllten Träume.

Der ungewohnte Lärm hatte die kleine Tessa aufgeweckt, die ganz plötzlich in der Küchentür erschien und sich die Augen rieb.

„Tessa, mein Spatz, haben wir dich aufgeweckt? Ja, es dauert nicht mehr lange und die Mama geht auch zu Bett. Siehst du, das ist die Madleen, die wird ab jetzt bei uns wohnen. Komm, sag ihr Guten Abend.“ tröstete Elena ihre Tochter und hielt sie in den Armen.

Da geschah das Unfassbare. Plötzlich entwand sie sich der Umarmung, schritt auf die Besucherin zu, betrachtete sie eine kurze Weile um an schließend auf deren Schoß zu klettern und sich an sie zu schmiegen.

Fassungslos betrachtete Elena das Geschehen. „Ja…aber das gibt’s doch gar nicht! Ist das denn die Möglichkeit? Das…das hat sie  noch bei keinem getan. Ich hatte schon des Öfteren Besuche hier. Sie mag dich, ist das nicht zauberhaft?“

Elena kam aus dem Staunen nicht heraus.

„Vielleicht liegt es daran, das ich mit vier Brüdern aufgewachsen bin. Der Umgang mit Kindern ist mir vertraut. Auch bei meiner Arbeit habe ich fast ständig mit Kindern zu tun.“

Lange hielt Madleen die Kleine so in den Armen, ein Bildnis vollkommenen Friedens. Als Elena wenig später Anstalten machte, Tessa zurück ins Bett zu bringen, löste diese sich nur äußerst unwillig von Madleens Brust. Die beiden würden sich mögen, in diesem Moment wurde der Grundstein für eine lebenslange Freundschaft gelegt. 

Später hantierte Elena im Badezimmer herum.

„Zeit ein heißes Bad zu nehmen,“ meinte Elena, während sie das Wasser in die Wanne laufen ließ. „ich habe dir einige Heilkräuter beigemischt. Die helfen gut. Selber in meinem Kräutergarten gezogen.“

Madleen begann sich langsam ihrer Kleidung zu entledigen. Elena war sich nicht sicher, ob sie schon ein Recht darauf besaß, ihr dabei zu zusehen. Madleen schien das nicht zu stören. Unbekümmert entblößte sie sich.

Als Elena ihrer ansichtig wurde kannte die Bewunderung keine Grenzen. Der Körper schien vollkommen, geschmeidig wie ein Rehkitz. Sogleich war der künftige Kosename gefunden. Sehnsucht erfüllte Elenas Herz, als sich Madleen schwungvoll in der Wanne niederließ.

„Einen wunderschönen Körper hast du!“, begeisterte sich Elena.

„Du bist zwar fast einen Kopf kleiner als ich, aber deine Figur ist der meinen ähnlich. Ich denke, fürs erste werden dir einige meiner Kleidungsstücke passen. Wir werden aber schnell passendere für dich finden.“

„Du hast Recht! Meine alten Klamotten taugen sicher nur noch für den Müll.“ entgegnete Madleen und bewegte ihren Körper voller Grazie in der Wanne. „Wau, das tut gut! Das ist herrlich. Ich kann mich kaum noch daran erinnern, wann ich das letzte Mal ein so ausgiebiges Bad genommen habe.“

Nur einen Wunsch verspürte Elena in diesem Moment. Ihre Kleider vom Leibe reißen und sich ebenfall in das wohlige Nass zu stürzen. Immerhin bot die Wanne reichlich Platz.

Doch sie würde es nicht tun, statt dessen zurücknehmen. Es bedurfte einer Unmenge an Geduld, doch die würde sie aufbringen. Entspannt genoss sie den Zauber des Augenblickes.

Sie nahm am Rand der Wanne Platz , plätscherte hin und wieder mit der Hand im Wasser.

Draußen verschlechterte sich das Wetter zusehends. Ein Sturm trieb heftige Böen ans Fenster mit Regen, der wie spitze Steine an den Scheiben prasselte.

In einem solchen Augenblick genießt ein Mensch die wohlige Wärme auf besondere Weise.

„Ich lege dir einen Bademantel zurecht. Wenn du fertig bist, komm einfach rüber, dann zeige ich dir, wo du schläfst.“

Elena wurde sich bewusst, dass sie sich zurückziehen musste. Sie wollte ihren Gast nicht unnötig durch ihre Anwesenheit in Verlegenheit bringen. Schweren Herzens entfernte sie sich und nahm im Wohnzimmer Platz. Auf ihrem bequemen Sessel sitzend ließ sie die Ereignisse des Tages noch einmal an ihrem inneren Auge Revue passieren. Bis in alle Ewigkeit würde dieser Schicksalstag in ihrem Bewusstsein haften bleiben.

Bedeutete das nun endgültige Heilung für die vielen seelischen Wunden?

Nach zwei quälenden Jahren war wieder eine Person in ihr Leben getreten, die ihr etwas bedeutete.

Doch plötzlich keimte der Zweifel in ihr. Wie konnte sie sicher sein, dass Madleen auch tatsächlich der versprochene Mensch war? Was, wenn sie sich geirrt hatte und die tatsächliche Person noch eintreffen würde? Das durfte nicht sein.

„Bitte Kovacs, mein Freund.! Sie und sonst keiner. Seit Leanders Tod spürte ich nicht mehr solch ein Gefühl in mir. Ich will nur sie!“ hörte sie sich selber flehen.

Elena würde nun eine Frau lieben. Das ging in Ordnung. Schon seit jeher hatte sie Zuneigung zu allen Geschlechtern empfunden. Festlegen konnte und wollte sie sich nie. Warum auch?

Es kam einzig und allein auf den Menschen an, das Geschlecht war unerheblich.

Das Leben würde noch einmal in Bewegung geraten und nicht wie bisher im Stillstand verharren.

Lange Zeit hatte sie  verschüttet gelebt, wie eine Wüstenblume nach Jahren der Trockenheit, die nach wenigen Tagen in der beginnenden Regenzeit sich zu einer nie geahnten Schönheit entfaltet.

„Sie ist es, Elena! Sei ohne Sorge! Glaubst du, ich würde so mit deinen Gefühlen spielen?

Es läuft schon besser, als ich erwartete.“ Es kam ihr vor, als ob sie Kovacs Stimme hörte.

„Ich danke dir, mein Freund! Wie sehr musst du mich doch mögen, dass du mir zum zweiten Male einen lieben Menschen in die Arme führst. Sogar nach deinem Tod trägst du Sorge für mich.“

Vollständig gab sich Elena dem positiven Energiestrom hin, der wie eine sanft plätschernde Heilquelle durch ihre Gedanken floss und seine Kräfte entfaltete.

Etwas erschrocken vernahm sie die melodische Stimme hinter ihr.

„Bist du eingeschlafen? Entschuldige, ich wollte dich nicht wecken, aber ich bin mit dem Baden fertig.“

Als Elena die Augen öffnete, blickte sie in Madleens Engelsgesicht.

„Verzeih, aber ich war vollkommen in Gedanken versunken. Was für ein Tag! Man sollte nicht für möglich erachten, was so ein grauer, kalter und trister Novembertag doch für Überraschungen in sich birgt.“

„Das ist richtig. Auch ich werde diesen Tag wohl so schnell nicht wieder vergessen. Ein schicksalhafter Tag!“ pflichtete ihr Madleen bei, nachdem sie sich zu Elenas Füßen auf den Boden gesetzt hatte.

„Das Schicksal hat uns zusammengeführt. Ich glaube schon lange nicht mehr an Zufälle, jedenfalls in bestimmten Lebenslagen nicht.“ gab Elena selbstsicher zur Antwort.

„Ja, da ist etwas dran.  Ich spürte ähnliches, als ich dir vorhin gegenüberstand. Mal sehen, welchen Weg es uns weist. Aber jetzt bin ich erst mal todmüde. Einige anstrengende Tage liegen hinter mir, das macht sich erst jetzt bemerkbar. Naja, und das Bad hat auch seinen Anteil daran.“

„Richtig! Wir haben noch alle Zeit der Welt, uns näher  kennenzulernen. Jetzt musst du schlafen.“ antwortete Elena, während sie sich aus dem Sessel erhob. Dann nahm sie ihren Gast an der Hand und führte sie in ihr Gästezimmer.

