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Eindringling im Paradies

 

Der Horizont schickte sich gerade an, die rot glühende Sonnenscheibe zu verschlingen, als Kovacs es sich vor seiner Hütte bequem machte. Sein Blick schweifte über die große Weide mit ihrem gelben, sonnenverbrannten Gras, dass schon seit Tagen von einer Herde schwarzweiß gefleckter Rinder systematisch abgegrast wurde.

Die Koppel war so groß das sich die Tiere in deren Weite fast verloren.

Direkt gegenüber befanden sich die kleinen Gehöfte der Agrarkooperative.

Die Menschen in den dörflichen Gemeinschaften hatten sich trotz des harten Druckes, der auf ihren Schultern lastete einen gewissen Grad an Unabhängigkeit bewahrt, so dass Kovacs hier problemlos abtauchen konnte.

Viele Aussteiger versuchten schon auf diese Weise dem unüberwindbar scheinenden Kreislauf von Unterdrückung und unterdrückt werden zu entfliehen.

Kovacs war ein Weltflüchtling besonderer Art.

Ein Dichter von Weltruhm, einer dessen Berühmtheit einst mit den bedeutendsten Geistern seiner Zeit mit halten konnte. Jemand der Könige, Präsidenten, millionenschwere Industrieelle und sonstige Prominente zu seinem Bekanntenkreis zählte.  Seine Romane erreichten gigantische Auflagen. Eine ganze Generation lag ihm vor noch gar nicht allzu langer Zeit zu Füßen. Und wohlhabend war er wie kaum ein anderer seiner Zunft.

Und nun saß er hier, in dieser kleinen notdürftig ausgestalteten Gartenlaube. Ein Zimmer mit Toilette. Eine handvoll Bücherkisten an den Wänden entlang. Ein paar übereinander gestapelte Matten, die als Bett dienen. Ein alter wuchtiger Schreibtisch, ein alter Polstersessel, ein klappriger Holztisch, mehr bedurfte es nicht. In einer Ecke hatte er sich noch eine kleine Kochnische eingerichtet.

In den warmen Jahreszeiten, bis weit in den Herbst hinein, verbrachte Kovacs ohnehin die längste Zeit des Tages in freier Natur. So wie jetzt, vor der Hütte sitzend, oder auf Erkundungstour durch die Gegend streifend. Er besaß einen alten Leichttransporter den er aber nur höchst selten benutzte, meist traf man ihn entweder zu Fuß oder mit dem Fahrrad an.

Weit war das Land hier.

Über den Feldern lag Stille. Wie besänftigend für Sinne und Gefühl, Natur pur, rundherum nur Getreidefelder und Weiden, ein paar Bäume auf der einen und der Stausee auf der anderen Seite. Die Natur bildete einen geschlossenen Kreis- ihr Blut fließt, ihr Atem atmet ruhig und nach eigenen ewigen Gesetzen. Es schien alles seinen Platz und seine Ordnung zu besitzen- das ist Schönheit, das ist Frieden!

Kovacs genoss es mit dem Rad durch dieses Paradies zu streifen, er vermisste das pulsierende Leben nicht, dass er hinter sich gelassen hatte.

Er radelte besonders gern an den etwas weiter entfernten reifen Getreidefeldern entlang, wenn die rotglühende Sonne ihre abendlichen Strahlen herabsenkte, ein leuchtend rotes Flammenmeer, herrlich anzuschauen. Bis an den Horizont wogte es, wogte so frei und kraftvoll, dass Formen und Farben der Natur überzufließen schienen. Die Landarbeiter der Agrar-Gesellschaften gingen still und schnell auf ihren Wegen, verweilen nicht staunend. Erfassen sie die Schönheit, die sie umgibt, fragte sich Kovacs des Öfteren? Sind sie nicht von klein auf mit ihr aufgewachsen, in sie hineingeboren, war das Leben ihnen günstig, Schönheit angenommen. Bewusst hörte Kovacs auf die Sprache der Landbevölkerung, wie viel Poesie darin schwang, wie bildkräftig und gefühlvoll die Wortwendungen waren, die sie tagtäglich im Munde führen. Ja, hier sprach Leben, einfaches aber authentisches Leben.

Im Inneren pflegte Kovacs dann immer sich selbst zu verfluchen, warum hatte er nicht schon früher den Mut zum Ausstieg, zum Ausstieg aus einer verlogenen und gekünstelten Atmosphäre. Zum Ausstieg aus einem Leben, dass schon lange seine Unschuld verloren hatte..

Der Anblick reiner und unverfälschter Natur entschädigte aber sogleich seine Betrübnis.

Der vor einigen Jahrzehnten angelegte Stausee hatte ihn schon immer in den Bann gezogen. Ringsum schlängelten sich vor Zeiten dutzende Bungalows wie der seine. Viel war davon nicht übrig geblieben. Neben dem von ihm bewohnten gab es noch etwa ein Dutzend in der Nachbarschaft. Die kleinen Gärten die sie umgaben verwildert. Wie ein Keil schoben sie sich in die Weidelandschaft.

Die andauernden ökonomischen Krisen hatten ihre Spuren hinterlassen, auch hier war der Zerfall deutlich erkennbar.

Wie lange konnte er hier noch bleiben?  Wann würde die Agrargesellschaft auch noch die letzten Gärten beanspruchen und damit beginnen  diese unterzupflügen und zum Weideland umfunktionieren?  Dann war es aus und vorbei mit seinem kleinen Paradies.

Kovacs wollte nicht daran denken. Besaß er die Kraft sich der Räumung seines Domizils zu widersetzen? Schließlich war er ein Illegaler, einem Paria gleich, eine Person die de facto gar nicht mehr existierte. Er fand keine Antwort auf diese Frage. Was nutzte es auch wenn er sich ständig den Kopf darüber zerbreche, ändern konnte er es am Ende doch nicht.

Früher, da war er eine Kämpfernatur, scheute keinen Konflikt, legte sich mit allen und jedem an. Wie ein einsamer Prophet in der Wüste versuchte er Missstände im Lande anzuprangern. Doch fand er kaum Gehör. Die Hammelherde trotte genügsam hinter ihren Hirten, ohne sich um zu blicken. Die Zeit war nicht reif für einen seines Formates.

Zwar teilten viele seine Ansichten, doch wagte es damals kaum jemand offen Partei für ihn zu ergreifen.

Am Anfang lies man ihn noch gewähren, tat seinen Anklagen als Spinnereien eines durchgeknallten Dichters ab. Doch mit der Zeit ging den Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft auf, welche Sprengkraft sich hinter seinen Worten verbarg. Sie suchten nach Mitteln und Wegen ihn zum Schweigen zu bringen.

Der Blaue Orden dem er dereinst selber einmal an gehörte betrachtet ihn schon lange als Verräter und schickte sich an einen teuflischen Plan gegen ihn auszuhecken. Ihn frontal anzugreifen wagten sie nicht, zu prominent war er, zu beliebt in weiten Teilen der Bevölkerung. Seine Stimme sollte für immer verstummen. Die Manipulation an der Bremse seines Autos sollte Abhilfe schaffen. Doch an dem betreffenden Tag benutzte Katja seine Frau den Wagen gemeinsam mit ihrem Sohn. Beide überlebten nicht.

 Nun hatte das Leben  jeden Sinn für ihn verloren. Der Verlust der Menschen die er am meisten liebte traf ihn bis ins Mark. Er rutschte ab, begann zu trinken, verlor immer deutlicher den Boden unter den Füßen. Der Anschlag galt ihm, das konnte er nicht verwinden.

Er lebte, doch was hatte er davon? Er war tot, wenn auch nur im übertragenden Sinne. So zog er sich bald hierher zurück, den Bungalow hatte er kurz vorher selber anlegen lassen, als zeitweiligen Rückzugsort. Nun diente er ihm als Dauerresidenz auf Abruf. Es gelang ihm schließlich nach einer langen Trauerphase, den Halt wieder zu finden.

Hier in dieser großen Einsamkeit der Weiden, Felder und Seen verlor sich seine eigene Einsamkeit.

Stück für Stück fand er ins Leben zurück. Ein Leben das nur noch wenig gemein hatte mit dem dass er hinter sich gelassen. Er suchte den Kontakt zu seiner Umwelt. Da war zum einem die Agrargenossenschaft, die schon bald auf den merkwürdigen Zaungast aufmerksam wurde. Kovacs suchte die Arbeiter in ihrer Kneipe auf, betrank sich regelmäßig mit ihnen, fand so reichlich Stoff für seine Geschichten die er nach wie vor reichlich produzierte obgleich er sich dessen bewusst war, wohl kaum noch etwas davon veröffentlichen zu können, dass Tischtuch zur Gesellschaft lange schon zerschnitten.

Etwas weiter entfernt von seinem Standort traf er auch auf Paria, die sich in einem verlassenen Dorf, in stillgelegten Fabrikgebäuden etc angesiedelt hatten. Auch deren Vertrauen  konnte er gewinnen. Bald suchten die ihn regelmäßig in seinem Bungalow auf.

Nein, einsam war er bald nicht mehr.

Erstmals in seinem Leben  schien er eine wirkliche Aufgabe gefunden. Aufgaben die sich sehr deutlich von denen unterschieden, die er in seinem früherem Leben zu erledigen hatte. Seine Weisheit nutzvoll und konkret für andere einsetzen. Als er noch auf den Wogen des Erfolges schwamm ,vergeudete er sein Wissen mit dem produzieren seichter Romane zur Unterhaltung der privilegierten Bildungsbürger, die nutzten außer seiner Ruhmsucht und seinem Bankkonto, das dadurch in immer astronomischere Höhen kletterte, kaum jemanden Er sonnte sich in diesem Erfolg ohne zu wissen warum. Selbst als er begann gründlich nachzusinnen und sich der Tatsache bewusst wurde dass er seinen Erfolg nicht verdiente, blieb sein agitieren doch nur rein theoretisch.

 

Das war lange her, die Öffentlichkeit hatte ihn vergessen. Zwar konnte man hier und da noch Bücher von ihm erwerben, doch blieben die meist Ladenhüter. Nur noch wenige erinnerten sich seiner. In den Medien wurde er ganz bewusst tot geschwiegen. Was tat er jetzt? Wo wohnte er? Von was lebte er? Es interessierte keinen mehr.

Einige Jahre waren vergangen und die Welt im Wandel begriffen. Auch Melancholanien konnte sich dem nicht entziehen. Nun sollten seine Mahnungen Früchte tragen, bald schon sollten sich immer mehr Menschen finden die seine Ansichten teilten.

Cornelius einst ein angesehener Wissenschaftler hatte mit einigen Getreuen eine Art Bürgerrechtsbewegung ins Leben gerufen, verbunden auch mit einer Hilfsorganisation die sich um die Paria kümmern wollten. Kovacs zögerte zunächst, doch dann nahm er die Einladung an und besuchte einige Veranstaltungen. Einiges klang ganz überzeugend und er entschloss sich zur Mitarbeit, wenn auch nur sporadisch. Es waren vor allem Preka, die hier mitwirkten, aber auch einige wenige Privo. Bald kamen auch die regelmäßig um sich über das eigenartige Weltbild des Dichters zu informieren. Sie erinnerten sich seiner. Nun war es ihm also wieder vergönnt nach Herzenslust zu philosophieren, Visionen einer besseren Welt zu entwerfen.

Er wurde ganz einfach wieder gebraucht. Und dieser Umstand machte ihn glücklich.   

 

Nun saß er hier in seinem alten Korbstuhl und lutschte an seiner fast aufgerauchten Pfeife, einen Stapel neuer Manuskripte auf dem Schoß, deren Überarbeitung er sich zum Ziel gesetzt hatte.

Dieser herrliche Augustabend, die geradezu paradiesische Ruhe, die nur vom leisen Rauschen der Erntefahrzeuge in der Ferne unterbrochen wurde, die auch noch in der langsam einsetzenden Dämmerung dem Land seinen Ertrag abrangen, sowie dem einzelnen Gemuhe der vor ihm grasenden Rindviecher.

