Fehlermeldung

Deprecated function: The each() function is deprecated. This message will be suppressed on further calls in menu_set_active_trail() (Zeile 2405 von /kunden/409241_99994/webseiten/includes/menu.inc).

Erotisches Viereck

 

„So schweigsam? Irgendwas betrübt dich doch! Ich dachte du freust dich dass es endlich nach Hause geht?“ wollte Folko wissen, während er den Landrover über die Landstraße steuerte die sich scheinbar endlos bis zum Horizont erstreckte.

Kyra hatte sich auf dem Beifahrersitz zusammengekauert. Es war kalt. Die Natur schien in diesem Jahr verrückt zu spielen.Nach den ungewöhnlich milden Temperaturen der letzten Wochen hatte ein Temperatursturz am Vortag eine frostige Abkühlung zur Folge. Für eine lange Autofahrt nicht gerade dienlich. Zum Glück blieb es noch trocken. 

„Ich freue mich doch! Warum fragst du ?“ Wollte die Angesprochenen etwas verwundert wissen.

„Die letzten Tage hast du vor Aufregung fast durchgedreht, es gab für dich nur noch dies eine Thema, dir konnte es gar nicht schnell genug gehen, das wir uns endlich zum Aufbruch rüsten. Nun habe ich den Verdacht dass du dich vor irgend etwas fürchtest.“

„Ach was! Unsinn! Ich bin nur etwas geschafft von dieser Autofahrerei, nimmt denn die Straße überhaupt kein Ende? Mir kommt es so vor als bewegen wir uns auf der Stelle. Alles in Ordnung, ich bin weiter froher Erwartung.“ Verneinte Kyra Folkos Vermutung.

Das entsprach jedoch nur der halben Wahrheit. Es ging in Richtung Heimat, endlich. Kyra konnte es kaum erwarten die Abtei wieder zu sehen. Dort war ihr Zuhause, nie in ihrem Leben hatte sie ein anders, geschweige dem besseres besessen. Die Sehnsucht und das Heimweh hatten ihr in der Fremde arg zugesetzt, führten ihr vor Augen wie schwer es doch war seine Heimat zu verlieren um sich in der Ferne zurechtzufinden.

Der Bannstrahl der Neidhardt-Regierung galt nicht ihr. Sie hätte sich zu jeder Zeit in Richtung Heimat verabschieden können. Folko war als ehemaliger Vizegroßmeister des Blauen Orden ein Geächteter und  wagte es in Folge dessen nicht, sich auf melancholanisches  Terrain zu begeben. Selbst nach der Gründung der akratasischen Föderation schien es ihm zu unsicher.

Kyra hatte ihre Entscheidung getroffen und sich für ihn entschieden, obgleich in der Abtei noch jemand saß der ihr Herz vor Zeiten im Sturm erobert hatte. Dort wartete ihre Prinzessin Alexandra. In Kürze würden sie sich wieder sehen. Bleiben, oder nach Hause gehen. Die Qual der Wahl drohten ihr in den zurückliegenden zwei Jahren des Öfteren den Verstand zu rauben. Sie sehnte sich nach ihrer Geliebten, träumte fast in jeder Nacht von ihr und betete darum dass Folkos Ächtung bald ein Ende fände.

Doch sie liebte Folko ebenso. Gemeinsam waren sie durch die halbe Welt getingelt, an seiner Seite wurde sie zur Söldnerin. Ihr Körper war so kraftvoll und durchtrainiert das sie es mit jedem Mann aufnehmen konnte. Eine Kämpferin, notfalls eine Killerin, wenn es sein musste. Konflikte gab es derer genug in der Welt. Wo hin sich auch das Auge wendet, überall nur Terror, Gewalt, Attentate, Bürgerkriege. Eine gigantische Fluchtbewegung überzog die Kontinente und drohte viele Staaten aus dem Gleichgewicht zu bringen. Folko und Kyra hatten sich nacheinander verschiedenen Milizen angeschlossen, waren dafür von Krisengebiet zu Krisengebiet gereist, mit dem Ziel für das Gute zu kämpfen. Doch wo fanden sie das? Kyra hatte in dem undurchdringlichen Wirrwarr das sich vor ihnen auftat bald die Übersicht verloren. War das noch ihr Kampf? Sie war schließlich zu der Auffassung gelangt, dass es ihr kaum etwas anging.

Sie wollte einfach nur nach Hause. Wenn sie kämpfen musste, dann an Elenas und der anderen Schwestern Seite die sie so sehr vermisste.

Viel durfte sie sehen und erleben, ferne Länder, exotische Welten und interessante Menschen.  In ihrem früheren Leben konnte sie von solchen Möglichkeiten nur träumen. Stets durfte sie hinzulernen, beständig ihren Horizont erweitern. Doch das Heimweh ließ sich nicht vertreiben. Es kam ihr so vor als befände sich in der Abtei ein riesiger Magnet mit einer enormen Sogwirkung.

Nun also war es soweit. Zuhause sein, wissen wo man hingehört.   

Endlich das so vertraute Gelände betreten, das es ihr so angetan hatte.

Doch je näher sie ihrem Ziel entgegenstrebten, desto mehr meldete sich die Angst und drohte der Freude einen empfindlichen Dämpfer zu verpassen. Folko und Kyra, das war ein Team. Der Kampf, die stets vorhandene Gefahr, die vielen Unannehmlichkeiten, aber auch das Abenteuer, die unaufhörliche Nähe und das angewiesen sein auf den anderen, schweißte zusammen. Alles hatten sie miteinander geteilt, sowohl die Not als auch die Freude. Sie waren derart auf einander fixiert, dass einer des anderen Satz zu Ende sprechen konnte. Ein Paar wie Pech und Schwefel.

Nun würde ihr das Schicksal eine Entscheidung abverlangen. Dabei konnte und wollte sie sich gar nicht entscheiden, wollte Folko nicht aufgeben, aber ihre Alexandra, nach deren Liebe sie sich so sehr sehnte, ebenfalls nicht fallen lassen. Hinzu kam, dass sie beide der Schwesternschaft an gehörten und eine Beziehung zwischen zwei Schwestern galt als heilig. Kein Mann durfte zwei Schwestern trennen oder einander entfremden. Das galt als schweres Vergehen und konnte unter Umständen mit dem Ausschluss aus der Kommune geahndet werden.

Kyra kam es  vor als würde sie ganz langsam der Länge nach mit einem scharfen Messer durchtrennt.  

Deshalb fürchtete sie sich so sehr vor der Ankunft, obgleich sie dieser andererseits entgegenfieberte.

Folko war im Bilde, ihm konnte sie nichts vormachen. Er war innerlich darauf vorbereitet, dass es einen Kampf geben könnte. Einen Kampf der ihn zum Verlierer degradierte. Das Kyra eine Frauenbeziehung pflegte, konnte er akzeptieren, wenn dabei für ihn noch genügend übrigblieb.

Doch nach der langen Trennung der beiden musste er davon ausgehen, erst einmal für geraume Zeit ins Hintertreffen zu geraten. Keine besonders erbauliche Vorstellung für einen wie ihn.

Der smarte Schönling, ein Art James-Bond-Verschnitt, konnte noch nie mit Niederlagen umgehen, diese hier drohte ihn bis ins Mark zu treffen. Vielen Frauen war er schon begegnet, der Affären gab es etliche, doch keine hatte es je vermocht sein Herz derart zu verwunden, wie seine Wildkatze Kyra.

„Es ist wegen Alexandra nicht wahr?“ Wagte er schließlich die Stille zu durchbrechen.

„Na prima!  Gerade hatte ich ein paar positive Gedanken, da kommst du mit deiner Hellsehergabe und rufst die finsteren Geister zurück. Es ist wegen Alexandra! Ist ja auch ausgesprochen schwer zu erraten!“ Erwiderte Kyra leicht gereizt.

„Nun in Kürze werden wir vor Anarchonopolis Toren stehen. Es ist unser beider Zuhause. Lange Zeit waren wir fort. Ich könnte mir vorstellen dass sich dort eine Menge verändert hat. Wir dürfen nicht davon ausgehen alles so vorzufinden, wie wir es zurück gelassen. Es wird eine Weile dauern bis wir uns dort wieder eingelebt haben. Das wird schon kompliziert genug. Wir wollen uns nicht noch zusätzlichen Stress aufladen.“

„Zusätzlichen Stress? Wie kommst du darauf? Alexandra ist meine Geliebte, meine Gefährtin und Schwester, alles in einem. Und du bist mein Mann. Ich werde es schwer haben alles unter einen Hut zu bekommen. Für dich wird es einfach. Du kannst dich zurücklehnen und alles auf dich zukommen lassen. Erst mal ausspannen und die Ruhe genießen. Ich wollte ich hätte es so leicht."

„Ach und du glaubst dass das so einfach für mich wird? Nach all der Zeit der Zweisamkeit?  Was sind wir doch für ein starkes Paar geworden, draußen in der Welt. Es gab nur uns zwei, niemand vermochte unsere Beziehung zu gefährden. Von nun an muss ich mich mit dem Gedanken vertraut machen, dich teilen zu müssen. Von einfach kann hier überhaupt keine Rede sein.“ Konterte Folko.

„Du…du bist eifersüchtig? Jetzt schon, da wir das Gelände der Abtei noch nicht einmal betreten haben.  Das kann ja heiter werden.“ Stöhnte Kyra, so als würde sie von einer gewaltigen Last zu Boden gedrückt.

„Ich bemühe mich gefasst zu sein und mir vor allem nichts anmerken zu lassen, aber garantieren kann ich für nichts. Das wäre wohl ein bisschen viel verlangt. Auch Ich bin  nur ein Mensch. Ein Mensch mit Gefühlen und Empfindungen. Ein Wesen mit Wünschen und Sehnsüchten.“ Versuchte Folko seinen Standpunkt zu verteidigen.

„Aber ich will dich nicht verletzen, nichts liegt mir ferner als das.“

„Das glaube ich dir Kyra! Natürlich wirst du das nicht vorsätzlich tun. Sobald du Alexandra gegenüberstehst, wird es doch geschehen, unbewusst. Denn in jenem Moment da du sie in deine Arme schließt, stellst du mich aufs Abstellgleis.“ Folkos Prophezeiung kreiste wie ein schwarzer Vogel über ihren Köpfen.

Kyra wollte etwas erwidern, doch brachte sie kein Wort mehr über ihre Lippen. Sie hatte dieser Aussage nichts entgegen zu setzen.

Schweigend setzen sie ihre Fahrt fort. Ein beklemmendes Schweigen, lange Zeit traute sich keiner von beiden diese Mauer zu durchdringen. Die endlose Landstraße wollte einfach kein Ende nehmen. In der Zwischenzeit hatten sie unbemerkt die Grenze zum melancholanischen Staatsgebiet überschritten, es gab dem Anschein nach keine Grenzkontrollen mehr, ein weiteres Indiz dafür dass sich der melancholanische Staat in Auflösung befand.

„Wir sind bereits in Melancholanien, wollte ich dir nur sagen. Für den Fall das es dich interessiert.“ Wagte Folko wieder den Gesprächsfaden zu auf zu heben.

„Echt? Wann haben wir denn die Grenze passiert?“ 

„Kann ich nicht sagen! Vor etwa 5 Minuten hatte ich den Eindruck, da glaubte ich eine Wachstation zu meiner Rechten zu erkennen. Naja und dann natürlich die vertraute Sprache auf den Verkehrszeichen. Sieh mal da zu Beispiel.“ Folko wies mit dem Zeigefinger auf eine Warntafel in melancholanischer Sprache.

„Tatsächlich! Ich war der Meinung die führen hier strenge Grenzkontrollen durch!“ Wunderte sich Kyra.

„Das glaubte ich auch! Ich kann es mir nur soweit erklären, dass der Autoritätsverlust der Partei-und Staatsführung schon so weit fortgeschritten ist, dass selbst auf die Streitkräfte kein Verlass mehr ist. Die tun hier einfach was sie wollen. So nach dem Motto, in absehbarer Zeit geht hier ohnehin alles den Bach runter.“ Erwiderte Folko.

„So schlimm ist es also! Hm, ich weiß nicht ob ich das positiv oder negativ bewerten soll. Ach ja, wir haben es im übrigen mit zweit Staaten zu tun, fällt mir gerade ein. Akratasien ist unser Ziel, da müssten wir noch eine Grenze überschreiten, sollte diese noch vorhanden sein. Die ganze Entwicklung ist an uns vorbei gegangen.“ antwortete Kyra, während sie unruhig auf dem Beifahrersitz kuschelte, dabei neugierig um sich blickend, als ob sie in der Ferne eine Antwort vermutete.

