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Die Schattenkönigin

 

Früher Morgen, Colette hatte sich am großen Eichenholzschreibtisch im Büro des Konventsgebäudes niedergelassen. Lange schon wollte sie sich dem leidigen Thema Finanzen zu widmen. Vor ihren Augen türmten sich Stapel von Papieren, sie drohte schon jetzt die Übersicht zu verlieren. Das Unangenehme schiebt man gerne beiseite, so lange bis einen die Realität einholt.

Pater Liborius hatte alles akribisch gesammelt und fein säuberlich geordnet, alles was die Eigentumsverhältnisse  betraf. Eventuelle Hypotheken, Käufe und Verkäufe, Schenkungen, Pachtverträge und was es sonst noch gab. Colette mochte solche Dinge überhaupt nicht, doch es half nichts, hier musste sie durch.

Sie wühlte sich durch die Papierberge. Was sie dort zu Gesicht bekam ließ ihre Stimmung bald in den Keller sacken. Es war nicht gut bestellt um die Finanzen. In absehbarer Zeit  würde einiges an Problemen auf sie und die geschrumpfte Gemeinschaft zukommen.

In etwa zwei Metern Entfernung hatte sich Elena auf dem Boden niedergelassen und spielte dort ganz friedlich mit Puppen. Im Schneidersitz hockend, den Kopf wie immer stark nach links unten geneigt, so als glaube sie ständig ihr Herz beobachten zu müssen, dabei leise vor sich hin summend.

Ein friedliches Bild, wenn es sich dabei um eine Vierjährige gehandelt hätte und nicht um eine Frau Mitte Dreißig.

Immer wieder richtete Colette ihren Blick auf die geliebte "kleine Schwester".

Plötzlich schrie Elena auf und warf in einem Anfall blinder Wut ihre Puppen mit voller Wucht an die Wand gegenüber.

„Elena, was soll das? Hab ich dir nicht gesagt, es wird nichts geworfen! Hast du verstanden? Sonst ist Colette sehr böse mit dir!“ wies Colette sie scharf zurecht.

Elena blickte erschrocken in Richtung Schreibtisch.

„Nicht böse sein! Nicht böse sein Colette! Bin auch wieder ganz lieb!“

Nach diesen Worten kroch sie am Boden entlang, bis sie bei Colette angelangt war, bettete dann ihren Kopf ganz sanft in deren Schoß.

„Bin wieder ganz lieb! Ganz lieb! Versprochen!“

„Das weiß ich doch! Ich bin gar nicht wirklich böse mit dir!“ versuchte Colette zu beschwichtigen, streichelte dabei sanft durch Elenas Lockenmähne. Unwillkürlich schossen ihr die Tränen in die Augen.

es war Elenas Schreibtisch und nur die gehörte hierher. Es war einfach ein Trauerspiel, die schöne kluge und elegante Frau in einem solchen Zustand vor sich zu sehen. Colette würde sich an diesen Anblick nie gewöhnen.

„Komm geh wieder spielen, Elena! Alles Ok?“

Colette nahm Elenas Gesicht zwischen die Handflächen, während sie so mit ihr redete.

Dann küßte sie sanft deren Stirn.

„Colette muss arbeiten! Verstehst du? Viel zu tun!“

„Arbeiten? Colette Arbeiten!“ stammelte Elena, bevor sie sich wieder in Richtung Raummitte entfernte.

„Ach, Elena! Könnest du mich doch nur verstehen! So wie früher. Du wüsstest bestimmt um die rechte Antwort. Dir entging nie etwas. Stets fandest du einen sicheren Weg. Keiner konnte dir etwas vormachen. Was gäbe ich dafür, dich wieder in dem Zustand zu sehen der dir entspricht. Wann wirst du wieder ganz die Alte sein?“ Resignierte Colette.

„Alte? Alte?“ plapperte Elena einfach nach, so, als ob sie über die Bedeutung jener Worte nachsann.

Colette nahm ihre Sortierarbeit wieder auf, Elena beständig mit einem Auge im Blick, so als hüte sie einen kostbaren Schatz.

Elenas Geist irrte weiterhin durch die Dimensionen. Hatte sich in der Schattenwelt verirrt. Ob er seinen Körper jemals wieder finden konnte? 

Bestimmte jetzt ständige Stagnation ihre Existenz?

Es hatte zumindest den Anschein.

 

Doch das Leben geht weiter, auch dann, wenn man schon lange nicht mehr daran zu glauben hofft, so auch in Melancholanien. Die lähmende Eiseskälte eines langen dunklen Winters war einem heiteren Vorfrühling  gewichen. Etwa knappes Jahr war seit Neidhardts Triumph über den Blauen Orden vergangen und der Alltag war  zurückgekehrt. Ein Alltag, der sich jedoch deutlich von dem unterschied, was man im vorrevolutionären Melancholanien als solchen zu leben pflegte.

Der erbarmungslose Bürgerkrieg hatte die Infrastruktur fast vollständig ruiniert. Die Bevölkerungsdichte war auf etwa die Hälfte der Vorkriegszahl geschrumpft. Viele hatten den Tod gefunden, andere waren geflüchtet, oder befanden sich noch auf der Flucht.

Wollte man nicht in totale Resignation verfallen, half nur ein Mittel, sich aufraffen, um wieder aufzubauen.

Neidhardt festigte seine Macht beständig. Dabei erwies er sich einmal mehr als geschickter Taktiker.  Schnell hatte er die Kraft medienwirksamer Gesten für sich entdeckt.

Er verstand es geschickt andere vor seinen Karren zu spannen, ohne das es denen bewusst wurde.

Bei Cornelius gelang ihm das vorzüglich. Dieser wurde Melancholanies Staatsoberhaupt. Zu sagen hatte er jedoch so gut wie gar nichts. Sein Amt beschränkte sich vor allem auf repräsentative Funktionen. Die eigentliche Macht lag allein bei Neidhardt. Da die Radikal-Revolutionäre Partei ein Machtmonopol für sich beanspruchte, das sogar in der neuen Verfassung verankert wurde, befand sich die uneingeschränkte Befehlsgewalt bei deren Generalsekretär und dessen engstem Stab, dem sogenannten Zentralkomitee.

Eine Regierung gab es auch, darin waren sogar einige parteilose Minister vertreten, vor allem um nach außen den Schein zu wahren, die Schlüsselfunktionen waren hingegen ausnahmslos mit Neidhardts engsten Vertrauten besetzt.

In Windeseile wurde das Land nach den Vorstellungen der Revolutionäre umgebaut. Vollmundig hatte Neidhardt schon unmittelbar nach seiner Machtübernahme die Abschaffung des alten Klassensystems als wichtigste Aufgabe der Zukunft deklariert. „Wir sind ein Volk!“ So lautete die Parole. Es sollte eine Einheit geschaffen werden,die allen gleiche Rechte und Chancen garantierten. Ein lobenswerter Vorsatz, gegen den im Grunde nichts einzuwenden war, denn zu stark waren die alten Klassenunterschiede noch in Erinnerung, die überhaupt erst in die nationale Katastrophe geführt hatten. Es sollte fortan keine Privo, keine Preka und keine Paria mehr geben, sondern nur noch Melancholanier, vereint unter dem neuen Banner der Republik.

Doch gute Vorsätze sind eine Seite, die Wirklichkeit präsentierte sich ganz anders .

Die Wirtschaft lag am Boden. Um diese anzukurbeln, bedurfte es einer besonders ausgefeilten Idee.

Sie sollte sich nach Neidhardts Vorstellungen deutlich von der des alten Systems unterscheiden. Um diese zu verwirklichen, griff er schon bald zu drakonischen Maßnahmen. Es wurde eine Art von Kommandowirtschaft installiert.

Der Kampf ist noch lange nicht zu Ende, verkündete Neidhardt und offenbarte der Bevölkerung seine Pläne.

Zunächst ging es den im Lande verbliebenen Privo an den Kragen, deren Vermögen sollte zugunsten des Wiederaufbaues komplett konfisziert werden. Gnadenlos wurde die Jagdsaison auf die einst so stolze Oberschicht Melancholaniens eröffnet. Er konnte sich zunächst der ungeteilte Zustimmung der meisten Preka und Paria sicher sein. Diese hatten bekanntlich unter der Herrschaft der Privo zu leiden und es versteht sich fast von selbst, dass Mitleid kaum zu erwarten war.

Zudem wurde eine ganze Reihe von Hilfsmaßnahmen gestartet, um der größten Not Herr zu werden.

Doch schon bald sollten auch die ehemals unterprivilegierten Klassen die Härte des neuen Systems zu spüren bekommen. Um die grassierende Arbeitslosigkeit einzudämmen, startete die neue Regierung ein Beschäftigungsprogramm.

Eine Arbeitsdienst wurde ins Leben gerufen.

Was bei oberflächlicher Betrachtung als lobenswerter Akt der Arbeitsbeschaffung betrachtet werden konnte, entpuppte sich bei genauerem Hinsehen als perfide Zwangsmaßnahme. Militärischer Drill und Kontrolle ließen kaum noch Bewegungsfreiheit zu.

Die meisten Herangezogenen wurden kaserniert untergebracht. Persönliche Freiheiten auf ein Minimum reduziert und die Entlohnung äußerst mager. Es verwundert nicht, dass die meisten es vorzogen, sich dieser Willkürmaßnahme zu entziehen.

