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Im Schlaraffenland verhungert

 

Wer viel hat, dem wird gegeben, wer wenig hat dem wird auch noch das wenige genommen, bis zu guter Letzt kaum mehr etwas übrig bleibt, nichts außer Staub und Schatten.

Die Abtei sollte eine Zuflucht sein, für all jene die im Leben nicht auf die Butterseite gefallen waren, die vergeblich einer echter Chance harrten. So zumindest stand es in der Präambel der Schwesternschaft, darauf hatten sich alle eingeschworen. Und zunächst schien es auch tatsächlich zu funktionieren. Ganz am Anfang als sie Gemeinschaft noch klein und überschaubar war und alles noch  einem familiären Anstrich hatte.

Doch je größer die die Kommune wurde, desto unübersichtlicher präsentierte sie sich , je mehr Menschen sich ihr anschlossen desto mehr zergliederte sich alles in Kleingruppen, wo es vor allem um persönliche Sympathien und Vorlieben ging.

Immer mehr wurde der Grundkonsens zur Makulatur und es bildete sich eine neue Struktur heraus.

Wer es verstand sich in der Welt dort draußen zurecht zu finden, der kam auch gut in der Abtei zurecht. Wem das aber nicht gelang fiel es auch in der Kommune schwer sich ein zubringen. Zahlreiche Loser kamen, die in der Kommune keinen Fuß auf den Boden bekamen.

Anarchaphilias These von der Vorsehung die einem jedem zuteil würde, schien sich leider zu bestätigen. Es gab Menschen denen seit ihrer Geburt die Rolle der geborenen Verlierer zugedacht schien.

Sie blieben auch hier Außenseiter, wenn nicht Elena persönlich ein greifen und sie unter ihre Fittiche nehmen konnte.

Ein altes Marienlied aus dem 19. Jahrhundert wurde dahingehend auf Elena übertragen, wenn die Leute sangen:

„Elena breite deinen Mantel aus, mach Schutz und Schild für uns daraus. Lass uns darunter sicher geh ‘n, bis alle Stürm`vorüberzieh`n!“

Wer es verstand den inneren Kreis um Elena und ihre engsten Vertrauten zu betreten, der hatte es geschafft.

Aber Elena war nur ein Mensch, sie konnte unmöglich überall sein und sich allem mit der gleichen Intention widmen.

Wehe jenen die übersehen wurden.

Ein besonders krasses Beispiel lieferte Edgar. Einer den das Leben schon seit geraumer Zeit abgehängt hatte. Der Gang in die Abtei stellte den letzten verzweifelten Versuch dar, das Ruder noch einmal herum zu reißen.

Ganz jung war er nicht mehr, Anfang 40 und allein stehend.

Von Kindesbeinen an lief alles schief in seinem Leben.

„Ein Versager bist du! Nie wirst du es zu etwas bringen,“ hörte er die Stimme seines Vaters. Seit er denken konnte begleiteten ihn solche Sprüche und sie prägten ihn bis ins Mark.,

Seine Liebe galt der Musik , gern hätte er seine Neigung zum Beruf gemacht. Doch er stammte aus einer Prekafamilie. Nur wenigen aus dieser Bevölkerungsschicht gelang damals der Aufstieg. Zudem hatte sein Vater ganz anderes im Sinn. Brotlose Kunst nannte er das  Ansinnen seines Sohnes. Stattdessen erlernte Edgar den Beruf eines Tuchwebers, schuftete tagein und tagaus in dem lärmenden Websaal. Auch eine Musik, zugegeben, eine die es in sich hatte. Hörschäden waren hier vorprogrammiert.

Doch er gab nicht auf, wollte dem Rad des Schicksals in die Speichen greifen. Arbeitete hart an sich um es doch noch weiter zu bringen.

„Jeder ist seines Glückes Schmied!“ Jener idiotische Spruch,

baumelte wie ein Damoklesschwert über seinem Kopf

Edgar schwang den Schmiedehammer auch mit großer Leidenschaft, doch so sehr er sich auch bemühte es richtig zu machen, traf er doch stets danaben.

Heimlich nahm er bei einem alten pensionierten Musiklehrer Unterricht. Er erlernte einige Instrumente und verstand sich vorzüglich im Notenlesen. Seine größte Leidenschaft galt der Orgel, der Königin der Instrumente, wie sie auch genannt wird. Es traf sich gut, das jener alte Lehrer auch Organist einer kleinen Kirchgemeinde war, so dass Edgar Zugang zu seiner großen Liebe fand. Und er spielte gut, wurde besser immer besser, bis er schließlich alles im Schlaf beherrschte. Also doch, jeder ist seines Glückes Schmied, doch was nützte das wenn man sich auf der falschen Daseinsebene befand. Und an ihm schien einfach alles falsch. Nicht nur seiner soziale Herkunft hinderte ihn daran sich fort zu entwickeln.