„Man sagt, das gute alte Melancholanien gleiche einem Flickenteppich. Niemand könne mit präziser Sicherheit sagen welcher Teil noch zum melancholanischen Territorium gehört und welcher sich der akratasischen Föderation angeschlossen hat. Wir müssen die Augen offen halten.

Nach Hinweisen suchen. Die allgemeine Unordnung hier kann uns dabei von Nutzen sein.

Ich habe ehrlich gesagt noch immer Bauchschmerzen bei dem Gedanken in eine Kontrolle zu geraten.“ Bekannte Folko.

„Kann gut sein!“ Meinte Kyra. „Wie weit ist es noch bis zur Abtei?“

„Nun , wir befinden uns im Süden des Landes, es dürfte nicht mehr allzuviel Zeit in Anspruch nehmen. Ich denke wir werden in Kürze....

„Sieh mal dort, das Grauhaargebirge. Phantastisch wie es sich aus der Ebene erhebt, von weiten betrachtet. Ja, wir werden bald zu Hause sein.“ Unterbrach Kyra und beim Anblick der majestätischen Bergriesen am Horizont wurde ihr unendlich warm ums Herz.

Wenige Augenblicke später änderte sich auch die Landschaft in ihrer unmittelbaren Umgebung, die weite Ebene wich immer deutlicher einer Hügellandschaft mit stetig wechselndem Gefälle oder Steigung. Kyra streckte den Hals, so als glaubte sie an den Abhängen des Gebirges schon die Abtei entdeckt zu haben. Dafür waren sie allerdings im Moment noch zu weit entfernt.

„Verrenk dir nicht den Hals!“ Warnte Folko.

„Ich bin so aufgeregt. Es ist so toll sich der Heimat zu nähern. Ich hoffe bald die Abtei zu erblicken.“ entgegnete Kyra

Folko schwieg, froh über die Tatsache dass sich ihr Gespräch nicht wieder um das allbekannte Reizthema drehte. Abwarten, einfach der Dinge harren. Womöglich machte er sich unnötig Gedanken und alles würde sich als gar nicht so kompliziert erweisen.

„Über 2 Jahre. Eine lange Zeit. Ob wir uns überhaupt noch zurechtfinden? All die großen Anfechtungen denen sie dort ausgesetzt waren, sie sind an uns vorübergegangen.“

Meinte Kyra nach einer Weile.

„Aber dafür hatten wir in der Fremde unsere eigene zu bewältigen.“ Erinnerte sich Folko.

„Sicher, aber wir konnten uns aussuchen wo und wie wir lebten. Auch die Kämpfe die wir ausfochten, waren frei gewählt. Wir hätten jederzeit abhauen können.“

„Das ist schon richtig, man kann es nicht gleichsetzen. Ich denke, wir haben durchaus etwas ein zu bringen. Die Erfahrungen die wir machen konnten, könnten der Gemeinschaft irgendwann zugute kommen.“ Entgegnete Folko.

Der Abstand zum vertrauten heimatlichen Gebirge verringerte sich beständig, Folko beschleunigte seine Fahrt.

„Ras doch nicht so! Wir waren solange weg, da kommt es auf ein paar Minuten auch nicht mehr an.“ Beschwor ihn Kyra.

Daraufhin drosselte Folko die Geschwindigkeit wieder ein wenig.

„Gut, dann eben langsam, noch vor wenigen Augenblicken beschwertest du dich darüber dass es zu langsam ging.“ Erinnerte sich Folko.

„Können wir mal ne Rast einlegen, ich glaub ich muss dringend  aufs Klo.“ Forderte Kyra.

„Ja, natürlich! Ich muss nur Ausschau halten wo ich eine geeignete Haltemöglichkeit finde.

Gibt es denn hier keine Parkplätze?“ Folko blickte sich um. Er konnte sich vorstellen dass sich die Aufregung nun auch auf Kyras Darm geschlagen hatte. Aber er unterließ es geschickt direkt darauf einzugehen.

Nach einigen Augenblicken tauchte vor ihnen tatsächlich ein Waldparkplatz mit einem Toilettenhäuschen auf. Folko steuerte zielgerichtet darauf zu und stoppte das Fahrzeug.

Kyra hastete so schnell es ging in Richtung des Erlösung versprechenden Örtchens, während Folko ruhig und gemächlich dem Landrover entstieg um anschließend die Glieder zu strecken und tief durch zu atmen. Nach einer Weile kehrte Kyra mit einem Ausdruck der Erleichterung in ihrem Gesicht zurück.

„Ist es besser?“

„Ja, viel besser!“

„Wollen wir wieder starten?“

„Hm, können wir noch nen Augenblick verweilen?“

„Ja, wenn du willst! Wir stehen ja nicht unter Zeitdruck.“ Folko blickte auf seine Armbanduhr.

„Kurz vor 15 Uhr. Ich würde nur gerne vor Einbruch der Dunkelheit auf sicherem Terrain sein. Und dunkel wir es  Anfang Dezember bekanntlich früh.“

„Selbstverständlich, du bist der Kapitän. Zwei, drei Minuten um frische Luft zu bunkern genügen mir auch.“

Freude und Zweifel fochten weiterhin erbitterte Gefechte in Kyras Seele, doch sie schwieg.

„Ganz schön kalt geworden!“ Kyra rubbelte sich mit den Händen die Arme.

„Dabei können wir von Glück sagen das es trocken ist. Bei Schnee und Eis zu fahren ist nicht gerade erbaulich!“ Erwiderte Folko. „Komm lass aus den Endspurt bewältigen, es ist nicht mehr sehr weit.“  Dann öffnete er die Fahrertür. Kyra tat es ihm gleich und schwang sich auf den Beifahrersitz. Folko startet und sie konnten ihre Fahrt fortsetzen.

Es dauerte nicht mehr lange und das Panorama der Basilika tat sich vor ihnen auf. Kyra verspürte einen Stich in der Herzgegend als sie ihrer ansichtig wurde und die Handflächen waren auf einmal schweißgebadet. Immer deutlicher machte sich die Aufregung bemerkbar.

„Da liegt sie vor uns, bald haben wird es geschafft.“ Meinte Folko als glaubte er Kyra noch einmal darauf hinweisen zu müssen.

Die Dämmerung sickerte über das Land und die blutrote Sonne kroch bedächtig in ihr Wolkennest. Das deutete auf eine bevorstehende frostige Nacht hin.

Ein Ensemble wie aus einem Fotoalbum. Die Abtei fügte sich perfekt in bergige Landschaft. Die inzwischen vollständig blattlosen Bäume gaben die Sicht auf die Felsformationen frei. Die aus grauen Natursteinen gefertigte Basilika schien ein Teil von ihnen zu sein, so als gehöre sie schon seit Jahrtausenden zu dieser Gegend. Die perfekte Symbiose aus Kultur und Natur.

Eigenartig das Kyra dieser Umstand jetzt erst auffiel. Sie achtete während ihrer früheren Zeit kaum auf solche Dinge. Doch in der Zeit ihres Exils schärfte sie ihre Sinne unbewusst für solche Erkenntnisse.

Unruhig wippte sie auf dem Beifahrersitz hin und her, mit jedem absolvierten Meter steigerte sich ihre Erregung.

Als sie schließlich das Plateau erreichten, war sich Kyra nicht sicher ob ihr zu lachen oder weinen war.

Folko parkte den Wagen und entstieg. Kyra ließ sich Zeit damit, so als ob sie von einer großen Hand am aussteige gehindert würde. Langsam, ganz langsam kroch sie aus der Kabine und spürte den heimatlichen Boden unter ihren Füßen. Jetzt konnte sie die Tränen nicht mehr zurückhalten.

Folko respektierte ihre Haltung und sprach sie gar nicht darauf an.

Beide richtete ihre Blicke auf die Türme und auf die von einem beständig zunehmenden Wind darüber treibenden Wolken. Ein Sturm bahnte sich an. Sie konnten sich glücklich schätzen ihr Ziel noch vor dessen vollständiger Entladung  erreicht zu haben.

Zaghaft tastete Kyra nach Folkos Hand und dieser drückte sie ganz leicht.

„Lass uns nach drinnen gehen. Die haben sicher nichts von unserer Ankunft bemerkt. Ich denke die Überraschung wird dem entsprechend sein."

Sie durchschritten die große Pforte, keine Mensch zu sehen, bei der rauen  Witterung nicht weiter verwunderlich.

In dieser Jahreszeit wirkte der Park auch nicht sonderlich einladend. Die kahlen Bäume sahen schon fast wie Galgen aus.

Aber drinnen schien es allemal gemütlich. Überall in den Fenstern flackerten kunstvolle Lichterketten. Advent. Zeit der Einkehr.  Zeit der frohen Erwartung. Einen besseren Augenblick für eine Heimkehr konnte es kaum geben.

Schon seit uralten Tagen rückten die Menschen in der vorweihnachtlichen Zeit zusammen, auch Anarchonopolis bildete da keine Ausnahme.

Aus dem Refektorium halte lautes Stimmengewirr nach draußen. Offensichtlich hatte sich hier eine fröhliche Runde in adventlicher Stimmung nieder gelassen.

Folko und Kyra schritten den langen Gang entlang. Ein origineller Reigen verschiedenster Düfte wehte ihnen entgegen.

Eine Mischung aus Glühwein, Lebkuchen, Zimt drang in ihre Nasen, jener

unverwechselbare Duft, der einfach zur Weihnachtszeit gehörte.

Als die beiden Heinkehrer im Eingang zum Refektorium erschienen wurde sie zunächst nicht wahrgenommen, solch ein Trubel herrschte hier. Es waren vor allem Kinder die hier tobten und den entsprechenden Lärm verursachten. Die Tische waren alle adventlich-festlich geschmückt, Kyra konnte sich vor Ergriffenheit kaum rühren.

Aber was feierten die so ausgelassen fragte sie sich? Ihr Blick fiel auf den Tageskalender direkt neben dem Eingang. 6.Dezember? Da war doch was? Richtig! Nikolaustag! Dem Anschein nach erwarteten die Kinder hier den heiligen Nikolaus der jeden Moment mit einem reichlich gefüllten Gabensack eintreffen würde.

Etliche Frauen ,aber auch einige Männer hatten alle Hände voll zu tun um die Rasselbande unter Kontrolle zu halten.

Kyra erkannte viele vertraute Gesichter, die Schwestern die lange schon zu ihrer Familie geworden waren. Sie reckte den Kopf nach allen Seiten aber Alexandra konnte sie nicht finden.

Gabriela war die ersten die den unerwarteten Besuch erblickte.

„Kyra! Folko! Ich glaube es nicht! Ihr seid es tatsächlich!“ Sie stürmte auf die beiden zu und umarmte sie innig.

Gabriela griff nach der großen Glocke auf der Anrichte, ein Relikt, das noch aus der Zeit stammte als hier verschwiegene Mönche beteten und bimmelte heftig.

„Hört mal alle her! Oder besser seht welche Überraschung. Kyra und Folko sind zurück.“

nun stürmten auch die anderen auf die beiden zu.

Elena drückte Kyra fest an sich.

„Du bist es wirklich! Unsere Kyra ist zurück. Was für eine Freude. Die letzte Schwester ist heimgekehrt. Nun schließt sich der Kreis. Willkommen zurück, willkommen zu Hause. Sei auch du willkommen Folko!“ Sie reichte ihm die Hand zum Willkommensgruße.

„Hey Madleen, komm doch mal, sieh mal wer zu uns zurückgekehrt ist. Ach.... ihr kennt euch  noch gar nicht. Stimmt! Na dann macht euch bekannt, ihr seid von nun an Schwestern.“

Elena schob Madleen zu Kyra.

„Hallo Kyra, ich hab schon viel von dir gehört. Sei willkommen in deinem Heim.“ Begrüßte Madleen die neue alte Schwester.

„Ich habe auch von dir gehört! Du bist also Elenas Frau. Ich muss sagen ich bin entzückt. Elena hat einen hervorragenden Geschmack.“

Die beiden umarmten sich noch einmal.

Danach wurden sie an der Tafel platziert.

„Stärkt euch erst mal, ihr seid sicher hungrig!  Da habt ihr euch  einen eindrucksvollen Tag für eure Rückkehr ausgesucht. Wir feiern alle zusammen den Nikolaus. Das ist natürlich vor allem was für die Kinder. Das hat inzwischen Tradition bei uns.“

Begrüßte nun auch Chantal die beiden die zu deren Linken saß.