Doch wohin fliehen? Um der immer weiter  ausufernden Fluchtbewegung Einhalt zu gebieten, hatte Neidhardt verfügt, die Grenzen zum Ausland hermetisch abzuriegeln. Nur unter Lebensgefahr war es noch möglich, den mörderischen Todesstreifen zu überwinden, der Melancholanien umgab.

Eine spezielle Polizeieinheit, eigens für politische Belange ins Leben gerufen, hatte die Aufgabe, überall nach eventuell vorhandenen Staatsfeinden zu forschen und ihrer habhaft zu werden. Politisch Andersdenkende sahen sich schon bald in der Defensive und einer erbarmungslosen Hetztjagd ausgesetzt . Die Beschuldigung lautete stets, Anhänger des alten Regimes zu sein, auch wenn das in gut 80% aller Fälle an den Haaren herbeigezogen war. Kaum einer, von einigen Angehörigen der ehemaligen Privooberschicht einmal abgesehen, sehnte sich nach der alten Zeit, dafür fühlten sich viele einfach nur um die Früchte der Revolution betrogen.

Die Bevölkerung sah sich dem Autoritären Regime auf Gedeih und Verderb ausgeliefert und schon bald bahnte sich tiefe Resignation ihren Weg.

Die Euphorie über den Friedensschluss und die Hoffung auf eine bessere Zukunft hatte sich schnell in Luft aufgelöst.

Tristesse, Hoffnungslosigkeit, Angst und Wut bestimmten weitgehend das Leben.

Den meisten blieb nur die innere Emigration. Zudem bestimmte der Kampf ums tägliche Überleben den Alltag der Menschen.

 

Auch vor den Toren der alten Abtei machte diese tiefe Depression keinen Halt.

Die verblieben Bewohner waren bislang unbehelligt geblieben.  Neidhardt hielt Wort und ließ sie gewähren.

Viel war ohnehin nicht geschehen. Die kleine zusammengeschrumpfte Besatzung versuchte den Alltag mehr schlecht als recht zu meistern. Wohin die Reise am Ende wirklich ging, konnte niemand sagen.

Colette hielt die Fäden in der Hand, ohne ihr beherztes Eingreifen wäre hier binnen weniger Wochen alles in sich zusammengefallen. Sie hatte sich einfach den Hut aufgesetzt, ohne von irgend jemand dazu aufgefordert worden zu sein. 

Doch wie erging es ihr dabei? Bereute sie am Ende gar ihren Entschluss? Ja! Jeden Tag aufs Neue, denn die Last auf ihren Schultern erwies sich von Woche zu Woche als bedrückender, bald schon nahm diese gigantische Ausmaße an. Sie trug nichts Geringeres als die Verantwortung für das große Gehöft und deren Bewohner. Sie war nicht allein und die wenigen Verbliebenen versuchten ihr nach bestem Gewissen beizustehen, doch eine wirkliche Hilfe konnten das kaum sein. Alle waren auf je eigene Art traumatisiert, jeder hatte einfach ein Stück weit mit sich und seinen Problemen zu kämpfen.

Sie überließen Colette die Verantwortung für das Allgemeine.

Colette wird es schon richten, so die allgegenwärtige Devise. Damit war im Grunde alles gesagt. 'Tue, was du für richtig erachtest, wir sind damit einverstanden, selber halten wir uns aber schön bedeckt im Hintergrund´.

Colette oblag somit die Verwaltung, Unterhaltung, Pflege und Instandsetzung eines beträchtlichen Anwesens. Besondere Sorgen bereiteten ihr die finanziellen Reserven, die immer mehr dahin zu schmelzen drohten, vor allem nach der radikalen Währungsreform. Neidhardt hatte diese aus Furcht vor einer Hyperinflation quasi über Nacht aus dem Hut gezaubert. Colette musste sich eingestehen dass nach deren Inkrafttreten die Ersparnisse bedrohlich geschrumpft waren.

Seit einiger Zeit kamen wieder verstärkt Flüchtlinge auf das Gelände, in der Hoffnung, hier den Nachstellungen des Staatssicherheitsdienstes zu entkommen, oder auch nur um einigermaßen anständig zu leben. Wie um alles in der Welt sollten die durchgefüttert werden? Es fehlte an allen Ecken und Kanten.

Elenas geistiger Zustand stagnierte seit Monaten, es bestand kaum noch Hoffnung auf Besserung.

Die kluge weise Powerfrau mit ihren guten Verbindungen, ihrem Charme und ihrer Fähigkeit zu überzeugen, gab es nicht mehr. Die starke Elena,  stets in der Lage mit einer Lösung aufzuwarten, mit ihren Einfällen und ihrer Kreativität, war lahmgelegt und bedurfte selbst der Pflege. Auch derer musste sich Colette an nehmen Es tat ihr in der Seele weh, wie sich Elena verändert hatte. Ihre Schönheit und Anmut aber strahlte noch immer, das brachte sie in Gefahr, deshalb war es erforderlich, Elena von der Außenwelt zu isolieren.

Hinzu kam die Sorge um Kim. Colette liebte sie wie eine Tochter. Kim war eines Tages verschwunden und seither fehlt von ihr jede Spur.

Möglicherweise war sie wenige Tage nach Friedensschluss in die Fänge herumstreifender Banden geraten, die zuweilen in der Gegend ihr Unwesen trieben. Colette wagte nicht einmal daran zu denken. Der Gedanke, Kim nie wieder zu sehen, bereitete ihr unendliche Qualen. Es riss ihr förmlich das Herz aus dem Leibe, wenn sie darüber nachsann.

Schließlich die immer größer werdende Angst vor staatlichen Repressalien. Wie konnte sie sicher sein, dass Neidhardt auch in Zukunft sein Versprechen hielt? Seit Tagen schon trieben sich Spitzel des Sicherheitsdienstes in der Gegend herum. War mit einer negativen Wende zu rechnen?

Sie konnte von Glück sagen, dass zumindest die Sorge um die kleine Tessa nicht auf ihren Schultern lastete, Gabriela und Klaus kümmerten sich um deren Betreuung, sowie deren Großmutter Anna.

Colette fühlte sich verbraucht und ausgebrannt, am Ende ihrer Kräfte. Psychisch und körperlich baute sie von Tag zu Tag ein stückweit ab, verstand es aber geschickt, es vor den anderen zu verbergen. Doch wie lange noch? Immer häufiger brach sie in Tränen aus. Ein Zusammenbruch schien nur noch eine Frage der Zeit. Eine tickende Zeitbombe.

Langsam erhob sie sich von ihren Schreibtisch. Stehend streckte sie sich und stöhnte dabei auf, die kaputten Bandscheiben setzten ihr in letzter Zeit auch noch zu. Gab es eigentlich ein Leiden, das sie nicht heimsuchte? Ihr Blick fiel auf den Spiegel an der Wand, sie blickte in das Gesicht einer Fremden. Der abgrundtiefe Hass auf ihren Männerkörper steigerte sich von Tag zu Tag. Früher konnte sie ganz gut damit umgehen, mit der Tatsache eine Kundra zu sein, in einem Körper zu stecken, der nicht der ihre war. Doch je älter sie wurde, desto tiefer litt sie unter dieser Tatsache.

Das Testosteron vergiftete ihren Körper und es vergiftete ihre Seele. Die zerzausten, gebrochenen Haare, der Bartschatten, der einfach nie verschwinden wollte, so sehr sie sich auch bemühte, diesen unter einer Masse von Make-up zu verbergen.

Sie war die Zaunreiterin, die Wanderin zwischen den Welten. Sie fühlte sich als Unkraut, als Missgeburt, als Aussätzige. Der Ekel, den sie verspürte, wann immer sie in einen Spiegel blickte, brachte sie zur Raserei.

Anfeindungen, Hohn und Spott gab es immer. Längst hatte sie sich daran gewöhnt, zumindest glaubte sie das. Doch jetzt, in dieser angespannten Situation, jetzt, wo alles von ihr abhing und der Art und Weise, wie sie in der Öffentlichkeit auftrat, war ihr Männerkörper nur noch eine unerträgliche Last, eine Last, die sie immer tiefer in den Abgrund stieß.

In ihr war ein Schrei nach weiblichem Sein und weiblicher Sexualität, lauter und dringender, als alle andere inneren Stimmen.

Tagtäglich wurde Colettes Seele von ihrem eigenen Körper vergewaltigt.

Sie war alles andere als eine Elena. Sie stellte, wenn man  so wollte, einen diametralen Gegensatz zu jener wunderschönen, sinnlichen und zudem hochintelligenten Powerfrau dar, jener Frau die da vor ihr auf dem Boden saß und mit Puppen spielte.

Sie fühlte sich nicht ernst genommen. Eine Kundra nahm niemand richtig ernst. Am liebsten sah man diese in den eigens für sie reservierten Rollenklischees, als Clown oder Hure. Kundras wurden geduldet, toleriert. Akzeptiert wurden sie nicht. Eine Kundra in einer angesehenen Stellung in der Gesellschaft? Nach wie vor ein Ding der Unmöglichkeit! Auch die Revolution hatte an dieser Tatsache nicht das Geringste geändert.

Auch unter Neidhardt wurde Weiblichkeit vor allem in der Defensive geduldet, vor allem natürlich, wenn diese von einer wie Colette ausging.

Menschen wie Colette sollten auch unter dem Neidhardt-Regime immer eine Außenseiterpositioneinnehmen.