Vieles erinnerte zunächst an Leander, auch jener war ein Streber den es vorwärts drängte. Doch  im Gegensatz zu Edgar war Leander ein schöner Mann, dessen Ausstrahlung Frauen, wie Männer anzog. Edgar konnte sich nicht damit messen. Die graue Maus par excellence. Der Haarausfall setzte bei ihm schon mit Mitte 20 ein, und mit Anfang Dreißig war er fast voll ständig kahl auf dem Kopf. Kein schönes Gesicht. Hinzu seine Introvertiertheit. Er kam einfach nicht an die Menschen ran, vor allem nicht an die Frauen und hier eröffnete sich sein Kreuzweg. Bald erwarb er sich den Ruf eines komischen Kauz und den sollte er nie wieder los werden. Keine Beziehung, keine Freunde und zudem ein Vater der prügelte, wenn ihm etwas gegen den Strich ging. Flüchten ja, aber wohin? Ganz gleich in welche Richtung er auch kam, stets erwartete ihn das gleiche Schicksal. Wie ein geprügelter Hund kehrte er dann nach Hause zurück und es wurde nur noch schlimmer.

Dann war Revolution im Land und der Bürgerkrieg, Edgar wurde zum Militär eingezogen.

 es war die Hölle.Die Kameraden mobbten und drangsalierten ihn wo sie nur konnten. Mehrmals war er bereit seinem Leben ein Ende zu setzen, doch immer wieder glimmte im letzten Moment doch noch ein kleiner Span der ihm die Aussicht auf eine positive Zukunft verhieß. So schaffte er es tatsächlich immer wieder aufzustehen, wenn es ihn niederdrückte. Psychisch krank wurde er entlassen.

Edgar geriet in die Hände von Psychiatern und Psychologen und die machten alles noch schlimmer. Ruhig gestellt mit Antidepressiva und aufgeputscht mit flotten Sprüchen und Ratschlägen, so hanebüchen, das man, wäre die Angelegenheit es nicht so traurig, herzhaft darüber hätte lachen können.

Die Abtei war die letzte Zuflucht. Hier hoffte er auf einen Neuanfang unter ganz anderen Vorzeichen, sehnte sich danach endlich den ersehnten Frieden zu finden.

Und tatsächlich schien es sich zu bewahrheiten. Hier fand seine verloren gegangene Kreativität plötzlich neue Nahrung. Es boten sich Bedingungen wie geschaffen für einen wie ihn.

Schon kurz nach seiner Ankunft betrat er zum ersten Mal die Basilika und seine Begeisterung kannte kein Grenzen, als er vor der Orgel stand. Jenes Prachtstück hatte einst ein Schüler des berühmte Meisters Gottfried Silbermann gefertigt. Was er dort fand schien alles in den Schatten zu stellen, was er in seinem bisherigen Leben bedient hatte.

Er konnte nicht widerstehen, nahm einfach Platz und begann zu spielen, die wuchtigen Oktaven erfüllten das Kirchenschiff und waren auch noch in einem Kilometer Entfernung zu hören.

Er brauchte keine Noten, beherrschte alles aus dem Kopf. Schließlich war er bei Franz Schubert angelangt und dessen „Heilig, Heilig ,Heilig“ entlockte ihm die Tränen.

Unbemerkt hatte  Pater Liborius die Basilika betreten und schritt die Treppe zur Orgelempore hinauf.

Instinktiv zuckte Edgar zusammen als er dessen Erscheinung gewahr wurde und beendete abrupt das Orgelspiel.

„Aber spiel doch weiter, lass dich nicht durch meine Anwesenheit stören!“ Sprach ihn der alte Pater an.

„Entschuldige, dass ich hier so einfach eingedrungen bin. Ich hätte um Erlaubnis fragen müssen, ich weiß. Aber ich konnte nicht anders, ich musste einfach die Tasten bedienen.

Es kam plötzlich über mich!“ Versuchte sich Edgar zu entschuldigen.