In den Gassen der entfernt liegenden Gehöfte wurde die Straßenbeleuchtung eingeschaltet und funkelte ihm wie kleine Glühwürmchen entgegen.

Die Menschen hatten ihr Tagewerk zu Ende gebracht und suchten für wenige Stunden Ruhe und Erholung in ihren Behausungen bevor sie in aller Herrgottsfrühe wieder um des kargen Lebensunterhaltes willen ihre Arbeitskraft verkaufen mussten.

Kovacs liebte jene kurze Zeit des langsam dahin sterbenden Tages, ein  letztes Aufbäumen, das  bald im völligen Dunkel der Nacht seine Erfüllung fand.

So nahe war er der Freiheitsgöttin nur in jenen kurzen Phasen. Tag für Tag wartete er darauf, dass sie sich ihm offenbarte.

Doch schien sein Warten vergebens. Hatte sie ihn vergessen? Das konnte nicht sein! Schnell verwarf er diesen Gedanken. Er lehnte sich in seinem Sessel zurück und schloss seine Augen, wollte sich, eingeladen durch die Ruhe, ganz der Konzentration hingeben.

Da drangen plötzlich Wortfetzen aus der Stille an seine Ohren, wie Nadelstiche bohrten sie sich in sein Bewusstsein und beendeten abrupt die beschauliche Meditation.

Mit einem Mal schien der Zauber des Augenblickes verloren. Wer in aller Welt machte sich eines solchen Frevels schuldig und wagte einen Dichter aus seiner Mußestunde aufzuschrecken.

Verärgert schwang sich Kovacs aus seinem Korbstuhl und versuchte einen Blick durch die dichte Lingusterhecke zu erhaschen, die sein Anwesen vor allzu neugierigen Blicken schützen sollte. Es gelang ihm anfänglich nicht die ungebetene Geräuschquelle zu lokalisieren. Erst heftiges Recken und Strecken bescherte ihm freie Sicht auf zwei Personen die in etwa 100 Meter Entfernung heftig gestikulierend einen Streit ausfochten. Ein junges Paar offensichtlich in einer Beziehungskrise. Der junge Mann hielt sich an einer Lenkstange eines alten Mopeds fest. Außer Wortfetzen konnte Kovacs nichts verstehen, so war auch der Anlass für diese Auseinandersetzung kaum zu erahnen.

„Blödmann!“ „Zimtzicke!. Schallte es zu Kovacs rüber. Au backe! Das schien ja hoch her zu gehen.

„Verzieh dich doch! Hau doch ab mit deinem Macker!“ Jetzt wurde die Stimme des jungen Mannes energisch.

„Das tue ich auch! Der bring es allemal besser als du!“ Wehrte sich das Mädchen.

Plötzlich ein Krachen. Das Moped wurde äußerst unsanft angelassen. Schwungvoll ließ sich der junge Mann auf dem Sattel nieder und brauste wie ein Blitz davon, eine riesige Staubwolke hinter sich herziehend, so dass auch Kovacs etwas davon abbekam.

„Ich will dich nie wieder sehen, nie wieder!“ Rief das Mädchen ihm nach um dann laut schluchzend in der Dämmerung zu verschwinden.

„Das tragische Ende einer Beziehung“, dachte Kovacs. Tja, so war nun mal der Lauf der Welt.

Danach ließ er sich in den Korbstuhl zurückfallen. Währenddessen stieg die Sonne endgültig in ihr Wolkenbett. Das spärliche Tageslicht wollte eine literarische Beschäftigung nicht mehr zulassen. Kovacs schob die Manuskripte beiseite. „Dann eben nicht!

Ist eh viel zu spät!“ Nur noch die Ruhe genießen, bis zum endgültigen Einbruch der Dunkelheit. Schnell war die kurze Episode vergessen. Eine Fußnote in seiner Lebensgeschichte, nicht einmal einer Erinnerung wert.

Während die Glocke der weit entfernten Kirchturmuhr durch einen sanften Gongschlag verkündete das es inzwischen 21.30 Uhr sei, lehnte sich Kovacs zurück und atmete tief ein und aus. Er würde wohl heute recht früh unter die Decke kriechen. Längst hatten die ersten Grillen mit dem Zirpen begonnen, immer mehr schlossen sich ihnen an und bald musizierte ein ganzes Orchester.

Kaum hatte sich Kovacs auf dieses Geräusch eingelassen, als aus der Ferne erneut ein knarren an seine Ohren drang, das sich langsam, immer lauter werdend auf ihn zu bewegte.

Offensichtlich hatte der junge Mann seinen Fehler erkannt und sich zur Umkehr entschlossen, in der vagen Hoffnung seine verflossene Freundin ausfindig zu machen um einen Versöhnungsversuch zu starten.

Erneut zischte er an Kovacs vorbei, so dass dieser von der Staubwolke eingedeckt wurde.

„Frechheit! Das kann doch wohl nicht wahr sein!“ schimpfte Kovacs auf, nachdem er sich aufgerichtet hatte. Das Moped tauchte unterdessen am Horizont unter. Nur die schwache Beleuchtung ließ noch vermuten in welcher Richtung es sich bewegte.

Verärgert zog sich Kovacs ins Innere seiner Laube zurück. Der Abend schien nun endgültig gelaufen. Auch dort, bei der spärlichen Beleuchtung, stellte sich die Blockade seiner Gedanken wieder ein. Draußen knarrte es erneut. Der junge Heißsporn war wohl noch immer nicht fündig geworden. Doch das interessierte Kovacs wenig. Er begann sich für den Nachtschlaf vor zu bereiten.

Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und der etwa 1,90 große Hüne erschien im Zimmer.

Kovacs schreckte zusammen. Noch nie hatte sich jemand auf solch rüde Art und Weise Zutritt verschafft, solange er hier lebte.

Ohne ein Wort der Begrüßung oder gar der Entschuldigung zu verlieren polterte der junge Mann sofort los.

„Wo ist sie? Raus mit der Sprache, wo hat sie sich versteckt?“

„Wer? Wie, was, wo versteckt? Ich verstehe kein Wort! Willst du mir nicht wenigstens sagen worum es geht und wen du überhaupt suchst, “ wies Kovacs den Verdutzten zusammen.

„Sie muss hier sein! Sie kann nur hier sein! Sonst gibt es in dieser Gegend kein weiteres Gehöft, wo sie sich verstecken könnte.“ antwortete der junge Mann weiter, während er hastig um sich blickte.

„Also jetzt ist Schluss! Ich habe nicht die geringste Lust heute Abend noch Rätselraten zu spielen. Verschwinde augenblicklich! Ich bin ja inzwischen einiges gewöhnt, seit ich hier lebe.

Aber nein, das geht zu weit. Das sind ja schöne Manieren.“

Kovacs war im Begriff dem Mann die Tür zu weisen, als dieser ihn äußerst unsanft zurück schubste.

„Rühr mich bloß nicht an! Ich hau ja schon ab!“

Schon hatte er sich in den Garten begeben, dabei hastig um sich blickend.

„Sabine! Ich weiß dass du dich hier irgendwo versteckt hältst. Komm heraus, lass uns doch noch einmal reden. Ich verspreche, ich mache auch kein Theater mehr.“

„Deine Freundin ist nicht hier. In den letzten Tagen hatte ich keinen Besuch mehr. Suche gefälligst woanders und lass mir meine Ruhe.“ rief Kovacs, der dem Aufgebrachten in den Garten gefolgt war.

„Aber sie muss hier sein! Sie kann doch nicht vom Erdboden verschluckt sein. Ihr könnte etwas zugestoßen sein. Hier treiben sich doch öfters diese verlausten Pariabanden herum, denen wird sie in die Hände gefallen sein. Das könnte ich mir nie verzeihen. Das ist alles meine Schuld.

Es ist das letzte Gehöft. Das war meine letzte Hoffnung.“ begann der junge Mann zu jammern.

„Ich bin mir sicher, dass deine Freundin nicht mehr in der Nähe ist. Möglicherweise ist sie schon lange nach Hause gegangen. Du solltest das auch tun. Morgen wird sich sicher alles aufklären, da bin ich mir sicher.“ versuchte Kovacs zu beschwichtigen.

„Ich kann nicht. Ich muss sie einfach finden! Zuviel steht auf dem Spiel, “ wiegelte der angesprochene ab und wollte sich gerade zum Aufbruch rüsten.

„Ich kann dir versichern, dass die Paria, die hier des Öfteren auftauchen ausgesprochen friedliebende Menschen sind. Schenke den Gerüchten, die über sie verbreitete werden keinen Glauben. Die würden deiner Freundin nichts antun, im Gegenteil. Da sind die Strafaktionen des „Blauen Ordens“ eine viel größere Gefahr.“

„Um so schlimmer, da muss ich mich erst recht auf die Suche begeben.“ stellte der junge Mann mit äußerster Beklemmung fest.

Wie ein Tobsüchtiger rannte er ins Freie, trat in Windeseile sein Moped an und brauste auf und davon. Erneut blieb Kovacs kopfschüttelnd zurück.

„Tja, die Liebe, die Liebe. Die geht manchmal ganz absonderliche Wege mit uns.“ murmelte er noch vor sich hin, während er seine Laube betrat, um nun endlich Ruhe zu finden.

Die Nacht verlief ruhig und ohne weitere ungebetene Gäste, trotzdem vermochte Kovacs nicht den nötigen Schlaf zu finden.

 

Der Dichter begann den Tag während der Dämmerung mit seiner üblichen Meditation. Er meinte damit die Energieströme der spirituellen Mächte anzapfen zu können, an die er glaubte. Er erhoffte sich Kraft, Mut, Ausdauer und Kreativität, Dinge, derer er in der Umwelt die ihn umgab, so dringend bedurfte.

Wenn er im Anschluss daran in den Garten ging, glitzerte die Natur frisch wie Licht auf einem klaren See. Die Gräser beugten sich unter dem Tau, die Blätter der Bäume, diese massive Blattfülle erschien leicht und durchsichtig wie Kristall. Der Morgenspaziergang dehnte sich aus, was die Meditation begonnen hatte, setzte dieser Gang fort: Die Durchdringung des Materiellen mit den Augen des Geistes.

Wohl dem, der es vermochte, einen Tag auf diese Weise zu starten. Kovacs war sich der Tatsache bewusst, dass er wohl ein beneidenswertes Leben führte. Das machte ihn stark und glücklich.

Sein Tagesablauf folgte üblicherweise festen Regeln. Alles geschah zu seiner Zeit.

Meditation, geistiges Arbeiten, vor allem schreiben, lesen oder neuerdings auch malen, den anfallenden körperlichen Betätigungen, seinen Spaziergängen in der Natur. Der Tag sollte weder von Hast noch von Trägheit bestimmt sein. Ihm gelang es auf diese Weise negative Gefühle wie etwa Langeweile vollständig zu eliminieren. Andererseits vermied er jedoch, sich sklavisch dieser Regel zu unterwerfen und brach sie nach Herzenslust, vor allem wenn er Besuch hatte und davon stellte sich in der letzten Zeit reichlich viel ein.

Drei- bis Viermal die Woche unterrichtet er eine Gruppe von Paria-Kindern, die aus den verstreuten Siedlungen zu ihm kamen. Bald stellten sich auch Erwachsene ein, die nie richtig lesen und schreiben gelernt hatten. Für diesen Dienst an der Menschheit wurde er von den Paria mit allem versorgt, was er zum Leben benötigte. Lebensmittel, Kleidung, Einrichtungsgegenstände, sogar Bücher. Es gab nichts, was die Paria nicht auf irgendeine Art beschaffen konnten. Improvisation war ihre Lebensmaxime. Sie, die außerhalb all dessen standen, was man gewöhnlich als Gesellschaft bezeichnet, hatten sich ihre eigene Parallelgesellschaft geschaffen, mit eigenen Gesetzen und Richtlinien.