„Wir kennen uns! Aber meine Liebste kennt ihr noch nicht. Darf ich euch vorstellen, das ist Eve. Wenn man euch beide so anschaut könnte man glauben ihr seid Zwillingsschwestern.“

Kyra und Eve blickten einander an und es kam ihnen tatsächlich so vor als blickten sie in einen Spiegel.

„Endlich lerne ich dich kennen Kyra. Von dir hört man ja viel Interessantes. Du bist Sängerin?

Da müssen wir uns unbedingt mal drüber unterhalten.“ Meinte Eve.

„Ja gerne! Jederzeit! Natürlich muss ich erst mal richtig ankommen!“ Entgegnete Kyra während sie weiter nach allen Seiten Ausschau hielt. Denn die Frage die ihr im Moment am meisten unter den Nägeln brannte war: Wo in aller Welt steckte Alexandra?

„Lasst es euch schmecken. Wir müssen uns vorerst verabschieden, Küchendienst! Wir sehen uns später! Meinte Chantal und erhob sich gemeinsam mit Eve von der Tafel.

Chantal öffnete die Tür, da plötzlich erschien Kyras Herzdame, wuchtete ein großes Kuchenblech mit frisch gebackene Zimtsternen zur Tür hinein und schüttete diese in einen großen geflochtenen Bastkorb.

Wie elektrisiert starte Kyra  zu ihrer Geliebte. Trotz der langen weißen Schürze, über ihrem Kleid, trotz der Mehlspuren an den Wangen und auf der Nasenspitze eine durch und durch sinnliche Erscheinung.

 

 Während Alexandra sich zunächst mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn wischte und anschließend ihre brünetten Locken nach hinten streifte, pirschte sich Kyra unbemerkt von hinten an.

Mit den Händen umfasst sie Alexandras Taille und zog diese mit einem Ruck an sich.

„Hallo Traumfrau! Hier bin ich wieder, melde mich zurück! Ich hoffe du kannst dich noch an mich erinnern!" Begrüßte Kyra in ihrer kecken Art die lange vermisste Gefährtin. 

„Kyra?????“

Wie von der Tarantel gestochen wandte sich Alexandra um und blickte in die tiefbraunen Augen jener Frau die sie so lange hatte entbehren müssen.

„Ich.... ich... ich bin... mir ...fehlen die Worte! Mein Liebling ist zurück!!!!“ Sie fiel Kyra um den Hals, dabei jede Menge Freudentränen vergießend. Mit einem Satz zog sie ihre Liebste durch den   offenstehenden Türschlitz auf den großen Korridor vor dem Refektorium. Nun begann eine wilde Knutscherei. Beide schienen das Bedürfnis zu verspüren ihr gegenüber geradezu zu verschlingen.

 

„Oh mein Liebling wie ich dich vermisst habe! Ich kann gar nicht beschreiben wie elend es mir ging, wenn ich mir der Tatsache bewusst wurde wie weit du von mir entfernt bist.“ Meinte Alexandra schließlich als sie ihre Besinnung wieder gefunden.

„Aber... wie kommt es das ihr einfach so auftaucht, wir haben euch erst in etwa einer Woche erwartet.“

„Nun, wir konnten es  nicht mehr abwarten. Das heißt, ich habe Folko beständig in den Ohren gelegen, endlich zum Aufbruch zu rüsten. Wir hatte es ganz schön weit. Drei Tage waren wir fast ununterbrochen mit dem Landrover unterwegs!“ Gab Kyra noch völlig außer Atem zur Antwort.

„Mein Gott, ich kann es immer noch nicht recht glauben,“ Alexandra hielt Kyras Gesicht in ihren Handflächen.

„Die Kinder erwarten heute den heiligen Nikolaus, ich hätte mir nicht träumen lassen das er dein Antlitz trägt.“ Dann hielt sie Kyras Hände.

„Aber du bist kalt, eiskalt am ganzen Körper.“

„Bin total durch gefroren, die 3 Tage im Auto hatten es in sich. Wir übernachteten unterwegs, trotz Standheizung war es manchmal saukalt. Ich hoffe ich hab mir nicht noch was weggeholt.“ Bestätigte Kyra.

„Na da weiß ich einige geeignete Mittel um dich aufzuwärmen. Esst erst mal in Ruhe, dann kommst du mit mir. Du schläfst heute Nacht bei uns, äh... ich meine natürlich ihr schlaft bei uns. Wir wohnen drüben in der alten Försterei. Da gibt es genügend Platz für eine ganze Reihe Leute. Ich wünsche mir so sehr dass du,..äh dass ihr zu uns zieht. Fürs erste zumindest.

Dann stecke dich in die Wanne, ein schönes heißes Bad wird dir gut tun. Danach gehts ab unter die Decke. Ich möchte die ganze Nacht verwöhnen, ich hoffe das ich eine gute Wärmflasche bin.“

Bot Alexandra an. Es entsprach der Wahrheit. Sie hatte mit Ronald ausführlich darüber gesprochen. Der hatte sich nach anfänglichem Zögern bereit gefunden und Alexandras Drängen nachgegeben.

„Du bist mit Sicherheit die beste Wärmflasche der Welt. Aber sag, was machen wir mit unseren Männern?“

Wie ein scharfes Schwert drang Kyras Frage in Alexandras Bewusstsein. Die Tatsache dass es zwei Männer gab, hatte sie im Schwall der Gefühle völlig verdrängt.

„Ja...äh. Natürlich, natürlich, wir müssen auch an sie denken. Also was Ronald betrifft, der wird heute Abend mit größter Wahrscheinlichkeit nach nicht bei uns weilen. Es gibt eine kleine adventliche Feier oben im Männerzentrum. Du hast sicher davon gehört dass es so was bei uns gibt. Ich denke er wird dort auch übernachten, zumindest tut er das für gewöhnlich. Hm da müssen wir überlegen was wir mit Folko machen. Aber ich bin mir sicher da wird sich eine Lösung finden.“

Alexandras Tonfall lies nur allzu deutlich erkennen, dass sie die beide Männer als Störfaktor betrachtete, heißhungrig fiederte sie der Nacht mit Kyra entgegen.

„Und deine Kinder? Was ist mit denen? Was sollen die davon halten?“ Erkundigte sich Kyra.

„Ach der Kinder wegen brauchst du dir keine Gedanken machen. Die sind heute wieder mal bei ihren beiden Lieblingstanten, Cassandra und Luisa.  Ach ja, die Zwillinge wirst du morgen kennenlernen. Da stelle ich dich ihnen vor. Langsam, ganz langsam versuche ich seit geraumer Zeit die beiden mit der Tatsache vertraut zu machen, dass sie bald eine zweite Mama bekommen.“

Kyra schluckte und eine Träne bahnte sich ihren Weg über die Wange.

„Genau das wirst du sein und ich gehe davon aus das du dich glänzend mit ihnen verstehen wirst.“

Mit dem Handrücken fuhr Alexandra über Kyras Wange um die Tränen zu entfernen.

„Anarchonopolis ist eine wunderbare Gemeinschaft, du wirst jetzt wieder deinen Platz unter uns einnehmen, als Teil der Schwesternschaft. Viele Schwestern haben sich gefunden und leben als Paare zusammen. Für mich war es schwer ohne Gefährtin auskommen zu müssen. Nun kann es nur besser werden. Jetzt sind wir wieder zusammen und werden ein ein tolles Paar.“ glaubte Alexandra zu wissen.

„Komm wieder nach drinnen, ich habe noch eine Weile zu tun. Wenn du magst kannst du es dir auch schon drüben in der Försterei gemütlich machen. Du weißt doch noch wo die sich befindet?“

„Gleich hier gegenüber habe ich in Erinnerung!“

„Genau! Sobald ich mit meiner Arbeit fertig bin, komme ich, dann machen wir es uns richtig kuschelig, dann setze ich alles in Bewegung um dich in gebührender Weise willkommen zu heißen.“

Ein warmer Strom der Begeisterung durchzog Kyra, wenn sie daran dachte. Endlich wieder ihre Geliebte in den Armen halten.

Doch als sie das Refektorium betrat fiel ihr Blick auf Folko und sie erinnerte sich seiner Worte:

„Sobald du Alexandra in den Armen hältst, schiebst du mich aufs Abstellgleis.“

Folko befand sich im Gespräch, war umringt von Leuten die ihn begrüßten und etwas in Erfahrung bringen wollten, trotzdem kam es ihr so vor als spüre sie seine Einsamkeit.

Sie nahm zu seiner Linken Platz und griff nach seiner Hand.

„Na habt ihr euch ausgiebig begrüßt? Du und Alexandra?“ Wollte Folko wissen.

„Ja, haben wir! Es war ne stürmische Begegnung, wie erwartet.“ Antwortete Kyra.

Sie vermochte nicht zu deuten ob es sich bei Folkos Frage um eine lapidare Feststellung, oder um einen Vorwurf handelte.

Sie verweilte an seiner Seite, doch der Drang in Richtung Alexandra wurde immer stärker. Die Begierde nach ihrer Gefährtin forderte eine Entscheidung. Eine Entscheidung, die sie zu treffen hatte, obgleich sie es doch vermeiden wollte.

Hier der Gefährte mit dem sie in den zurückliegenden zwei Jahren alles geteilt hatte, Gefahren aller Art durchlebt und mit dem sie sich durch ein starkes Band verbunden fühlte. Auf der anderen Seite die Geliebte auf deren Wärme und Zärtlichkeit sie so lange hatte verzichten müssen.

Irgendwann stellte Folko fest das Kyra verschwunden war. Er hatte den Kampf verloren. In den folgenden Tagen würde sich zeigen, wie er es verstand damit umzugehen.

An den Rand geschoben. Ausgegrenzt! Sollte er es wagen und sich in Richtung Alte Försterei begeben? Was hätte er davon? Zusehen wie es Alexandra und Kyra miteinander taten. Mit Sicherheit nicht. Distanz lautete das Zauberwort der Stunde. Die beiden wollten für sich sein. Er hatte das zu respektieren. Kein Mann durfte sich ihnen jetzt in dieser Situation nähern. Er würde sich wohl oder übel vorübergehend in einem Zimmer im Gästehaus einquartieren müssen.

Die Zeit schien still zu stehen. All die Wiedersehensfreude verflogen, wenn der Mensch, den man von ganzen Herzen liebt abhanden kommt, sich anderweitig vergnügt und man selbst einsam und verlassen zurückbleiben muss.

Er spürte wie sich seine Augen mit Tränen füllten, doch unterdrückte er seine Gefühle, wie das Männer eben tun, bzw., glauben tun zu müssen. Er wollte sich erheben, einfach nur nach draußen, erst mal frische Luft tanken, da spürte er wie sich eine Hand auf seiner rechten Schulter niederließ.

„Hallo Folko! Ich grüße dich! Entschuldige, das sich jetzt erst komme. Hatte noch zu tun. Bei uns im Männerzentrum steigt heute Abend eine Nikolausfeier von besonderer Art. Garantiert nur für Männer. Ich wollte dich dazu einladen, wenn du Lust hast!“

Hinter ihm hatte sich Ronald postiert.

„Unsere Frauen haben sich dem Anschein nach schon verdrückt. Das war voraussehbar. Die haben sich ne ganze Menge zu erzählen denke ich und ich gehe sicherlich Recht in der Annahme dass es diese Nacht nicht nur bei Worten bleibt.“ Fuhr Ronald fort.

Folkos schien ein wenig überrumpelt, er suchte nach Worten doch brachte er sie nicht über seine Lippen.

Ronald zog einen Stuhl unter dem Tisch hervor und setzte sich.

„Ich nehme an, du hattest ebensolche Befürchtungen vor diesem Tag wie ich. Kann mir denken wie du dich fühlen musst. Mir geht es derzeit nicht viel anders.“

Plötzlich löste sich der Knoten in Folkos Brust und er verstand dass an seiner Seite ein Leidensgenosse Platz genommen hatte.

„Hallo Ronald! Ich muss mich erst wieder sammeln. Richtig! Du lebst mit Alexandra zusammen. Ich hatte irgendwie ganz verdrängt, das es dich  auch noch gibt.“

„Hm da bist du im Moment nicht der einzige.“

„Von eurem Männerzentrum habe ich gehört, würde mich schon interessieren, aber ich bin mir nicht ganz sicher ob ich dazu heute in der Stimmung bin.“

„Das musst du entscheiden. Ich kann nur sagen, das beste Mittel gegen jede Art von Trübsal blasen ist eine Gemeinschaft wie diese. Wie ich schon sagte, ausschließlich Männer. Ich übernachte heute dort und es gibt noch ne Menge Platz, ich würde dir das auch empfehlen. Es sei denn du legst großen Wert drauf heute schon in der Försterei zu nächtigen.“ Schlug Ronald vor.