„Ich hab dir ein Nachthemd bereitgelegt. Gute Nacht! Träum was Schönes. Schlaf dich morgen richtig aus. Lass dich nicht stören, wenn ich in der Frühe schon zeitig aus dem Haus gehe.“ wünschte ihr Elena.

„Gute Nacht, Elena! Ich danke dir für alles!“, bedankte sich Madleen und küßte sie zur Nacht.

Dann kuschelte sie sich in die Decken und rekelte sich voller Wonne in den Schlaf.

Hart musste Elena mit sich ringen, denn nur zu gerne wäre sie  zu ihr unter die Decke geschlüpft, um sie zu knuddeln und liebkosen. Doch sie war zu der Erkenntnis gelangt, dass sie ihr viel Zeit gewähren musste.  Das Herz dieser zerbrechlich wirkenden jungen Frau wollte langsam erobert werden. Sie war bereit sich darauf einzustellen.

Schlaflos wälzte sich Elena in den Kissen. Das Kribbeln im Bauch wollte einfach nicht nachlassen und ließ sie den nötigen Nachtschlaf nicht finden.

Fünfmal stahl sie sich heimlich aus dem Zimmer, öffnete die Tür zum Gästezimmer und ließ ihren Blick über die junge Frau schweifen, die zusammengerollt wie ein Kätzchen unter ihrer Decke schlief.

 

Draußen war es noch dunkel, fahl kündigte sich der neue Tag an, als Elena ihre Arbeit in Angriff zu nehmen.

Nachdem sie in der Küche einen Kaffee geschlürft hatte, näherte sie sich auf leisen Sohlen erneut der Tür,hinter der ihr neues Lebensglück träumte.

In der Zwischenzeit war auch Madleen aus ihrem heilsamen Schlummer erwacht.

„Guten Morgen!“, flüsterte Elena mit zärtlicher Stimme. „Wie geht es dir? Hast du gut geschlafen?“

„Wie ein Stein! Bin gerade erst aufgewacht!“, antwortete diese, sich genüsslich dabei streckend.

Elena nahm auf der Bettkante Platz und betastete deren Stirn und Hände.

„Ich denke, es ist schon deutlich besser. Aber du musst dich weiter ausruhen. Nimm dir Zeit. Leider muss schon ich gehen. Ich werde so schnell es geht wieder zurück sein.“

Nur ungern entfernte sich Elena aus ihrem  großen Haus, das in der langsam aufgehenden Sonne so friedlich eingebettet in dem großen Gartenpark lag.

Ihr fiel auf dass das Wetter umgeschlagen hatte, es versprach ein ganz annehmbarer Tag zu werden. Oder kam ihr das nur so vor? Alles schien an diesem Morgen so anders. Die Kanäle waren frei um die positiven Energien fließen zu lassen.

So glücklich und mit sich selbst im Gleichgewicht hatte sich Elena schon lange nicht mehr gefühlt. Sie bestieg ihr Auto und brauste, fröhlich ein Lied trällernd, auf und davon. Elenas Gesicht überzog sich mit einem hellen Lachen.

Eine innere Wärme durchdrang ihre eisige Trostlosigkeit. Elena war frisch verliebt, fast hatte sie vergessen, wie wunderbar sich das anfühlen konnte. Dementsprechend benahm sie sich auch.

Ihre Arbeit verrichtete sie mit einer ganz anderen Einstellung. Alle waren erstaunt ob dieser plötzlichen Wandlung.

Die nachdenklich-melancholische Elena von gestern war über Nacht zu einer Frohnatur mutiert, die mit andern scherzte und deren Freude teilte.

Auch Klaus und Gabriela staunten nicht schlecht.

„Sag mal, was ist denn mit Elena los?“, wollte Gabriela wissen, in der Hoffnung, dass ihr Klaus des Rätsels Lösung präsentieren konnte.

„Die ist  wie ausgewechselt. So habe ich sie seit langem nicht mehr gesehen. Eben hat sie mir doch tatsächlich in den Hintern gekniffen.“

„Tatsächlich? Hm, das ist in der Tat außergewöhnlich! Aber es ist eine gute Idee, muss ich auch wieder mal tun!“

„Lass doch den Quatsch! Weißt du, was ihr widerfahren ist? Oder warum sprudelt die so über vor Glück?“

„Was weiß ich? Keine Ahnung! Ist mir aber auch schon aufgefallen. Lass sie doch! Ist doch toll, sie nach so langer Depression in diesem Zustand zu sehen. Freu dich doch einfach mit ihr.“ gab ihr Klaus zu verstehen.

„Tue ich ja! Es tut gut, sie lachen zu sehen. Aber ich würde schon gerne den Grund dafür kennen.“

„Ich habe bemerkt, dass sie nicht allein war, als sie gestern Abend nach Hause kam.

Möglicherweise könnte  da der Grund zu finden sein.“ erinnerte sich Klaus.

„Hee, Klaus, Gabriela, habt ihr eine Ahnung, was mit Elena geschehen ist? Also nein, das glaubt ihr nicht.“ meinte Kim, die ganz aufgebracht ins Zimmer fiel.

„Was ist denn los? Was tut sie denn?“ erkundigte sich Gabriela voller Neugier.

„Sie tanzt!“

„Bitte, was tut sie?“

„Hörst du schwer? Sie tanzt! Sie ist gerade im Begriff, den Kindern, die gestern mit dem Flüchtlingstransport angekommen sind, etwas vorzutanzen. Wenn ihr mir nicht glaubt, dann kommt doch einfach mit und überzeugt euch mit eigenen Augen.“ berichtete Kim voller Überschwang.

„Das muss ich sehen!“ meinte Klaus und verschwand durch die Tür. Eiligen Schrittes folgten ihm auch die andern.

Zur Freude der Kinder, alles Waisen, die in der zurückliegenden Zeit viel Kummer und Leid erfahren hatten, tanzte Elena den Flur entlang.

Sie schwebte wie ein Vogel, der sich vom Wind tragen lässt daher, überließ sich dem Steigen und Fallen.

Auf diese Weise wollte sie ein kleines Stück ihres Glückes weitertragen.

Auch die Tatsache das es Elena ungewöhnlich eilig hatte nach Hause zu fahren  überraschte nicht wenige. Ansonsten trat sie stets als Letzte den Heimweg an.

„Ist dir denn nichts aufgefallen, als Elena gestern nach Hause kam. Du sagst, sie war nicht allein. Konntest du in Erfahrung bringen wer bei ihr war.“ Die Neugierde schien Gabriela zu verschlingen.

„Nein, habe ich nicht. Ich habe Stimmen gehört, als sie das Auto auf dem Vorplatz parkte, das ist alles.“ gab Klaus kurz und knapp zur Antwort.

„Typisch Mann! Hättest du nicht wenigstens nachsehen können!“

„Mein Gott, Gabriela, neugierig bist du gar nicht. Elena wird uns schon einweihen, wenn es an der Zeit ist. Sie ist uns doch keine Rechenschaft schuldig.“ gab Klaus sichtlich genervt zu verstehen.

„Siehst du! Jetzt geht sie schon. Das ist heute mehr als überpünktlich,“ erwiderte Gabriela und blickte der alten Freundin nach, die sich schnellen Schrittes den Flur entlang bewegte.

 

Als am späten Nachmittag die Sonne bereits im Dämmerlicht versank, kehrte Elena zurück.

Sie hastete die Treppe des Konventsgebäudes hinauf. Totenstille, es schien niemand im Hause zu sein. Als sie einen Blick ins Kinderzimmer warf, wurde sie erneut vom Staunen überwältigt.

Auf dem Boden liegend spielte ihre neue Freundin ausgelassen mit Tessa.