Kovacs hatte für jedes Problem eine todsichere Adresse an die er sich wenden konnte, wenn er der Hilfe bedurfte.

Was konnte ein Mensch mehr wünschen.

Die Einsamkeit schien ihm nichts anzuhaben, er genoss diese geradezu nach all den Jahren der Hatz und des Getriebenwerdens.

Sicher, seit dem Tod von Frau und Sohn wünschte er sich immer wieder einen Gefährten oder eine Gefährtin. Jemand, der das Leben direkt mit ihm teilte. Gelegenheiten gab es auch, doch es wollte sich nichts dergleichen einstellen. Die Göttin hatte ihn dem Anschein nach zum Eremiten bestimmt. Gut, wenn dem so sei, würde er diese Bürde mit Freuden entgegennehmen.

Als er gerade im Begriff war, sich einen Kaffee zu kochen, klopfte es plötzlich zaghaft an der Tür.

„Herein!“

Die Tür öffnete sich und Kovacs traute seinen Augen kaum, als er der Erscheinung ansichtig wurde. Da stand der Jüngling von gestern Abend, etwas zerknirscht, verlegen. Offensichtlich nach Worten für eine Entschuldigung suchend.

Kovacs machte die Feststellung, dass er ihn erst jetzt richtig betrachten konnte, gestern Abend fehlte ihm wahrscheinlich die Aufnahmefähigkeit.

Er war jung, etwa um die zwanzig Jahre, und hatte ein Gesicht, mit dem er leichtes Spiel bei den Frauen hatte, glatte Haut, feine, scharf geschnittene Züge, die noch jungenhaft wirkten, breite muskulöse Schultern und er war sehr groß, so dass er den Kopf ständig einzog, als seinen die meisten Räume zu klein für ihn.

Kurzgeschorene blonde Haare zierten seinen bartlosen Kopf.

Seine blauen Augen waren zwei funkelnde Punkte in tiefen Höhlen.

„Ja und, was kann ich für dich tun?“ erkundigte sich Kovacs, da seinem Besucher offensichtlich der Mut fehlte, als erster zu sprechen.

„Ja, also, ich meine, ich habe, ich wollte…! Naja, ich wollte mich entschuldigen, deshalb bin ich hier.“ stammelte der junge Mann dabei verlegen von einem Bein auf das andere wippend.

„Entschuldigen, wofür denn?“ Kovacs wusste zwar genau worum es ging, gefiel sich aber darin, seinem Besucher auf den Zahn zu fühlen.

„Du weißt doch, gestern Abend, da bin ich einfach bei dir eingedrungen. Ich war halt sehr aufgebracht und habe mich dabei unflätig benommen. Entschuldige, das war nicht meine Absicht. Zudem hatte ich auch einen Leichten in der Krone.“

„Ach so, deshalb!“ erinnerte sich Kovacs „Kein Problem, schon lange vergessen.

Aber es ist toll, dass du die Kraft aufbringst, dich dafür zu entschuldigen. Das ist bemerkenswert. So etwas erlebt man heute nur noch selten. Gutes Benehmen scheint eine Tugend, die den meisten Zeitgenossen total abhanden gekommen ist, ganz gleich welcher Schicht sie auch angehören mögen.“

„Da bin ich aber beruhig!“ stellte der junge Mann mit Erleichterung fest.

„Mit wem habe ich überhaupt die Ehre? Ich kann mich nicht daran erinnern, das du dich schon vorgestellt hast!“

„Oh, entschuldige! Ich bin Matthias, ich komme aus der Siedlung gegenüber, bin dort als Mechaniker in der Agrargesellschaft tätig.“ Antwortete er schon wieder verlegen.

„Ich bin Kovacs, Kovacs der Dichter nennen mich die Leute hier. Ich lebe schon eine ganze Weile hier, dich habe ich gestern zum ersten Mal gesehen.“

„Ich weiß, wer du bist! Hab schon viel von dir gehört. Ich bin stark in meine Arbeit eingebunden, dazu meine etwas stressige Beziehung zu Sabine. Da bleibt nicht viel Zeit. An deiner Hütte bin ich aber schön öfters vorbei gekommen. Mich interessierte  schon immer wer der Mann sei, der hier wie ein Einsiedler lebt und von dem einmal das ganze Land sprach. Doch bisher fehlte mir der Mut dich anzusprechen.“ bekannte Matthias.

„Bis gestern Abend.“ verbesserte Kovacs.

„Richtig! Bis gestern Abend. Naja, wer weiß, wofür es gut war. Das lieferte mir den Anlass  bei dir rein zu schauen.“

„Ich habe gerade Kaffee gekocht. Du hast doch sicher Zeit, mit mir gemeinsam eine Tasse zu trinken, oder?“ lud Kovacs ein.

„Ja gern! Ich habe heute frei. Zeit ist also genügend vorhanden.“ erwiderte Matthias und ließ sich auf einen alten Korbstuhl nieder.

„Und deine Freundin? Was wird die dazu sagen? Ich denke, wenn du schon mal frei hast und noch dazu an einem so wunderschönen Tag wie heute, wirst du doch lieber die knapp bemessene Zeit mit ihr verbringen, anstatt mit einem verrückten Dichter herumzuphilosophieren.“ stellte Kovacs mit Verwunderung fest.

„Da gibt es nichts mehr zu kitten. Alles aus! Hab sie gestern doch noch getroffen. Mit ihrem Neuen zusammen. Die braucht mich nicht mehr. Ich habe jetzt also viel Zeit, die ich anderweitig verbringen kann.“ klärte Matthias auf.

Kovacs näherte sich mit der Kaffeekanne und goß schließlich das dampfende Getränk in zwei große Steinguttassen.

„Das tut mir aber leid. Also der ganze Aufwand am Ende doch noch umsonst. Aber aus deinem Tonfall glaube ich zu entnehmen, dass du dich mit der Sache abgefunden hast. Es scheint dir nicht mehr allzu viel auszumachen.“

Matthias saß bequem zurückgelehnt auf dem Stuhl, vollkommen ungezwungen und hing mit leuchtenden Augen seinen Erinnerungen nach.

Er zündete sich mit liebevoller Konzentration eine Zigarette an und inhalierte genießerisch den Rauch.

„Oh, entschuldige! Ich darf doch rauchen, oder?“

„Natürlich, kein Problem!“ gestattete Kovacs großzügig.

„Ich habe mich damit abgefunden. Auch wenn es lange brauchte. Das Ende einer Beziehung kommt immer einer Katastrophe gleich. Aber ich denke an die guten Zeiten, die wir gemeinsam hatten. Mann, was war das für eine geile Zeit mit ihr. So etwas bekommt man wohl nur einmal im Leben geschenkt. Wir wohnten auch lange zusammen. Eigentlich haben wir uns schon vor zwei Monaten getrennt, denn da bin ich bei ihr ausgezogen. Ich bemerkte schon damals, dass etwas nicht stimmte. Die Trennung tat uns zunächst gut, gab neue Kraft in unsere Beziehung, letztendlich konnte die auch nichts mehr retten.

Ich bin im Grunde ganz froh, dass es aus ist. Die letzten Wochen waren doch schon arg stressig.“

Matthias sprach das mit einer scheinbar unerschütterlichen Selbstsicherheit aus.

„Jetzt habe ich in der Tat wieder Zeit für andere Dinge. Dinge die ich schon immer tun wollte, aber nie die nötige Zeit dafür aufbringen konnte, weil ich soviel in die Beziehung investieren musste.“ fuhr Matthias fort.

„Ja und darf man fragen, was für Dinge das sind, die du so gerne tun möchtest, jetzt, da du soviel Zeit hast. Ich meine, hast du da konkrete Vorstellungen?“ wollte Kovacs wissen.

„Ja und nein!“ platzte es aus Matthias heraus. „Da hab ich mir noch keine Gedanken gemacht. Es ist nur so. Irgendetwas ist in Bewegung geraten. Ich kann es nicht deuten.

Ich frage mich die letzte Zeit immer öfters, ob das schon alles war im Leben. Arbeit, Freundin, einfach so in den Tag hinein leben. Gibt es da noch etwas? Kommt  noch etwas auf mich zu, was dem Leben einen neuen Sinn geben könnte, oder so.“

Kovacs faszinierten die Aussagen seines Gegenübers. Da schien ja ein echter Philosoph zu sitzen. Einer der von seinen Fähigkeiten nicht die geringste Ahnung zu haben schien.

„Na, mach mal halblang. Du bist gerade mal Anfang Zwanzig. In einem solchen Alter braucht man sich doch noch keine Gedanken zu machen, was das Leben noch bringt. Ich denke, diese Frage wird sich wohl einmal von ganz allein beantworten.“

Kaum hatte Kovacs ausgesprochen, da reuten ihn seine Worte schon. Wie konnte er einen solch spießigen Mist von sich geben. Offensichtlich machte ihn die Gegenwart dieses hübschen Jünglings nervöser als er sich selber eingestand.

Matthias war Preka. In einem solchen Leben gab es keine Wendungen.Die Arbeit bestimmte sein Leben, Tag für Tag, ein Leben lang. Irgendwann eine Familie gründen, Kinder in die Welt setzen und darauf achten, dass diese ihm in ihrer Lebensweise nacheiferten. Mehr gab es nicht. Schade, jammerschade. Wieder einer dieser Fälle. Genauso war es mit Leander. Nur mit dem Unterschied, dass Leander genau wusste, was er wollte und ausgesprochen darunter litt, seine Träume nicht realisieren zu können. Matthias hingegen schien naiv und unbedarft in die Zukunft zu blicken, so als glaubte er dem seichten Unsinn, der Tagein, Tagaus durch die Medien in alle Landesteile drang. Dass ein jeder seines Glückes Schmied sei, usw.

Das machte ihn traurig, andererseits war Matthias zu beneiden für diese geradezu heilige Einfalt. Sie gab ihm Kraft, unüberwindlich scheinende Hürden zu bezwingen.

Seine Augen hingen an dem jungen Mann, seine feurigen Blicke umschwirrten ihn wie Tausende Hummeln die Blüte.

Was geschah hier noch mit ihm? Sein Interesse wuchs auch noch aus einem anderen Grund.

Kovacs fühlte sich erotisch von ihm angezogen.

Viele Jahre lebte Kovacs mit Katja, seiner Frau, zusammen, eine überaus glückliche Beziehung, getragen von Liebe, gegenseitiger Achtung und Anerkennung. Katja war eine attraktive Frau, von vielen begehrt, aber nur er durfte an ihrer Seite gehen.

Es boten sich ihm viele Gelegenheit, außerehelichen Abenteuern nach zugehen. Doch damals spürte er kein Verlangen danach. Auch junge gut aussehende Männer zogen ihn in seinen Bann.

Nach Katjas Tod und seinem Ausscheiden aus der so genannten besseren Gesellschaft bestand kein Grund mehr, sich zurückzuhalten. Wenn Kovacs ehrlich zu sich war, so wünschte er sich eine Beziehung zu einer Person des eigenen Geschlechtes.

Fast täglich konnte er in der warmen Jahreszeit den jungen Kerlen von der Agrar-Gesellschaft bei der Arbeit zusehen, die ihre halbnackten athletischen braungebrannten Körper auf den Feldern und Weiden zur Schau stellten. In ihm wuchs das Verlangen, einen dieser Typen einfach so mit nach Hause zu nehmen, mit ihm unter die Decke zu schlüpfen und ihn gründlich zu bearbeiten, oder auch sich von den kraftvollen Händen befingern zu lassen.

Doch wie sollte er ein solches Vorhaben in die Tat umsetzen? Wie brachte er die Jungens dazu, mit ihm zu gehen? Er war bekannt und geachtet. Sein Status als Sonderling wurde respektiert, er konnte sich auf die Leute verlassen.