Ihre Augen füllten sich mit Tränen, immer dann, wenn sie darüber nachdachte, was alles aus ihr hätte werden können, wenn der Testosteronkelch an ihr vor rüber gegangen wäre. 

Doch es hate den Anschein, dass sie noch nicht genug Probleme zu verarbeiten hatte. Wie sonst würde man wohl jenes Verhalten erklären, das sie jeden Dienstagnachmittag zum Besten gab. Zu diesem Zeitpunkt begab sich Colette in die Stadt. Es kam einem Ritual gleich, das sie dort nun schon seit Wochen vollführte.

Jeden Dienstagvormittag trat das Zentralkomitee der Radikal-Revolutionären Partei zusammen.

Am frühen Nachmittag begab sich Neidhardt mit seinen engsten Vertrauten in den notdürftig wiederhergestellten Plenarsaal des ehemaligen Parlamentsgebäudes, um dort eine Generalaudienz abzuhalten. Diese Audienzen bestanden zumeist aus langen schwulstigen Referaten, die nur so von Eigenlob  und Pathos trieften.

Colette hatte es sich zur Aufgabe gemacht, Neidhardt gründlich die Suppe zu versalzen.

Das Wetter war gut, der Vorfrühling verwöhnte erstmals mit angenehmen Temperaturen und strahlendem Sonnenschein. Der Spaziergang in die Stadt würde ihr sicher gut tun.

Die Straßenbahnen fuhren seit etwa zwei Wochen wieder, nachdem sie von den Einheiten der Arbeitsbrigaden gründlich instand gesetzt wurden. Eine Haltestelle befand sich direkt unterhalb der Abtei. Colette überlegte lange, ob sie fahren oder laufen sollte. Mit der Bahn wäre sie in 25 min vor dem Parlamentsgebäude, zum Laufen würde sie fast das Dreifache benötigen.

Sie entschied sich zu laufen, Zeit hatte sie, denn den Dienstagnachmittag nahm sie sich eigens dafür Zeit. Zu wichtig der Auftritt, der auch heute wieder folgen sollte.

Ständig saß ihr die Angst im Nacken. Nie konnte sie sicher sein die alte Abtei am Abend wieder zu sehen..

Auf ihren Spazierstock gestützt ging sie einfach los. Bei schlechtem Wetter benutzte sie einen großen Regenschirm zum Laufen.

Zeit für sich, Zeit in sich zu gehen um gründlich und in Ruhe nachzudenken.

In der Einsamkeit hier draußen verlor sich ihre eigene innere Einsamkeit. Hier fühlte sie sich frei und ungebunden. Weshalb nur hatte sie die Aufgabe übernommen? Warum war sie nicht ebenfalls auf und davon, so wie die anderen? Alexandra lebte an Ronalds Seite eine prominente Rolle, so wie sie es von ihrem früheren Leben gewohnt war. Ronald bekleidete nun das Amt des Außenministers bzw. des Volkskommissars für Auswärtige Angelegenheiten, wie sein Posten im offiziellen Sprachgebrauch lautete. Alexandra war folglich Frau Ministerin. Eigentlich konnte sie sehr zufrieden damit sein, doch es hieß, sie sei nicht recht glücklich. Das konnte sein. Wer fand schon in Neidhardts Nähe sein Glück?

Kyra jagte mit Folko irgendwo in der Welt herum. Niemand vermochte zu sagen, wo sie sich im Augenblick aufhielten. Es gab viele Konflikte auf der Erde, sie hatten freie Auswahl, wo, an welcher Stelle sie für die Gerechtigkeit zu kämpfen gedachten. Colette vermutete sicher richtig, wenn sie davon ausging, dass Kyra so manches Mal das Heimweh packte

Chantal hatte einen guten Job als TV-Moderatorin im benachbarten Monetanien, ein Land, in dem nach wie vor das Geld regierte, dem vorrevolutionären Melancholanien nicht unähnlich. Chantal plagte das Heimweh ganz offensichtlich, sie bekannte sich regelmäßig in ihren Sendungen dazu.

Colette konnte sich nicht erklären, warum sie nicht einfach wieder heimkehrte, die Möglichkeit hatte sie allemal.

Kim war wie gesagt verschwunden, Colette hatte schon fast die Hoffnung aufgegeben, sie jemals wieder zu sehen.

Sie selbst  blieb. Aus welchem Grund? Die Antwort lag auf der Hand. Wo sollte sie hin? Sie konnte sich glücklich schätzen ein Dach über dem Kopf zu haben. Es fehlte an Alternativen.

Bordelle gab es wieder. Neidhardt duldete diese zähneknirschend. Hier boten sich auch Kundras an. Doch so ein Leben kam für Colette nicht mehr in Frage. Etwas anderes konnte eine verachtete und verhöhnte Kundra kaum tun. Also blieb sie, plagte sie sich nun Tag für Tag mit den Problemen herum, die andere nicht zu lösen vermochten.

Schritt für Schritt näherte sie sich weiter dem Zentrum der Stadt. Von der quirligen Metropole der vorrevolutionären Zeit war kaum noch etwas vorhanden. Viele Gebäude waren zerstört und lagen noch in Trümmern. Die Arbeitsbrigaden mühten sich zwar beständig diesem Zustand Abhilfe zu schaffen, indem sie Tag und Nacht schufteten, doch zaubern konnten auch sie nicht und es würde wohl noch geraume Zeit in Anspruch nehmen, bis man  wieder eine repräsentative Hauptstadt präsentieren konnte. Schuttberge, wohin man auch blickte. Die Straßen notdürftig geflickt. Fahrzeuge sah man zwar seit geraumer Zeit wieder, aber ihre Anzahl war äußerst überschaubar. Von allen Seiten hörte man hämmern, klopfen und zimmern. Die Arbeitsbrigaden waren allgegenwärtig.

Das Parlament wurde als eines der ersten Gebäude wiedererrichtet. Schön sah es nicht aus, wie es da so in seiner mausgrauen Fassade in den Himmel ragte, aber es war zumindest zweckmäßig.

Eine Ansammlung von Menschen hatte sich auf dem kleinen Platz davor eingefunden, Bittsteller zumeist, die ein Anliegen vor zu bringen hatten.

Colette hielt kurz inne, den Gesprächsfetzen lauschend. Neidhardt war offensichtlich noch nicht eingetroffen. Sie musste wie schon so oft in der Vergangenheit eine günstige Gelegenheit erhaschen.

Langsam bewegte sie sich durch die Reihen, bis sie schließlich, von den anderen fast unbemerkt, zum Eingang gelangte.

Nach kurzem Warten war es soweit, die Staatskarossen fuhren vor und der Führungsstab des Zentralkomitees entstieg den Fahrzeugen, an deren Spitze wie immer deren Generalsekretär.

In der Zwischenzeit war Colette in das Foyer des Parlaments eingedrungen und hielt sich in einer Nische verborgen.

Nun betrat das große Gefolge das Gebäude. Mit herrischer Geste führte Neidhardt es an, wie immer in seine mausgraue, bis zum Hals geknöpfte Parteiuniform gekleidet, die blankpolierten schwarzen Langschäfter an den Beinen knirschten bei jedem Schritt.

Die linke Hand hielt er als Faust geballt nach hinten auf den Lenden aufgesetzt. Den rechten Arm meist zum Gruße erhoben.

Auf halbem Weg zum Plenarsaal stellt sich ihm plötzlich Colette in den Weg. Es folgte nun eine Szene, die, gleich einem Ritual, jeden Dienstagnachmittag nach dem gleichen Schema verlief.

„Sieh da! Sieh da! Colette ist wieder da! Und? Was willst du?“

Neidhardt, der hünenhafte Kleiderschrank, kam vor ihr zum Stehen, stemmte beide Hände in die Seiten und blickte verächtlich auf die Kundra herab.

„Ich bin gekommen, um dich an dein Versprechen zu erinnern, Neidhardt, oder leidest du an Gedächtnisschwund?"

„Versprechen? Welches Versprechen? Wüsste nicht, was ich dir versprochen haben soll. Oder habe ich dir etwa einen Eheantrag gemacht, als ich betrunken war?"

Seine um stehenden Paladine johlten laut auf.

„Du weißt sehr genau, von was ich spreche! Ich meine deine Ankündigung, was die Wiederherstellung der Räterepublik betrifft. Nun, wann dürfen wir damit rechnen, dass Neidhardt ein vor vielen Zeugen gegebenes Versprechen einlöst?“

„Ach Colette! Musst du mich schon wieder mit diesen alten Kamellen behelligen? Meinst du nicht auch, dass es langsam aber sicher langweilig wird? Lass dir doch einfach mal was anders einfallen.“

„Das tue ich, wenn du dein Versprechen eingelöst hast. Es gibt noch sehr viel, was ich zu bemängeln hätte an deiner Art zu regieren. Das schlimmste aber ist dein Verrat. Du sprichst von Idealen? Du brichst sie jeden Tag. Du hast die Revolution verraten. Du tust nichts anderes als eine Form der Herrschaft durch eine andere zu ersetzen. Erklär mir doch bitteschön was daran so revolutionär sein soll.“

„Ach hau ab! Verschwinde!“

Neidhardt stieß sie mit der Handfläche einfach von sich, so das Colette an die Wand taumelte.