 

„Hallo Elena, schön, dass du da bist!“ begrüßte Madleen herzlich. „Sieh nur, Tessa, die Mama ist da. Möchtest du ihr zeigen, was du heute gezeichnet hast. Sie wird sich sicher darüber freuen.“

Die Kleine sprang auf und präsentierte ihrer Mutter eine Menge an Bildern, die im Laufe des Tages von ihren Händen gemalt wurden. Für eine noch  Zweijährige enorm, was ihre Mutter da auf dem Papier erblickte.

„Oh, sind die aber schön, mein Spatz. Da freue ich mich wirklich.“ entgegnete Elena mit echter Begeisterung.

„ Ich kann gar nicht zum Ausdruck bringen, welche  Freude es mir bereitet, dass du dich so gut mit Tessa verstehst.“

„Sie ließ mir gar keine andere Wahl. Gleich, nachdem du heute Morgen gegangen warst, erschien sie im Zimmer und kroch unter meine Decke. Da haben wirs uns erstmal eine Weile gemütlich gemacht. Dann begannen wir uns zu beschäftigen. Ich bin mit ihr rausgegangen.

Hast du bemerkt, wie schön das Wetter geworden ist? Wir haben uns was gekocht. Schließlich fiel mir das Malen ein. Tessa ist ausgesprochen aufmerksam, die ist leicht zu beschäftigen und lernen tut sie schnell. Das ist total ungewöhnlich für ein so kleines Kind.

Ich…ich hab mir etwas von deiner Kleidung genommen. Passt einigermaßen. Das ist dir doch recht?“

„Na klar! Aber du solltest doch eigentlich im Bett bleiben, bis du dich wieder besser fühlst.

Hast du dich denn auch wirklich erholt?“

„Mir geht es besser. Wirklich! Ich habe mich prächtig erholt.“

Elenas Blick streifte die am Boden verstreut liegenden Zeichnungen.

„Sag, wo hast du denn all die schönen Bilder her? Hattest du die bei dir?“

Madleen schwieg verlegen.

„Sag nur, du hast die selbst gemalt?“ Nickend signalisierte Madleen Zustimmung.

„Aber das ist ja phantastisch. Mein Gott, so gut fotografiere ich nicht. Du bist  eine echte Künstlerin.“

Elena hob einige dieser Kostbarkeiten vom Boden und betrachtete diese mit Freude und Ehrfurcht. Landschaftsszenen voller Tiefe und Mystik, die eine grandiose Lebendigkeit ausstrahlten, Porträts voller Anmut und Sinnlichkeit.

„Ist halt einfach so ein Hobby von mir. Schon als Kind habe ich gern gezeichnet. Die wenigen schönen Augenblicke meines Lebens wollte ich immer auf ganz besondere Weise festhalten,“ versuchte Madleen ihr Licht unter den Scheffel zu stellen.

„Und das scheint dir auf wundersame Weise zu gelingen. Die sind alle wunderbar. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Selten konnte ich Werke von solch ausdrucksstarker Tiefe betrachten. Daraus spricht echtes Leben.“

„Ich schenke sie dir, Elena, alle! Ich hab sonst recht wenig, was ich dir schenken kann, dafür dass du mich hier wie selbstverständlich aufgenommen hast.“

„Ich danke dir! Mach dir keine Gedanken darüber. Mit der Tatsache das du in mein Leben getreten bist, beschenkst du mich fortlaufend.“ gab ihr Elena zu verstehen.

 

Als die Dämmerung schon lange in den Abend übergegangen war, saßen Elena, Madleen und Tessa beim Essen zusammen.

„Du kannst dir kaum vorstellen, was für einen guten Tag ich heute hatte. Lange schon gab es in meinem Leben kein solches Glücksgefühl mehr.“ begann Elena den Faden aufzunehmen. „Stell dir vor, ich habe bei mir auch eine künstlerische Ader entdeckt. Ich habe für die Waisenkinder getanzt. Die haben sich gefreut. Es ist so einfach, Menschen eine kleine Freude zu bereiten.

„Das hätte ich gern gesehen. Da haben wir schon wieder eine gemeinsame Vorliebe. Auch ich tanze für mein Leben gern. Neben dem Zeichnen meine zweite große Leidenschaft. Wenn du magst, kann ich dir das gern einmal vorführen.“

„Oh ja, das wäre sicher toll, ich könnte mir vorstellen…“

Ein Klopfen an der Tür hinderte Elena am Weiterreden.

Im Flur warteten Gabriela und Klaus. Vor allem Gabriela hielt es einfach nicht länger aus. Eine innere Kraft nötigte sie, dem vermeintlichen Geheimnis auf die Spur zu kommen.

Etwas ungehalten öffnete Elena die Tür.

„Ach, ihr seid es? Gibt es ein Problem? Oder was kann ich für euch tun?“ , erkundigte sich Elena etwas barsch, in der Hoffnung, den ungebetenen Besuch dadurch vielleicht für heute los zu werden.

Doch Gabriela ließ sich nicht vergraulen.

„Du hast Besuch, nicht? Möchtest du uns nicht vorstellen? Ich gehe doch sicher recht in der Annahme, dass sich die Prophezeiung erfüllt hat? Komm Elena, spann uns nicht auf die Folter. Ich brenne darauf, den Menschen an deiner Seite kennen zu lernen.“

Gabriela und Klaus waren eingeweiht, Elena hielt es für ihre Pflicht, ihre Mitbewohner aufzuklären. Doch hatte sie nicht mit Gabrielas grenzenloser Neugierde gerechnet. Zweifel taten auf. Hätte sie die Angelegenheit doch besser geheim gehalten?  Konnte sie doch gar nicht sicher sein, wie es mit ihr und Madleen weiterging. Mit der trauten Zweisamkeit, nach der sie sich den ganzen Tag über gesehnt hatte, war es erst mal vorbei. Wenn Gabriela mit von der Partie war, versprach es ein langer und wortreicher Abend zu werden.

„Na, dann kommt halt rein, wenn ihr schon mal da seit!“, lud Elena missmutig ein.

„Keine Angst Elena, wir bleibe nicht lange. Nur mal kurz Guten Abend sagen, dann sind wir in Handumdrehen wieder verschwunden.“ versicherte Gabriela.

Elena, die ihre Freundin fast so gut wie sich selbst kannte, schenkte der Aussage nur wenig Glauben.

Schon waren die beiden durch den Flur gehuscht und nahmen Madleen in Augenschein.

Ungezwungen machten sie sich miteinander bekannt.

 

Die folgenden Wochen zogen so schnell ins Land das Elena es kaum wahrzunehmen schien.

Madleen gesundete schnell und erblühte an Elenas Seite wie eine Rosenknospe in den Strahlen der Sommersonne. Die schüchterne und zurückhaltende junge Frau mutierte an Elenas Seite zu einem Menschen voller Lebensfreude und Energie.

Elena konnte sich erneut von der Tatsache überzeugen, dass ein Mensch imstande war sich zu seinem Vorteil zu entwickeln,  wenn die Umstände und die Umgebung es gestatten. 

Schon bald begleitete sie Elena bei ihren täglichen Gängen durch die Problemviertel der Hauptstadt, machte sich mit den dortigen Begebenheiten vertraut.

Es gelang ihnen, sich ihr Tagwerk so einzuteilen, dass auch Tessa zu ihrem Recht kam.

Lange Zeit hatte Elena ihre Tochter vernachlässigt, das sollte sich von nun an ändern.

Des Weiteren hatte Elena ihre Beziehungen spielen lassen und es war ihr gelungen, Erkundungen über Madleens Familie einzuholen. Das sollte sich als außerordentlich schwierig herausstellen. Die Infrastruktur  war in den Nordprovinzen zum Erliegen gekommen, eine Kommunikation kaum noch möglich.

Es herrschte Chaos und niemand vermochte eine Prognose zu erstellen wie lange dieser Zustand noch andauern würde.

Madleens Angehörigen lebten, auch wenn nicht in Erfahrung gebracht werden konnte, unter welchen Umständen.

Eines Nachmittages überbrachte Elena ihrer neuen Freundin die erlösende Botschaft.