„Mit Sicherheit nicht!“

„Eine richtige Entscheidung. Wir müssen den beiden den Raum überlassen den sie benötigen. Im Männerhaus ist für solche Fälle immer Platz. Die Frauenpaare in Anarchonopolis haben es in sich, das sind schon jetzt echte Legenden. Die ganze Welt blickt auf sie. Natürlich ist es auch für uns eine Bereicherung zu sehen wie die mit einander umgehen. Wir Männer versuchen zu lernen und uns dem entsprechend zu orientieren.

Langsam beginnen auch wir ihnen nachzueifern.“

„Hört sich gut an! Na gut, meinetwegen! Überredet! Ich komme mit und sehe mir das mal aus der Nähe an. Du hast recht, da meine Stimmung droht in den Keller abzurutschen, könnte ich eine Ablenkung gut gebrauchen.“ Entschied Folko kurzerhand.

„Toll! Nimm deine Sachen gleich mit. Fürs erste wohnst du erst mal dort.“

„Also muss ich mich auf eine längere Trennung von Kyra einstellen?“

„Rechne mal mit ein paar Tagen. Später müssen wir reden, alle vier, alle die es an geht. Womöglich benötigen wir einen Vermittler. Elena oder Colette.

Alexandra und ich haben beschlossen euch bei uns wohnen zu lassen. Die gesamte obere Etage in der Försterei ist noch frei. Platz also ausreichend vorhanden. Ob das aber dann auch emotional klappt ist das große Fragezeichen. Ich kann es mir im Moment nicht gut vorstellen, deshalb nächtige ich fürs erste außerhalb.“

Unterdessen hatten beiden das Konventsgebäude verlassen und bewegten sich durch den Park in Richtung Alte Schnapsfabrik, dort wo sich  seit geraumer Zeit das neue Männerzentrum befand. 

 

Sinnlichkeit pur, auf Kyra wartete derweil ein zarter Hauch von Paradies. Langsam und bedächtig ließ sie sich in die Wanne gleiten. Das Bad das ihr Alexandra bereitet hatte duftet nach Lavendel. Es prickelte auf der Haut, ein Gefühl des Wohlbehagens bemächtigte sich ihrer.

Alexandra, nur mit einem kurzen Negligé bekleidet, platzierte sich hinter ihr und umschlang Kyra von hinten, so als wolle sie den gerade wieder gefundenen Schatz  nie wieder loslassen. Ihre langen Locken fielen ihr von allen Seiten über die Schultern und deren Spitze schwammen im Wasser.

„Was für ein Körper, wow. Du trainierst bestimmt jeden Tag, schätze ich. Diese Muskeln sind traumhaft. Du würdest eine exzellente Bodybuilderin abgeben.“

Sanft fuhren Alexandras Finger über Kyras Oberarme.

„Schönes Tattoo, das hattest du noch nicht, damals als du fort gingst. 

Ich hab dir auch ein paar Heilkräuter beigemischt, ich hoffe sie vertreiben die Erkältung noch bevor sich diese überhaupt einnisten kann.“

„Puuuh, tut das gut! Das ist eine echte Entschädigung für die Strapazen der letzten Tage.“ Stöhnte Kyra und legte ihren Kopf in Alexandras Hände.

„Möchtest du darüber reden? Ich meine über deine Erlebnisse. Ich bin schon gespannt. Ich könnte mir vorstellen, dass du eine ganze Menge zu erzählen hast.“

erkundigte sich Alexandra.

„Ja, aber ich glaube heute habe ich kaum noch Energie. Später, ja später werde ich euch allen berichten, dir natürlich zuerst. Lass mich einfach ankommen, so ist es gut. Oh wie ich das vermisst habe, die lange Zeit.“ Entgegnete Kyra. Da fiel ihr wieder Folko ein. Wo hielt der sich im Moment auf. Fühlte er sich einsam, ausgegrenzt, abgelegt? Jetzt konnte sie negative Gedankenströme am allerwenigsten gebrauchen. Sie wollte sich ganz auf Alexandra konzentrieren. Aus diesem Grund musste sie dringend gegensteuern.

„Warum steigst du nicht einfach zu mir? Die Wanne bietet doch Platz für uns beide. Oder?“

Offensichtlich hatte Alexandra nur auf einen Lockruf jener Art gewartet. Schnell zog sie ihr Hemd aus und bestieg die Badewanne. Kyra richtet sich auf und griff mit beiden Händen nach Alexandras Taille.

„Hey, du bist etwas üppiger geworden !

„Stört dich das etwa!“

„Aber nein, find ich supergeil! Wau diese herrlichen Rundungen ,wie hab ich die vermisst.

Dann zog sie Alexandra  zu sich.

„Nun, ich habe immerhin einem wunderschönen Zwillingspaar das Leben geschenkt, da verändert sich der Körper einer Frau nun einmal. Und wann ist es bei dir soweit, oder möchtest du keine Kinder?“ Alexandra griff nach Kyras Bauch während sie sich neben ihr platzierte.

„Doch schon! Aber wir waren vorsichtig! Ständig auf Tour, von einem Geschehen zum anderen, da blieb für so was keine Zeit. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Ich hoffe es in Bälde nachzuholen.“ gab Kyra zu verstehen.

„Dann lass dir nicht zu viel Zeit. Ich meine, damit der Altersunterschied zu meinen Zwillingen nicht zu groß wird. Deine Kinder, meine Kinder, ich möchte sie gemeinsam mit dir auf ziehen, als unsere gemeinsamen, als Geschwister. Nur wir zwei allein und die Kinder, ach wäre das schön!“

Die Männer schienen vergessen.

Das heiße Bad lieferte den Auftakt für eine noch viel heißere Nacht, ein Fest der Sinne, das wohl keiner weiteren Worte bedurfte

 

Die Party im Männerzentrum zog sich wie erwartend bis in die frühen Morgenstunden. Folko erfuhr hier tatsächlich so etwas wie eine gewisse Aufmunterung. Es versteht sich von selbst dass es viele Wissbegierige gab, die in Erfahrung zu bringen gedachten, was Folko, gemeinsam mit seiner attraktiven Gefährtin in den zurückliegenden zwei Jahren erlebt hatte, dabei floss der Glühwein reichlich. Doch Folko war stets ein Mensch der es verstand seine Grenzen ab zu schätzen. So hielt er sich rechtzeitig zurück.

Gut für ihn, auf diese Weise erwachte er am nächsten Morgen mit einem deutlich leichteren Kopf als viele andere Teilnehmer der Party.

Zunächst vernahm er nur ein leises Klopfen an der Tür, das sich beständig steigerte, so dass er schließlich beschloss nachzusehen wer sich da in der frühen Morgenstunde bemerkbar machte.

„Guten Morgen Herr Ex-Vizegroßmeister! Na, ausgeschlafen? Oder hat der Rumpunsch seine Spuren  hinterlassen.“ Wollte Ronald wissen, der scheinbar keine großen Probleme mit durchgezechten Nächten hatte.

„Guten Morgen Herr Ex-Minister. Nun ausgeschlafen kann man nicht gerade sagen, aufgehört passt wohl besser. Aber mir geht es gut. Zum Glück konnte ich mich am Schluss zurückhalten was das Hochprozentige betrifft.“ erwiderte Folko mit noch deutlich verschlafenem Blick.

„Sehr gut! Für unseren  geplanten Ausflug solltest du schon ein wenig Kraftreserven mitbringen.“

Antwortet Ronald und betrat unaufgefordert das Zimmer.

„Ausflug, was für ein Ausflug?“ Erkundigte sich Folko während er seine überall im Raum verteilte Kleidung zusammen suchte.

„Nun, hier herrscht wie du sicher bemerkt hast eine Menge Trubel. Ich könnte mir vorstellen, dass du ein wenig Ruhe und Abgeschiedenheit suchst. Jedenfalls hast du gestern nacht so etwas Ähnliches geäußert. Da gibt es eine perfekte Lösung! Unser Waldhaus kennst du noch nicht, das existierte bei euren Weggang noch nicht. Ich dachte mir, das du vielleicht Interesse hast mit mir dorthin zu fahren?“ Ronalds Einladung schien Folko zunächst ein wenig zu überfordern.

„Ähm...ähm ja....äh. Waldhaus? Ja, natürlich..... warum nicht, warum nicht?“

Folko rieb sich mit den Handflächen den Kopf.

„Du musst nicht! Es ist lediglich ein Angebot! Du kannst dich natürlich auch hier ausruhen, wenn dir das lieber ist. Aber das könnte recht langweilig werden. Heute wird hier vor allem geputzt und aufgeräumt.  Und in die Försterei gehen? Unsere Frauen sind mit Sicherheit noch miteinander beschäftigt. Ich schätze die werden das Schlafgemach kaum für längere Zeit verlassen. Die Zwillinge haben eine Spitzenbetreuung, um die müssen wir uns nicht sorgen. Also, wir zwei sitzen in einem Boot. Was wäre geeigneter als das Boot auch gemeinsam zu steuern.“ Lud Ronald erneut mit Nachdruck ein.

„An dir ist dem Anschein nach ein Dichter verlorengegangen.“

„Kann schon sein! Die gemeinsame Zeit mit Kovacs hat seine Spuren hinterlassen. Na, was ist?

Überlege es dir in Ruhe! Ich bin, sagen wir mal in einer Stunde wieder da. Bis dahin wirst du  wohl richtig wach sein. Aber versuche schnell zu einer Entscheidung zu kommen. Wir müssen, sollte wir tatsächlich starten, noch einiges vorbereiten.“

Ronald überließ Folko wieder sich selbst.

 

Als Kyra erwachte streckte sie die Hand nach der Geliebten aus. Alexandra erwachte ebenfalls und erwiderte den Griff. Kyra erhob sich langsam, streckte sich die Glieder und betrachtete ihren athletischen Körper im Spiegel des Kleiderschrankes. Sie hatte die Nacht mit Alexandra ausgiebig genossen, vor allem die aktive Rolle, die ihr nach langer Zeit endlich wieder zukam und die dem entgegen kam was ihr entsprach.

„Schon auf? Seit wann gehörst du den zu den Frühaufstehern?“ begrüßte Alexandra ihre Liebste nachdem sie ihren Körper ebenfalls aus dem Bett geschwunden hatte und verabreichte ihr einen Gutenmorgenkuss.

„ Wir werden nach dem Frühstück gleich zu Cassandra und Luisa gehen, um Silke und Jacqueline abzuholen. Dann hast du Gelegenheit die beiden kennen zu lernen.“

„Wie es scheint gehst du ganz in deiner neuen Rolle auf?“ Wollte Kyra wissen.

„Hm, das gehört dazu! Das schränkt das Leben manchmal ganz schön ein. Das fordert die ganze Person. Aber zu den positiven Dingen die es mit sich bringt in einer solchen Kommune zu leben gehört eben auch die gegenseitige Hilfe. Ich kann mir regelmäßige Freizeiten nehmen, die ich anderweitig niemals hätte und weiß die Kinder in guten Händen. Die wachsen mit vielen Bezugspersonen auf und das gefällt mir. Trotzdem bin ich noch immer die Nummer 1 in deren Leben.“

Klärte Alexandra auf während sie sich ankleide.

Dann huschte sie ins Badezimmer, erschien bald darauf wieder.

Gemeinsam begaben sie sich in die Küche um ein Frühstück einzunehmen.

 Wie es aussah hatte Alexandra genau durchplant, wie sie künftig mit Kyra zusammenzuleben gedachte. In den zwei Jahren schien sie zu einer perfekten Hausfrau geworden. Die spontane Kyra, nach wie vor eher ein Anarchotyp, würde sich erst langsam damit anfreunden müssen.

Plötzlich fiel Kyra wieder ein, dass sie nicht allein gekommen war.

„Ich muss unbedingt nach Folko sehen. Ich beginne mir Vorwürfe zu machen ihn einfach so allein gelassen zu haben.“

„Ach, der kommt schon zurecht. Ich glaube, du machst dir da zu viele Gedanken.“

„Wie hat denn Ronald die neuen Situation aufgenommen? Fühlt der sich nicht auch ausgegrenzt?“

Kyras Frage traf ins Schwarze.