Plumpe Anmache lag ihm fern, das entsprach ganz und gar nicht seinem Naturell.

So begab es sich auch, dass er diesem Traumtyp gegenübersaß, sich von Minute zu Minute immer mehr verliebte, sich aber außerstande sah, ihn direkt darauf anzusprechen.

Da schien ihm die Schicksalsgöttin einen entscheidenden Ball zu zuspielen.

„Sag mal Kovacs, du bist doch ein ungeheuer kreativer Mensch, so sag man. Du schreibst und malen sollst du auch in letzter Zeit. Finde ich spannend. Das muss doch ein ungeheuer aufregendes Leben sein was du führst.  Ich schaffe jeden Tag als Mechaniker in der Traktorenwerkstatt, dann gehe ich nach Hause, in die Kneipe, oder stelle irgendwelchen Mädchen nach. Auf die Dauer ist das doch sehr eintönig. Ich habe mir nie wirklich Gedanken um mein Leben gemacht. Alles plätscherte so dahin. Als ich aber gestern Nacht in deine Laube drang, überkam es mich. Ich…ich wollte dich einfach wieder sehen, deshalb bin ich wieder gekommen. Ansonsten ist es überhaupt nicht meine Art, mich zu entschuldigen.

Nein, ich glaube, dass war so ein Wink mit dem Zaunpfahl.“

Kovacs traute seinen Ohren nicht. Träumte oder wachte er? Was war das? Der Junge bot sich ihm regelrecht an. Nun hieße es, die rechte Gelegenheit abwarten…

„Na weißt du, so aufregend ist es kaum noch! Sieh dich doch um hier. Das ist alles, was mir geblieben ist. Ja, früher im Jetset, das waren Zeiten, da hättest du mich sehen sollen.“ bekannte Kovacs mit einem Anflug von Wehmut in der Stimme.

„Aber ich will mich nicht beklagen, ich habe dieses Leben frei gewählt.

Aufregend? Was findest du denn so aufregend an der Art wie ich lebe?“

„Ja…wo soll ich beginnen? Einfach alles! Deine Freiheit, deine Unabhängigkeit. Ja vielleicht sogar deine Einsamkeit. Du stehst frühmorgens einfach auf und lässt den Tag auf dich zu rollen, ohne Stress, ohne Hektik, ohne ein flaues Gefühl im Magen, ob es wieder einen Zusammenstoß mit einem Chef gibt. Du kannst ausschlafen. Du kannst dir deinen Tagesablauf nach freiem Ermessen einteilen. Kommen und gehen, wann du willst. Auch für längere Zeiten fern bleiben, ohne jemand Rechenschaft zu schulden. Du zählst viele interessante Menschen zu deinem Bekanntenkreis. Und vor allem du bist kreativ, kannst dich mit geistreichen Dingen beschäftigen, etwas schaffen, worauf du jeden Abend mit Stolz zurückblicken kannst. Etwas entwerfen, das einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Du bist ein echter Künstler und dafür beneide ich dich.“

„Du meinst damit, ich sei so etwas wie ein Privilegierter?“

„Nein, würde ich nicht sagen. Eher ein Aussteiger. Einer, der alles hinter sich gelassen hat und sich nur noch dem widmet, das ihm entspricht. Jemand, der neben den ganzen sozialen Kasten steht.“ fuhr Matthias fort.

„Ich will hoffen, dass es wirklich zutrifft. Ich habe dieses Leben gewählt, weil ich nicht mehr zu den Privo gehören wollte. Weil ich das Leben der einfachen Menschen teilen möchte. Mich mit den Unterdrückten solidarisieren.

Aber deine Worte lassen Zweifel in mir aufkommen, ob ich das jemals erreichen werde. Nach wie vor haftet mir der Privo an, ich werde mich seines Schatten wohl nie entledigen können.“ stellte Kovacs betrübt fest. Und das schien in der Tat der Wirklichkeit zu entsprechen. Seine frei gewählte Bedürfnislosigkeit hatte wenig mit der erzwungenen und entwürdigenden Armut der Menschen zu tun, die ihn umgaben.

Den unteren sozialen Schichten brüderlich zu begegnen konnte nicht bedeuten, sich mit ihnen zu identifizieren. Identifikation ist eine sentimentale Illusion. Auch wenn er alles, was er besaß, verschenkte, Kovacs war nicht so arm wie die Menschen seiner nahen Umgebung. Die Freiwilligkeit, mit der er sich in diese Art Armut begab, unterschied ihn dauerhaft von den Menschen hier. Und natürlich seine alltäglichen Gewohnheiten der Hygiene, der Ordnung. Vor allem natürlich durch seine Bildung und Lebenserfahrung.

Des Weiteren konnte eine Identifikation schon deshalb nicht wünschenswert erscheinen, weil Armut kein Idealzustand ist und die Armen keine idealen Menschen sein können, weil er der Armut gegen arbeiten musste. In erzieherisch-geduldiger Weise, was nur möglich war, wenn er den Armen emotional nahe stand, ein glaubwürdig einfaches Leben führte, doch immer noch als ein Anderer erkennbar bliebe.

Er suchte ein emotionales und verstandesmäßiges Sich-Einlassen in die Lebenssituation der sozialen Unterschichten.

Die große Gefahr für alle, die mit leiden unter der Armut der Unterschicht, bleibt immer: das edle-aber wirklichkeitsfremde- Gefühl. Barmherzigkeit darf aber in der Auseinandersetzung des Alltages nichts Weiches und Herablassendes haben, sonst käme sie über die ersten Prüfungen nicht hinaus.

 

„Du hast mich offenbar missverstanden, Kovacs. Es gibt nichts, was ich dir vorwerfe. Ich sehe in dir nicht den Privo. Du bist zu uns gekommen, um das einfache Leben mit uns zu teilen, das zeichnet dich aus. Die Leute mögen dich.

Du brauchst dir darüber keine Gedanken zu machen.

Ich gäbe sonst etwas dafür, nur um einen Tag so leben zu dürfen.

Einfach ich selber sein.“

„Dann tue es doch, versuche es zumindest. Schlaue Worte, ich weiß. Ich bin mir bewusst, wie schwierig das für jemand ist, der so stark eingebunden lebt. Aber ich meine,

wenn ich dir dabei helfen kann, tue ich es gern. Komm doch einfach vorbei wenn du Lust hast, wann immer du willst, “ lud Kovacs ein.

„Wirklich, du hast nichts dagegen? Das…das wäre ganz toll, echt! Aber nur wenn ich dich nicht störe. Ich meine bei deiner Dichtkunst und so?

„Du störst mich ganz und gar nicht! Im Gegenteil! Du inspirierst mich geradezu. Ich beschäftige mich seit neustem auch mit der Malerei. Hast du nicht Lust, einmal Modell für mich zu stehen?“

In Matthias Bauch hoben gerade ein paar Schmetterlinge ab.

„Ja! Eine gute Idee! Das mache ich doch glatt! Ist bestimmt ein geiles Gefühl!“

 

Der Tag nahm seinen Lauf, schon lange hatte Kovacs die Kaffeetassen beiseite geräumt und

und statt ihrer Weingläser aufgefahren. Der einfache Apfelwein sprach beiden zu.

Sie kamen vom hundertsten ins tausendste. Kovacs lag viel daran, den neu gewonnen Gefährten so lange wie nur möglich zu halten, wann könnte sich sonst wieder eine solche Gelegenheit bieten. Er wünschte sich mehr von Matthias, er schien in der allerbesten Stimmung für eine heiße Affäre. Sollte sich diese heute noch nicht einstellen, war zumindest der Grundstein dafür gelegt. Matthias seinerseits fühlte ebenso. Der ältere intelligente Mann  übte einen magischen Einfluss auf ihn aus, er fühlte in Kovacs Nähe geborgen und angenommen. Ansonsten war er stets der große Macher, einer der vorangeht, lässig-draufgängerisch, das kam an bei den jungen Damen. Doch wie es wirklich in seinem Inneren aussah, ahnte niemand. Matthias sehnte sich nach einer Beziehung die ihm ausnahmsweise mal die passive Rolle zuwies, sich einfach gehen lassen, ohne Gesichtsverlust. Er hatte es satt, den coolen Oberfreak zu mimen. Einfach nur er selber sein. In den Armen eines anderen Ruhe und Entspannung finden, wenn er gestresst und abgespannt nach getaner Arbeit nach Hause kam. Ja, eines anderen, dazu schien nur ein anderer Mann imstande.

 

Dem langen vertrauensvollen Gespräch folgte eine herzliche Verabschiedung. Matthias versprach, wieder zu kommen, sobald er einzurichten vermochte.

Schon tags darauf stand er wieder vor der Tür.

„Möchtest du wirklich? Du musst nicht, wenn du es dir anders überlegt haben solltest.“

Begrüßte Kovacs seinen Besucher.

„Aber sicher will ich! Kann es kaum erwarten und bin gespannt,was dabei herauskommt. Von mir aus können wir gleich loslegen, wenn du soweit bist.“ bot Matthias bereitwillig an.

„Ich bin bereit. Wir gehen in den Bungalow nebenan. Den nutze ich zur Zeit als Atelier. Wir müssen zu diesem Zweck in den Garten gegenüber wechseln.

Kovacs wurde von Zweifeln geplagt. Tat er recht? War das nicht doch Anmache, wenn auch indirekt, über eine Hintertür. Andererseits verriet Mattias Drängen, dessen ehrliches Interesse.

Es geschah also in beiderseitigem Einvernehmen.

Das Atelier war eine leer geräumte Gartenlaube. Nur die notwendigsten Utensilien waren vorhanden, so dass es hier geräumiger wirkte als in Kovacs Wohnstatt.

„Viel habe ich noch nicht produziert. Ich versuche mich erst seit kurzem mit dem Zeichnen. Alles noch ein wenig ungewohnt. Ich verstehe mich in der Dichtkunst bedeutend besser, das ist mein Metier. Das Malen eher ein beiläufiges Hobby. Also nicht allzu enttäuscht sein, wenn am Ende doch kein Meisterwerk herauskommt.“ glaubte Kovacs erklären zu müssen, ohne zu wissen warum er es tat.  

„Kein Problem! Ist doch vor allem ein Spiel, würde ich sagen!“ entgegnete Matthias.

„Dann bist du also ein malender Dichter und kein dichtender Maler!“

„Genau erfasst!“

Während der Künstler damit beschäftigt war seine Utensilien zu ordnen, begann Matthias sich auszukleiden.

 Kovacs traute seinen Augen nicht, sein Modell bewegte sich langsam und elegant auf ihn zu und blieb vor ihm stehen. Bei seinem Anblick stockte Kovacs der Atem. Er konnte sich nicht erinnern schon einmal einen so vollkommenen Männerkörper gesehen zu haben, hier stand Adonis persönlich vor ihm.

Der Künstler in ihm verstand es sofort dieses Wunderwerk an zu erkennen.

Matthias schlanker, sonnengebräunter Körper war von jener muskulösen Beweglichkeit, wie man sie nur bei sehr sportlichen Männern seines Alters kannte.

Er war völlig unbehaart.

Geradezu perfekt. Jeder professionelle Maler würde ihn in diesem Augenblick um solch ein Modell beneiden.

Kovacs musterte sein Gegenüber auf geradezu voyeuristische Art. Die Begierde steigerte sich von Sekunde zu Sekunde. War sich Matthias dessen bewusst? Natürlich musste ein bildender Künstler sehr genau hin sehen, dahinter konnte sich Kovacs verstecken.

Die ersten Stiche auf der Leinwand gingen daneben. Immer wieder musste Kovacs von neuem ansetzen, sosehr hatte ihn die Nervosität gepackt. Einige Male trat er zu seinem Modell um die Stellung zu korrigieren, dies gestattete ihm den Körper zu berühren, was ihn nur noch verlegener machte.