„Ich konnte in Erfahrung bringen, dass deine Angehörigen wohlauf sind. Mir berichtete ein Soldat, der sich lange in der Gegend aufgehalten hat. Zur Zeit wird auch nicht gekämpft.“ Madleen, die sich gerade auf dem geräumigen Dachboden der alten Scheune zu schaffen machte, nahm diese Botschaft mit sichtlicher Erleichterung auf.

„Echt? Oh, Elena, du bist ein Schatz. Du kannst dir gar nicht vorstellen, welch ein Stein mir vom Herzen gefallen ist.“

„Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Deshalb habe ich mich  gleich auf den Weg gemacht, um dir die frohe Botschaft zu überbringen.“

Madleen fiel Elena um den Hals und küßte sie auf die Wangen.

„Aber hat man in Erfahrung bringen können, wie sie leben? Ist unser alter Hof noch intakt?“, wollte sie wissen und hielt Elena weiter umarmt.

„Das konnte niemand mit Sicherheit sagen. Der Bericht des Soldaten ist auch schon wieder eine Woche alt. Aber es steht erstmal fest, dass dort oben nicht gekämpft wird.“ versuchte Elena zu verdeutlichen.

" Seit Wochen ist es nicht möglich zu telefonieren. Die Kämpfe müssen unerbittlich gewesen sein. Die haben fast alles zerstört, was nicht niet- und nagelfest ist.“

„Wem sagst du das!“, erwiderte Madleen und entwand sich der Umarmung.

„Ich mache mir Vorwürfe dass ich mich schon so lange nicht mehr dort habe sehen lassen. Von meiner Familie weiß mit Sicherheit keiner, wo ich bin und wie es mir geht. Wenn ich doch nur wüsste, was ich tun könnte. Am liebsten würde ich auf der Stelle aufbrechen und nach dem Rechten sehen.“

Ein leichter bohrender Schmerz machte sich in Elenas Brust bemerkbar und signalisierte Verlustangst. Wollte sie dieser Engel wieder verlassen? Nach wenigen Wochen der Entspannung, dieses liebenswerte Geschöpf wieder von dannen ziehen lassen, noch dazu einem ungewissen Schicksal entgegen?

Sich tagtäglich sorgen müssen, ob sie wohl je zu ihr zurückkehren würde?

Das durfte nicht sein.  Vor lauter Angst und  Sehnsucht drohte sie erneut in tiefe Depression zu versinken.

„Aber du hast den weiten Weg auf dich genommen, nur um hierher zu gelangen. All die Strapazen und Gefahren, nun willst du weg und dich dem nochmals aussetzen?“ gab Elena zu bedenken.

„Du hast Recht! Ich bin dir auch für alles dankbar. Aber du musst wissen, es hat nie einen richtigen Abschied gegeben. Ich muss meinen Leuten mitteilen, dass es mir gut geht und sie sich keine Sorgen machen brauchen.“ betonte Madleen.

„Aber die Gefahren! Die Armee hat über weite Teile des Landes die Kontrolle verloren. Es gibt zwischen hier und dort Gegenden, da scheint die Herrschaft von Woche zu Woche zu wechseln. Du wirst in einen gefahrvollen Strudel geraten.“ Verzweifelt versuchte Elena ihre Freundin von ihrem Vorhaben abzubringen. 

„Ich denke, das Risiko muss ich  eingehen. Gefahren sind für mich in der Zwischenzeit nichts Unbekanntes mehr. Bisher habe ich meine Ziele stets erreicht. Ich vertraue darauf."

Elena musste sich schweren Herzens eingestehen, dass sie auf Granit biss. So kam sie  nicht weiter.

Madleen folgte ihrem Gewissen. Sie würde sie nicht halten können, doch auf die neue Gefährtin verzichten kam für sie auf keinen Fall in Frage..

„Wenn es unbedingt sein muss, so lass mich dir helfen. Ich werde dich auf keinen Fall allein ziehen lassen sondern mit dir kommen. Mit mir an deiner Seite hast du leichtes Spiel. Kaum jemand wird mir die Hilfe verweigern wenn ich ihn darum bitte. Zumindest auf die Bevölkerung und die reguläre Armee können wir uns verlassen. Was die Rebellen betrifft, kann ich natürlich für nichts garantieren. Wir wissen bis heute nicht einmal um wen es sich dabei handelt.“

Madleen fiel Elena erneut um den Hals.

„Das würdest du für mich tun? Womit habe ich das verdient?  Das kann ich unmöglich von dir erwarten, nachdem du schon so viel für mich getan hast. Kannst du denn so einfach fort? Was ist mit deinen zahlreichen Verpflichtungen?"

"Wir warten zunächst noch ab. Womöglich funktioniert die Kommunikation bald wieder. Die können nicht ewig die Nordprovinzen von uns abschneiden. Ich werde mich noch einmal kundig machen. Unabhängig davon möchte ich sehr gerne deine Familie kennen lernen. Ich schlage vor wir warten mit dem Aufbruch auf besseres Wetter. Der Winter neigt sich dem Ende entgegen. Sobald es besser wird setzen brechen wir auf." 

„Und was ist mit Tessa? Die können wir doch unmöglich mitnehmen?“ stellte Madleen folgerichtig fest.

„Natürlich nicht!  Das ist das einzig wirkliche Problem.  Ich werde Tessa Gabriela an vertrauen, das steht außer Frage. Aber es fällt mir selbstverständlich schwer, meine Tochter so lange allein zu lassen. Auch dich hat sie lieb gewonnen in letzter Zeit. Da bedarf es schon  einer gehörigen Portion an Überzeugungskraft. Zumal wir ja gar nicht wissen, wie lange wir unterwegs sind.“

Oh Elena! Das willst du wirklich für mich tun? Ich werde auf ewig in deiner Schuld stehen!“ 

„Niemand steht in meiner Schuld. Ich tue es gern. Ich tue es für dich, aber auch für mich.“

Madleen konnte der Aussage zwar nicht recht folgen, trotzdem war sie sich der Größe des Augenblickes bewusst. Sie bedankte sich mit einem heißen Kuss. In Elenas Herzen loderten Gefühle. Alles würde sie für diesen wunderbaren Menschen tun, wenn und sei es  nur um einen Kuss.

„Hast du mich schon einmal tanzen gesehen?“ , wollte sie plötzlich wissen. „Nein? Natürlich nicht! Aber ich übe in diesem Raum, sooft ich kann. Komm, setz dich! Lass mich heute für dich tanzen, nur für dich allein. Das ist ein Festtag für uns beide.“

Elena nahm auf einer alten Ledercouch Platz. Madleen kramte in der CD-Sammlung, bis sie fand, nach was sie suchte. Schwanensee von Tschaikowski. Sie legte die Scheibe ein und stellt sich in Positur.

Graziös achtete sie auf jede einzelne Bewegung. Ihre wohlgeratenen Arme nach oben gestreckt begann sie den Tanz. Ihr schlanker Körper bog und streckte sich wie eine junge Birke am Waldesrand, wie eine Weide an einem von Wellen gekräuselten Fluss.

Sie beugte ihre Knie, ihre Arme wanden sich langsam nach unten rundherum, wieder hinauf, eine ständige wellenförmige Bewegung.

Elena glaubte eine Göttin beim Tanze zu betrachten. Sie tanzt das Licht zurück in eine dunkel gewordene Welt. Bei diesem Anblick stand ihr Herz in Flammen.

Viele Male vollführte Madleen auf diese Weise eine Runde durch den kleinen Saal. Jedes Mal hielt sie inne, wandte sich in eine andere Richtung, sank auf die Knie und beugte sich nach hinten, dann streckte sie beide Beine und Arme, während sich ihr Rücken wie ein Bogen spannte, bis sie mit einer plötzlichen Drehung nach oben schnellte, die Arme erhoben, um von neuem zu beginnen.

Mit einem wirbelnden Seitenschritt vollführte sie schließlich einen letzten Kreis. Dann stand sie regungslos da und schenkte Elena ein bezauberndes Lächeln.