„Aber nein! Das ist kein Problem! Es ist nur so, dass ich schon seit Jahren, ach was rede ich seit Jahrzehnten niemanden mehr auf diese Weise die Orgel habe spielen hören. Das ist einfach phantastisch. Du bist ein echter Meister. Wo um Himmelswillen hast du diese Gabe her, wer hat sie dich gelehrt?“ begeisterte sich Pater Liborius.

„Ich.. ich, ähm, habe sie bei einem alten Musiklehrer erlernt. Er unterrichtet mich an vielen Instrumenten, aber die Orgel war mir immer von allem das erhabenste.“ Antwortete Edgar noch immer ein wenig verstört.

„Du willst damit sagen, dass dir du alles so nebenbei angeeignet hast? Du hast keine professionelle musikalische Ausbildung genossen, nicht studiert? Warst nie auf einem Konservatorium?“

„Nein, war ich nicht!“

„Bemerkenswert, einfach bemerkenswert. Ich komme aus dem Staunen nicht heraus. Du bist neu hier nicht wahr?“ Stellte der Pater fest.

„Richtig! Ich bin erst seit 2 Tagen hier. Und was das Auffallen betrifft, das glaube ich. Ich falle Niemanden auf.  Für gewöhnlich werde ich übersehen.“

Pater Liborius konnte mit dem Letzt Gesagtem nicht viel anfangen, deshalb ging er auch nicht weiter darauf ein.

„Es kommen viele, in der letzten Zeit. Die Abtei beginnt sich zu füllen. Ich lebe schon über 40 Jahre hier, war hier Mönch, als das Kloster noch Bestand hatte und bin unter den neuen Besitzern einfach hier geblieben. Kannst du glauben, auch wenn man es mir nicht mehr ansieht.“

Seinen Ordenshabit trug Liborius schon seit Jahren nicht mehr. Wie immer war er ausgesprochen salopp gekleidet, mit schwarzen Rollkragenpullover und schwarzen Baumwollhosen, dazu seine braune Cordweste und die schon fast legendäre schwarze Baskenmütze auf dem Kopf unter der das schlohweiße Haar hervorlugte.

„Du bist hier immer willkommen! Spiel die Orgel wann immer dir danach ist, probiere dich weiter aus. Ich hoffe wir können dich dann schon recht bald zu einem Konzert überreden:“

Bot der Pater an.

Edgar wurde es auf einmal warm ums Herz. Ein Konzert? Das konnte nicht sein. Jemand bot ihm an in der Öffentlichkeit seine Talente unter Beweis zu stellen.

„Ein Konzert? Ist das dein ernst?“

„Aber ja! Sag nur du hast noch nie in deinem Leben ein Konzert gegeben?“

„Nein! Noch nie!“

Wann und in welchem Zusammenhang hätte Edgar ein Konzert geben sollen? Er bildete sich in autodidaktischer Weise, mit Hilfe des alten Lehrers. Um ein Konzert  ausrichten zu können muss man protegiert werden. Es bedarf eines Namens und nicht zuletzt eines Mäzens um so weit zu kommen. Edgar hatte nichts von all dem. Ein Zertifikat konnte er nicht nachweisen. Schließlich hatte er nie studiert. Das aber war die Grundvoraussetzung um überhaupt Gehör zu finden. Versucht hatte er es dutzende Male. Doch die Frage, wo, an welcher Universität und bei welchem Maestro er denn sein Wissen erworben hatte, konnte er nicht beantworten.

Talent allein genügt eben nicht. Jeder ist seines Glückes Schmied?

„Das kann ich mir gar nicht vorstellen, bei diesem Talent? Bemerkenswert! Einfach nur bemerkenswert. An dieser Orgel versuchten sich viele Meister, seit sie installiert wurde. Aber die letzten Jahre wartet sie vergeblich auf die Hände die ihre Tasten zum Leben erwecken. Ich denke das Warten hat ein Ende gefunden.“ Glaubte Pater Liborius zu wissen.

„Ja, wenn du meinst, ich würde mich sehr gern versuchen. Und wenn ich regelmäßig probe, könnte ich es schaffen, auch wenn ich in puncto Konzerte keine Erfahrung mitbringe.“ Meinte Edgar sichtlich erfreut.