 

Ihre Blicke kreuzten sich. Beide spürten in den Augen des anderen das Verlangen auflodern.

Kovacs umfasste Matthias Taille und zog diesen zu sich heran.

„Ich…ich möchte dass du mich nimmst!“ stammelte Matthias. „Immer musste ich Stärke zeigen, musste nehmen. Ich möchte einmal ganz passiv sein. Mach mit mir, was du willst!“

„Du bist wunderschön! Lass dich anschauen. Dreh dich mal ganz langsam!“ forderte Kovacs auf und Matthias gehorchte widerspruchslos.

Kovacs betrachtete ihn genussvoll von vorn, von hinten, von den Seiten.

Schließlich obsiegte das Verlangen. Auch er entledigte sich seiner Kleidung.

Er berührte mit den Händen die Arme und Schultern seines Gegenübers und fuhr bis zu dessen Händen.

Dann umarmte er ihn und versank in der Wärme seiner blauen Augen. Er drückte ihn fest an sich und strich mit den Handflächen zärtlich seinen Rücken. Ihre Lippen, ihre Zungen suchten und fanden sich. Dann küssten sie sich wie Ertrinkende, die Hände tasteten sich mit zunehmender Gier über ihre Körper, schwankend bereit, jederzeit auf den Boden zu fallen.

Mit allen Fasern seines Herzens sehnte sich Kovacs nach Matthias kraftvollen Armen.

Schließlich sanken sie auf den mit allerlei weichen Schaffellen ausgelegten Boden.

Matthias lud seinen neuen Liebsten, ein von ihm Besitz zu ergreifen. Dieser nahm die Einladung an und streckte seinen Körper über Matthias aus, begann diesen mit einer Flut von Küssen einzudecken, griff nach seinen Pobacken, krallte sich hinein.

Dann zog er Matthias zur Seite, küsste ihn auf den Hals, die Brust, schmeckte das Salz seines Schweißes, züngelte über die Haut.

Eine Wolke der Glückseligkeit rollte über Matthias Rücken. Er begann zu schweben, war nicht mehr Herr seiner Sinne.

Kovacs erging es nicht viel anders. Doch behielt er die Fassung.

Ihre Körper waren nass geschwitzt und glänzten in dem fahlen durch das Fenster sickernden Licht. Besonders Matthias schien durch die für ihn völlig neuen Gefühle in eine Art Trance zu sinken. Ein Stöhnen entrang sich seiner Brust.

Kovacs wurde sich seiner Verantwortung bewusst. Behutsam musste er seinen Geliebten in die Realität zurückgeleiten, aber ohne diesen Akt der einmaligen Hingabe zu unterbrechen.

Seine Führung war erforderlich.

Er bewegte Matthias, bis dieser flach auf dem Rücken lag, strich ihm sanft durch sein schweißnasses Haar. Der rassige Stufenschnitt mit dem ausrasierten Nackenhaar törnte ihn an.

Dann begann er die verkrampften Muskeln seines Körpers zu lockern. Schließlich griff er nach dem knüppeldicken Glied und wichste es, bis sich ihm eine Fontäne entlud.

Matthias stieg auf ins Elysium. Wie ein Vogel, der sich vom Winde tragen lässt, schwebte er eine zeitlang, losgelöst von allem so dahin, überließ sich dem Steigen und Fallen der Kräfte die in ihm wirkten. Wunderschöne fremdartige Melodien suchten ihren Weg an seine Ohren.

Er stöhnt noch einmal wohlig auf und blieb röchelnd auf seinem Lager liegen.

Auch Kovacs überkam es jetzt und er ergoß sich über Matthias Bauch.

Er preßte seine Lippe auf jene seines Geliebten, ihm nochmals einen leidenschaftlichen Kuss schenkend. Halbbenommen tastete Kovacs nach einem Lappen um sich zu reinigen.

Matthias lag regungslos auf dem Rücken, sein Brustkorb hob und senkte sich gleichmäßig. Schweiß perlte von seinem Körper so als habe er gerade eine Sauna verlassen.

Kovacs begann nun auch Matthias zu säubern, dabei machte er die Feststellung, dass dieser in Ohnmacht gefallen schien.

Er richtete den leblos scheinenden Körper hoch, kletterte hinter ihn und ließ ihn in seine Arme fallen, hielt ihn eng umschlungen, streichelte dessen Wangen. All das geschah mit einer Vertrautheit, die noch vor Stunden nahezu unmöglich schien.

Die zärtlichen Berührungen brachten Matthias Schritt für Schritt ins Bewusstsein zurück, er ließ das soeben Erlebte vor seinen Augen noch einmal Revue passieren.Er fühlte sich in Kovacs Armen geborgen wie in einen Mutterschoß, war eingetaucht in ein neues Leben, ein anderer Mensch mit zufällig dem gleichen Namen.

„Matthias, wie geht es dir?“ flüsterte Kovacs ihm leise ins Ohr. Dieser lächelte ihn durch Tränen voller Glück an, formte Worte, doch war er nicht imstande, diese auch auszusprechen.

Kovacs wog ihn in den Armen wie ein Neugeborenes.

Stunden lagen sie so, die Zeit schien still zu stehen. Längst hatte die Dämmerung begonnen den Himmel zu erobern.

Endlich schien Matthias erwacht, spürte den warmen Atem seines neuen Geliebten auf seiner Haut.

„Was ist los? Wo bin ich? Was ist denn?“ stammelt Matthias noch geistesabwesend.

„Ruhig! Ganz ruhig! Alles in Ordnung! Du bist bei mir! Erinnerst du dich nicht mehr? Du warst voll in Ekstase! Das hat dich umgehauen. Aber sei ohne Sorge. Das Bewusstsein kehrt Zug um Zug zurück.“ beruhigte Kovacs, währenddessen er ihm zart über die Brust strich.

Matthias griff nach Kovacs Hand und drückte diese fest. Seine Kräfte kehrten wieder.

„Ich…ich möchte aufstehen. Ich glaube, ich muss mich ein wenig bewegen.“ meinte Matthias.

„Gute Idee, ich denke, ich habe auch ein bisschen Bewegung nötig.“ bestätigte Kovacs.

Langsam, wie in Zeitlupe erhoben sich beide. Kovacs zog seinen Geliebten mit beiden Armen nach oben, der noch immer  ein wenig wackelig auf den Beinen schwankte.

„Ganz schön klebrig auf der Haut!“ stellte dieser beim Betrachten seines Körpers fest. „Stickige Luft auch, wir müssten mal lüften.“

„Komm nach draußen! Keine Angst, es ist inzwischen vollständig dunkel, uns sieht hier keiner. Es müsste jetzt angenehm luftig im Freien sein.“ lud Kovacs ein, griff nach Matthias Hand und zog ihn mit sich.

„Was, schon dunkel? Solange haben wirs miteinander getrieben? Ich muss ja in der Tat vollkommen weggetreten sein?“ stellte Matthias fest.

Kovacs öffnete die Türe und sie traten ins Freie. Angenehme Kühle umspülte ihre aufgeheizten, verschwitzten Körper.

Kovacs reckte und streckte sich, stöhnte dabei laut. Matthias, dem das nicht zu behagen schien, blickte ängstlich um sich.

„Sei ohne Sorge. Hier wohnt keiner in der näheren Umgebung. Wenn es irgendwo auf der Welt einen abgelegenen Ort geben sollte, dann diesen. Komm, ich zeig dir was, das wird uns jetzt sicher gut bekommen.“ Wieder griff Kovacs Matthias Hand.

Durch eine dichte Hecke gelangten sie ins Freie. Der helle Mond erleuchtete ihren Weg, gab die Sicht  frei bis zum Horizont, spiegelte sich in dem vor ihnen liegenden Stausee. Sie schritten den Weg entlang um den Garten, dann den kleinen Damm hinauf. An seinem Rand kamen beide zum Stehen.

Kovacs umfasste Matthias Taille und drückte ihn an sich.

„Wollen wir? Das gibt eine herrliche Erfrischung. Und das zu dieser Tageszeit, ist das nicht absolut romantisch?“

Vorsichtig watete Kovacs in das kühle Nass, als ihm das Wasser bis zum Bauchnabel reichte, blieb er stehen.

Matthias tastete sich nur zaghaft vor.

„Was ist? Ist es dir vielleicht zu kalt?“

Dieser gab nickend eine Bestätigung. Folgte aber schlussendlich doch. Wollte er sich doch  keine Blöße geben. Wie Nadelstiche prickelte das Wasser auf der noch immer erhitzten Haut.

„Du brauchst dir um meinetwegen keine Gedanken zu machen. Hast du schon wieder vergessen? In dieser Beziehung darfst du auch mal schwach werden, dich auch mal zieren, ohne gleich befürchten zu müssen, das Gesicht zu verlieren, oder gar deine Männlichkeit. Das war es doch was du wolltest, wenn ich mich recht entsinne?“

Kovacs Worte spornten ihn an. Schließlich hatte er sich an die Kühle gewöhnt und war bis zu Kovacs vorgedrungen.

„Sind die Sterne nur Nadelstiche im Mantel der Nacht?“ fuhr Kovacs fort, dabei seinen Blick auf den klaren sternenverzierten Nachthimmel gerichtet.

„Was meinst du?“ Offensichtlich konnte er mit jener Aussage nicht allzu viel anfangen.

„Ach, nicht so wichtig. Beim Anblick von solcher Art Naturschönheit, wie etwa dem Nachthimmel, komme ich immer ins Schwärmen. Hier finde ich auch am häufigsten Inspirationen für die Dichtkunst.“

„Ich wollte, ich hätte nur halb soviel von deiner Begabung.“ bedauerte Matthias.

„Ich denke, die hast du schon. Es ist dir bisher nur noch nicht gelungen, diese Kanäle freizulegen und dir nutzbar zu machen.“ klärte Kovacs auf.

„Und du glaubst, das geht einfach so?“

„Ja natürlich, einfach so!“

Inzwischen hatte Matthias Kovacs erreicht und die Berührung mit dessen Körper setzte seine innere Hitze frei und vertrieb auch noch den Rest der Kälteempfindung.

Kovacs umarmte ihn.

„Und jetzt heißt es untertauchen! Eins…zwei…drei“

„Puaahh“

Mit einem Satz tauchten beide tief in das flüssige Element bis nur noch ihre Köpfe aus der Oberfläche  ragten... Das alles wiederholte Kovacs noch zweimal.

Der Kälteschock begann nun seinerseits Wärme zu produzieren.

„Nun gehörst auch du zu Ihr. Im Wasser des heiligen Teiches bist du von allem reingewaschen, hast du Einlass in ihr Reich gefunden.“ sprach Kovacs so, als rezitiere er ein Ritual.

„Ihr Reich? Wer ist SIE?“ wunderte sich Matthias.

„Das kommt ganz darauf an, was du in ihr zu sehen vermagst!  Die heilige Mutter Erde. Ohne sie wird nichts erschaffen und nichts vollkommen. Stets und ständig spüre ich ihre Nähe. In mir, über mir, um mich herum. Du kannst dich auf sie ein lassen. Es lohnt sich! Sei ohne Furcht, es gibt kein Risiko. Du kannst mit ihr nur gewinnen.“

Kovacs seltsame Worte lösten Erstaunen aus. Matthias konnte sich kaum etwas darunter vorstellen. Hier sprach der Dichter, zweifelsohne. Er würde sich an solche Aussagen gewöhnen müssen, wenn er an eine engere dauerhafte Beziehung mit ihm interessiert war…

„Sonderbar, ich habe mich noch nie mit solchen Dingen beschäftigt. Aber du bist ein Dichter, bist sogar imstande, mit deiner Kunst Götter zu erschaffen.“ glaubte Matthias eine mögliche Antwort gefunden zu haben.

„Ja, möglicherweise. Aber dem ist nicht so.