Ihre eng an liegende schwarze Baumwollhose und das gleichfarbige T-Shirt waren schweißgetränkt, ebenso ihre schwarze Lockenmähne, die sie wie immer nach oben gesteckt trug. 

Begeistert klatschte Elena in die Hände.

„Du tanzt wie eine Göttin. Wenn ich doch nur halb so gut tanzen könnte, wäre ich schon zufrieden. So etwas Schönes bekam ich schon lange nicht mehr geboten.“

„Ich kann es dich gerne lehren. Das heißt, wenn wir wieder etwas Zeit zur Verfügung haben.

Auf diese Weise kann ich mich mal revanchieren.“

„Ob mein Körper noch so elastisch schwingt, vermag ich nicht zu sagen. Ich bin schließlich schon eine alte Frau.“ entgegnete Elena mit ironischem Unterton. Das war natürlich Unsinn. Elenas sportlicher Körper vermochte noch immer Übermenschliches.

„Du und eine alte Frau?  Genauso stelle ich mir eine alte Frau vor. Das Gesicht und die Figur stammen von Venus persönlich.“ sanft legte Madleen ihren Arm um Elenas Taille.

„Ich liebe dich“, dachte Elena in diesem Moment. Selbstverständlich wagte sie noch immer nicht, diesen Wort über ihre Lippen zu bringen.

„Warum hast du nie versucht, etwas aus dieser Gabe zu machen? Wenn ich mir vorstelle, welche Primaballerina du hättest abgeben können.“ meinte Elena und versuchte, ihre Erregung vor der anderen zu verbergen.

„Das habe ich des öfteren versucht. Keine Chance! Wenn ich überhaupt mal das Glück hatte, vorzutanzen, hieß es stets, ich sei zu wenig talentiert.“

„Soll das ein Witz sein?“, empörte sich Elena. „Zu wenig talentiert? Das, was ich eben geboten bekam, war eine Spitzenleistung.“

„Elena, du verstehst nicht. Ich komme aus einer Preka-Familie. Für uns waren Kultur, Kunst, kreatives Schaffen tabu. Solche Dinge seien schädlich für unsere Entwicklung, da sie uns von unserer eigentlichen  Bestimmung abhielten, der Arbeit. Als Humankapital hätten wir der Volkswirtschaft ständig zur Verfügung zu stehen.  Alles weitere sei Verschwendung. So hieß es damals.“

„Was für ein bodenloser Unsinn! Das war eine Verschwendung von Talenten. Wer hat sich nur solch einen Unsinn einfallen lassen?“, ereiferte sich Elena.

„Du warst es!“, gab Madleen der Verdutzten zu verstehen. „Es verging kaum eine Woche ohne deine Appelle an uns. Ich habe deine Sendungen im Fernsehen regelmäßig verfolgt. Dein Urteil war klar und kompromisslos.“

Die Schamröte trat Elena ins Gesicht. Hatte sie ihr vormaliges Leben schon so sehr verdrängt, dass sie sich dessen nicht mehr erinnern konnte? Oder wollte sie es einfach nicht?

Wie ein Platzregen im Juli prasselten die Schuldgefühle auf sie herab. Hatte sie einen Menschen wie Madleen überhaupt verdient?

Der Schatten der Vergangenheit senkte sich nach wie vor bedrohlich auf ihr Haupt. Ihre Beziehung zu Leander wurde davon regelrecht vergiftet.  Würde sie sich je davon befreien können?

„Hab ich euch sehr wehgetan damals? Das schlimme ist, dass Menschen wie du mir mit so viel Herzlichkeit begegnen können. Würdet ihr mich verachten, dann könnte ich wenigstens….“

Madleen wollte diese Selbstanklage nicht hören.

„Elena, es ist vorbei. Die Person von damals gibt es nicht mehr. Ich jedenfalls sehe keine in diesem Raum. Komm zu dir! Wichtig ist, was du jetzt tust. Du hast schon lange zu dir selbst gefunden.“

Elena nahm das Gesicht der neuen Gefährtin in beide Hände und drückte ihre Lippen auf deren Stirn.

Wie tief war doch diese junge Frau schon in ihre Seele vorgedrungen und wie viel Kraft sie ihr schon in der kurzen Zeit ihres Verweilens spenden konnte.

„Das hätte ich kaum besser sagen können, Madleen. Ich danke dir.“

Nach einer Weile war Elena schon wieder zu Scherzen aufgelegt.

„Weißt du, in einem hatte die alte Elena aber unbestritten Recht!“

„Und das wäre?“, wunderte sich Madleen.

„Na, mit dem Humankapital! Du bist das wertvollste Humankapital, das mir seit langem über den Weg gelaufen ist.“

Beide lachten.

 

 

Die Reise war beschlossene Sache. Doch ließ man sich Zeit, alles in Ruhe vorzubereiten.

 

Die Nachrichten aus dem Aufstandsgebiet klangen widersprüchlich. Die einen sprachen vom Ende der Feindseligkeiten, andere vertraten die Ansicht, die Rebellen harrten aus, da auch sie den Frühling und das damit verbundene bessere Wetter hofften.

Die Kommunikation mit dem Norden ließ nach wie vor zu wünschen übrig.

Trotzdem beschlossen Elena und Madleen, wie geplant ihre Reise anzutreten.

Lukas, den Elena mit der Beschaffung eines geeigneten fahrbaren Untersatzes beauftragt hatte, erschien eines Morgens mit einem nicht mehr ganz neuen Wohnmobil vor der Tür.

Ein intensives Hupkonzert entlockte die beiden aus ihrer Behausung.

Diese verfielen in Staunen, als sie das Vehikel erblickten.

 

 

„Großes Kompliment, Lukas. Das ist genau das, was wir brauchen.“ lobte Elena.

„Mit Sicherheit werden wir unterwegs des Öfteren einen unfreiwilligen Halt einkalkulieren müssen somit brauchen wir uns um keine Übernachtungsmöglichkeit zu kümmern.“

„Alles tipp top in Ordnung, ich habe es extra noch mal in unserer Werkstatt durchgecheckt. Wenn es auch kein junges Modell mehr ist, dementsprechend robust wird es sich erweisen. Das bringt euch, wenn ihr wollt, etliche tausend Kilometer weit, auch bis ans Ende dieser Welt.“ entgegnete Klaus und klopfte mit der rechten Hand auf den Kotflügel.

" Einige Hundert Kilometer würden schon reichen,“ schaltete sich Madleen ein. „Wir wollen nicht auf Weltreise gehen. Auf jeden Fall werden wir schneller und bequemer voran kommen als ich seinerseits in die entgegengesetzte Richtung.“

„Und ihr seit euch auch ganz sicher, dass ihr fahren wollt, so ganz allein, meine ich?“, wollte Kim wissen, die plötzlich aus dem hinteren Teil des Wagens stieg.

„Wir sind nicht allein, wir haben uns!“, erwiderte Elena. „Des Weitern hab ich schon vorzeiten meine Fühler ausgestreckt und die Lage erkundet. Geheimdiplomatie, wenn ihr versteht. Cornelius hält noch immer seine schützende Hand über mich und somit über uns alle, auch wenn die Öffentlichkeit nichts davon erfährt. Aber wenn ich ihn brauche, kann ich mich auf ihn verlassen.“

„Ich meine ja  auch nur, dass es sicherer wäre, wenn ihr noch ein paar Leute mitnehmen würdet, die euch bei Gefahr Schutz gewähren könnten.“ gab Kim zu verstehen.