„In unserer Abtei gibt es viele Musiker,  die meisten natürlich moderner Art. Du könntest der Klassik zu ihrem Recht verhelfen. Ich glaube das ist deine Bestimmung. Lass doch einfach noch mal hören, was du so in deinem Repertoire hast?“

„Ich habe keine Noten dabei! Ich kam einfach per Zufall hier an der Basilika vorbei, es war nicht meine Absicht zu spielen. Ich betrat den Chorraum und mein Blick fiel auf dieses herrliche Instrument. Irgend etwas schien mich voran zu treiben und ich betrat die Orgelempore. Ich musste mich einfach setzen und mich daran ausprobieren. Ich spielte dann einfach so aus dem Gedächtnis!“

„Wie? Du brauchst nicht einmal Noten? Das ist ja…. nein ich glaub es nicht. Das wird ja immer besser. Spiel, spiele einfach lass mich noch einmal eintauchen in diese himmlischen Sphären.“ Drängte der Pater.

Edgar begann die Tasten zu betätigen. Georg Friedrich Händels Allegro aus dem Konzert g-Moll op. 4. Nr.1 eignet sich immer besonders gut. Das ganze Kirchenschiff war erfüllt von diesen überirdischen Klängen. Dem alten Pater kam es vor als ob die Himmlischen Heerscharen persönlich zum Musizieren angetreten waren. Edgar lies seiner Leidenschaft freien Lauf und zog alle Register die ihm zur Verfügung standen.

„Wunderbar! Absolute Spitzenleistung! Ich gratuliere! Nein, es will mir einfach nicht in den Sinn dass du noch nie einen öffentlichen Auftritt hattest.“ Applaudierte Liborius.

„Es ist so wie ich es sage!“

„Tja so ist das! Die wirklichen Talente harren irgendwo im Verborgenen, während die Nichtskönner die Welt mit ihrem Nichtkönnen langweilen. Aber das wird sich ändern, hier auf dem Gelände der Abtei wird sich dein Schicksal wenden!“

„Glaubst du wirklich?“ zweifelte Edgar, denn zu stark wogen die Erinnerungen an die zerronnenen Hoffnungen.

„Ich beobachte so eine Traurigkeit um deine Augen. Jetzt fällt es mir so richtig auf. Könnte es sein, dass es damit zusammenhängt, das du in deinem Leben bisher nie richtig zum Zuge kamst?“ Schlussfolgerte der Pater richtig.

„So ist es!"

„Dann nur zu! Es ist dein Reich! Von diesem Zeitpunkt an kannst du alles nutzen was sich dir hier bietet. Ach da fällt mir auf das wir uns noch gar nicht vorgestellt haben. Ich bin Pater Liborius, letzter Vorbewohner der Abtei. Viele Jahre wirkte ich hier als Mönch. Nach dem Verkauf des Klosters entschloss ich mich zum Bleiben, nachdem Elena es mir anbot. Ja und so lebe ich hier, ein Relikt aus alten Tagen, Museumsreif, würden sicher viele sagen und begleite die neue Gemeinschaft hier.“

„Edgar, ich bin einfach nur Edgar! Viel gibt es nicht zu mir zu sagen, außer dem was du  soeben in Erfahrung bringen konntest. Und dir gefällt es hier? Wie kommst du denn mit alle den Leuten zurecht? Es muss doch ein Kulturschock für dich gewesen sein, damals!“ Erwiderte Edgar.

„Die erste Zeit schon! Klar, ich hatte viel zu lernen. Aber die neuen Bewohner achteten mich von allem Anfang an. Ich konnte mich durch meine Ortskenntnis auch in vielen Bereichen als nützlich erweisen. Somit wurde ich ein fester Bestandteil der Gemeinschaft, ohne von ihnen vereinnahmt zu werden. Ich kann tun was sich will. Müssen tue ich gar nichts. Sehr praktisches Lebensprinzip, die Mönche könnten hier noch so manches lernen.“

„Ja, ich will es auch versuchen hier! Ich hoffe es gelingt mir ebenso wie dir vorzeiten!“

 

Edgar hatte seine Bestimmung gefunden und gleich einen neuen Freund dazu.

Ein Weg breitete sich vor ihm aus, der viel an Bewegungsfreiheit bot.

Er hätte diesen ohne Wenn und Aber beschreiten und es dabei belassen sollen.

Doch die innere Leere in seinem Herzen ließ ihn auch nach dieser alles in allem so positiven Erfahrung nicht zur Ruhe kommen. Ein Stachel hatte schon vor Zeiten sein Herz verwundet und drohte ihn nun vollends zu vergiften.

Es waren die Frauen, die seiner Seele keine Ruhe gönnten. Er sehnte sich so sehr nach ein wenig Gefühl, nach Sinnlichkeit, Zärtlichkeit und Geborgen sein.