„Nein, mein Lieber, so wirst du mich nicht los. Ein Autokrat bist du und nichts weiter. Diktator, Tyrann, Schänder der Freiheit. Eine jämmerliche Figur in der Pose des Triumphators.“

Colette schritt  neben ihm und überschüttete ihn geradezu mit einer Orgie an wüsten Beschimpfungen. Solange, bis seine Gefolgsleute sie ins Abseits drängten. Dann begab sich Colette auf die Empore und wartete, bis Neidhardt zu seiner schwulstigen Rede ansetzte.

„Genossen! Volk von Melancholanien! Die Revolution bahnt sich ihren Weg, sie dringt immer tiefer vor in die Herzen der Menschen. Keiner kann sich ihrer unbändigen Kraft entziehen. Sie schreitet voran bis in die entlegensten Winkel unsrer Heimat. Niemand vermag es, ihren Siegeszug zu verhindern.“

„Doch einer tut es mit Sicherheit, Neidhardt! Du selber bist es, der das kleine Pflänzchen der Revolution mit seinen Stiefeln zertreten hat. Eine wahrhafte Revolution kann sich nur gegen dich entwickeln!“ rief ihm Colette von der Empore entgegen.

Davon völlig ungerührt fuhr Neidhardt mit seinem Redebeitrag fort.

„Die übergroße Mehrheit der Bevölkerung steht auf unsrer Seite. Wir können uns der Unterstützung breiter Bevölkerungsschichten sicher sein. Aber, die Feinde der Revolution sind noch lange nicht geschlagen. Sie hocken in ihren Rattenlöchern und warten auf eine günstige Gelegenheit, um Rache zu nehmen für ihre schmähliche Niederlage. Wir müssen ihrer habhaft werden, sie eliminieren für alle Zeit.“

„Richtig! Dann fang doch gleich bei dir an! Verräter, Feind der Revolution!“ Colettes Wut kannte keine Grenzen.

„Es ist uns zu Ohren gekommen, das sich noch immer Verbände der Freikorps im Norden unseres Landes auf halten und dort ihr Unwesen treiben. Sie hetzten die dortige Bevölkerung gegen uns auf. Mit ihren schändliche Reden wollen sie den Lauf der Revolution entgegenwirken.“

„Das ist Lüge! Du weißt so gut wie ich, dass sich schon lange keine Freikorps mehr in Melancholanien befinden. Die Unruhen dort gehen von Menschen aus, die eine Fortsetzung der Revolution fordern, die eine Wiederherstellung der Räterepublik zum Ziel hat.“

„Es sind sehr wohl Freikorpsleute. Die Beweise sind erdrückend, sie wollen unsere revolutionäre Ordnung stürzen und die Verhältnisse der Vorkriegszeit rekonstruieren.“

„Lügner! Parteibonze! Bürokrat!“ schrie Colette wie von Sinnen.

Nun hatte sie den Rubikon überschritten.

Neidhardt erhob die rechte Hand und schnippte mit dem Fingern.  Es handelte sich um das vereinbarte Zeichen an seine Sicherheitsleute zum Eingreifen.

Zwei untersetzte Glatzköpfe stürmten auf die Empore, sie griffen nach Colette und zerrten sie äußerst brutal auf den Flur, dann schleiften sie die Kundra die Treppe hinunter.

„So wirst du mich nicht zum Schweigen bringen. Die Lüge soll dir im Halse steckenbleiben, du Verräter, Tyrann, Schänder der Freiheit! Ich klage dich an!“

Unten angekommen versetzte einer der Gorillas Colette einen kräftigen Tritt in den Hintern. Sie rollte die kleine Steintreppe hinunter und blieb auf dem Platz in einem Haufen Dreck liegen.

Einer warf ihr den Stock nach, der sie am Hinterkopf erwischte, so dass sie laut aufschrie.

Auf diese Weise endete für gewöhnlich die Szenerie am Dienstagnachmittag.

Blaue Flecken, Hautabschürfungen und womöglich Prellungen waren dann zumeist die Folge.

Tränen traten in ihre Augen. Langsam erhob sie sich vom Boden und spürte ihren schmerzenden Körper. Wie ein geprügelter Hund trat sie den Nachhauseweg an. Das heißt, sie zog es vor, nun die Straßenbahn zu benutzen.

Niemand hätte es gewagt mit einer Elena so um zu springen. Nachdem sie Neidhardt ordentlich den Marsch geblasen hätte, wäre die erhobenen Hauptes durch die Pforten geschritten. Undenkbar eine Elena auf eine so rüde Art und Weise zu behandeln. Aber Colette war ja nur eine Kundra und mit der konnte man machen was man wollte. Selbst ein Hund stand unter Umständen höher als eine ihres Standes.

Colette war sich der Tatsache bewusst, dass sie sich auf ganz dünnem Eis bewegte. Es genügte ein Befehl von Seiten Neidhardts und die ungeliebte Kundra würde für immer von der Bildfläche verschwinden, so, wie es schon hunderten unliebsamer Personen ergangen war.

Des Weiteren gefährdete sie mit ihrem Verhalten auch alle anderen Bewohner der Alten Abtei.

Die Frage, die sich all jene stellten, die diesem makabren Schauspiel allwöchentlich bewohnten, war immer nur die eine. Warum duldete Neidhardt das überhaupt? Weshalb hatte er Colette nicht schon lange aus dem Verkehr ziehen lassen? Es konnte nur damit zusammenhängen, dass er Spaß an der Angelegenheit gefunden hatte. Er nahm Colette nicht ernst. Niemand nahm eine Kundra ernst. Das hatte sowohl negative als auch positive Folgen. Galt Colette als Närrin, so wie alle Kundras, genoss sie selbstverständlich auch eine Art Narrenfreiheit und konnte Worte über ihre Lippen bringen, die für gewöhnliche Sterbliche lebensgefährlich waren.

Oder hing es doch damit zusammen, dass Cornelius ihm das Versprechen abgerungen hatte, die Bewohner der Alten abtei in Frieden zu lassen, ihnen sozusagen eine Art von Autonomie zuzugestehen?

Frage reihte sich an Frage und harrte ihrer Beantwortung.

Wieder einmal völlig am Boden erreichte Colette die Endstation und entstieg dem Straßenbahnwagon. Sie hatte fast die gesamte Heimfahrt über geweint, nun war es an der Zeit die Tränen im Zaum zu halten, niemand sollte ihre Schwäche entdecken, das würde sich äußerst demoralisierend auf die anderen auswirken.

Einem konnte sie jedoch nichts vormachen.  Der alte Pater Liborius erkannte immer sofort, wenn Colette eine schwere Bürde zu tragen hatte.

„Mein Gott, Colette! Was ist mit dir? Du hast geweint, mich kannst du nicht täuschen! Stimmt's? Du warst wieder im Parlament? Richtig, es ist Dienstag!“

„Ja, es ist Dienstag! Na und?“ versuchte Colette die Sache herunterzuspielen, was ihr aber kaum gelang.

„Warum nur tust du dir das an? Ich kann es nicht verstehen. Ich sehe doch, wie du darunter leidest.

Muss das wirklich sein?“ forschte der alte Pater weiter.

„Ja, es muss sein. Einer muss Neidhardt an sein Versprechen erinnern und der Welt vor Augen halten, dass in diesem Lande der Verrat regiert. Wenn sich die starken Männer dazu nicht in der Lage sehen, dann muss eben eine Kundra ran.“

„Und du glaubst, dass du dadurch etwas ändern kannst?“

„Ich weiß es nicht! Aber ich muss es wenigstens versuchen. Die Angelegenheit darf einfach nicht in Vergessenheit geraten, sie muss im Bewusstsein der Menschen haften bleiben. Wir dürfen nicht zulassen, dass Neidhardt einfach so zur Tagesordnung übergeht.“

„Aber du begibst dich dadurch in große Gefahr!“

„Dessen bin ich mir bewusst! Dieses Risiko muss ich eingehen. Mein Leben spielt keine Rolle, ich bin gerne bereit, es zu opfern. Wer oder was bin ich denn? Ein Niemand, eine Nichtexistenz, ein Mensch, den man nicht ernst zu nehmen braucht. Mir ist es egal, was aus meinem Leben wird!“

„Das mag sein, wenn  es nur um deine Person ginge. Aber bedenke, du gefährdest auch das Leben all jener, die dir an vertraut sind. Die sollten dir nicht egal sein.“ erinnerte Liborius sie an eine unwiderrufliche Tatsache.

Colette kam nicht umhin, sich einzugestehen, dass er die Wahrheit sprach.

„Mach dir keine Sorgen. Ich kenne auch die Grenzen. Ich weiß, wann es Zeit wird, aufzuhören!“

„Ich will es hoffen. Ich denke einfach, wir dürfen Neidhardt keinen Anlass geben, auf uns mit Misstrauen zu blicken. Im übrigen bin ich ganz und gar nicht der Meinung, dass du eine Nichtexistenz bist.“

„Das ist lieb von dir! Ich weiß, dass du zu mir stehst. Aber ich bin nun mal, was ich bin und an dieser Tatsache lässt sich nun mal nichts ändern.“

Die Sonne war im Begriff, am Horizont zu versinken. Es war noch angenehm warm. Colette entledigte sich ihrer Lederjacke und nahm auf der kleinen Mauer vor der Basilika Platz. Die Beine dabei im Schneidersitz verengt.

„Die Kirche, der ich so lange diente, hat sich an Personen wie dir schwer versündigt. Ich muss gestehen, dass ich selber nicht frei von Vorurteilen war als wir einander zum ersten Mal begegneten.