„Liebend gern würde ich dich und Lukas mitnehmen. Aber ich benötige euch hier. Ich weiß, das ich mich auf euch verlassen kann.“

„KIm meint ja nicht unbedingt uns,“ pflichtete Lukas ihr bei. “Du brauchst doch nur mit dem Finger zu schnippen und dir werden Helfer in Hülle und Fülle zur Seite stehen. Ich denke da ein paar Jungs vom Zivilschutz, um nur ein Beispiel zu benennen.“

„Du meinst so eine Art Eskorte? Das würde das genaue Gegenteil bewirken. Viel zu großes Aufsehen. Wenn wir inkognito reisen, kommen wir mit Sicherheit besser voran.“

„Auch mir ist nicht ganz wohl bei der Sache!“ , gab Gabriela zu bedenken, die mit der kleinen Tessa auf dem Arm auf der Straße erschien. „ Ich kann die Kleine schon eine Weile mit versorgen. Aber ich weiß nicht einmal, wie lange ihr unterwegs seid. Was geschieht, wenn ihr überhaupt nicht wiederkommt, davon wollen wir lieber erst gar nicht reden.“

„Seht doch nicht alle so schwarz. Wir werden wohlbehalten unser Ziel erreichen und ebenso wieder nach Hause zurückkehren.“ beruhigte Elena, nachdem sie Tessa Gabriela aus dem Arm genommen hatte. “Und du bist schön lieb und artig, bis die Mama wiederkommt!“ Sie knuddelte ihre Tochter liebevoll.

„Na gut! Sei's drum! Wann gedenkt ihr in etwa aufzubrechen?“ erkundigte sich Lukas.

„Gleich morgen früh. Wir wollen den Tag in seiner vollen Länge nutzen.“ bestimmte Elena.

„So bald schon? Ich hoffte, ihr würdet euch noch ein klein wenig mehr Vorbereitungszeit gönnen,“ sorgte sich Gabriela erneut.

„Ich denke, es macht keinen Sinn, die Sache immer wieder auf zu schieben. Wenn es danach geht, findet sich ständig ein neuer Hinderungsgrund. Am Ende werden wir überhaupt keine Lust mehr haben.“

 

Es war noch sehr früh, kaum, dass ein fahles Licht am Horizont die Ankunft des neuen Tages verriet, als sich die beiden Frauen zum Aufbruch rüsteten.

Elena fröstelte es, sie hüllte sich in ihren Mantel, um ihr Zittern zu verbergen. Sie war sich nicht ganz sicher, ob die morgendliche Kälte oder die Aufregung dafür verantwortlich waren.

Madleen hatte bereits am Steuer Platz genommen und startete den Wagen.

„ Also dann wollen wir mal! Auf geht’s! Bist du auch so aufgeregt?“

„Das kann man wohl sagen!“, antwortete Elena. „Ich kann es mir nicht erklären. Was bin ich doch früher um die Welt gedüst, durfte ferne Kontinente kennen lernen und fremde Kulturen.

Und heute? Da fürchte ich mich vor ein paar Hundert Kilometern.“

„Nun, das waren auch andere Zeiten. Sichere und wohlhabende zumal. Das heißt natürlich, vor allem für dich und deinesgleichen.“ antwortete Madleen, während sie im Begriff war, den Wagen durch das Tor zu manövrieren. „Immerhin begeben wir uns schnurstracks in ein Krisengebiet. Gut, für mich ist es Heimat. Aber für dich totales Neuland.“

„Das ist schon irgendwie eine Ironie. Ich habe soviel von der Welt gesehen, aber die Gegend vor der eigenen Haustür, ist mir weitgehend unbekannt. Ich bin gespannt, deine Leute kennenzulernen, nach all dem, was du mir berichtet hast.“

„Oh, meine Familie wird dir bestimmt gefallen. Aber du musst auf der Hut sein. Die nehmen dich bestimmt sofort in Beschlag. Weißt du, wir Prekarier haben schon manchmal eine sehr direkte Art, die Dinge beim Namen zu nennen. Direkt aber herzlich. Du bist  mit Sicherheit etwas besseres gewöhnt.“ stellte Madleen etwas beunruhigt fest.

„Aber darüber brauchst du dir wahrlich keine Gedanken zu machen. Ich war mit einem Preka verheiratet. Und was ich mit Leanders Familie erlebte, reden wir lieber nicht davon. Erst jetzt hat sich das Verhältnis etwas geglättet.“

„Entschuldige, Elena! Daran habe ich nicht gedacht. Dass ich meine Proletenschnauze auch nicht im Zaum halten kann.“ Madleen hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen.

„Du hast mich doch erst vor Tagen darüber aufgeklärt, dass es die alte Elena nicht mehr gibt. Also macht dir keine Gedanken.“

„Tue ich doch auch nicht! War doch nur ein Scherz.“

„Hoffentlich dauert es nicht all zu lang, ich hätte nicht gedacht, dass es nach den schönen Vorfrühlingstagen noch einmal so kalt wird.“ meinte Elena und versuchte, ein Gähnen zu unterdrücken. Danach mummelte sich sie noch tiefer in ihren Mantel.

In der Zwischenzeit hatten sie die Abtei  hinter sich gelassen. Das Wohnmobil quälte sich eine Bergkuppe hinauf. Oben angekommen stoppte Madleen das Fahrzeug.

Beide warfen noch einen kurzen Blick auf den im morgendlichem Nebel schlummernden Häuserhaufen. In diesem Augenblick ging die Sonne auf, und ihre Strahlen schenkten der Welt aufs Neue das Licht des Lebens. Für eine ungewiss lange Zeit würden sie die vertraute Umgebung nicht mehr zu Gesicht bekommen. Wehmut breitete sich in Elenas Seele aus, während Madleen mit Freude ihrer alten Heimat entgegensteuerte.

 

Zumindest auf der ersten Etappe gestaltete sich die Reise problemlos. Sie kamen gut voran. Die gewohnte Umgebung wich alsbald unbekannteren Gefilden. Sie durchfuhren die nördlichen Ausläufer des Grauhaargebirges. Stöhnend kletterte das Auto immer höher. Die formlosen Höhen lösten sich auf in hohe grasbedeckte Hügel und weite Täler. Auf dem Grund der Täler schlängelten sich Flüsse zwischen Bäumen hindurch und Bauerngehöfte lagen inmitten von Auen.

Sichtlich berührt genoss Elena den Anblick. Alles sah so friedlich aus. Allerdings schien es hier auch um einiges kälter als zu Hause zu sein. Bald tanzten die ersten Schneeflocken vor der Windschutzscheibe. Je weiter sie sich voranbewegten, desto dichter wurde die Schneedecke auf den umliegenden Feldern. Schließlich hatte die weiße Farbe das zaghafte Grün vollständig überlagert. 

„Ich will nur hoffen, dass der Sturm nicht noch an Stärke zunimmt. Ich glaube nicht, dass wir es wagen können, dann noch weiter bergauf zu fahren. Die Gegend ist recht dünn besiedelt. Ich denke, sobald sich eine Gelegenheit ergibt, legen wir erst mal eine Rast ein.“ schlug Madleen vor.“

„Du bist der Kapitän auf dieser Fahrt. Mir soll es recht sein.“ antwortete Elena, die den Vorschlag sichtlich erfreut zur Kenntnis nahm.

Der Weg führte auf einen kleinen Tannenwald zu, unmittelbar davor befand sich ein großer freier Platz, auf dem Madleen kurzerhand das Auto zum Halten brachte.

Elena kletterte erleichtert aus dem Wagen und atmete die klare kalte Luft ein. Plötzlich begann es erneut zu schneien. Funkelnde weiße Sterne setzten sich auf Elenas rotgoldene Lockenmähne und schmolzen mit eisigen Küssen in ihrem Gesicht.

Doch war sie froh erst einmal wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren.

„Ist dir noch immer kalt?“, wollte Madleen wissen, als sie die Tür zur Wohnkabine öffnete.

„Dann komm schnell rein. Ich mache uns einen Kaffee und du kannst dich in die Thermodecke kuscheln. Ist  wirklich ein Mist mit dem Wetter. Aber genauso schnell kann es sich wieder zu unseren Gunsten verändern.“

Elena folgte ihrer Freundin und machte es sich auf einer der Liegen bequem, schaute beim Zubereiten des Abendessens zu. Die angebotene Hilfe lehnte die ohnehin stets ab, so dass sie sich die Frage sparen konnte.

Heute konnten sie mit Sicherheit ihre Reise nicht mehr fortsetzen.

Dann schlürften sie ihren Kaffee und aßen, was Madleen zubereitet hatte.