In einer Gemeinschaft wie diese kein Problem,  denken die meisten. Und in der Tat, Edgar befand sich hier in einer Art erotischem Schlaraffenland, war um geben von weiblicher Schönheit in all seinen Nuancen. Es war kaum vorstellbar dass es noch einen Ort auf der Welt gab an dem einen so viel Sinnlichkeit geboten wurde.

Doch warum sollte sich nicht auch hier ein Lösungsweg abzeichnen? Edgar gedachte das Schmiedeeisen wieder ins Feuer zu werfen um sich auch auf diesem Terrain zu beweisen.

Die Glut war entfacht und den Hammer platzierte er geschickt in seiner Hand. Doch schmieden will gelernt sein, sonst besteht die Gefahr dass der Hammer das Eisen an der falschen Stelle trifft.

Edgar hatte in der Kleiderkammer seine vorübergehende Arbeit gefunden, dort wo täglich jede Menge an Kleidung eintraf, sowie Trödelkram jedweder Art. Dieser musste sortiert werden und die brauchbaren Stücke landeten im Secondhand –Laden. Keine schwere Arbeit.

Edgar war zufrieden. Hier traf er auf die lebenslustige Ana. Die gebürtige Bulgarin lebte schon über ein halbes Jahr in der Abtei. Mit ihren 25 Jahren war sie bedeutend jünger als Edgar, aber sie verstanden sich auf Anhieb gut. Zumal sie eine wichtige Leidenschaft teilten. Auch Ana war Musikerin. Wie so viele hatte sie sich auf den Weg gemacht um eine musikalische Karriere anzustreben. Jenseits der Sklaverei von Staat und Markt konnte sie hier ohne Druck an sich arbeiten und beständig ihren Stil verbessern. Die Abtei zog allerlei ihres Schlages an, denn es galt als ein Mekka einer völlig neuen Musikströmung, des wilden, anarchistischen Akratasien-Punk (so seine spätere Bezeichnung denn Akratasien war zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gegründet). Voller Sehnsucht harten die Junginterpreten dem Zeitpunkt entgegen da Kyra, die Begründerin dieser frechen und lebensfrohen Welle, die noch immer im Ausland weilte, aus dem Exil nach Hause zurückkehrte.

Auch Ana konnte es kaum erwarten ihrem Idol endlich gegenüber zu treten.

Edgar verstand wenig von alledem, seine Sehnsucht galt der Klassik,  der wollte er zu ihrem Recht verhelfen, wie es Pater Liborius richtig erkannte hatte.

Trotzdem verstanden sich Edgar und Ana gut und kamen sich beständig näher. Jeden Morgen wenn er erschien begrüßte ihn Ana mit Küsschen und herzlicher Umarmung. Ach tat das gut, nach all den bitteren Enttäuschungen endlich einmal ein kleiner Hauch von Zärtlichkeit und Wärme.

Voller Freude vernahm er die Botschaft die sie ihm überbrachte.

„Bedrückt dich etwas?“ Wollte er wissen.

„Ach nichts Besonderes! Ist wegen ist wegen Tobi, habe Schluss gemacht am Wochenende. Naja es ging wohl nicht mehr. Bin ihm wahrscheinlich ein wenig zu lebensfroh. Keine Bange ich wird`s überleben. Ich genieße jetzt erst mal die Zeit als Single, tun und lassen können was ich will, ohne Rücksicht nehmen zu müssen. Bis! Ja bis ich mich erneut verliebe.“

Edgar vernahm es mit Genugtuung, das ging runter wie Honig. Sie war frei! Er brauchte jetzt nur noch seine Fühler auszustrecken und alles würde gut.

„Meinst du wir könnten mal was unternehmen, jetzt da du ungebunden bist?“ erkundigte er sich zaghaft und mit Unsicherheit in der Stimme.

„Ja gern! Warum eigentlich nicht! Und an was hattest du gedacht?“

Die Frage brachte Edgar in Verlegenheit, denn er hatte in Wirklichkeit keinen blassen Schimmer, was er mit ihr zu tun gedachte.

„Ich meine wir könnten, ich meine, ich habe, ich wollte….“

„Hey sei doch nicht so schüchtern! Ist doch ganz einfach, lass uns doch mal tanzen gehen oder so! Na wir wär`s?“

„Klar doch! Lass uns tanzen. Ich bin ein guter Tänzer!“

Das war gelogen. Edgar konnte überhaupt nicht tanzen. Wann und mit wem hätte er es tun sollen? Bei den Mädchen seines Heimatortes war er eher als Lachnummer verschrien, nie wären die auf die Idee gekommen mit ihm zum Tanzen zu gehen. Warum tat es Ana? Nahm sie ihn ernst oder wollte sie mit ihm spielen? Egal! Im Moment war er glücklich und das schien das Wichtigste. Sie verbrachten den Tag in gelöster Atmosphäre, arbeiteten und machte reichlich Pausen, die Zeit verging schnell.