Doch durch den Kontakt mit dir fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich erkannte, dass all die Geschichten, die über euch im Umlauf sind, an den Haaren herbeigezogen sind. Auch ihr seid Kinder Gottes“

„Kinder Gottes. Hm... das will ich wohl meinen. Wenn es denn einen Gott gibt und er der Schöpfer der gesamten Menschheit ist, dann ist es wohl logisch, dass er auch die Kundras geschaffen hat. Es sei denn, es gäbe einen weiteren Gott, der eigens für unser Entstehen die Verantwortung trägt.“

Diese Aussage brachte den Pater in Verlegenheit und angestrengt suchte er nach Worten.

„Sieh mal, Liborius, meine Seele ist weiblich und mein Körper ist männlich. Dieser Gott hat sich mit mir einen Scherz erlaubt, einen üblen Scherz, wenn ich mal so vermessen sein will. Er lässt uns leiden, er lässt uns verzweifeln daran. Er setzt uns dem Hohn und Spott, der Verachtung und den Anfeindungen der Menschen aus. Wir können nicht aus unserer Haut, so sehr wir das auch möchten.  Ich bin der Ansicht, dass uns dieser Gott, in Anbetracht unserer Leiden, sogar ganz besonders lieben müsste. Ihr christlichen Priester sprecht doch immer so gerne von Kreuz tragen. Ich trage mein Kreuz, 24 Stunden am Tag. Könnte es sein, dass ich aufgrund dieser Tatsache diesem Gott auf eine geradezu auffällige Art und Weise nahe komme?“

Diese Aussage löste bei Pater Liborius ein intensives Nachdenken aus.

„Das, was du sagst, entbehrt nicht einer gewissen Logik. Von dieser Seite habe ich die Angelegenheit noch gar nicht betrachtet. Ja...ja.. das könnte sein, das könnte sein. Ich muss mich unbedingt eingehender damit auseinander setzen.“

„Es lohnt sich immer tiefer zu denken! Geschadet hat es sicher noch niemanden. Leider machen davon nur sehr wenige Menschen Gebrauch.“ antwortet Colette auf ihre eigene lässige Art.

„Du bist ein ganz besonderer Mensch und ich bin dankbar dich kennen zu dürfen. Nein. Du bist keine Nichtexistenz. So etwas darfst du dir nicht einreden. Du bist sogar sehr wertvoll. Erniedrige dich nicht ständig selbst!“

„Oh, wie das? Ihr christlichen Priester sprecht doch beständig davon, dass man sich erniedrigen soll, dass man sein Ego auslöschen und sich ganz klein zu machen hat. Man solle sich nicht wichtig nehmen und so weiter. Ich bin erstaunt solche Worte aus deinem Mund zu hören.“

„Natürlich ist das unsere Lehre. Aber es kommt immer darauf an auf welche Weise man die Worte auslegt, auf welchen Zusammenhang man sie anwendet. Selbsterniedrigung heißt, in seinem Inneren Platz schaffen für das Göttliche, für das Transzendente. Man soll sich nicht selber zum Gott erheben, verstehst du?“

„Ich verstehe sehr gut! Es ist knapp eine Stunde her, da hatte ich eine äußerst unsanfte Begegnung mit einem Mann, der sich für ein Gottgleiches Wesen hält.“

„Genau das meine ich! Ohne eine Religion würden sich die Menschen selbst zu Göttern erheben. Neidhardt ist ein geradezu klassisches  Beispiel für diese Entartung. Selbstverständlich bot uns das untergegangene Regime ebenfalls genügend solcher Fälle, denke nur an die Konzernchefs und ihren dekadenten Lebensstil.“

Colette zog ihre schon arg zerschlissenen Tennisschuhe aus und setzte ihre nackten Füße auf die Natursteinmauer. Ihren Blick richtete sie dabei auf den weiten Horizont, der gerade im Begriff war, die blutrote Märzsonne zu verschlingen.

„Zu gerne würde ich in Erfahrung bringen, wie Kovacs über diese Angelegenheit urteilen würde. Der führte ganz ähnliche Argumente ins Feld, wenn er auch andere Begriffe verwendete. Der sprach am Ende seines Lebens gerne von einer Göttin. Eine anarchistische Göttin sozusagen.  Ihr seid euch in vielerlei Hinsicht ähnlich. Komisch, dass mir das jetzt erst auffällt. Ob wohl dein Gott und dessen Göttin nicht zufällig ein und dieselbe Person sind?“

„Hm, Spekulation! Aber wer weiß. Das Universum ist undurchdringlich. Keiner von uns hat je  hinter den Horizont geblickt. Wir wissen nicht, was sich da alles abspielt. Es könnte durchaus sein, dass wir uns völlig falsche Vorstellungen machen von dem, was sich uns am Ende alles präsentiert. Wir sollten immer auf Überraschungen gefasst sein. Am Ende läuft es einfach auf das große Ganzes hinaus.

„Wäre Kovacs doch nur noch bei uns. Ich denke, im Laufe der Zeit hätte er uns sein Wissen offenbart. Nun liegt es an uns, diesen unbekannten Pfad  auf mühevolle Weise zu beschreiten.“ bedauerte Colette zutiefst.

„Kovacs ist noch immer bei uns, Colette! Er ist nicht wirklich gestorben, so wie auch alle anderen nicht wirklich tot sind.“

„Ich würde es gerne glauben, ich denke, ohne eine solche Zuversicht würde die Menschheit verrückt.“

„Gut gesprochen, Colette!  Du bist eine wahre Philosophin. Kovacs hat in dir eine würdige Nachfolgerin gefunden. Schon aus diesem Grund darfst du dein Licht nicht unter den Scheffel stellen.“ lobte Liborius in ehrlicher Begeisterung.

„Ich danke dir! Aber leider ist es für die Allgemeinheit nur von geringer Bedeutung, ob ich mein Licht unter den Scheffel stelle.  Kundra bleibt Kundra. Niemand braucht sie wirklich ernst zu nehmen, sollte sie sich auch als noch so weise präsentieren. Wer zwischen den Geschlechtern steht, bleibt eben doch auf ewig eine Nichtexistenz.“

Damit wollte sich der energische Pater nicht zufriedengeben.

„Du musst dich einfach selber lieben. Da liegt der Schlüssel zum Glück. Sage es dir jeden Tag und glaube fest daran. Stelle ein  positives Verhältnis zu dir  her. Hab dich einfach nur lieb. Das hilft auf jeden Fall.“

„Ach so! Du meinst, wenn mich schon die anderen nicht lieben, kommt mir allein diese Aufgabe zu? Ein bisschen mager, findest du nicht auch? Nein, nein, so einfach ist die Sache nicht. Eine Wesen wie ich kann sich nicht lieben. Weshalb sollte sie das! Es ist die Passion einer Kundra, sich selbst zu hassen. Jede Faser ihres Körpers kann sie nur abgrundtief ablehnen. Dieser Hass ist es, der sie stark macht und nach vorne bringt. Sie muss damit leben, ob sie will oder nicht, es ist ihr Schicksal. Es ist ihr von außen auferlegt. Erlöst werden kann sie, wenn überhaupt, auch nur von außen. Was mich betrifft, so hat sich dieser Erlöser, bzw. diese Erlöserin noch nicht gefunden. Mehrfach wähnte ich mich am Ziel, glaubte einen Menschen gefunden, der jenes Werk vollbringen mag. Doch weit gefehlt. Die es hätten erreichen können sind entweder tot oder verschwunden.“

„Es tut mir leid, solche Worte von dir zu hören. Ich sehe, ich habe noch viel zu lernen. Ich denke, ich habe mich einfach zu wenig mit der Materie beschäftigt.“ gestand der Pater freimütig.

„Na, da besteht  noch Grund zur Hoffnung. Du siehst, es geht kein Weg daran vorbei, alles objektiv zu betrachten. Pauschale Lösungsvorschläge helfen in den seltensten Fällen.  Was ich brauche ist einer oder eine, die am rechten Ort zur rechten Zeit das Rechte zu tun. An klugen Ratschlägen mangelt es wahrlich nicht, aber derer bedarf ich nicht. Wenn du das beherzigst können wir immer gute Gespräche auf Augenhöhe führen, das zum Beispiel würde mir gut bekommen. Jeden Satz der mit DU MUSST anfängt, einfach weg lassen! Ein guter Anfang!“

„Ich werde mich bemühen. Wenn ich einmal rückfällig werde, sieh es mir nach. Das liegt einfach an dem Beruf, den ich so lange auszuüben hatte. Du sollst, du musst. Das war einfach Dogma:“ entschuldigte sich der Pater noch einmal.

„Ein schöner Abend. So einen Sonnenuntergang habe ich schon lange nicht mehr genießen können.

Ich danke dir für das gute Gespräch, es tat gut. Jetzt muss ich aber mal nach dem Rechten sehen.“

Colette entfernte sich und warf sich die Lederjacke über die Schulter. Sie schritt an der Basilika entlang und bewegte sich auf das Konventsgebäude zu. Die Last des Tages schien für einen kurzen Augenblick von ihren Schultern genommen. Sie atmete tief durch. Nur mal kurz verschnaufen, für heute hatte sie genug getan. Morgen würde sie weitersehen.

Als sie jedoch das Konventsgebäude betrat, kam ihr eine aufgebrachte Gabriela auf der großen Treppe entgegen.