„Musst du denn ausgerechnet jetzt mit Ronald an fangen. Sieh mal, es ist so ein schöner Tag für uns. Wir haben uns wieder und  das ist doch im Moment am Wichtigsten.“

Kyra war sich sofort bewusst, dass es Alexandra ausgesprochen unangenehm war, über diese Angelegenheit zu sprechen.

Alexandra verdrängte geschickt den Zwiespalt der in ihrem Inneren nagte. Doch hin und wieder bahnte der sich den Weg nach außen.

Es lag auf der Hand, sie befand sich im gleichen Dilemma wie Kyra.

„Ähm lass uns frühstücken, dann holen wir die Kinder.

Anschließend machen wir einen schönen Spaziergang über das Gelände, da zeige ich dir was sich in letzter Zeit alles verändert hat, du wirst staunen und ich glaube es wird dir sehr gefallen. Das Wetter ist heute schön. Hat geschneit die Nacht, aber jetzt scheint die Sonne und es ist leicht frostig.“

Versuchte Alexandra abzulenken.

„Wenn du meinst! Ein Gang im Freien wäre sicher das Richtige. Aber nach dem Mittag muss ich unbedingt nach Folko sehen, das bin ich ihm schuldig.“

Alexandra nickte,zog es aber vor zu schweigen.

Abmarschbereit erschien Kyra bei Alexandra in deren Wohnzimmer. Die olivgrüne Khaki-Kluft, die schwarzen Schnürlederstiefel ließen sie auch am heutigen Tag wie eine Kämpferin aussehen, darüber hatte sie ihre Schwarze Daunensteppjacke gezogen. Bei Bedarf konnte sie die Kapuze über ihre rassige Kurzhaarfrisur ziehen. Welch ein Kontrast zu Alexandras eleganter Garderobe.

Der lange schwarze Pelzmantel reichte ihr weit über die Knie, passend die eng anliegenden Stiefel.

Ihre langen Locken gingen ihr fast bis zur Taille, darauf hatte sie ein chices Pelzhütchen platziert.

Wenn es stimmt das sich Gegensätze anziehen, lieferten die beiden den schlagenden Beweis.

 

Nach ihrem Besuch bei Cassandra und Luisa schob Alexandra den Zweisitzsportwagen vor sich her.

Die Zwillinge Silke und Jacqueline betrachteten die neue noch unbekannte Person mit großer Aufmerksamkeit. Es schien als begriffen sie schon ein wenig, welche Bedeutung diese in Zukunft in ihrem Leben einnehmen sollte. Die etwas zurückhaltende Silke schwieg mit großen Augen. Die forsche Jacqueline streckte Kyra die Fingerchen entgegen und stammelte. „Papa? Papa?“

„Siehst du, sie hat dich schon akzeptiert. Ich hab gleich bemerkt dass du ihre Aufmerksamkeit erregt hast. Das ist gut, das ist sehr gut! Frohlockte Alexandra.

„Ja sicher! Aber doch nicht als Papa! Der Platz ist belegt, den möchte ich auf keinen Fall einnehmen. Es sind Ronalds Kinder so wie deine.“

Lehnte Kyra ab.

„Na, es könnte wegen deines maskulinen Outfites sein. Sie halten dich womöglich für einen Mann.“

„Meinst du! So bin ich nun mal. Hm, das dürfte schon mit einigen Schwierigkeiten verbunden sein. Das ist die große Frage, welche Rolle werde ich bei ihnen einnehmen? Große Schwester? Mit Sicherheit nicht! Tante? Klingt antiquiert? Was bleibt da noch?“

" wie ich schon erwähnte! Du wirst ihre Mama!“ Schlug Alexandra erneut vor.

„Ja, aber sie haben schon eine?“

„Ihre Zweitmama, meine ich doch!“

„Und du bist dir sicher, dass das für die Kinder nicht zu kompliziert wird?  Glaubst du nicht das sie  nicht irgendwann den Durchblick verlieren?“

Alexandra stoppte abrupt.

„Die sind doch erst zwei Jahre. Wir haben noch ne Menge Zeit uns etwas entsprechendes einfallen zu lassen. Zerbrich dir doch nicht unnötig deinen schönen Kopf . Das sind ungelegte Eier!“

„Der Meinung bin ich nicht! Wir sollten  von Anfang an klare Verhältnisse schaffen, damit die beiden damit zurechtkommen. Wenn dann erst mal die Männer ins Spiel kommen. Könnte es noch komplizierte werden. Ich meine....“

„Bitte Kyra! Sieh mal, du bist gestern hier angekommen. Ich war überglücklich über dein plötzliches auftauchen. Wir wollen uns nicht schon am ersten Tag mit solchen Fragen herumquälen. Ich möchte die Zeit mit dir genießen. Lass doch einfach die Männer aus dem Spiel. Verstehst du? Einfach mal für ne Weile nicht dran denken. Kommt Zeit kommt Rat sage ich mir immer.“ Unterbrach Alexandra.  Der Druck , der auf ihr lastete war groß, sie schien es kaum noch verbergen zu können.

„Aber du willst mir nicht einreden, du könntest das? Nein Alexandra, dafür kenne ich dich viel zu gut.  Du stehst unter der gleichen Spannung wie ich.“

„Also gut! Ich stehe unter Druck, Ronald und ich haben ein gespanntes Verhältnis seit einiger Zeit, seit bekannt wurde dass ihr zurückkehrt. Bist du nun zufrieden?  Gestand Alexandra.

„Ich wusste es. Ja und was machen wir da? Was schlägst du vor?“ Wollte Kyra wissen.

„Das weiß ich nicht! Du findest mich ebenso ratlos wie dich selbst. Ich versuche einfach der Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen. Ronald akzeptiert meine Beziehung zu dir.“

„Hm, das tut Folko auch! Zumindest sagt er das.“

„Schön! Ist doch alles geregelt! Ich weiß überhaupt nicht worüber wir uns den Kopf zerbrechen.“ Wiegelte Alexandra ab.

„Das glaube ich nicht! Bisher war alles nur Theorie. Unsere Beziehung lag zwei Jahre auf Eis. Und vorher? Kaum hatten wir uns gefunden, schon kam die Trennung. Es gab für uns im Prinzip gar keine Gelegenheit es mit einander zu probieren. In der Zwischenzeit ist viel geschehen, du hattest ein Leben, ich hatte ein Leben, beide an der Seite eines Mannes. Nun haben wir uns wieder und müssen feststellen, dass es kompliziert zu werden droht.“

„Aber ich möchte doch nur glücklich mit dir werden. So viele Frauenpaare gibt es hier, bei denen es funktioniert. Du hast Cassandra und Luisa erlebt. Zwei Grundverschiedene Menschen. So wie wir kommen sie aus völlig gegensätzlichen Welten.

Cassandra das mondäne Glamourgirl von einst und Luisa das ehemalige Dienstmädchen.

Hier haben sie sich gefunden und sind seither ein Herz und eine Seele. Na und Elena und Madleen erst, unsere großen Leitfiguren, an denen wir uns alle orientieren. Warum sollte es  ausgerechnet bei uns nicht funktionieren?“

„Da besteht nur der kleine Unterschied, dass die keine parallelen Männerbeziehungen pflegen und sich daher nicht entscheiden müssen.“

Alexandra beschleunigte ihren Schritt, so als glaubte sie vor etwas davon laufen zu müssen.

„Aber ich will mich gar nicht entscheiden! Willst du es denn, Kyra?“

„Nein und das ist das Dilemma!“

„Aber wir können es erst mal versuchen. Ihr zieht wie geplant bei uns ein. Dann werden wir sehen, ob unsere Männer tatsächlich so tolerant sind. Wenn wir beisammen sind, dann müssen die eben....na sich mit was anderem beschäftigen, oder so, ich weiß doch auch nicht!“

„Und was ist wenn die nicht miteinander auskommen? Hmm? Was dann?“

Wieder stoppte Alexandra urplötzlich.

„Kyra, mal doch nicht immer gleich den Teufel an die Wand. Die... die kennen sich doch auch schon aus früheren Zeiten. Waren Gründungsmitglieder der Kommune, so wie wir auch, warum in aller Welt sollen die nicht miteinander zurechtkommen?“

„Aber die Gefahr besteht! Es ist sogar die schwerwiegendste, wenn ich genauer darüber nachdenke. Wenn sich Folko und Ronald nicht verstehen, ist alles Essig, dann ist es aus. Hast du verstanden Alexandra? Dann können wir unser schönes Leben, unser kleines Paradies vergessen, dann nämlich müssen wir eine Entscheidung treffen. Dann hat uns die Wahrheit eingeholt.“

„Ja, sicher! Glaubst du ich habe mir darüber nicht auch den Kopf zerbrochen? Aber das kann doch nicht unser Problem sein, dann müssen die eine Lösung finden. Verdammt, ich wusste dass es Ärger gibt. Ich will... einfach nur glücklich sein.“

 

„Wir können nicht davon laufen! Ich werde nach dem Mittag nach Folko sehen, so wie geplant. Du solltest das Gespräch mit Ronald suchen. Du musst nicht. Ist lediglich ein Vorschlag.“ 

„Das brauche ich im Moment gar nicht zu versuchen. Zwischen Ronald und mir herrscht derzeit Funkstille. Nicht total, wir bereden das Notwendigste, aber schon seit Tagen gehen wir uns weitgehend aus dem Weg. Ich will jetzt keine Auseinandersetzung mit ihm, nicht jetzt. Es ist einfach nur zum verrückt werden. Da warte ich monatelang auf deine Rückkehr, male mir aus wie wunderbar es wird, wenn du wieder bei mir bist und nun das. Bitte, lass uns einfach den Tag genießen und vorerst nicht mehr darüber reden? Ist das OK?“

Verzweiflung sprach aus Alexandras Worten.

„Na gut! Wenn ich auch nicht glaube dass das etwas bringt. Aber versuchen können wir es ja.“

Stimmte Kyra zu.

Im Moment wohl das Vernünftigste, auch wenn es keine Lösung war. Sie setzten ihren Weg fort.

Alexandra machte Kyra mit all den Veränderungen vertraut, die es in der Zeit ihrer Abwesenheit  gegeben hatte. Kyra kam aus dem Staunen nicht heraus. Allein die vielen baulichen Veränderungen hinterließen einen gewaltigen Eindruck bei ihr.

„Toll was ihr hier alles geschaffen habt. Ich bin sprachlos und das trotz der enormen Schwierigkeiten die ihr auszustehen hattet.“ Begeistertet sich Kyra.

„Auch ich komme immer wieder ins Staunen. Aber du kennst ja Elena, die treibt die Gemeinschaft immer wieder zu neuen Taten. Wir leben hier nun fast vollständig autonom. Daran hat natürlich die Grenze maßgeblichen Einfluss.“ Antwortete Alexandra, sichtlich erleichtert über den Umstand endlich das Thema wechseln zu können.

„Wie war das denn für euch damals mit dieser Grenzbefestigung, wie konntet ihr damit leben? Ich kann mir das gar nicht vorstellen?“ Gestand Kyra.

„Also ich kam gerade noch rechtzeitig. Ronald und ich waren vorher ne ganze Weile getrennt, ich lebte bei meinen Eltern im Süden des Landes. Habe also von der ursprünglichen Entwicklung hier gar nicht so viel mitbekommen. 3 Tage vor der Abriegelung kam ich hier an. Das war eine turbulente Zeit sage ich dir. Ein immenser Druck lastete auf allen. Die erste Zeit waren wir hermetisch von der Außenwelt abgeschlossen. Aber gerade das beflügelte uns unser Leben von jenem Zeitpunkt an mit Schwung und Elan in die Hand zu nehmen, allen Widerständen zu trotzen, etwas eigenes Neues aufzubauen. Deshalb kam es auch zu dieser sonderbaren Staatsgründung. All diese Umstände haben uns stark gemacht.“

Alexandra schilderte Kyra alle weitere Einzelheiten die sich in der Zeit ihres Exils ereignet hatten.

Dabei machte sie die Feststellung, dass sie immer wieder auf Ronald zu sprechen kam, einen Umstand den sie eigentlich vermeiden wollte. Einmal mehr wurde ihr bewusst, wie sehr sie doch mit ihrem Mann verbunden war.