„Hast du heute schon was vor?“ Wollte Ana wissen.

„Ähm ja, Proben! Ich probe so viel wie möglich, an der Orgel weißt du?“

„Oh ja! Da komme ich auch mal vorbei, wenn ich es einrichten kann. Wenn nicht heute dann eben später. Aber interessieren tut es mich schon!“

Oh wie wunderbar! Sie hatte Interesse an seiner Musik!  Das konnte sich nur positiv auf ihre Beziehung auswirken.

Die Freude schien Edgar ins Gesicht geschrieben, auch dann noch als er am späteren Nachmittag in der Basilika eintraf um sich erneut der Orgel zu widmen.

„Ich dachte schon du kommst nicht mehr. Ahh, aber wie ich sehe bist du guter Dinge. Das freut mich. Es kann ist Balsam für die Seele.“ Begrüßte ihn Pater Liborius.

„Ja, mir geht es gut und ich habe allen Grund dazu. Du hast recht, da geh ich doch gleich viel beschwingter an die Probe.“

Und er begann die Tasten zu betätigen und man merkte ihm die neu erworbene Lebensfreude an, es schien noch leichter von der Hand zu gehen. Edgar verschmolz mit seiner Musik. Auf den Schwingen der Engel führte ihn diese in mystische Gefilde.

Apropos Mystik! Jetzt fiel ihm ein dass er über dieses wichtige Thema noch gar nicht mit Pater Liborius gesprochen hatte. Abrupt beendete er das Stück.

„Toll, einfach toll! Du wirst mit jedem Male besser!“ Lobte ihn der Pater.

„Aber warum hörst du auf. Gerade jetzt wo du mit einem solchen Elan dabei bist?“

„Ich habe dir noch gar nicht berichtet für was ich mich sonst noch interessiere. Ich glaube es könnte dich überraschen.“ Mutmaßte Edgar.

„So? Na dann lass mal hören, ich lausche gespannt!“

„Was hältst du von der Mystik?“

„Von der Mystik? Sehr viel! Aber warum willst du das wissen?“

„Weil sie auch mein Interesse geweckt hat und zwar schon seit geraumer Zeit. Ich beschäftige mich schon lange intensiv mit Meister Eckhardt.“  

„Na das haut mich um! Wie um alles in der Welt kommst du zu Meister Eckhardt.  Du überraschst mich von Tag zu Tag neu.“

„Also ist dir dieser mittelalterliche Mystiker vertraut und du kannst mit seinen Lehren umgehen?“ Wollte Edgar wissen.

„Na das will ich doch wohl meinen. Sie sind Grundlage meiner ganzen Philosophie. An ihr habe ich mich ein Leben lang ausgerichtet. Meine Obrigkeit betrachtete das mit Missmut.

Aber ich lies mich nicht beirren. Gut, ich bin ein Theologe, von einem solchen erwartet man so was. Aber du? Sag wie kommst du zu so einem schweren Brocken?“

Pater Liborius Frage brachte Edgar erneut in Erklärungsnot. Wie in aller Welt sollte er sich mitteilen? Wie kommt ein vermeintlicher Prolet dazu sich mit Meister Eckhardt von Hohenheim zu beschäftigen. Jenem mittelalterlichen Theologen aus dem thüringischen Erfurt stammend, der an den Universitäten von Köln oder Paris glänzte und dessen Lehre so vehement von den offiziellen Lehrmeinungen der Kirche abwich das er schließlich in den Fängen der heiligen Inquisition landete. Wen wundert`s, lehrte Eckhardt doch das es möglich sei, das göttliche innerlich zu schauen ganz ohne die Hilfe einer institutionalisierten Autorität wie der Kirche und deren Lehrmonopol. Kein Wunder das die ihm nach dem Leben trachteten, gefährdete der doch deren Existenzgrundlage.

„Wie ich dazu komme, willst du wissen. Oh, das ist gar nicht leicht zu beantworten. Ich habe einfach irgendwann begannen darüber zu lesen, das weckte meine Neugierde auf mehr und so begann ich tiefer vorzudringen. Ich entdeckte bald die Weisheit die dahinter steckt und die einem jeden von uns zugänglich ist.“

Pater Liborius schwieg verwirrt, so sehr hatte ihn diese Aussage beeindruckt.