„Na, endlich kommst du! Ich habe dich schon überall gesucht!“

„Was ist denn los?“

„Was los ist? Elena ist weg, einfach verschwunden!“

„Wie, einfach verschwunden?“

„Sie ist nicht da, nicht mehr auf ihrem Zimmer. Ich habe schon fast das gesamte Gebäude abgesucht, aber Fehlanzeige!“ jammerte Gabriela.

„So ein Mist! Konntet ihr denn nicht aufpassen!“ hielt ihr Colette vor.

" Du hast es nötig, uns Vorwürfe zu machen. Es ist deine Aufgabe, auf Elena acht zu geben. Aber nein, du musst im Parlament wieder die Heldin spielen und dich mit Neidhardt anlegen. Ich habe mit Tessa mehr als genug zu tun.“ warf ihr daraufhin Gabriela vor.

„Das hat nichts damit  zu tun. Du weißt seit langem, dass ich Dienstagnachmittag nicht im Hause bin. Es ist nur ein kleine Mühe.“

„Ach, rede keinen Unsinn. Suche lieber Elena. Ich habe genug getan. Wenn ihr etwas zugestoßen ist, bist du allein dafür verantwortlich.“

„Keine Sorge, ich werde sie finden, ich kann mir denken, wo sie sich aufhält. Sie möchte fliegen lernen. Sie hat es mir erst kürzlich gesagt. Verstehst du, fliegen!“ dabei wedelte Colette vor Gabrielas Augen mit den Armen in der Luft herum.

„Du bist ja vollkommen durchgeknallt.“ warf ihr Gabriela noch entgegen, bevor sie sich entfernte.

Da war es wieder das alte Gefühl. Kaum hatte Colette aufgetankt, waren die Batterien wieder leer.  Es ist gut, eine Kundra in der Nähe zu haben, die man für alles verantwortlich machen kann. Solange Elena bei klarem Verstand war, wagte niemand mit Colette auf diese Art zu sprechen.

Colette erklomm die Treppe zum Dachboden der Basilika. Es gab nur einen Ort an dem sich Elena auf halten konnte. Außer Atem gelangte sie zum Dachboden, stieg die Leiter bis nach oben und öffnete die Dachluke. Sie blickte nach rechts, dann nach links. In der Dämmerung konnte sie Elena ganz weit vorne entdecken. Vor ihr ragte der Turm in den Himmel. Mit weit ausgebreiteten Händen balancierte Elena auf der Dachkante, so als glaubte sie tatsächlich jeden Moment ab heben zu können. Bekleidet war sie nur mit ihrem dünnen durchscheinenden Hemdchen.

Die Konturen ihres Venuskörpers traten darunter deutlich in  Erscheinung. Ihre kupferrote Lockenmähne wehte in der sanften Abendbrise.

Jetzt nur keinen Fehler machen. Colette durfte Elena auf keinen Fall erschrecken. Sie pfiff ganz leise immer wieder, solange bis Elena es bemerkte und sich zu ihr wandte.

„Elena,  was tust du denn? Es ist doch viel zu spät, um noch fliegen zu lernen. Siehst du, die Sonne ist schon lange in ihr Bett gekrochen, du solltest es auch bald tun, denn der Tag hat sich geneigt, die Nacht steht bevor, kleine Mädchen schlafen um diese Zeit.“

„Bin kein kleines Mädchen!“ widersprach Elena energisch.

„Natürlich nicht! Längst bist du ein großes Mädchen, aber auch die sollten zu diese Zeit lieber schlafen gehen. Es lauern zu viele Gefahren überall, denke doch nur an die bösen Nachtraben.“

Erschrocken blickte sich Elena um. Der Begriff übte noch immer eine magische Wirkung auf sie aus.

„Nachtraben? Habe Angst, Colette! Nachtraben sind böse!“

„Das sind sie bestimmt! Und deshalb kommt die kleine große Elena jetzt zu Colette.“

Zaghaft begann Elena den Rückweg, dabei wieder geschickt balancierend.

„Vorsichtig, Elena! Ganz langsam! Komm in meine Arme!“

Colette nahm Elena sanft in Empfang. Sie konnte von Glück sagen, nicht immer war Elena so brav.

Das war noch einmal gut gegangen.

„Was machst du denn für Sachen, Gabriela hat sich große Sorgen gemacht! Einfach so verschwinden, das war ganz und gar nicht artig!“

Elena schmiegte sich fest an Colette.

„Aber wie siehst du denn aus? Du hast dich total schmutzig gemacht. Sieh nur dein Hemd an. Hände und Gesicht sich auch voller Staub. So jetzt geht es erst mal unter die Dusche.“

„Will nicht unter die Dusche!“

„Oh doch und ich schrubbe dich bis du wieder blitz blank aussiehst.“

„Colette muss auch mit duschen!“

„Ich? Ich bin ganz sauber!“

„Doch mit duschen!“

„Meinetwegen, sonst gibst du ja doch keine Ruhe.“ unter derlei Gesprächen schritten die beiden die vielen Treppen hinab, bis sie im Wohntrakt des Konventsgebäudes angelangt waren.

Im Badezimmer waltete Colette ihres Amtes.

„So, weg mit dem dreckigen Hemd. Ab unter die Dusche!“ Sie gab Elena einen Klaps auf den Po. Danach entledigte sich Colette ihrer eigenen Kleider und schlüpfte ebenfalls unter die Brause.

Das warme Nass umspülte beide Körper. Colette seifte Elena ein, spülte ab, dann folgten die Haare, die hatten es ganz besonders nötig. Colette konnte ihre Erregung kaum verbergen, kein Mensch der Welt, ob Mann, Frau oder Kundra duscht mit Elena, ohne dabei erregt zu werden. Dieser Körper war einfach die Versuchung in Person. Doch nie wäre Colette auf die Idee kommen, die Gelegenheit auszunutzen, trotzdem genoss sie die Berührung ausgiebig, es war, wenn man so wollte, die Entschädigung für einen harten Tag.

Später rubbelte sie Elena trocken, salbte deren Haut sanft mit duftender Creme ein und begann schließlich ihr langes wunderschönes Haar zu föhnen und zu kämmen. All dies geschah mit einer Vertrautheit, die wie eine Selbstverständlichkeit von der Hand ging. Colette gab sich voll und ganz der Mutterrolle hin.

Später führte sie Elena in deren Schlafzimmer und bettete sie ganz sanft zur Nachtruhe. Streichelte noch mal deren Wangen und verabschiedete sie mit einem dicken Kuss in den Nachtschlaf.

Geschafft, endlich konnte sich auch Colette zurückziehen. Sie hatte ihr Zimmer direkt neben Elenas Schlafgemach. Sie ließ sich in ihren Sessel fallen, nahm ein Buch zur Hand, um noch ein paar Zeilen zu lesen.  Doch die Augen fielen ihr zu. Sie war einfach nur todmüde. Da half nur noch, selber schlafen gehen, obgleich es noch gar nicht so spät war.

Endlich Ruhe, noch einmal den Tag Revue passieren lassen. Colette stöhnte und streckte sich dabei, dann lies sie sich auf die Seite fallen. Doch es dauerte nicht lange und die Tür öffnete sich. Elenas Lockenkopf lugte durch den Spalt.

„Darf ich bei dir liegen?“ jene Frage die Colette schon erwartete, denn Elena stellte diese fast in jeder Nacht.

„Na, komm schon! Ab unter meine Decke! Colette schlug die Decke zurück und Elena schlüpfte an deren Seite, kuschelte sich sanft an den Körper der "älteren Schwester", zog die Beine an und steckte den Daumen der rechten Hand in den Mund.

„Nicht am Daumen lutschen, Elena! Ich denke, du bist schon ein großes Mädchen?“

Schnell zog Elena den Daumen aus dem Mund.

Es dauerte nicht mehr lange und beide fielen in einen sanften Schlummer. Ob sie wohl auch ihren Traum miteinander teilten?

 

Mit Sorgenfalten auf der Stirn inspizierte Colette am darauffolgenden Tag das Gelände. Nochmals ein schöner Tag mit für Mitte März ungewöhnlich hohen Temperaturen. Sie kam ganz schön ins Schwitzen. Aber recht so, lange genug hatte sie die kalte Winternacht ertragen müssen. Zumindest das Wetter meinte es gut mit ihr.

Doch wie sollte es hier weitergehen? Im Grunde lag alles mehr oder weniger brach. Es war alles vorhanden und harrte seiner Benutzung. Die schönen Gärten und Parkanlagen verwildert. Wer sollte hier arbeiten. Ein Ding der Unmöglichkeit mit den paar Verbliebenen ein solches Anwesen zu bewirtschaften. Um es aber auf Dauer zu erhalten, musste dringend gehandelt werden .  Die zahlreichen Werkstätten, verwaist. Ein Jammer. Was ließe sich hier mit einem gut durchdachten Konzept und dem entscheidenden Startkapital alles machen?

Die Währungsreform aber hatte die Reserven aufgezehrt. Auch Elenas einst so umfangreiches Vermögen war auf einen Bruchteil zusammengeschrumpft, nicht anders erging es dem von Gabriela und Klaus.

Die neue Währung war im Prinzip weiter nichts als bedrucktes Papier.

Zum Glück befanden sich Basilika und Konventsgebäude noch in gutem Zustand, aber an den Nebengelassen wären in absehbarer Zeit zum Teil erhebliche Instandsetzungsarbeiten erforderlich.

Woher sie das erforderliche Geld nehmen sollte, war ein Rätsel.