Ich habe sie nicht erschaffen. Auch die größte und perfekteste Kunst wäre dazu außerstande. Sie ist ganz einfach da, sie war immer und wird immer bleiben. Ich habe ihr durch meine Dichtkunst lediglich eine Ausdrucksmöglichkeit  gegeben. Aber jetzt muss ich gestehen, wird auch mir allmählich kalt.“

Hand in Hand schritten beide aus dem Wasser.

Matthias war erleichtert darüber, dass er komplizierte philosophische Fragen nicht in kaltem Wasser lösen musste. Es würden sich in der Folgezeit noch genügend Gelegenheiten bieten, Antworten auf ungeklärte Fragen zu finden.

In der Laube schlüpften beide schnell wieder unter die Decke. Eine ganze Nacht lag vor ihnen.

Eine Nacht voller Entdeckungen.

 

Draußen war es noch dunkel, fahl kündigte sich der Morgen an, als sich Matthias noch halbbenommen erhob. Im Gegensatz zu Kovacs war er  nicht privilegiert, konnte sich sein  Tagwerk nicht nach Gutdünken einteilen.

Kovacs schlummerte noch eingerollt in seiner Decke und schien nichts zu bemerken.

Als Matthias vor die Türe trat, kündete ein zartes Flimmern am östlichen Horizont die baldige Geburt des neuen Tages an. Es war noch frisch am Morgen. Tautropfen hatten sich auf dem sommerverbrannten Gras und den Obstbäumen niedergelassen, darauf wartend, in der Sonnenhitze zu verdampfen.

Matthias hatte Frühdienst. In der derzeitigen Jahreszeit war er wie viele andere auch im Ernteeinsatz. Bald würde er seinen Mähdrescher besteigen und den ganzen Tag in der staubigen Hitze des Roggenfeldes verbringen. Wie gut hatte es doch Kovacs, wie gut hatten es alle Privilegierten.

Schnell war  sein Motorrad angetreten und  im morgendlichen Nebel verschwunden.

Als Kovacs die Augen aufschlug, lugten die ersten Sonnenstrahlen bereits durch das Fenster.

Es gehörte eigentlich ganz und gar nicht zu seinen Gewohnheiten, weit in den Vormittag zu dösen, obgleich ihm dafür ausreichend Zeit zur Verfügung stand.

Doch der vergangene Tag und die Nacht hatten es in sich. Sex kann ausgesprochen anstrengend sein. In der Nacht schien er mehrere Male unmittelbar davor, sich zu verausgaben. Aber dieser kraftvolle, bildhübsche Jüngling hatte es ihm angetan. Nutze den Tag, nutze jede Gelegenheit, die sich dir bietet, so lautete seine Devise.

Wie konnte er sicher sein, dass es Matthias ernst mit ihm meinte, und nicht nur ein Abenteuer suchte. Auch auf diese Möglichkeit musste er gefasst sein.

Kovacs entschloss sich, möglichst wenig nachzusinnen. Ganz gleich wie es sich auch entwickeln möge, er würde es akzeptieren. Ein wundervoller Tag und eine heiße Nacht lagen hinter ihm und er hatte die Liebe genossen, mit jeder Faser seines Körpers und seiner Seele, das alleine zählte.

Schleppend verlief der Vormittag. Der Dichter musste sich einmal mehr eingestehen, dass Theorie und Praxis oft sehr weit auseinander klaffen.

Er wollte nicht grübeln, tat es aber ständig. Er hatte sich schlicht und einfach verknallt. Matthias war der Mensch, den er jetzt an seine Seite wünschte. Viel jünger als er, sah blendend aus, hatte eine Traumfigur, dazu ein sympathisches Wesen und gute charakterliche Eigenschaften. Zudem war er ausgesprochen kräftig und handwerklich begabt. Einen idealeren Lebenspartner würde er wohl kaum noch finden.

Würde sich jener Flirt von gestern als Eintagsfliege erweisen, eine große Enttäuschung. Dieses Ereignis hatte ihm die Augen dafür geöffnet, wie er doch der Ergänzung eines Lebenspartners bedurfte.

Der bleierne Nebel auf seiner Seele begann immer deutlicher zu schmelzen.

Jetzt erst schien er seinen Schmerz endgültig überwunden zu haben. In diesem Augenblick hatte er den Pfad zurück ins Leben gefunden.

Hatte ihm seine doch so ferne Göttin etwa gar einen Streich gespielt?

‚Das kann nicht ihr Wille sein, nein so gemein ist sie nicht‘, tröstete er sich selber.

Den Grillen in seinem Hirn musste er zu Leibe rücken, wollte er nicht dem Wahnsinn verfallen. Beschäftigung erwies sich in solchen Fällen immer als die beste Medizin.

Er nahm an seinem Schreibtisch Platz, zu tun hatte er  jede Menge. Doch betätigte er die Schreibmaschine nicht. Auch den Stift, den er für Skizzen benutzte, warf er schnell wieder auf den Tisch. Kein vernünftiger Einfall wollte sich einstellen, totale Blockade.

Das einzige an was er denken konnte, war Matthias. Der beherrschte seine Gedanken bis in den letzten Winkel seiner selbst

Auch ein ausgiebiger Spaziergang schaffte nur wenig Zerstreuung, es juckte verdächtig zwischen den Beinen, er wollte diesen jungen Kerl unter allen Umständen.

Den Gang in die Dorfkneipe sparte er aus, ihm war nicht nach Small Talk.

Wieder zuhause angekommen setzte sich das bange Warten fort.

Der verzweifelte Blick zur Uhr an der Wand. Matthias müsste doch schon Feierabend haben.

Aber nein, jetzt in der Erntezeit würde er sicher wieder viele Überstunden fahren müssen.

Ernüchterung machte sich breit. Nein, der würde nicht wiederkommen. Offensichtlich hatte der sich doch mit seinem Mädchen versöhnt und die beiden gingen im Moment schon wieder Hand in Hand am Stausee entlang. Das Leben hatte ihn einmal mehr zum Narren gehalten.

Wie konnte er nur auf den Gedanken kommen, dass es Matthias ernst mit ihm meinte?

Möglicherweise hatte der den Sex auch genossen, aber sich inzwischen doch auf etwas anders besonnen. In Kovacs Privogesellschaft war gleichgeschlechtlicher Sex als ebenbürtig anerkannt. Männer hatten Beziehung mit Männern, Frauen mit Frauen, das gehörte zum Jetset. Eigenartigerweise sahen das die Paria ähnlich, auch bei denen war Kovacs kaum auf

Aversionen gestoßen.

Ganz anders bei den Preka, die schienen zum Teil noch immer moralischen Grundsätzen aus der Vorzeit zu folgen. Ein übersteigertes Männlichkeitsgehabe diente dazu, Defizite anderer Art wett zu machen. Matthias würde Hundert Prozent damit konfrontiert. Seine Kumpels und Kollegen würden ihn damit aufziehen, sollte die Beziehung publik werden.

Keine angenehme Vorstellung.  

 

Der Nachmittag ging bedächtig in  dem Abend über.

Noch immer stand die Sonne als brennende Scheibe an einem kobaltblauen Himmel.

Es würde noch eine Weile brauchen, bis die sengende Hitze durch die Abenddämmerung gebannt schien.

Kovacs döste in seinem Korbstuhl so vor sich hin.

Da drang aus der Ferne wieder ein leises Knattern in sein Ohr. Langsam näherte es sich.

Mit einem Schlag riss es Kovacs aus seinem Schlummer.

Das konnte nur Matthias sein, die Erlösung nahte. Endlich!

Kovacs stürmte zur Tür hinaus, durch den Garten auf den Feldweg. Eine Staubwolke näherte sich. Es war der Erwartete. Eine ganze Wagenladung Steine rollte von seinem Herzen.

Matthias brachte seinen Motorroller direkt vor ihm zum Stehen.

Eine schwere Maschine und nicht das kleine Moped von gestern hatte ihn hierher getragen.

Er stieg vom Sattel und beide fielen sich in die Arme.

Erst danach hatte Kovacs die Gelegenheit das wuchtige Gefährt zu bestaunen.

„Wau, was ist das denn? Echtes Sammlerstück! Wo hast du die denn aufgegabelt?“

„Ach, die gehört einem meiner Kumpels, hab ich mir mal für ne Weile ausgeliehen. Wollte mal ein wenig Eindruck machen.“ erwiderte Matthias.

„Aber dein Moped bringt dich doch auf die gleiche Weise zu mir. Das ist doch die Hauptsache. Eindruck machst du auf mich auch, wenn du blank und bloß vor mir stehst. Ich denke vor allem dann.“

„Das ist sicher richtig! Aber auf meinem alten Moped könnte ich mit dir jetzt keine Spritztour unternehmen. Das würde auf die Dauer ein wenig zu eng auf dem Sattel. Bei ihr dagegen haben wir ausreichend Platz.“ antwortete Matthias und schlug mit der Handfläche sanft auf das vordere Schutzblech.

„Du meinst wir sollten jetzt…einfach so drauf los fahren? Jetzt gleich?“ entfuhr es dem verblüfftem Dichter.

„Ja sicher! Einfach so! Was ist? Du hast doch nicht etwa Angst davor?“

„Nein! Nein, natürlich nicht! Aber ich meine nur einfach so? Jetzt um diese Tageszeit? Ich meine, willst du dir nicht erst einmal ein wenig Ruhe gönnen?“

„Ach wo! Das geht schon in Ordnung so! Was willst du! Die Dämmerung hat noch nicht einmal eingesetzt und in dieser Jahreszeit bleibt es lange hell.

Die besten Voraussetzungen für eine Tour.“ lud Matthias ungeduldig ein.

„Ja, wenn du meinst!“

„Ja, ich meine! Schwing dich hinten drauf und los geht es!“

Kaum hatte sich Kovacs auf dem Sozius niedergelassen, brauste Matthias auf und davon, erneut einen Staubwolke aufwirbelnd.

Wie ein großer Sturmwind tauchten sie ein in die unendliche Freiheit. Kovacs musste sich der Lage erst anpassen. Er umgriff Matthias Taille und schmiegte sich an ihn, so verschmolzen sie auch hier draußen zu einer fest gefügten Einheit.

Alles an sich vorbeiziehen lassen, alle Sorgen und Nöte des Tages schienen auf einmal wie weggeblasen. Kovacs war für die Tatsache dankbar, dass er sich umsonst gesorgt hatte. Sein Zweifel verschwand wie die Sonne am Horizont.

Lange waren sie unterwegs. Wieder zurück zogen sie sich dann auf den Damm des Stausees zurück.

„Ich bin froh, dass du wiedergekommen bist! Danke!“ meinte Kovacs.

„Natürlich! Warum denn nicht?“ wollte der Angesprochene wissen.

„Naja, hätte ja sein können. Versöhnung mit deiner Sabine zum Beispiel. Wäre doch möglich, oder?“

„Kann ich mir nicht vorstellen! Aus und vorbei! Die hat mich doch gar nicht mehr nötig. Und warum sollte ich mich wegen so einer Zicke rumprügeln? Hat die doch gar nicht verdient.

Nee, ich hab jetzt was Besseres gefunden!“

„Was Besseres?“ Kovacs traute den Worten kaum.

„Ja, zum Beispiel! Ist was ganz anders mit dir. Hab so was noch nie erlebt. Den ganzen Tag ging es mir durch den Kopf. Es war geil, einfach nur geil.“

„Schön, dass du das so siehst!“ Mehr vermochte Kovacs im Moment nicht über die Lippen zu bringen, so sehr erstaunte es ihn, mit welcher Leichtigkeit Matthias damit um zu gehen schien.

„Und dir macht es nichts aus, mit mir gesehen zu werden? Ich meine, wenn deine Kollegen Wind davon bekommen?“

„Was haben die denn damit zu tun? Keine Ahnung, was die sagen: Interessiert mich im Moment auch gar nicht. Ist doch ne Sache zwischen uns, meine ich, geht doch keinen was an.