„Ein Wunder! Ja, das ist ein Wunder. Anders kann ich es nicht deuten. Dich schickt der Himmel. Es ist kein Zufall dass es dich hierher geführt hat. Es gibt keine Zufälle, ich glaubte nie daran. Es ist Bestimmung. Du bist hier am rechten Platz, denn auch für dieses Feld gibt es reichlich Interessenten.“

„Und ich kann darüber mit dir sprechen? Du hältst mich nicht für einen Verrückten, so wie das in Vergangenheit viele taten?“ Bekundete Edgar seine Befürchtung.

„Aber nein! Lass uns darüber philosophieren. Wir zwei und es gibt noch viel andere mit denen du darüber ins Gespräch kommen kannst. Elena selbst ist beschlagen auf diesem Gebiet, auch wenn sie, wie sie selbst von sich behauptet noch eine Lernende ist. Hier in der Abtei gibt es ,sagen wir mal, verschiedene Laboratorien für neue philosophische, politische und spirituelle  Ausrichtungen. Politisch sind die meisten hier Anarchisten, doch spirituell herrscht hier eine fast grenzenlose Offenheit. Du bist dort jederzeit willkommen. Ich werde dich einführen. Das wird eine Freude sein.“ Liborius Begeisterung schien ohne Ende.

„Diese Philosophie gibt mir viel Kraft, ich tanke dort regelrecht auf. Da steckt etwas drin, das dem Herzen eines jeden Frieden und Befreiung schenken kann. Genauso ist es mit der Musik. Aber reden konnte ich damit bisher mit niemanden. Jene, bei denen ich es versuchte, hielten mich glatt für verrückt. Introvertierter Spinner bekam ich dann stets zu hören, oder dergleichen“

„Kann ich mir gut vorstellen. Da wird mir bewusst wie privilegiert ich doch leben durfte, schon in meiner Existenz als Mönch, naja und jetzt erst recht. Ich musste mich von Berufs wegen damit auseinandersetzen, somit hatte ich immer ein Alibi. Das erklärte alles. Aber bei dir? Mein Gott wie schwer musst du es doch gehabt haben. Ich kann mir gut vorstellen dass du nur vor verschlossenen Türen standest. In dir steckt ein Philosoph. Das ist meine ehrliche Meinung, ich will dich nicht zum Narren machen. Die wahren Philosophen, jene die der Welt wirklich etwas zu sagen haben, ecken beständig mit ihren Überzeugungen an. Denn die Welt erträgt den wahren Philosophen nicht, weil er ihr einen Spiegel vorhält. Du hast doch nichts dagegen einzuwenden dass ich dich als Philosoph bezeichne?“

„Nein habe ich nicht! Warum sollte ich? Ist mir eh alles egal. Ob ich mich so nenne oder als jenes bezeichne. Ich habe eh nichts davon. Ich bin einfach das was ich bin!“ Entgegnete Edgar. Danach begann er wieder zu spielen. Nun kam J:S. Bach an die Reihe. Edgar betätigte die Tasten mit einer solchen Leidenschaft das man glauben konnte der Altmeister persönlich sei von seiner Wolke gestiegen und führe ihm die Hände. Die reale Welt ringsum schien zu versinken, sich in ein Utopia aus Reinheit und Beständigkeit zu verwandeln.

Abrupt beendete Edgar wieder sein Spiel. Eindeutig, hier hatte er einen Menschen gefunden mit dem er offen über alles reden konnte und das tat ihm gut.

„Ich bin was ich bin! Aber was bin ich? Kannst du es mir erklären. Bin ich weil ich denke? Bin ich weil ich fühle oder bin ich einfach weil ich eben bin?“

Edgars Frage brachte den alten Pater erneut in Verlegenheit. Wie konnte einer, der als ungebildet galt ,so reden? Hier musste man schon tief in die Philosophentruhe greifen um mit einer passende Antwort zu aufzuwarten.

„Oh du kannst einen ganz schön fordern. Lass mich nachdenken. Ich würde sagen alles trifft zu, letzteres aber mit Bestimmtheit. Du bist ,weil du bist, alles Weitere leitet sich davon ab.“

„Ich bin ja, aber ich bin es nicht aus mir heraus. Ich habe zu meinem Sein nichts Eigenständiges beigetragen. Was macht mich zum Seienden?“

„Nun über dem Sein steht nur Gott. Gott ist und wirkt außerhalb des Seins. So sagt Meister Eckhardt. Gott ist weise ohne Weisheit, gut ohne Güte, gewaltig ohne Gewalt.