„Wir hoffen, dass nach dieser sonderbaren Wende, die unser Diktator Neidhardt eingeleitet hat, einiges besser wird. Die Grenze ist verschwunden, wie ihr bei eurer Ankunft bemerkt habt und auch sonst geht hier alles viel leichter von statten. Aber das wichtigste ist für mich, dass du wieder hier bist. Nicht nur für mich, nein auch für die ganze Schwesternschaft. Elena hat immer wieder daran erinnert  dass unsere Gemeinschaft ohne Kyra unvollständig ist. Du wirst deinen Platz bei uns wieder einnehmen. An meiner Seite.“

„Ich habe immer zu euch gehört! Niemals fühlte ich mich wirklich allein, wenn auch die Sehnsucht quälte. Es ist eigenartig, aber ich spürte eure Nähe und das über solche Distanzen hinweg. Ach, es tut einfach nur gut wieder zu Hause zu sein.“

In der Zwischenzeit hatten sie das große Gelände mehrfach überquert, es ging auf den Mittag zu.

Kyra fühlte sich gut. Schnell würde sie sich wieder einleben. Alexandra vor allem,  aber auch alle anderen würden sie mit den Veränderungen vertraut machen.

Doch es gelang ihr nicht abzuschalten. Sie musste sich um Folko kümmern. Am frühen Nachmittag machte sie sich auf den Weg zum Männerzentrum. Sie brauchte eine ganze Weile bis sie sich zur ehemaligen Likörfabrik durchgearbeitet hatte,  immer wieder wurde sie von verschiedenen Leuten angesprochen, die sie bisher noch nicht persönlich begrüßen konnten.

Sie durchstöberte die heiligen Hallen des Zentrums, das Männern vorbehalten sein sollte. Es schien überhaupt niemand anwesend zu sein. Keine Spur von Folko und auch Ronald war wie vom Erdboden verschwunden.

Der einzige der ihr schließlich über den Weg lief war Lukas.

„Wie Folko, sollte ich den kennen? Ach so ja jetzt erinnere ich mich, der gestern hier mit Ronald aufgetaucht ist. Nee, kein Ahnung wo der steckt.“

„Mist, das war meine letzte Hoffnung!“ Kyra stieß einen Seufzer aus.

„Hmm, lass mich überlegen! Es kann sein, dass sie eine Nachricht hinterlassen haben. Da drüben an der Pinnwand, da gibt es manchmal auch persönliche Anliegen.“ Lukas schritt durch den großen Raum und begab sich hinter die Theke.

„Ja, siehst du hier haben wir doch was. Was steht hier? Sind für unbestimmte Zeit im Waldhaus, bitte an Kyra und Alexandra weitergeben. Du bist Kyra, nehme ich an, denn Alexandra kenne ich.

Macht euch keine Sorgen, wir melden uns rechtzeitig! Na das ist doch was! Reicht dir das?“

„Ja, fürs erste zumindest! Kann ich im Moment nichts machen, auch wenn ich schon ein wenig überrascht bin. Aber danke!“

Kyra verabschiedete sich und begab sich schnurstracks in die Försterei zurück.

 

Stell dir vor Alexandra, die sind beide im Waldhaus! Waldhaus? Was ist das überhaupt!“ Berichtet Kyra ihrer Geliebten.

„Im Waldhaus? Nun dieses Refugium kennst du nicht, klar. Existierte zur Zeit deines Wegganges noch nicht, müssen wir uns zu einer späteren Zeit mal ansehen, wird dir ganz bestimmt gefallen.“

„Ja, mag sein! Aber sag, was hat das zu bedeuten? Ist das ein gutes Zeichen?“ Sorgte sich Kyra weiter.

„Hmm, schwer zu sagen! Was soll ich davon halten? Ich denke, die beiden haben auf ihre Art das Gespräch gesucht. Was Positives würde ich sagen. Doch, in der Tat, wenn die von sich aus auf einander zugehen, kann das für uns nur von Vorteil sein. Ich bin zwar auch ein wenig geschockt, denn das hätte ich nicht gedacht.“

„Geschockt? Wie meinst du das?“

„Ich ging viel eher davon aus, dass sie sich aus dem Weg gehen. Das sie Abstand zu einander halten. Aber das hier.....hm, ich schätze, es ist ein gutes Zeichen!“

„Na, wollen wir es hoffen!“ Kyra schien noch nicht recht überzeugt.

 

Zu jener Zeit befanden sich Ronald und Folko bereits in der rustikalen Hütte inmitten des winterlichen Waldes.

Der alte Kanonenofen knisterte und verströmte Wärme und Behaglichkeit.

Folko schien von dem Ambiente das ihn hier umgab recht angetan.

„Echt gute Atmosphäre! Habt ihr das alles neu angefertigt? Ich kann mich nicht erinnern so etwas bei meinem früheren Aufenthalt hier vorgefunden zu haben.“

„Ganz neu ist die Hütte nicht. Hier gab es so etwas wie einen größeren Unterstand, wir haben den umgebaut und erweitert, bis es die Form annahm die du jetzt betrachtest. Das Haus wird gerne aufgesucht von Leute, die in die Stille gehen möchten, sich der Meditation zuwenden und so weiter, aber auch von Paaren, um hier ungestört zu sein, zumeist Frauenpaare. Ja, es dient vielen Zwecken.“

„Und du meinst wir können diese heiligen Hallen der Frauenliebe mit unserer Anwesenheit einfach entweihen?“ meinte Folko ironisch.

„Ach was! Kann mir denken auf was du anspielst! Diese ganzen Gerüchte über den angeblichen Amazonenstaat hier. Kannst du getrost vergessen. Reine Fiktion! Sicher, die Frauen haben hier zunächst das Regiment übernommen und geben weitgehend den Ton an. Aber erstens muss das ja keinesfalls auf Dauer so bleiben, soll es auch nicht, wenn ich Elena recht verstehe. Zweitens hatte bisher noch kein Mann Grund sich zu beschweren. Wir haben die gleichen Möglichkeiten wie die Frauen. Die Frage ist nur ob wie sie zu nutzen wissen.“ Klärte Ronald auf.

„Und wie läuft es so in Sachen Herrschaftslosigkeit? Hat sich Kovacs Traum erfüllt? Wie ich in Erfahrung bringen konnte habt ihr einen Staat gegründet, mit einer Regierung und sogar einer Königin an der Spitze. Das sieht mir aber nicht gerade nach Abbau von Hierarchien aus?“ Legte Folko nach.

„Theorie und Praxis,  du bist dir im Klaren darüber wie das funktioniert. Wir müssen mit Vernunft und Augenmaß vor gehen. Wer am Anfang gleich alles auf einmal einfordert, darf sich nicht wundern, wenn er am Ende vor einem Scherbenhaufen steht. Es ist nicht leicht die Menschen zu überzeugen. Ich nehme mich selber gar nicht aus. Noch immer hege ich Zweifel ob eine solche Form des Zusammenlebens überhaupt umsetzbar ist. Wenn ja ,dann wäre es fantastisch und sicher einmalig auf der Welt.“ Gestand Ronald.

„Hm, nicht unbedingt! Ihr seid nicht die einzigen die versuchen neue Wege zu beschreiten. Ich konnte mir in den zurückliegenden Monaten ein Bild davon machen wie es in der Welt zugeht. Der Wunsch nach weitgehender Egalität ist weltweit anzutreffen, du kannst ihn finden auf allen Kontinenten, vor allem dort wo Menschen seit Generationen von einer Krise in die andere schlittern. Kyra und ich konnten einige dieser Versuche aus der Nähe studieren.“

Entgegnete Folko.

„Jetzt hast du den springenden Punkt benannt! Ich brenne darauf in Erfahrung zu bringen, was ihr all die Zeit da draußen getrieben habt. Wo seit ihr gewesen, an welchen Kämpfen habt ihr euch beteiligt und so weiter und so fort!“ Bekundete Ronald ganz offen seine Neugier.

„So wie es mich interessiert wie es hier bei euch gelaufen ist!“ Erwiderte Folko, dem es offensichtlich nicht angenehm erschien über die zurück liegende Zeit Bericht zu erstatten.

„Selbstverständlich, aber das wirst du in den Folgetagen von allem möglichen Leuten erfahren. Vor allem von Elena denke ich und der möchte ich nicht gern vorgreifen. Immer noch der Alte, du gibst nicht gerne Geheimnisse von dir preis?“ Hakte Ronald nach.

„Aus gutem Grund.  Ich spiele mich äußerst ungern in den Vordergrund und schneide mit Erlebnissen auf, die keiner so recht nachvollziehen und vor allem nachprüfen kann. Es gibt derer viele die sich so eine Aufmerksamkeit erschleichen, die ihnen ansonsten niemand gewährt. Kyra denkt da im übrigen ähnlich.“

„Aber bei mir kannst du doch mal ne Ausnahme machen, oder?“

„Na gut! Also wenn du wissen möchtest wo uns zuletzt aufhielten, in Syrien!“ Folkos Offenbarung schockte Ronald.

„In Syrien? Da unten im dunkelsten Krisengebiet? Ich wage gar nicht nachzufragen was ihr da alles erlebt habt. Scheußlich da unten? Dagegen sind unsere Probleme doch wohl eher Peanuts!“

„Scheußlich, kann man wohl sagen! Aber es gibt Lichtblicke. Ich war mit Kyra in Rojava, jenes befreite Gebiet in dem die Menschen ähnliches versuchen.

Ein freies Gemeinwesen, das auf Egalität setzt und hierarchische Strukturen abzubauen gedenkt.

Dort konnten wir uns ein bringen und eine Menge Erfahrung sammeln. Leider verfügen die da unten nicht über eine Elena die ihnen voranschreitet und die es vermag auch in der prekärsten Situation stets eine Lösung aus dem Hut zu zaubern.“

„Ja, wir sollten uns immer wieder ins Bewusstsein rufen was wir an ihr haben.“ meinte Ronald.

„Weit sind wir rum gekommen, wollten soviel wie möglich erkunden, aber natürlich ging es mir auch um den Schwur den ich geleistet habe. Du kannst dich erinnern. Immer wieder kreuzten sich unsere Wege mit jenen von Cassian.“

„Cassian? Leanders Mörder? Ihr seid ihm tatsächlich auf die Spur gekommen? Das ist ja interessant? Wo steckte der jetzt, bzw., wo vermutest du ihn?“

„Zuletzt war er in Syrien, auf der gegnerischen Seite, versteht sich!“ Versicherte Folko.

„Und wen unter stützt er dort? Assad oder den IS!“

„Na den IS natürlich, wenn schon denn schon. Cassian findet sich immer dort ein wo sich die brutalsten Schlächter aufhalten. Der ist wie ein Chamäleon, anpassungsfähig und opportun in jeder Lage. Er habe sich einen langen Vollbart wachsen lassen heißt es und trage muslimische Kleidung, so dass er gar nicht mehr aufzufallen scheint. Kyra und ich sind ihm fast durch die halbe Welt gefolgt und einige Male waren wir ihm auch ganz dicht auf den Fersen, aber stets gelang es ihm uns zu entwischen.“ Erwiderte Folko.

„Also das bedeutet, ihr seid ihm immer gefolgt und habt auf der jeweiligen gegnerischen Seite gekämpft?“

„ Irgendwann werde ich ihn fassen, dann wird er für eine Untaten bezahlen“

„Aber du hattest noch andere Beweggründe durch die Welt zu tingeln.“ Wollte Ronald wissen.

„Möglichst viel Erfahrung sammeln, lernen. Das konnten wir gut damit verbinden, Kyra und ich. In Rojava schließlich erkannte ich, dass es an der Zeit sei wieder nach Hause zu gehen, denn für die Egalität können wir auch in Melancholanien kämpfen. Aber es war sehr aufschlussreich zu entdecken, das es viele Gleichgesinnte auf der Welt gibt.“

„Mir ist aufgefallen, dass du Kyra ständig erwähnst, so als sei sie immer präsent. Du hängst sehr an ihr nicht wahr?“ Ronalds Frage traf ins Schwarze.

„Das hast du richtig erkannt. Noch nie in meinem Leben ist mir ein Mensch so sehr ans Herz gewachsen. Die Zeit mit ihr dort draußen  war wundervoll. Ich weiß nicht ob ich allein soviel Kraft besessen hätte alles durchzustehen? Kyra war mir eine große Stütze, in allen Belangen, das hat uns kräftig zusammen geschweißt. Wir waren beständig aufeinander angewiesen.“

„Kann ich mir gut vorstellen, mir ist es mit Alexandra ähnlich ergangen. Du bist sicher im Bilde was meinen Werdegang betrifft. Ich bin durch  Höhen und Tiefen gegangen. Vom Minister unter Neidhardt, zum Anführer einer Rebellion gegen ihn, dann zum Dissidenten und Flüchtling, der in der Abtei Unterschlupf gefunden hat. Als ich mich mit Neidhardt überwarf und meine sichere Position einfach über Bord warf, konnte es Alex nicht mehr aushalten, da treten wir uns. Das war eine schlimme Zeit, aber dann ist sie zu mir zurückgekehrt, die Freude war entsprechend. Auch ich hätte ohne ihre Hilfe die Zeit der totalen Isolation nie überlebt.“ Ronalds Bekenntnis überraschte Folko.