Diese schien eine regelrechte Begabung für das rechte Tun zu besitzen. Elena brauchte sich um nichts zu kümmern.

„Ist es noch weit bis an unser Ziel?“

„Die Hälfte haben wir schon hinter uns! Ach, ich denke, es ist bereits über die Hälfte. Wenn alles gut verläuft, könnten wir schon morgen Nachmittag vor Ort sein. Das hängt natürlich davon ab, auf welche Weise wir das Kampfgebiet durchqueren. Wenn wir Pech haben, könnten wir dort für längere Zeit festgehalten werden.“ erklärte Madleen, die es sich inzwischen auf der gegenüberliegenden Pritsche bequem gemacht hatte.

„Was müsst ihr alles durchgemacht haben.“ bedauerte Elena. „Wir haben davon nicht allzu viel mitbekommen, wenn man mal von den andauernden Flüchtlingsströmen absieht. Die Desinformationspolitik der Regierung scheint auf voller Linie zu greifen. Aber jetzt kann ich mir wenigstens mit eigenen Augen ein Bild davon machen.“

„Das wollen wir mal lieber nicht hoffen, Elena. Ich habe keine große Lust, schon wieder zwischen die Linien zu geraten. Was du auf jeden Fall zu sehen bekommst, sind die immensen Schäden, die hinterlassen wurden. Dabei hatten wir schon genug unter dem alten Regime zu leiden. Ohne die Agrar-Kooperativen hätte kaum einer überlebt. Landwirtschaft lohnt sich nicht mehr, bekamen wir ständig zu hören. Industrie wurde auf Teufel komm raus angesiedelt, ein totaler Fehlschlag. Jede Menge heruntergekommene Investitionsruinen zierten bereits vor der Revolution die Gegend. Gut, als Unterschlupf für die Parias dienten einige für kurze Zeit. Unsere Hoffnung auf Besserung der Lage durch die Revolution erfüllte sich nicht. Die haben einfach von Anfang an versucht, das Pferd von hinten aufzuzäumen.“

„Das ist schon eine Schande!“, bestätigte Elena. „Dabei bekunden sie vollmundig, wie sehr sie die Arbeit der Agrar-Kooperativen schätzen, wie wichtig deren Beitrag für die Volkswirtschaft sei.“

„Wenn meine Eltern und Brüder nicht aus Eigeninitiative das meiste auf Vordermann gebracht hätten, wäre gar nichts geschehen. Unterstützung gibt es keine. Die Siedlungen sind nach wie vor sich selbst überlassen. Eine Reihe von Handwerksbetrieben konnten entstehen. Ich weiß nicht, wie viel im Moment noch davon übrig ist.“

„Du machst mich neugierig. Es war auf jeden Fall die richtige Entscheidung von mir, mitzukommen. Ich muss alles mit eigenen Augen sehen, aus deinem Bericht spricht einfach das volle Leben. Das ist auch meine Devise, sich niemals unterkriegen lassen. Wer weiß, möglicherweise kann ich euch auch behilflich sein, in der einen oder anderen Angelegenheit.“ meinte Elena und schlürfte den Rest ihres Kaffee aus.

„Was wird wohl Tessa jetzt tun? Ich vermisse sie jetzt schon, dabei sind wir noch nicht einmal einen ganzen Tag unterwegs.“

„Ich auch! Na, ich denke sie ist gerade im Begriff, Klaus und Gabriela auf Trab zu halten, oder vielleicht auch Kim. Mitnehmen konnten wir sie aber auf keinen Fall, das wäre viel zu gefährlich.“ unterstrich  Madleen. „In friedlichen Zeiten ist das alles kein Problem. Kinder gibt’s bei mir zu Hause wie Sand am Meer. Von meinen vier Brüdern sind alle verheiratet und drei haben schon eigene Kinder. Die jüngste davon so in Tessas Alter.

Das wäre geradezu ideal für die Kleine. Naja, es müssen ja auch irgendwann einmal friedlichere Zeiten kommen, dann werden wir das nachholen.“

Elena bemerkte, dass Madleen zum ersten Mal ausführlich aus ihrem Leben, von ihrer Familie, von ihrem Zuhause berichtete. Elena konnte noch bedeutend mehr in Erfahrung bringen. Die Unterhaltung war so anregend, dass sie dabei die Zeit vollkommen außer Acht ließen.

Schließlich kam die Nacht. Der Vollmond stieg am Himmel auf und erhob sich über die Bäume. Er übergoss das Land mit Licht und tauchte es in einen geisterhaften Schimmer. In Elenas Kopf wimmelte es von Bildern, Madleen ließ sie voll an ihrem Leben teilhaben. Doch war ihr aufgefallen, dass diese auch nicht die geringste Andeutung hinsichtlich eines Liebeslebens machte. Hatte sie noch keinen Menschen in ihr Herz vordringen lassen?

„Jetzt kennen wir uns schon eine ganze Weile und noch immer weiß ich nicht, ob es in deinem Leben schon einmal jemanden gab, den du liebtest, oder der dich liebte. Ich habe dich noch nie darüber redenhören.“ wagte Elena, zaghaft dieses Thema anzuschneiden.

Elena besaß wie immer die Gabe, mit einer Frage direkt ins Herz der Sache vorzudringen.

Die Frage verwirrte Madleen etwas. „Doch, doch natürlich! „ich… ich war sogar schon einmal verheiratet.“

„Echt? Davon hast du nie etwas erwähnt!“, erwiderte Elena, sichtlich überrascht ob dieser unerwarteten Antwort. „Was ist denn mit deinem Mann? Was tut er? Oder ist er etwa tot?“

„Das weiß ich nicht! Als die Revolution ausbrach, war er auf einmal auf und davon. Ich habe seitdem nie wieder etwas von ihm gehört.“

Am Tonfall konnte Elena erkennen, wie unangenehm es Madleen war, darüber zu sprechen. Doch sie musste einfach tiefer dringen und noch mehr erfahren. Das beunruhigte und fesselte sie gleichermaßen. Forschend blickte sie in deren müde Augen.

„Aber wie kann man denn so einfach verschwinden? War er bei den Revolutionären? Ist er am Ende etwa im Kampf gefallen? Viele sind in jenen Tagen ums Leben gekommen. Ich kann ein Lied davon singen, was ein Mensch durchmacht, der plötzlich ganz allein in weiter Ferne steht.“

„Du kannst mit Stolz und Liebe auf die Zeit mit deinem verstorbenen Mann zurückblicken. Er war ein Held und starb für eine gute Sache. Ich kann mich hingegen nur schämen, das ist alles.“

„Aber warum denn?“, forschte Elena unermüdlich weiter.

„Mein Mann, Rolf hieß oder heißt er. Er… er war Mitglied bei den "Patrioten"“

Die Last der Wahrheit legte sich in diesem Moment über beide, wie die Asche nach einem Brand.

Entsetzen erfasste Elena. Doch tat sie alles, um das vor ihrer Freundin zu verbergen.

„Entschuldige! Ich wollte keinesfalls neugierig sein. Das wusste ich nicht. Ich… ich kann mir vorstellen, wie dir zumute ist.  Du bist ein so wunderbarer Mensch. Was musst du alles durchgemacht haben.“ Elena rang weiter mit sich, um die Fassung nicht zu verlieren.

„Lass nur, Elena! Ich habe es hinter mir. Ich rede halt nicht gerne drüber, das ist schon alles. Es war ein dunkles Kapitel meines Lebens,“ gab Madleen unmissverständlich zu verstehen.

„Ich kann dich nur noch einmal um Verzeihung bitte. Es war wirklich nicht meine Absicht, alte Wunden auf zu reißen. Ich werde nicht weiter hinterfragen, wenn du das nicht willst. Ich sehe, wie schwer es dir fällt, darüber zu reden.“ versprach Elena.

„Nein, du hattest mit deiner Frage vollkommen Recht. Ich hatte Unrecht! Ich hätte es dir sagen müssen. Du hast ein Recht darauf, alles zu erfahren.