Muss ich doch nicht jedem auf die Nase binden.“ erwiderte Matthias.

„Nein das musst du  nicht. Wahrscheinlich mache ich mir zu viel Gedanken. Ist halt so ne Angewohnheit von mir:“ versuchte sich Kovacs rauszureden.

„Na klar, du bist Dichter, da muss man sich viele Gedanken machen, den ganzen Tag, oder?“ glaubte Matthias zu wissen.

„Da hast du auch wieder Recht!“

Schweigen, so richtig wollte sich kein Gespräch einstellen. Im Grunde war das auch gar nicht immer erforderlich. Man musste nicht ständig reden. Einfach ausruhen und die laue Sommernacht genießen. Schon so oft hatte Kovacs das getan, allein und sich nach der Gesellschaft eines liebenden Menschen gesehnt. Nun war jener vorhanden und ihm fehlten die Worte. So kompliziert konnte die Welt sein.

Gewiss, Matthias verfügte schon über einen gewissen Grad an Bildung, doch genügte das, um mit ihm über seine Texte zu reden, über seine Weltanschauung, über seine Visionen und Ansichten? Die Antwort darauf war nicht leicht zu finden. Es einfach darauf ankommen lassen. Das barg die Gefahr in sich, den gerade Eroberten wieder zu verlieren. Guter Rat war teuer.

„War die Arbeit schwer? Geht die Ernte gut voran?“ fragte Kovacs und ärgerte sich sogleich, eine solch banale Frage gestellt zu haben. Natürlich war die Arbeit in einem landwirtschaftlichen Betrieb schwer. So eine dumme Frage können auch nur Intellektuelle stellen. Würde Matthias jetzt verärgert reagieren, dann geschah ihm das ganz recht.

„Naja, wie immer! Ist schon noch auszuhalten. Wir kommen gut voran, das heißt zumindest solange das Wetter hält.“ gab dieser glücklicherweise ungerührt zur Antwort.

„Ja, natürlich! Aber allem Anschein nach soll es noch eine ganze Weile so halten, zumindest was die Vorhersagen betreffen.“ antwortet Kovacs.

Nun waren sie soweit, sie unterhielten sich übers Wetter. Ein Standardthema bei steckengebliebener Konversation.

„Also ich mach mich dann auf den Weg. Ich würde gerne bleiben, aber ich muss morgen früh raus, ganz früh, noch vor dem Hahnenschrei. Ich komme dann am späteren Nachmittag wieder, oder passt dir das nicht?“ gab Matthias zu verstehen und erhob sich ganz spontan.

„Aber selbstverständlich kannst du kommen, immer, jederzeit!“ Enttäuschung sprach aus Kovacs Worten. Hatte er es geschafft alles zu vermasseln?

„Also übermorgen habe ich frei, dann könnte ich auch über Nacht bleiben.“ meinte Matthias, während er sich langsam fort bewegte um dann noch einmal inne zu halten.

„Sag mal. Ich hab da so vor einiger Zeit ein paar Notizen gemacht. Nichts besonders, nur so spontane Gedanken, die mir durch den Kopf schwirrten, aufs Papier gebracht. Ich weiß nicht, ob du daran Interesse hast. Kann ich die einfach mal mit bringen?“

„Aber natürlich interessiert mich das. Bring alles mit, ich bin sehr gespannt auf deine Gedankenwelt. Ja, und was die Übernachtung bei mir betrifft, ich bitte darum!“

Kovacs konnte seine Begeisterung kaum im Zaum halten.

„Also gut, dann bis morgen!“ Matthias eilte den Damm hinunter. Kovacs ließ sich flach auf den Rücken fallen und stieß einen starken Atem der Erleichterung aus. Die Situation war gerettet, für morgen und überhaupt. Ganz gleich, was Matthias da auch zu präsentieren hatte, ihm würde es gefallen. Das bedeutete einen tiefgründigen Gesprächsstoff, sie brauchten sich also nicht  mehr im sinnentleerten Smalltalk zu verlieren. Umso besser.

Unten trat Matthias das Motorrad an und setzte sich  in Bewegung.

Kovacs verweilte noch lang auf dem Damm und blickte auf die im klaren Mondlicht funkelnde Wasseroberfläche.

Er konnte sicher sein, dass Matthias morgen wiederkäme. Das bange Warten des zu Ende gehenden Tages brauchte sich also nicht zu wiederholen.

Als er sich dann nach drinnen zurück gezogen hatte und sich zur Ruhe begab stellte sich der Nachtschlaf jedoch wieder lange Zeit nicht ein. Ein Hauch von Ungeduld hatte sich seiner bemächtigt.

 

 Den darauf folgenden Tag verbrachte Kovacs in freudiger Erwartung. Die beklemmende Angst war einem seltsamen Glücksgefühl gewichen.

Als er am späten Nachmittag dann das vertraute Rattern des Motorrades vernahm, wusste er, dass ihn Matthias nicht versetzt hatte. Er war wiedergekommen und trug einen

großen Rucksack auf den Schultern.

„Ich hab mir gedacht. Ich bring einfach ein paar Sachen mit, da könnte ich ja übermorgen früh gleich von dir aus zur Arbeit aufbrechen. Ist doch einfacher oder?“

„Natürlich ist es das, sehr praktisch. Auch nicht viel weiter als von deiner Behausung.“ begrüßte ihn Kovacs frohgemut.

„Na, komm erst mal rein. Hast du schon gegessen?“

„Nee, bisher noch nicht. Keine Zeit!“

„Na, das trifft sich ja gut. Ich hab einfach auf Verdacht für zwei gekocht!“ lud Kovacs ein.

Die beiden ließen sich am Küchentisch nieder und verzehrten ihr Abendmahl. Die Stimmung viel gelöster als am gestrigen Abend.

Gespannt wartete Kovacs auf die Entwürfe, die Matthias ihm wohl gleich präsentieren würde.

„Und hast du mir was von deinen Werken mitgebracht?“

„Ach so, ja, natürlich. In der Tasche da drüben. Kann ich dir zeigen, wenn du willst!“

Matthias griff nach einer alten abgewetzten braunen Lederaktentasche und kramte darin herum. Dann holte er einen Stapel Papiere heraus, blätterte sie durch und sortierte.

„Muss ich erst mal ordnen. Hab ich schon seit einiger Zeit nicht mehr in den Händen gehabt!“

„Lass dir Zeit, wir haben genügend davon!“ beruhigte Kovacs.

Nach einer Weile glaubte Matthias das Richtige gefunden.

„Ja hier! Die kannst du mal lesen! Sind Gedichte! Einfach nur so zusammengeschrieben. Nichts Besonderes. Aber nicht lachen. Ist so etwa zwei Jahre her, da ich es schrieb. Ich denke, heute würde ich so nicht mehr schreiben!“ glaubte Matthias sich gleich im Vorweg rechtfertigen zu müssen.

Kovacs griff nach dem Stapel und begann zu lesen. Zuerst überflog er, dann aber vertiefte er sich zusehens darin.

Er traute seinen Augen kaum. Eine einfache, schlichte aber wunderschöne Poesie bot sich ihm hier dar. So klar, so intensiv. Man konnte die Empfindungen spüren.

„Da bin ich platt. Also so etwas Schönes habe ich seit langem nicht mehr zu lesen bekommen.

Besser hätte auch ich es nicht auszudrücken vermocht. Du bist ein echter Künstler.“ lobte Kovacs in glühenden Farben.

„So meinst du? Du machst dich doch nicht über mich lustig, oder?“ zweifelte Matthias.

„Aber nein, nie im Leben! Das ist gut, das ist wirklich gut! Ich meine das im Ernst.“ entgegnete Kovacs.

„Wenn du es Scheiße findest, kannst du mir das sagen. Du brauchst mich nicht zu loben, wenn du es nichts so meinst. Das hilft mir nicht. Ich will einfach nur einen ehrlichen Kommentar.

Das ist alles.“

„Nein, nein, das ist ganz und gar nicht Scheiße, das ist echte Poesie. Eine Poesie des Alltags, nicht diese gekünstelten Versatzstücke von der Stange, geschrieben von Leuten, die nur eines im Sinn haben, es so gewinnbringend wie möglich zu vermarkten, nur um eine Menge Geld zu scheffeln. Nein, Poesie ist in allem, was wir täglich tun!“

„Ja, meinst du? Auch wenn ich mit dem Mähdrescher das Getreide von den Feldern ernte, auch da soll Poesie drin sein?“ zweifelte Matthias.

„Zum Beispiel! Ja!“

„Oder wenn ich die Fahrzeuge und Gerätschaften instand setze oder repariere, auch da?“ hakte Matthias weiter nach.

„Ja, auch dort! Du lebst in deiner Arbeit, du gehst darin auf. Deshalb ist es dir möglich authentisch darüber zu schreiben. Es ist natürlich immer eine Frage, ob dir deine Tätigkeit z.B. Spaß macht, oder ob sie nur ein notwendiges Übel zum Erhalt deiner Lebensgrundlage ist.“ versuchte Kovacs einen Ansatzpunkt.

„Ob es mir Spaß macht? Naja, das gelbe vom Ei ist es nicht gerade, ich könnte mir durchaus was Besseres vorstellen. Aber es geht. Ich könnte es wesentlich schlechter haben. Denk  ich da z.B. an all Jene, die tagtäglich auf einer Stelle am Fließband stehen. Ich habe Natur, frische Luft und auch einen Hauch von Freiheit, wenn ich auf den Feldern bin. Ja, es macht noch Spaß.“ bestätigte Matthias.

„Siehst du! Das ist schon mal eine gute Ausgangsposition. Du hast mich überrascht mit deinen Gedichten. Vor ein paar Tagen, als du hier zum ersten Male auf tratest, stelltest du dein Licht noch unter einen Scheffel, glorifiziertest meine Art zu leben und so weiter. Dabei hast du gar keinen Grund dafür. Jemand, der so etwas schreiben kann, wie jenes hier, hat das gar nicht nötig.“

Kovacs wedelte mit dem Papierbündel in der Luft.

„Ich beneide dich aber trotzdem, daran hat sich nichts geändert. Du stehst über den Dingen. Du hast mit der Scheiße, die uns umgibt nichts mehr zu tun und die Welt ganz einfach überwunden.“ widersprach Matthias.

„Hast du gemerkt, da sprach schon wieder Poesie aus deinen Worten. Die Welt überwunden, das klingt wirklich gut. Ich habe eine Welt überwunden, dafür aber eine andere gefunden, das darfst du nicht vergessen. Wir alle leben in dieser Welt so wie sie nun einmal ist, keiner kann sich da herauswinden. Täglich werden wir in der einen oder anderen Form damit konfrontiert.“

„Aber ich ein wenig mehr als du!“

„Also wenn ich bei den Paria unterwegs bin, erlebe ich Melancholaniens schmutziges Antlitz hautnahe.“

„Richtig! Aber du hast dir dieses Leben frei gewählt. Niemand zwingt dich dazu.“ stellte Matthias fest.

„Das stimmt und ich bin froh, es getan zu haben. Aber wir wollen nicht von mir sprechen. Deine Gedichte sollten doch im Mittelpunkt stehen.“ bog Kovacs ab, denn er ahnte, worauf Matthias hinaus wollte und er würde ihm auf die wichtige Frage keine Antwort geben können.

„Schreib auf jeden Fall weiter, höre niemals auf damit.“

„Ja, und was mach ich dann mit all den Gedichten oder was sich sonst noch so dazu gesellt?“

„Immer wieder ansehen und stolz darauf sein.“

„Mehr nicht?“

„Nein, mehr nicht! Was sollte denn sonst daraus werden?“

„Ich weiß nicht!“

„Du denkst, dass du die Gedichte veröffentlichen könntest und andere sie lesen, habe ich recht?“ kam Kovacs nun aus der sicheren Deckung.