„So schlimm hatte ich mir nicht vorgestellt. Es stimmt, wie sitzen in der Tat im gleichen Boot.“

„Ich bin schon mal sehr glücklich über den Umstand, dass du mit mir keine Probleme hast und wir einfach mal so einen Ausflug machen!“

„Warum sollte ich? Du bist für mich keine Konkurrenz. Dessen war ich mir von Anfang an bewusst.“ Gab Folko zu verstehen.

„Ja, unsere Frauen scheinen das Problem. Deine ist mir in die Quere gekommen und meine dir. Ist doch irgendwie eine verrückte Angelegenheit, oder?

„ Ich denke aber es kommt darauf an wie wir damit umzugehen verstehen. Können wir es akzeptieren? Ich habe Kyra versichert das ich damit leben kann, Sie mit jemand zu teilen. Zumindest theoretisch, in der Praxis stellt sich das ganz anders dar. Ich muss dir auf jeden Fall danken, dass du mich hierher entführt hast. Ich weiß nicht wie ich diesen Tag heute hätte ausfüllen sollen.“

„Ich hatte so etwas schon vermutet, deshalb bin ich in die Offensive gegangen. Ich denke es war die richtige Entscheidung. Und hast du einen Plan? Wie willst du mit der neuen Situation umgehen?“

Doch hatte Folko darauf keine Antwort.

„Nein, du findest mich ratlos. Ich möchte auch nicht weiter darüber nachdenken. Wie ich es auch drehe, ich komme zu keinem Ergebnis. Ich muss es wohl so nehmen wie es kommt“

„Richtig! Ich habe die Grübelei hinter mir. Sieh mal ,wir Männer haben in unserem Zentrum in deren Mauern du genächtigt hast, viele Diskussion geführt, die letzte Wochen und Monate. Alles drehte sich um die Kardinalfrage, wie können wir uns als Männer beteiligen, an dieser schönen neuen Welt der Freiheit, der Gleichheit, der Geschwisterlichkeit und Gerechtigkeit. Wir möchten unseren Macho- Dünkel ablegen, aber trotzdem Männer bleiben, nicht einfach sage ich dir, da gibt es ganz schöne Fallstricke die am Wegrand lauern. Immer wieder fallen wir in patriarchale Strukturen zurück. Schöne Theorie! Jetzt haben wir beide die Möglichkeit in der Praxis unter Beweis zu stellen, wie weit es uns treibt.“

„Und wie weit gedenkst du zu gehen?“

„Soweit die Füße tragen.  Auch ich habe Alex versprochen ihre Beziehung zu akzeptieren, ich will es versuchen. Wenn noch ein gehöriges Stück für mich bleibt, bin ich schon zufrieden!“ Gab Ronald zu.  Folkos Zweifel blieben, aber er wollte hier nicht nachstehen.

„Na gut, versuchen wir's gemeinsam. Dann machen wir eben häufiger solche Ausflüge, immer wenn unsere Frauen miteinander beschäftigt sind. Eines habe ich in der Ferne, oftmals unter großer Gefahr, gelernt. Es gibt fast immer einen Weg.“

„Genau so werden wir es machen! Ich bin gespannt was dabei rauskommt.“

Sie führten ihr Gespräch weiter, kamen dabei vom Hundertsten ins Tausendste. Geschickt versuchten sie das alles dominierende Reizthema zu umschiffen .Anderweitigen Gesprächsstoff gab es in Hülle und Fülle,  beide Männer standen vor gar nicht langer Zeit in hohen Positionen, sie hatten Gefahren unterschiedlichster Prägung zu durchlaufen, Männer im Kampfe geschult und geprägt. Männer die einst hohen Idealen nacheiferten, aber resignieren mussten. Männer, vom Leben eines besseren belehrt.

Ronald hatte in den Mauern der Abtei eine neue Bestimmung gefunden. Folko stand die Umkehr noch bevor. Der neue Freund konnte ihm in vielen Dingen behilflich sein. Es schien, als habe das Schicksal sie eigens für diesen Zweck zusammen geführt. Hatte da etwa Anarchaphilia ihre Hände im Spiel?

 

In der Zwischenzeit weilten die beiden Strohwitwer schon drei Tage in der Eremitage, beide hatten jeweils nur ein einziges Mal mit ihren Frauen telefoniert um ihnen mitzuteilen das alles in bester Ordnung sei und sie sich keine Gedanken zu machen brauchten .

Somit verschafften sie auch Alexandra und Kyra mehr Zeit sich mit der bevorstehenden neuen Lage auseinander zu setzen.

Es ließ sich wohl nicht vermeiden, das sich Ronald und Folko auf diese Weise immer näher kamen.

All das was dann geschah war in keinster Weise eingeplant oder auch nur beabsichtigt. Es kam einfach so wie es kommen musste und sie ließen es geschehen.

Als sie von einer Wanderung zurück ins Blockhaus kamen, hatte die Dämmerung bereits eingesetzt und bald würde sich tiefes Dunkel über das Land senken. Jetzt, im Dezember, so kurz vor Weihnachten dauerte die Dunkelphase des Tages besonders lang, wohl dem der sie in rechter Weise zu nutzen verstand.

Schnell hatte Ronald den Kamin im Wohnzimmer angeheizt und schon nach wenigen Augenblicken knisterten die Holzscheite. 

Die beiden machten es sich direkt vor dem Kamin bequem und wärmten sich am offenen Feuer die Füße.

Ihr Gespräch kreiste zunächst um das Geschehen des Tages, doch nicht lange und sie landeten wieder bei ihrem Standartthema.

„Ich schätze unsere Frauen werden es sich jetzt gemütlich machen“ mutmaßte Ronald.

„Die können ihre Gefühle im rechten Maße ausleben, die sind schon ein gehöriges Stück weiter als wir.“

„Weiter? Was willst du damit sagen?“ Zeigte sich Folko überrascht, obwohl es ihm dämmerte worauf Ronald hinaus wollte

„Aber, aber! Die Rolle des Überraschten passt keinesfalls zu dir. Du kannst dir sicher vorstellen was ich damit ausdrücken will.“

„Schon möglich! Und was machen wir? Du meinst wir sollten?“ Verstand Folko nun sehr genau.

„Warum nicht? Ich denke was die Frauen können, könnten wir schon lange, wenn wir nur wollen.

„Die haben uns einiges voraus. Ich beobachte die Frauenpaare hier seit geraumer Zeit sehr genau. Immer wieder zerbrechen wir uns auch in unserer Männergruppe die Köpfe darüber.“

„Über was, wenn die Frage gestattet ist?“ Spielte Folko wieder den Naiven.

Ronald konnte nicht so recht nachvollziehen warum Folko es tat, offensichtlich fand er Gefallen daran den Unwissenden zu mimen.

„Nun warum die Frauen im Umgang miteinander so unverkrampft so locker und so spontan sind, zudem zärtlich, einfühlsam und so voller Wärme und Hingabe.“

„Und ihr geht davon aus das die Männer das nicht können? Zumindest glaubt ihr das.“ Erwiderte Folko.

„Wir glauben es. Aber den Beweis sind wir bis heute schuldig geblieben.“

„Typisch Mann würde ich sagen. Wollen im Grunde das eine, trauen sich aber nicht die Sache anzugehen. Ich meine damit zum Beispiel im rechten Moment die richtige Frage zu stellen.“

Es begann zu knistern, auch außerhalb des Ofens. Spannung lag in Luft, die Lösung war zum Greifen nahe.

„Und was ist mit dir? Welche Frage liegt dir im Moment auf der Zunge. Ich meine, sag es doch einfach. Sprich es aus.“ Forderte Ronald nun sein Gegenüber rauf.

„Also gut! Ich will dich!“

„Danke! Das wollte ich hören!“

Ist der gordische Knoten erst einmal durchtrennt vermögen Männer das tun, was sie im Urgrund ihrer Seele sind. Spontan sein, das Ziel anvisieren und darauf losmarschieren, der Begierde freien Lauf lassen. Im Grund doch viel spontaner als Frauen.

Erst langsam, dann immer schneller begannen Ronald und Folko sich ihrer Kleidung zu entledigen. Bis sie sich völlig entblößt wieder fanden.

Nun überkam beide eine Erregung von ungeahnten Tiefen. Es folgte eine Umarmung und schließlich ein Liebesspiel von einer Wildheit, die beide noch vor wenigen Augenblicken kaum erahnen konnten. Sie preßten ihre Körper auf einander und begrabschten sich leidenschaftlich. Sie gaben sich einander hin, dabei beständig die Rollen wechselnd. Für Männer scheint es nicht einfach sich in die passive Rolle zu fügen. Doch machten beide sehr rasch die Feststellung wie sinnlich, wie erfüllend und erotisch gerade die jene Rolle sein konnte. Sich hingeben, loslassen, sich fallen lassen in die Hände des anderen, beide betraten, in dem sie es taten ,Neuland. Ein Kontinent voller unerfüllter Sehnsüchte tat sich da vor ihnen auf und wartet nur darauf von beiden erobert zu werden.

Der Weg durch die enge Passage, er war eingeschlagen. Bald würde sie in der Weite auf gehen.

Zeit spielte jetzt keine Rolle mehr, es stand genügend zu Verfügung. War es noch Nachmittag, oder Abend, womöglich schon tiefe Nacht? Egal!

Was bedeutete die Liebe zwischen Menschen des gleichen Geschlechtes? Waren sie jetzt imstande nach zu empfinden, was die Frauenpaare so sehr aneinander band. Konnte man das überhaupt mit einander vergleichen? Eine außerordentlich schwierige Frage, deren Antwort irgendwo in der Mitte lag.

Männer und Frauen , tickten die im gleichen Takt? Passten die überhaupt zusammen? Im Moment befassten sich Ronald und Folko nicht mit solch theoretischen Fragen. Gegen die gelebte Praxis waren alle theoretischen Konstrukte eh nur Staub und Schatten.

Als beide wieder zu sich gefunden hatten und imstande einigermaßen klar zu denken ,begriffen sie erst was geschehen war.

„Puuh, das war stark. Ich hätte nicht gedacht, dass es so intensiv sein kann? Premiere bestanden:“

„Premiere? Du willst damit sagen dass du noch nie mit einem Mann oder einem Jungen zusammen warst?“ Wollte Folko erstaunt wissen.

„Erraten! Es war mein alleralleraller erstes Mal!“ bestätigte Ronald.

„Gibt es so was denn?“

„Und bei dir? Welche Erfahrungen bringst du mit?“

„Ich habe einige! Allerdings ist das schon eine Weile her. Ferner kann man das nicht vergleichen, da es sich nicht um gleichwertige Liebschaften handelte. Insofern könnte auch ich von einem ersten Mal sprechen.“ Antwortete Folko, Ronald schien über die Antwort etwas verwirrt.

„Wie meinst du das, keine gleichwertige Partnerschaft?“

„Lustknaben! Alle Kommandeure des Blauen Orden hatten das Privileg sich ihre sexuellen Spielgefährten auszusuchen, sowohl weibliche als auch männliche. Sex auf Bestellung, die jeweiligen Partner hatten keine Entscheidungsfreiheit, die mussten, ob es ihnen gefiel oder nicht spielte dabei keine Rolle. Folglich waren das keine Beziehungen auf Augenhöhe.“

„Ich bin im Bilde. So etwas ähnliches wie käuflicher Sex:“

„Ja, so könnte man es deuten!“

„Solche Möglichkeiten standen mir nicht zur Verfügung. Ihr habt in der Tat in einer Art  Paradies gelebt. Nein, ich hatte immer mal wieder Vorstellungen in diese Richtung, aber dabei ist es geblieben. Schon frühzeitig schloss ich mich Neidhardts Revolutionären an. Da stand erst einmal der Kampf im Vordergrund. Drill, Schulungen, Prüfungen aller Art. Da war nix mit Liebschaften. Ferner erwarb sich Neidhardt von Anfang an den Ruf außerordentlich prüde zu sein, was solche Dinge betraf. Das erwartete er auch von seinen Untergebenen“ Gab Ronald zu verstehen.