Doch Colette hatte sich in den Kopf gesetzt, so lange  wie nur irgend möglich weiter zu kämpfen. Denn es galt die Gemeinschaft um jeden Preis zu erhalten.

Der Fall lag auf der Hand, neben Kapital benötigte die Abtei unbedingt neue Mitbewohner.

Die kleine Schar der Hinterbliebenen verlor sich auf dem riesigen Areal. Neben Colette, Elena und der kleinen Tessa, lebten noch Klaus und Gabriela hier, hinzu kamen Leanders schon ein wenig betagte Eltern, sowie Pater Liborius, der auch nicht mehr der Jüngste war. Leanders Bruder war vor einigen Wochen gekommen, der packte schon mit an, aber vor allem, wenn er gerade mal Lust dazu verspürte. Hin und wieder kamen Flüchtlinge, die auch hier und da mit halfen, verlassen konnte man sich darauf nicht.

„Ach, wenn doch nur Elena wieder bei klarem Verstand wäre! Die wüsste mit Sicherheit einen Ausweg!“ sprach Colette zu sich selbst.

 Elenas Rat fehlte in jeder Hinsicht. Schon ihre Art die Dinge an zugehen, spornte andere zu außergewöhnlichen Leistungen an. 

Das Land wusste um Elenas Krankheit. Dafür hatte schon Neidhardts Propagandamaschinerie gesorgt. Ein wesentlicher Grund, warum sich die Menschen kaum noch für das Leben in der Abtei interessierten. Wie ein Magnet die Eisenspäne hatte Elena einst die Menschen angezogen aber eben nur als jene starke charismatische Leitfigur. Doch der Magnet hatte seine Anziehungskraft eingebüßt. Eine kranke, verwirrte Elena konnte keine Massen begeistern.

Peinlich achtete Colette darauf, dass Elena das Abteigelände nicht verließ, niemand durfte sie in diesem Zustand erblicken, auch wenn es ihr noch so leid tat.

Nur zu genau war sich Colette der Tatsache bewusst, das ihr Elenas Schuhe einige Nummern zu groß waren, nie wäre sie imstande, in deren Rolle zu schlüpfen.

Guter Rat war teuer. Doch wo konnte sie einen bekommen? Fragen über Fragen, es hämmerte unaufhörlich in ihrem Kopf.

Frustriert kehrte sie um. Auch das schöne Wetter konnte ihr keinen Trost spenden. Sie war allein auf weiter Flur und  stand mit dem Rücken zur Wand. All die schönen Theorien, die sie sich zurechtgelegt hatte  zerschellten an den Klippen der Realität.

 

„Tyrann, Verräter, Schänder der Freiheit. Du hast dir die Macht gewaltsam genommen, du warst nie ein Revolutionär und wirst nie einer werden!“ wütete Colette von der Empore des Plenarsaales.

Wieder einmal Dienstagnachmittag und das Duell mit Neidhardt stand erneut auf der Tagesordnung.

All ihren Frust, all ihr grenzenloses Leid und Elend bündelte Colette und ließ ihren inneren Vulkan zum Ausbruch kommen.

Heute war es besonders schlimm. Denn etwas Ungeheuerliches hatte sich zugetragen.

Das Zentralkomitee hatte den Beschluss gefasst, ein monumentale Mausoleum für Kovacs zu erreichten, um den „Großen Volksdichter“, wie sie ihn seit kurzem zu nennen pflegten, dort zu verehren. Dass dieser perverse Personenkult so ganz und gar nicht im Sinne des stets bescheidenen Dichters war, interessierte niemanden.   

Schon seit geraumer Zeit wurde an diesem Monument gebaut. Inzwischen war es provisorisch fertiggestellt.

Heimlich war in einer Nacht ein Trupp von Neidhardts Eliteeinheit auf das Gelände der Abtei eingedrungen und hatte die Gebeine Kovacs ausgegraben und in das Mausoleum entführt.

Colette schäumte vor Wut.

„Du wagst es, Kovacs als deinen Kampfgefährten zu bezeichnen? Die Lüge soll dir im Halse stecken bleiben. Ihr konntet einander nicht ausstehen, das ist die Wahrheit. Kovacs stand deinen Theorien und vor allem deinen Aktionen stets ablehnend gegenüber. Nie machte er einen Hehl daraus, wie sehr er deine Methoden verachtete und welche Gefahren er darin sah. Du schändest sein Andenken auf das Erbärmlichste.“

Neidhardt ließ sich nicht beirren.

„Kovacs ist der Dichter der Revolution.Mit seinen poetischen Worten bahnte er ihr den Weg. Wir, meine Gefolgsleute und ich, betrachten uns als in dieser Tradition stehend. Wir sind es, die seinen Worten Leben einhauchten und all seine Ideen in die Praxis überführen. All seine Träume, nun werden sie Realität.“

„Nie und nimmer handelt ihr nach seinen Träumen! Im Gegenteil, nichts von dem entspricht den Tatsachen. Ihr bastelt euch die Wahrheit nach eurem Ermessen und missbraucht seinen großen Namen. Es ist eine Schande. Ihr tötet ihn damit noch einmal aufs Neue.“

„Willst du uns für seinen Tod verantwortlich machen? Ich darf dich daran erinnern, dass es Leute der Freikorps waren, die die tödlichen Schüsse auf ihn feuerten. Du verleumdest uns. Uns und die gesamte Revolution.“ schrie ihr Neidhardt entgegen und alle stellten sich die Frage, weshalb er sie nicht längst zum Schweigen gebracht hatte.

„Sicher, seine Mörder kamen aus den Reihen der Reaktionäre, das ist wahr. Aber ihr habt ihn so weit getrieben. Ihr seid ebenso schuldig wie die Verantwortlichen der Freikorps.“

„Unerhört!  Das ist Verleumdung! Schmeiß sie endlich raus, Neidhardt! Raus mit der Kundra. Halts Maul, du Schlampe, du Missgeburt, du Hure.“ hallte es ihr von allen Seiten entgegen.

Immer tiefer gingen die Beleidigungen unter die Gürtellinie. Boshaftigkeiten, die man wohl nur einer Kundra gegenüber äußerte.

„So was will ne Frau sein? Lächerlich! Rasier dich gefälligst erst mal, bevor du hier das große Wort führst!“

„Zeig uns erst mal deine Titten! Sind die echt, oder aufgeblasen!“

„Das nächste Mal bring ich einen Topf Scheiße mit, damit stopfe ich dir dein freches Maul, du Saukundra!“

Einer holte ein Taschenmesser hervor und fuchtelte damit in der Luft herum.

„Soll ich dich damit von deiner Männlichkeit befreien? Das wäre doch mal was!“

Großes Gejohle setzte ein.

Ein beachtlicher Teil der Schreihälse konnte bereits auf eine beachtliche Karriere in der Zeit des alten Regimes zurückblicken. Als sich das Blatt wendete und Neidhardt fest im Sattel saß, hielten sie einfach das Fähnchen in die günstigere Richtung. Neidhardt hatte allen Pardon erteilt und ihnen einträgliche Posten versprochen, wenn sie denn die Bereitschaft erkennen ließen, ihm allein unbedingte Loyalität zu bekunden. Das taten sie mit Begeisterung. Ein echtes Gewissen kannten diese Leute nicht. Waren es vor der Revolution vor allem Konzernchefs, denen sie sich auf Gedeih und Verderb verschrieben hatten, so war es nun der Diktator, dem sie folgten. Von welcher Seite man es auch betrachtete, es hatte sich nichts geändert.  Es waren Karrieristen und Opportunisten, die den Ton angaben.

Einem war es ganz und gar nicht zum Lachen. Tief in sich zusammengesunken saß Ronald auf der Regierungsbank, den Kopf zur Tischplatte geneigt, ballte er unbemerkt die Fäuste und kämpfte mit den Tränen. Er fühlte sich abgrundtief schlecht und ihm war zum Kotzen übel. Ronald besaß noch ein Gewissen und das setzte ihm gewaltig zu.

Colette richtet ihren Zeigefinger auf ihn.

„Du brauchst dich nicht zu verstecken, Ronald. Ich habe dich längst entdeckt. Na, wie fühlst du dich?

Kovacs war dein Freund, das hast du schnell vergessen. Dir macht das alles gar nichts aus.! Ein Feigling bist du und zwar einer von der übelsten Sorte “

Jedes Wort, das Colette über ihre Lippen brachte, saß und entsprach der Wahrheit, dessen war sich Ronald nur zu gut bewusst. Sich einfach erheben, durch den Saal laufen, auf die Empore steigen, sich an Colettes Seite stellen, den Arm um sie legen und ihr den Rücken stärken. Das wollte er jetzt in diesem Moment, doch sie hatte recht, er konnte es nicht, er war feige. Seine Karriere bedeutete ihm alles.

Die verachtete Kundra besaß mehr Mut als all diese armseligen Gestalten zusammen genommen, ihn selbst inbegriffen, obwohl er kein einziges Wort über seine Lippen brachte. Ganz alleine stellte sie sich dieser wütende Meute, die keinen Augenblick zögern würden, sie in Stücke zu reißen. Es gab nur eine wahre Revolutionärin in diesem Saal und die hieß Colette.

Da ertönte Neidhardts Fingerschnipsen. Endlich würde dem unwürdigen Spektakel Einhalt geboten.