„Nun nicht gleich. Ich muss noch an mir arbeiten, das ist klar. Aber später vielleicht! Ich hatte gehofft, bei dir Hilfe zu finden. Wenn ich genug gelernt habe, kann ich es wagen, einen Verleger aufzusuchen.“ gestand Matthias.

„Du kannst mir glauben, mit dem Schreiben Geld verdienen, dass ist eine Strafe. Du tust dir damit keinen Gefallen. Ich rate dir dringend davon ab.

Auf diese Weise wird Poesie in ihr Gegenteil verkehrt. Sie wird zur Ware degradiert, zum Billigprodukt. Der Markt ist es, der bestimmt, was wann wo gelesen wird, soweit die Menschen in diesem Lande überhaupt noch zum lesen fähig sind. TV und anverwandte Medien haben den Verblödungsprozess erschreckend weit getrieben. Wer mit dem schreiben Geld verdienen will oder gar muss, weil er ja irgendetwas zum Lebensunterhalt braucht, ist ein armes Schwein. Die Verleger zerreißen dein Werk kaum, dass sie es in den Händen halten.

Du darfst das nicht schreiben und jenes nicht. Hier musst du ändern, da musst du korrigieren, am Ende ergibt nichts mehr einen Sinn. Du hältst ein Papier in den Händen, das nicht mehr das deine ist. Du bist zum Unterhalter, zum Clown mutiert.“

Kovacs Analyse war ernüchternd.

„Ich habe nie gesagt, dass sich vom Schreiben leben will. So schlau bin ich auch. Aber ein kleines Zubrot wäre schon  nicht schlecht. Wenn du mir dabei helfen könntest, was sollte da noch schief gehen?  Deshalb habe ich es erst mal dir gezeigt. Um dein Urteil abzuwarten.“ erwiderte Matthias etwas verärgert über die seiner Meinung nach überflüssige Belehrung.

„Verzeih! Ich wollte dich nicht schulmeistern, das ist sonst ganz und gar nicht meine Art. Ich will dich nur vor einer großen Dummheit bewahren, nämlich zu glauben, das es da draußen Leute gibt, die sich für die Talente anderer interessieren. Kein Mensch wird deine Begabung zur Kenntnis nehmen. Im Gegenteil, die werden alles daran setzen, dir einzureden, dass du völlig untalentiert bist. Das ist natürlich totaler Unsinn, denn Talente gibt es wie Sand am Meer, jeder Mensch ist ein wie auch immer gearteter Künstler. Talentlose Menschen gibt es nicht. Das dümmliche Gewäsch von der vernebelten Proletenseele die außerstande sei, etwas Kreatives auf die Beine zu stellen ist nichts als Propaganda. Die sind bis heute den Beweis dafür schuldig geblieben. Deine Worte auf diesem Papier führen solche Aussagen ad absurdum. Aber die großen Literaturkritiker gleichen in ihrem Auftreten den Göttern auf dem Olymp. Die zerschmettern dich mit einem Handschlag. Die sind keine Ansprechpartner für jemanden wie dich. Nein, lass es einfach so wie es ist. Schreibe für dich, für mich, für Leute die es zu schätzen wissen. Aber die Öffentlichkeit sollte so etwas nicht in die Hände bekommen, nur um es zu zerreißen, dafür ist es einfach zu schade.“

„Ich wollte es ja auch nur dir zeigen, dein Urteil war mir wichtig. Wenn ich geahnt hätte, wie du darauf reagierst hätte ich es bleiben lassen. Gib mir die Papiere zurück, damit ich sie in den Ofen stecken kann.“ entgegnete Matthias voller Bitterkeit.

„Nein, so war dass nicht gemeint! Scheiße! Dass ich aber auch nie mein Maul halten kann.

Ich habe dir doch gesagt, dass ich es gut finde. Ehrlich, ich meine es ernst. Es ist ein Jammer, dass so viele Talente vergeudet werden in diesem Land. Das habe ich immer betont und werde das auch in Zukunft tun. Schreibe weiter so. Du kannst mir das jederzeit zeigen, wann immer du willst.“ Kovacs versuchte die verfahrene Situation zu retten, doch es war zu spät.

Der dichtende Prolet hatte sich zum Narren gemacht.

„Gib her! Ich will nichts mehr davon wissen!“ forderte Matthias.

Widerwillig reichte Kovacs dir Papiere herüber. Matthias griff danach und riss den Stapel mit einem kräftigen Ruck entzwei.

„Aber warum hast du das getan? Mein Gott was habe ich angerichtet!“ entsetzte sich Kovacs.

„Lass uns nie wieder davon sprechen! Ich hab mich zum Narren gemacht, gut, meine Schuld. Ich will nicht mehr davon sprechen, weder heute noch irgendwann. Das Kapitel ist für mich abgeschlossen.“ bog Matthias kategorisch ab.

Kovacs wagte nicht darauf einzugehen, es wurde genug Porzellan zerschlagen heute. Dabei hatte er  Matthias doch nur die Wahrheit vermittelt. Proletenkünstler jeglicher Couleur hatten es schwer in Melancholanien. Die fanden so gut wie kein Gehör, es sein denn man benötigte sie zum Zwecke der allgemeinen Unterhaltung, um sie im TV als Clowns vorzuführen und davor wollte er Matthias bewahren, denn zu leicht geriet man hier in die Fänge der Meinungsmacher und ihres schändlichen Treibens.

„Na, ich geh dann mal. War schön dich wieder zu sehen. Auf bald!“ verabschiedete sich Matthias und erhob sich.

„Aber du wolltest doch über Nacht bleiben?“ sprach Kovacs enttäuscht.

„Da hab ich ehrlich gesagt wenig Lust drauf. Wir sollten erst mal Gras über die Sache wachsen lassen, uns eine Weile nicht sehen. Dann könnten wir noch mal nen Versuch starten.

Im Moment ist erst mal Funkstille.“

„Willst du das jetzt wirklich so enden lassen? Das ist doch nicht dein Ernst?“

„Mein voller Ernst! Ich habe mich einmal lächerlich gemacht, ein zweites Mal passiert mir das nicht. Ich denke, wir hätten beim Sex bleiben sollen. Das hat gut funktioniert, alles Weitere soll wohl nicht sein. Ich weiß nicht, wie es weiter geht, keine Ahnung. Für ne Weile bin ich erst mal bedient. Also dann, bis irgendwann einmal!“

Matthias verließ die Laube.

In tiefer Enttäuschung blieb Kovacs zurück. Er musste sich eingestehen, dass Matthias die Wahrheit sprach. Seine Worte trafen ins Schwarze. Beim Sex hatte es bestens funktioniert. Da gehörte auch nicht viel dazu. Aber ein Leben miteinander teilen, war ein anderes Paar Schuhe. Außerhalb des Schlafzimmers hatten sich Intellektueller und Prolet nun mal ausgesprochen wenig zu sagen. Das konnte nie eine Beziehung auf Augenhöhe werden. Eine soziale Kluft lässt sich überwinden, eine intellektuelle nie. Da tat sich eine unüberbrückbare Barriere auf, die keiner von beiden bewältigen konnte.

Mit Tränen in den Augen musste Kovacs diese Tatsache zur Kenntnis nehmen.

 

Die Zeit verging, Matthias ließ sich nicht mehr sehen. Kovacs hatte sich damit abgefunden, eine kurze Episode der Hoffnung. Für ihn gab es in diesem Leben keine Erfüllung   mehr.

Eines aber hatte ihm die Erkenntnis daraus gelehrt. Der Versuch der staatlich geförderten Volksverblödung entgegen zu wirken, wenn auch nur sporadisch. Er unterrichtet ja schon seit geraumer Zeit Pariakinder, mit dem notwendigsten. Er wollte einen Schritt weitergehen.

Er träumte von einer Dichterwerkstatt. Paria , vielleicht auch Preka sollten  die Möglichkeit bekommen, unter Anleitung kreativ zu arbeiten.

Ohne zu wissen, auf was er sich einließ, setzte er spontan seinen Plan in die Tat um.

Mehrmals in der Woche gab es also ein Treffen vom frühen Nachmittag bis zum Sonnenuntergang. Dort wurden die verfassten Gedichte vorgetragen, die Gruppe diskutierte und analysierte diese. Man tauschte sich darüber aus, was als gut oder schlecht befunden wurde, was verbesserungswürdig sei oder einfach wegzulassen sei. Der jeweilige Autor verteidigte sein Gedicht, oder sein Kurzgeschichte, je nach dem, nahm die Verbesserungsvorschläge an oder schrieb alles noch einmal oder ließ es bleiben. Einen Zwang kannte die Gruppe nicht.

Kovacs war begeistert von jener klaren Schönheit einfacher Worte, er, der einst gefeierte Poet musste sich tief beschämt davor verneigen.

Die Proletendichter, wie sie von den Medien bald abschätzig genannt wurden, waren bald in aller Munde. Somit rückte Kovacs wieder in jene Öffentlichkeit, die ihn so lange totgeschwiegen hatte. Natürlich vor allem in negativer Hinsicht, als Aufrührer, der die lammfromme Bevölkerung mit unsinnigen und überflüssigen Beschäftigungen ihrer Berufung entfremdete.

Ein Preka oder gar ein Paria konnte nicht kreativ sein. Das schien wider die Natur.

Was die Frage der Bildung der einfachen Volksmassen betraf folgte Melancholanien schon seit Jahrzehnten der Devise des Philosophen Friedrich Nietzsche, dessen Schriften und Werke sich vor allem bei den Privo großer Beliebtheit erfreuten. Eine seiner berühmtesten Thesen lautete:

„Will man einen Zweck, muss man auch die Mittel wollen: will man Sklaven, so ist man ein Narr, wenn man sie zu Herren erzieht.“

Hochgebildete würden doch niemals freiwillig die Hebel an den Maschinen in Bewegung setzen, oder die Fließbänder laufen lassen. Irgendeiner musste es aber tun.

Was Kovacs hier tat, kam einem Hochverrat gleich. Doch man ließ ihn vorerst noch gewähren, da sich bisher keine Massenbewegung daraus entwickelt hatte.

 

Die Wochen vergingen. Die neue gewählte Aufgabe bekam Kovacs ausgesprochen gut, lenkte ihn vor allem von seinem Schmerz ab, denn er hatte das Drama mit Matthias noch immer nicht verwunden.

Plötzlich stand Matthias wieder vor der Tür. Es dauerte nicht lange und beide landeten im Bett. Die Zeit hatte tatsächlich Gras über die Sache wachsen lassen. Beiden tat es ausgesprochen gut. Sex und Schweigen, so konnte man wohl am Besten charakterisieren was sich von nun an zwischen den Beiden abspielte. Gespräche führten sie nur über notwendige Alltagsangelegenheiten. Das Thema Schreiben wurde völlig ausgeblendet. Nie wäre Matthias auf die Idee gekommen, an Kovacs Dichterwerkstatt teilzunehmen, Kovacs versuchte auch gar nicht ihn darauf anzusprechen. So fanden sie einen guten Weg, ihre Beziehung doch noch fortzusetzen. Jeder blieb in seiner Welt. Matthias kam zu Besuch, blieb auch immer wieder über Nacht. Der Sex stellte das verbindende Element ihrer Beziehung dar, weiter nichts.

Würden sich Intellektueller und Prolet einmal näher kommen, je in der Lage sein, auf einer Welle zu segeln. Wohl kaum. Weder die Demokratie noch die Diktatur vermochten daran etwas zu ändern. Beide waren doch nur zwei  Seiten einer Medaille des Herrschens. Und herrschen funktioniert nun mal nur, wenn man zeitgleich die Bevölkerung entzweit.

Gab es da noch etwas anders, einen dritten Weg? Von Akratie wusste zu jener Zeit noch keiner etwas, auch Kovacs bildete da keine Ausnahme.