„Und die Truppe hat sich tatsächlich daran gehalten?“

„Ja, zumindest hatte es den Anschein. Ich wäre nie auf den Gedanken gekommen einen Kameraden anzumachen. Das ging gegen unsere Prinzipien. Ist natürlich blöd. Erst in dieser Nacht gingen mir die Augen auf und ich erkannte was mir da so alles durch die Lappen ging.“

„Hmm, Sex mit Männern die mir in  Rang oder ihrer gesellschaftlichen Stellung ebenbürtig

waren gab früher für mich es ebenfalls nicht. Nur jene kamen in Frage die weit unter uns standen, Preka und vor allem Paria. Die galten ja nicht als Menschen, sondern bestenfalls als menschenähnliche Wesen.

Man durfte sie gebrauchen und es wurde erwartet sie im Anschluss zu entsorgen. Sie stellten eine Ware dar, verstehst du?“ Klärte Folko auf.

„Ich verstehe! Nein, ein Paradies sieht anders aus!“

„Und? Gibt es dieses Paradies hier in Anarchonopolis?“

„Teilweise durchaus! Aber vollendet ist es noch lange nicht. Auch hier herrschen noch immer  Unterschiede. Aber wir arbeiten dran, nähern uns dem Ziel stufenweise. Die Frauen sind weiter als wir Männer, wie du dich unschwer überzeugen konntest. Unser Männerzentrum ist uns eine große Hilfe. Am Anfang plagten wir uns dort mit viel Theorie.  Genau das ist es. Du, mir geht ein Licht auf. Ich konnte mir nie etwas darunter vorstellen. Die Männer dort sind echte Kameraden mit denen ich auch gut auskomme, wir sind eine bunte Truppe und es macht Spaß sich dort ein zu bringen. Erotisch funkte es aber bei mir nicht. Und warum? Ganz einfach weil mir die Typen nicht gefielen. Erst bei dir kam das Knistern, das Grummeln im Bauch, die Schmetterlinge die der Reihe nach abhoben. Du bist mein Typ, im Grunde habe ich es immer gespürt. Aber mich nicht recht getraut. Dann kamen die Krisen in unserem Land und wir hatten erst mal andere Sorgen. Schließlich warst du weg. Jetzt ist der Weg frei.“ Begeisterte sich Ronald.

„Und auf welche Weise wollen wir diesen Weg beschreiten? Hast du Vorstellungen wie es weiter gehen soll.“

Hakte Folko nach.

„Keine konkreten! Aber wir haben uns gefunden. Das lässt alles in einem völlig neuem Licht erscheinen. Kyra und du zieht wie geplant bei uns ein. Wir sind, las mich rechnen, wir sind genau genommen von nun an vier Liebespaare. Alexandra und ich, Kyra und du, ferner Alexandra und Kyra und ab jetzt auch wir beide.“ Stellte Ronald fest.

„Du siehst die Dinge sehr klar! Aber ja, aus diesem Blickwinkel stellt es sich so dar.  Unsere Frauen werden Augen machen, wenn wir ihnen die Neuigkeiten unter jubeln!“ Bemerkte Folko.

Der Morgen bahnte sich seinen Weg, noch war es Nacht, der klare Vollmond schien durch das Fenster und erleuchtet den Raum spärlich, sein zarten Strahlen erreichten auch die beiden nackten Männerkörper die dort innig verschlungen bei einander lagen.

„Las uns schlafen! Wenn der Tag anbricht wollen wir nach Hause aufbrechen und unseren beiden Turteltauben mit der neuen Situation vertraut machen. Auch ich bin gespannt wie die damit umgehen!“ Riet Ronald. Wenig später fielen sie in einen tiefen Schlummer.

 

Zeitig erhoben sich beide und verließen nach einem eilends eingenommenen Frühstück die Hütte, natürlich besenrein und aufgeräumt. Sie konnten es kaum erwarten ihre Frauen mit der ungeahnten Entwicklung aufzuwarten.

 

„Ihr seid ein Paar? Na jetzt laust mich doch der Affe. Wie… wie in aller Welt habt ihr das zustande gebracht? Ich meine, wir sitzen hier die ganze Zeit, zermartern uns die Köpfe darüber wie es euch wohl geht, wie ihr mit der neuen Situation fertig werdet, ob ihr überhaupt imstande sei mit einander klar zu kommen . Da erscheint ihr Händchen haltend bei uns und verkündet die frohe Botschaft, dass ihr euch ineinander verknallt habt. Also da bleibt mir erst einmal die Spucke weg.“ Meinte Kyra in ihrer kecken spontanen Art nachdem sie aus Ronalds Mund die Botschaft vernommen hatte.

„Aber du willst mir jetzt nicht allen Ernstes unterjubeln dass du damit Probleme hast?“ Wollte Folko wissen.

„Aber nein, so hat es Kyra doch nicht gemeint. Wir…wir sind total überrascht über diese Entwicklung, damit haben wir am allerwenigsten gerechnet. Nein, das ist gut! Das ist sogar sehr gut. Das ist besser als ich je zu hoffen gewagt hätte.“ Versuchte sich Alexandra in einer Erklärung.   

„Mit was hattest du denn gerechnet, wenn die Frage erlaubt ist?“ Schaltet sich nun Ronald wieder rein.

„Kyra und ich befürchteten das ihr euch womöglich nicht vertragt. Das ihr Probleme ob des geplanten Zusammenlebens hättet. Für uns eine undenkbare Situation.“

„Genau so ist es! Wir zwei sind  ein Paar und ihr, so daneben, auf dem Abstellgleis! Das waren deine Worte Folko, auf unserer Heimfahrt. Ich habe das Zusammensein mit Alexandra genossen, das Wiedersehen war himmlisch. Gleichzeitig aber plagten mich Gewissensbisse, wie du dich im Augenblick fühlen musst. Und Alexandra erging es nicht anders.“ Stimmte Kyra zu.

„Wie du siehst haben sich deine Befürchtungen nicht bestätigt. Wir kommen glänzend miteinander aus. Es ist vor allem Ronalds Initiative zu verdanken. Ja, ich fühlte mich einsam am Abend unserer Ankunft hier und ich war mir ehrlich gesagt  im unklaren wie ich damit umgehen sollte. Ronald hat mich eingeladen mit ins Waldhaus zu kommen, da habe ich zugesagt. Dann ist es einfach passiert.“ Legte Folko sein Betrachtungsweise offen.

„Es war überhaupt nicht geplant, versteht ihr? Ich dachte mir`, dass es angebracht sei auf Folko zu zugehen, das Gespräch zu suchen, um uns auszutauschen, Mehr nicht! Nicht einmal in meinen kühnsten Träumen wäre mir in den Sinn gekommen, das ich am Ende mit Folko im Bett lande.“ Gab Ronald zu verstehen.

„Toll, einfach toll!  Ich meine das ehrlich! Ich freue mich für euch. Damit ist das Gleichgewicht wieder hergestellt. Wenn ich mit Kyra zusammen bin, dann habt ihr Zeit für euch.  Außerdem seid ihr jetzt in der Lage unsere Gefühle, aber auch den Zwiespalt der uns plagt nachzuempfinden.. Sag doch auch mal was Kyra!“

„Tue ich doch schon die ganze Zeit!  Ich kann dem nur zustimmen. Wau, dann wären wir jetzt ein Viereck. Hier in der Abtei soll es viele Varianten von Beziehungsgeflechten geben, habe ich gehört. Dürfte kein Problem sein.“ Mutmaßte Kyra.

„Lasst uns doch ein paar praktische Dinge klären! Wie wollen wir es denn mit dem Zusammenleben regeln. Also wir bleiben in der unteren Etage, ihr geht nach oben? Oder wie oder was? Oder wollen wir alles neu ordnen.“ Wollte Ronald wissen.

„Ich verstehe nicht wovon du sprichst, entgegnete Alexandra. „Wir haben doch alles ausdiskutiert.

Ach so, jetzt geht mir ein Licht auf. Dir geht es um die Frage was passiert wenn die Frauen unter sich sein wollen oder die Männer. Na, da kommt Kyra mit zu mir und ihr Männer geht nach oben, oder umgekehrt, oder… ach was. Auf was für Gedanken du kommst. Das wird sich schon finden, wenn es an der Zeit ist. An die Kinder denkt von euch wieder einmal keiner. Ich muss den beiden jetzt erklären dass sie nicht nur eine neue Mama sondern auch noch einen neuen Papa hinzu bekommen. Die verstehen schon was um sie herum geschieht, die sind sehr gescheit für ihr Alter. Naja aber auch dafür finden wir eine Lösung.“

„Ich habe in meinem bisherigen Leben schon viele Abenteuer erlebt und bestanden. Aber ich muss zugeben, das was mich jetzt erwartet könnte richtig spannend werden.“ Meinte Folko.

„Das wird es, verlass dich drauf. Wir sollten nicht so viel herumlabern. Einfach versuchen. Probieren und sehen was dabei herauskommt, fertig! Eine Garantie gibt es nicht, aber die gibt es nirgends, auch in anderen Beziehungen nicht.“ Wandte Kyra ein.

„Weise gesprochen Kyra!“ Erwiderte Ronald.

„Besten Dank!“

„Ach so! Wir haben euch eine schöne Blaufichte mitgebracht, für Weihnachten. Feiern wir alle vier, Entschuldigung, alle sechs zusammen, oder getrennt:“ Warf Folko eine neue Frage auf.

„Du nun wieder. Natürlich zusammen, was dachtest du denn und ich freue mich schon drauf.

Im übrigen pflegen wir in Anarchonopolis ohnehin ein ausgeprägtes Gemeinschaftsleben, vieles gestalten wir in großer Runde, werdet ihr noch erleben in der Folgezeit. Weihnachten ist ein ganz besonderes Fest. Es soll vermieden werden dass sich Alleinstehende einsam fühlen. Es gibt erstmal eine ganz große zentrale Feier, später können die Alleinlebenden entscheiden mit wem sie die Feiertage verbringen möchten, sich also zeitlich begrenzt den Familien anschließen. Es könnte also durchaus sein, das wir noch eine oder zwei weitere Personen über die Festzeit bei uns haben werden.“ Gab Alexandra zu verstehen.

Der weitere Abend verlief in heiterer Atmosphäre.

 

Das Viereck war geschlossen, das Quadrat um genau zu sein, denn nur jenes Zeichen versprach Vollendung. Ein Dreieck hingegen ist unvollständig und daher immer ungerecht, weil es ausschließt, ausgrenzt. Einer scheint immer übrig, zuviel und deshalb überflüssig. Eine harte , eine unbarmherzige  Art der Auslese. 

Ungerade Zahlen haben es in sich, man sollte sie, was konkrete Beziehungen betrifft unbedingt meiden, sie bergen die Gefahr der Eifersucht in sich wie die Regenwolke den Regen. Die gerade Zahl hingegen verspricht Chancengleichheit. Ob man diese zu nutzen versteht oder nicht steht auf einem anderen Blatt.

Konnte diese Konstellation gelingen? Ausgang offen! Niemand vermochte in dieser Stunde eine sichere Prognose zu erstellen. Der Alltag würde es ihnen vor Augen führen, den mussten sie bestehen mit all seinen Fallgruben und Labyrinthen. Alle vier standen gleichermaßen an einer Neuausrichtung. Sie hatten die Wahl. Es stand ihnen offen sich das Paradies zu schaffen oder die Hölle. Das Pendel konnte sich sowohl in die eine als auch in die andere Richtung bewegen. Spannungen waren vorprogrammiert. Ein hohes Risiko.

Doch sie waren bereit sich darauf ein zu lassen.

 

Das Weihnachtsfest wurde in diesem Jahr ein besonderes Ereignis. Es stand ganz im Zeichen der Hoffnung auf einen Neubeginn im folgenden Jahr. Entsprechend ausgelassen war die Stimmung.

Am Tag vor Heilig Abend wurde in der geräumigen Basilika Johann Sebastians Bachs Weihnachtsoratorium aufgeführt. Auch Cornelius und Neidhardt waren dazu eingeladen.

Zum ersten Mal besuchte Neidhardt das neue Anarchonopolis. In der Basilika hatten man für diesen Abend kurzzeitig mit einer egalitären Tradition gebrochen und Ehrenplätze reserviert.  Cornelius, Elena Neidhardt und Colette saßen auf gesonderten Plätzen in der ersten Reihe. Die Zukunft warf ihre Schatten voraus. 

Zeitgleich mit dem Weihnachtsfest fand in diesem Jahr auch das Jüdische Chanukkafest statt. Ein doppelter Grund zu feiern also. Fast alle Religionen waren hier vertreten und praktizierten das friedliche Miteinander, ein Umstand der in der weiten, weiten Welt noch in der Ferne lag.