Totenstille im Raum, Colette wurde wieder die Treppe hinunter gestoßen und überschlug sich mehrmals. Schließlich landete sie vor dem Gebäude in einer Dreckpfütze.

Ein Sturzbach bitterer Tränen entlud sich und sie litt entsetzliche Schmerzen.

Langsam begann sie sich vom Boden abzustützen.

Doch diesmal war es anderes. Sanft, ganz sanft legte ihr jemand die Handfläche auf die Schultern.

„Ist dir was passiert? Geht es dir nicht gut? Kann ich dir helfen?“ hörte sie eine leise Stimme an ihrem Hinterkopf.

Colette drehte ihren Kopf und blickte in das hübsche sympathische Gesicht eines jungen Mannes.

Feine geschwungene Gesichtszüge. Tiefblaue Augen und ein spitzes Kinn, eine schmale Nase und sinnliche Lippen, deren Ränder süße Grübchen zierten. Dunkelbraune Rastalocken hingen ihm über die Schultern und reichten bis fast zur Taille. Feingliedrige elegante Hände. Gekleidet war er  ausgesprochen salopp. Eine eng an liegende braune Cordhose, ein schwarzes T-Shirt ohne Ärmel darüber eine beigefarbene Cordweste, abgewetzte Turnschuhe, die ursprünglich einmal die Farbe Weiß erkennen ließen. Bei sich führte er einen großen oliv-grünen Rucksack, in dem er seine gesamten Habseligkeiten verstaut zu haben schien.

Und dann dieses Lächeln, nur einmal hatte Colette einen Menschen so sinnlich lächeln gesehen. Es war unverkennbar.

"Das kann nicht sein! Lukas! Du? Wie...was...wo kommst du denn auf einmal her?"

"Ich bin rein zufällig hier vorbei gekommen. Da purzelt mir die Colette vor die Füße. Das ist ein Ding."

"Ich meine damit, wie um alles in der Welt kommst du wieder nach Melancholanien?" Erkundigte sich Colette, nachdem sie auf wackeligen Füßen zu taumeln begann.

Lukas griff ihr um die Taille und hielt sie in seinen schlanken aber kräftigen Armen.

„Dir geht es nicht gut! Das sieht man gleich! Hat dich jemand angegriffen? Wo ist der Typ? ich möchte ihm in die Eier treten. Weißt du noch, wie damals?"

„Das würde ich dir nicht raten, mein starker Kämpfer. Da übernimmst du dich gewaltig. Ich hatte eine Auseinandersetzung mit einem gewissen Neidhardt. Der ist dir um einiges über!"

„Mit wem? Sagtest du Neidhardt? Eurem Großen Vorsitzenden? Ja, das passt zu dir Colette. Das glaube ich dir aufs Wort!"

„Ich muss dich warnen. Geh lieber weiter, es ist gefährlich, sich mit mir sehen zu lassen. Ich bin im Moment die Staatsfeindin Nr. 1"

„Ich denke nicht daran! Ich bin glücklich, dich wieder gefunden zu haben. Man hört so einiges über dich und deinen Mut. Ich wollte, ich hätte nur halb soviel davon. Unter all diesen Kriechern und Speichelleckern mal ein Mensch, der sich nicht biegen und brechen lässt. Hätte Melancholanien noch ein Dutzend weiterer Leute deines Formates, könnte Neidhardt schon bald seinen Hut nehmen.“

Jedes Wort, das über seine Lippen kam, tat Colette unendlich gut. Und dann seine zärtliche Berührung, Colette lies sich in seine Arme sinken.

„Danke! Ist schon lange her, dass mir einer solche Komplimente machte. Wusste schon gar nicht mehr, wie sich sowas anfühlt. Aber sag! was machst du hier. In diesem Land gibt es nur noch Staub und Schatten. Keiner kommt hierher ohne triftigen Grund!"

"Das kann sein! Und was wäre wenn ich diesen Grund gerade gefunden habe und in den Armen halte!" flüsterte er ihr zärtlich ins Ohr.

"Wegen mir? Du hast dich um meinetwegen auf den Weg gemacht?"

"Ja1 Ich verfolgte in den letzten Monaten die Entwicklung in Melancholanien sehr genau. So lange der Bürgerkrieg tobte traute ich mich nicht hierher, bin manchmal doch ein echter Feigling. Aber in Gedanken war ich oft bei dir. wollte einfach in Erfahrung bringen wie es um dich und um eurer ganzes Projekt bestellt ist." Berichtete Lukas.

"Wie du dich überzeugen konntest, nicht sehr gut. Um nicht zu sagen ausgesprochen mies. Sowohl was mich betrifft, als auch unsere Gemeinschaft, bzw. was davon noch übrig ist."

"Wie es scheint komme ich zur rechten Zeit?" Mutmaßte Lukas.

"Absolut! Lange hätte ich es nicht mehr ausgehalten! Mit dir an meiner Seite könnte sich so manches ändern. Alte verschüttede Kräfte kann ich so viel leichter reaktivieren." 

„Ich will dich gerne tragen, halten , stützen. Sag wenn du mich brauchst und ich bin zur Stelle:"

Colette begann zu weinen.

Lukas holte ein Taschentuch aus seiner Westentasche und begann ihre Tränen zu trocknen. Danach feuchtete er es mit seiner Spucke an und wischte ihr den Dreck von Stirn und Wangen.

„Ist es besser so?“ Wollte er wissen.

„Ja, besser! Viel besser!“

Colette richtete verlegen ihren Blick zum Boden.

„Du möchtest wirklich mit mir gehen? In die Alte Abtei? Aber erwarte nicht zu viel. Dort liegt derzeit so gut wie alles am Boden. Ich weiß nicht einmal ob es mir gelingt sie zu erhalten. womöglich sind wir bald wieder heimatlos! Wir suchen dringend Leute, die uns zur Hand gehen, vor allem solch kreativen Denker wie dich. Natürlich kann ich dir wenig zahlen oder sagen wir besser am Anfang so gut wie gar nichts. Aber Kost und Logis hast du schon mal frei. Später müssen wir dann weitersehen.“ bot Colette an.

„Das ist mehr, als ich erwarten kann. Ich bin geneigt, dein freundliches Angebot anzunehmen.“ Freude sprach aus Lukas Worten. Dann schlang er seien Arme um ihre Schultern und zog sich an sich.

"Einem Menschen der es wagt diesem Kotzbrocken dort drinnen Paroli zu bieten, folge ich wenn es ein muss bis in die Hölle."

„Nun denn! Da wollen wir uns gar nicht lange bei der Vorrede auf halten. Komm!“

Colette streckte ihm ihre Hand entgegen.

Lukas schulterte seinen Rucksack, bückte sich, hob Colettes Stock vom Boden und reichte ihn ihr.

Die stützte sich darauf.

„Geht es mit dem Laufen? Ich kann dich gerne stützen, wenn du magst!“ bot er an.

„Danke, es geht schon. Aber du kannst mich selbstverständlich  im Arm halten. das würde mir gut tun“

Lukas tat, wie ihm geheißen, und umfasste erneut ganz sanft Colettes Taille. Dann machten sie sich auf den Weg.

„Sag mal, du bist nicht zufällig so was wie ein Heiler?“ wollte Colette wissen, nachdem sie schon ein Stück des Weges hinter sich gelassen hatten.

„Nein! Nicht das ich wüsste! Warum fragst du?“

„Nun, es ist irgendwie eigenartig! Kaum, dass du mich berührt hast, sind auf einmal die Schmerzen weg. Einfach so auf und davon. So was habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Vor allem nach den Blessuren, die ich durch den Sturz vorhin eingefahren habe.“

Sie verzichteten sogar auf die Benutzung der Straßenbahn und legten die Wegstrecke zur Abtei zu Fuß zurück.  Colette kam es überhaupt nicht lange vor, so vertieft war sie in das Gespräch mit ihrem kurzzeitigen Liebhaber. Auf einmal war alles so anders. In ihrem Inneren bahnten sich längst verschollen geglaubte positive Gefühle ihren Weg. Glückshormone vollführten einen Tanz der Sinne.

Colette fühlte sich einfach nur wohl in Lukas Gesellschaft.

Schon in den folgenden Tagen zeigte sich, wie weise Colette gehandelt hatte, dass sie Lukas mit genommen, ihm ein Obdach und Gemeinschaft geboten hatte. Lukas erwies sich als überaus segensreich für die kleine Gruppe. Seine heitere und gelassene Art, seine Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft wirkten geradezu ansteckend, spornten auch die anderen an, wieder ins Geschehen ein zugreifen. Vor allem auf Leanders Bruder wirkte er wie ein Motor und selbst Klaus ließ sich herab, wieder tatkräftig zuzupacken

Für Colette wurde der Neuankömmling zu einer unverzichtbaren Stütze. Kaum, dass sie einen Wunsch über ihre Lippen brachte, wurde er schon von Lukas erfüllt. Er konnte eine ganze Reihe von Lasten von ihren Schultern nehmen. Er war einfach da, wenn sie ihn brauchte. Und nicht nur bei Dingen, die die Arbeit betrafen. Fühlte sich Colette am Ende ihrer Kräfte, saß sie mit zittrigen Händen da und schien der Verzweiflung nahe, schloss Lukas sie in seine Arme, drückte sie fest an sich und fuhr ihr zärtlich durch ihr früh ergrautes Haar, streichelte sie, hielt sie einfach, beschützte sie vor einer Welt, die im Begriff war, jedes Gefühl im Keime zu ersticken.