Ich liebte ihn einmal sehr. Noch vor der Revolution kreuzte er eines Tages auf unserem Hof auf.  Er hatte Pech im Leben, viel Pech. Das zumindest behauptete er. Ich wollte ihm helfen und bestand darauf, dass er bei uns auf dem Hof blieb. Es dauerte nicht lange und er hatte mich für sich eingenommen.

Was er ausgezeichnet verstand war, zu reden, Süßholz raspeln, du verstehst was ich meine!“

Elena bejahte nickend diese Frage.

„Er beteuerte stets es im Leben schon zu etwas gebracht zu haben, aber das Schicksal habe ihn aus der Bahn geworfen.“ fuhr Madleen fort.

„Auch ich wollte raus aus dem häuslichen Einerlei. Also taten wir das Nächstliegende und  gingen gemeinsam fort. Eine Weile funktionierte es gut. Da kam der Tag, als er beschloss, sich den Patrioten anzuschließen. Das konnte ich nie und nimmer akzeptieren, auch wenn damit eine einmalige Chance auf einen sozialen Aufstieg gegeben war. Er ging fort.

Ich blieb zurück. Irgendwann erschien er  wieder bei mir mit der Forderung, dass ich ihn begleiten solle. Schon zu jenem Zeitpunkt hatte er sich sehr zu seinen Ungunsten verändert.

Ich sollte mit in die Hauptstadt übersiedeln. Da ist er wutentbrannt von dannen gezogen. Seit jenem Tag habe ich nie wieder was von ihm gehört.  Ich nehme stark an, dass er bei den Kämpfen ums Leben gekommen ist. Er soll in Turgstein dabeigewesen sein. Das Gemetzel dort  hat kaum einer überlebt.“

Elenas Gedanken waren voll in Aufruhr. Aus ihren Augen blickte noch immer kaltes Entsetzen. Auch ihr ehemaliger Geliebter Frederic, ein Schuft vom Scheitel bis zur Sohle, starb in Turgstein. Erinnerungen meldeten sich auch bei ihr zurück.

„Du bliebst standhaft. Damit bist du über dich selbst hinausgewachsen. Du hast zur rechten Zeit das Rechte getan,“ lobte Elena.

„Aber ich schäme mich für ihn. Er hat uns verraten und sich aus niederen Beweggründen auf die Seite des Feindes geschlagen. Sicher, er hat aus Not gehandelt, aus Mangel an Möglichkeiten, das mag als Entschuldigung gelten. Aber selbst die größte Not rechtfertigt nicht, zum Verbrecher gegen die Menschlichkeit zu werden. Auch ich bin eine Versagerin, denn auch ich hätte mehr tun müssen.“ quälte sich Madleen mit Selbstzweifeln.

Elena griff nach den Händen der Freundin und drückte diese ganz fest.

„Es besteht keine Grund zur Selbstanklage. Hör zu! Ich möchte dir etwas sagen. Ich denke, über meine Vergangenheit bist du im Bilde, die wurde in der Vergangenheit mehr als genug in der Öffentlichkeit ausgeschlachtet. Aber es gibt Dinge, die gern unter den Teppich gekehrt werden. Bevor Leander in mein Leben trat, lebte ich mit einem Mann zusammen, sein Name war Frederic. Ein Multi von der schlimmsten Sorte. Für die Karriere hätte er seinen eigene Großmutter verkauft.“

„Elena, du brauchst die Vergangenheit nicht zurückzurufen. Ich will es nicht wissen. Ich habe dir doch erst kürzlich gesagt, dass ich dir keinen Vorwurf mache, dessen, was du getan hast.“ unterbrach Madleen mit Tränen in den Augen

„Aber du weißt doch gar nicht, auf was ich hinauswill. Frederic war Mitglied des Blauen Orden,  sogar einer Ihrer federführenden Kommandanten. Der tat dass mit Gewissheit nicht aus Not. Denn die lernte er nie kennen. Er tat es aus reiner Bosheit.“

Madleen befreite sich aus Elenas Griff, wandte sich ab und blickte aus dem Fenster, durch das der Mond sein fahles Licht in die Kabine warf.

Warum tat Elena das? Warum erweckte sie die Vergangenheit zum Leben? Eine Vergangenheit, die sie vergessen wollte. Hatte sie ein Recht dazu?  Madleen wurde sich dieser Tatsache auf schmerzliche Weise bewusst. Und immerhin wollte sie selbst ja auch reinen Herzens vor ihre Angebetete treten. Ein dunkles Geheimnis würde zu einer unüberwindlichen Barriere zwischen ihnen.

„Verzeih, Elena! Mir ist im Moment nicht gut. Ich möchte über diese Dinge vorerst nicht reden. Vielleicht ein andermal: Ja, ein andermal bestimmt.“ versuchte sich Madleen aus der unangenehmen Situation zu befreien.

„Natürlich! Ich will dich keineswegs ausfragen!“ stimmte Elena zu. „Ich brauche auch noch ein wenig Bewegung. Weißt du, die lange Fahrt, das Sitzen. Ich bin das alles nicht mehr gewohnt. Ich muss noch ein paar Schritte an der frischen Luft tun.“

„Tu das, aber vergiss nicht, dir den Mantel über zu streifen. Es hat in der Zwischenzeit mächtig abgekühlt.“

Elena öffnete die Kabinentür und trat ins Freie. Langsam bewegte sie sich zu dem kleinen Wäldchen gegenüber, lauschte dabei dem Wind, der das im Winter verdorrte Gras abtastete und dem Schrei einer jagenden Eule in der Ferne. Der Mond segelte seine Bahn am Himmel, dabei sein silbriges Licht über das Land ausgießend. Eine wohltuende Stille umgab sie und ermöglichte es, sich den Gedanken hinzugeben.

Ihre Stimmung schwang zwischen geistigen Höhen und demoralisierenden Tiefen.  Was verbarg Madleen in ihrem Herzen?

Sie schob das soeben beendete Gespräch beiseite. Es musste ihr irgendwann gelingen, ihre Begleiterin von ihrem tief sitzenden Schmerz zu befreien.

Jetzt wollte sie sich zunächst auf das konzentrieren, was sie erwartete.

Wie würde die Familie sie aufnehmen. Konnte sie sicher sein, dass etwas Positives auf sie wartete? Noch immer hatte sie die ausgesprochen nüchterne Begegnung mit Leanders Familie in Erinnerung. Ein wahres Trauma. Würde sich das wiederholen? Nicht um alles in der Welt wollte sie noch einmal Derartiges erleben. Sie war im ganzen Land bekannt wie ein bunter Hund. Bedeutete ihre Anwesenheit am Ende gar eine Gefahr für ihre Gastgeber?  Zweifel taten sich wie tiefe Abgründe vor ihr auf.

Sie inhalierte die klare frische Luft, blickte dabei zum weiten Himmel auf, dessen Sterne wie Nadelstiche im Mantel der Nacht wirkten.

Als es ihr dann allmählich kalt wurde, bewegte sie auf das beleuchtete Wohnmobil zu.

Als sie eintrat, bemerkte sie, dass sich Madleen bereits zur Ruhe begeben hatte und sich in ihren Schlafsack mummelte.

Ohne langes Federlesen tat sie es ihr gleich. Morgen würde sie wieder ein anstrengender Tag erwarten. Doch der ersehnte Nachtschlaf wollte sich nicht einstellen. Elena vernahm ein leises Schluchzen. Madleen schien bedeutend mehr unter den alten wieder erbrochenen Wunden zu leiden, als ihr zunächst bewusst war. Sie wollte ein neues Leben, wollte das alte hinter sich lassen. Sie hatte ein Recht darauf. In ergriffenem Schweigen harrte Elena der Dinge, die auf sie zurollten Sie bildete Worte, bekam sie aber nicht über ihre Lippen

Sie streckte ihre Hand  aus, ballte aber eine Faust und zog diese unverrichteter Dinge zurück. 

Noch schien der Zeitpunkt nicht gekommen. Noch nicht! Aber bald! Hoffte sie ohne Unterlass.