Du und ich, wir alle sind aber nicht Gott und eben deshalb sind wir im Sein. Wir verstehen das Sein als das Sein der geschaffenen Welt. Wir sind in der Welt, wir stehen nicht außerhalb ihrer.“ Unternahm Pater Liborius den Versuch einer Deutung.

„Und hier liegt meiner Meinung nach das Problem. Wir sind in der Welt, ach was gäbe ich dafür wäre ich nicht mehr in dieser Welt. Wären wir es nicht, wären wir Sein, reines Sein ohne jeden Makel.“ Glaubte Edgar zu wissen.

„Glaubst du dass Eckhardt es so verstanden hat? Ich hege da meine Zweifel. Eckhardt verneinte die Welt keineswegs. Im Gegenteil, er achtete sie auf ganz besondere Weise. Die Welt überwinden bedeutete für ihn nicht sie zu negieren, sondern sich von ihr nicht dominieren zu lassen. Verstehst du was ich meine? Indem ich die Welt überwinde, gewinne ich sie. Versuche ich sie dagegen zu erobern, werde ich sie verlieren.“

„Aber genau das wollte ich damit sagen!“

„Nein, das ist es nicht! Da verwechselst du etwas entscheidendes. Du verachtest die Welt, weil sie dich verachtet. Nicht Verachtung sondern Überwindung ist das Ziel. Du kannst nur überwinden, was für dich keine Bedeutung mehr hat. Das aber was du verachtest hat  noch  Bedeutung für dich, denn ansonsten bräuchtest du es ja nicht zu verachten. Überwinde also zunächst die Verachtung, danach kannst du dich der Überwindung der Welt widmen. Schaffst du das nicht ergreift blanker Nihilismus von dir Besitz und alles kehrt sich in sein Gegenteil.  Die Flucht in den Nihilismus kann verheerende Folgen nach sich ziehen.“

„Aber ist denn nicht das gesamte Leben ein reiner Nihilismus? Vor allem dann wenn uns ein Leben aufgezwungen wird das nicht das unsere ist?“

Schon wieder eine Fangfrage. Wie würde der Pater darauf eingehen, mit frommen Sprüchen? Von der Liebe Gottes die doch jedem Menschen zuteil werde. Oder käme jetzt erneut die Weisheit vom dem Glück dessen Schied doch ein jeder zu sein hat, ist er denn gewillt etwas aus sich machen?

Nichts dergleichen, der Pater hatte sich schon lange aus dem Reich der Sprücheklopfer verabschiedet.

„Ich denke, dem kann ich zustimmen. Vor noch gar nicht langer Zeit dachte ich darüber anders. Seit ich in dieser Gemeinschaft lebe, konnte ich viele meiner früheren Überzeugungen revidieren, viele neue Erfahrungen kamen hinzu Auch dir stehen diese Möglichkeiten offen. Dies hier ist kein Ort für Nihilismus, es ist ein gesegneter Ort auf dessen Terrain viele Quellen positiver Energien entspringen. Es kommt darauf an sie zu finden und dir zu Eigen zu machen. „

„Und du glaubst mir gelingt das? „

„Wenn es dir gelingt dich auf das zu konzentrieren was deiner entspricht, ja! Aber du musst auf der Hut sein. Lass dich nicht beirren von Gefühlen die dich ablenken und auf eine falsche Fährte drängen. Es gibt so etwas wie einen vor bestimmten Weg, den jeder zu gehen hat. Auch Eckhards Lehre geht in diese Richtung. Wenn du ihn richtig verstanden hast wird es dir keine Schwierigkeiten bereiten diesen Weg zu finden und zu gehen.“

Pater Liborius Deutung traf ins Schwarze. Doch hatte Edgar diese Bestimmung gefunden und für sein Leben akzeptiert? Danach sah es im Moment noch ganz und gar nicht aus 

Gerade letzten Rat hätte er dringend beherzigen sollen, dann wären ihm die leidvollen Erfahrungen der kommenden Wochen erspart geblieben.

 

 

 Wochenende in der Abtei, Zeit besonderer Schwermut für all jene deren Herzen einsam, deren Liebeswünsche  unerfüllt geblieben waren.

Edgar wähnte sich am Ende seiner Odyssee. Ana hatte ihn für den heutigen Samstagabend zu ihrem Konzert eingeladen. Seit kurzem trat sie jeden dritten Samstag im Monat auf der Kleinkunstbühne auf.

Eine mittelgroße Halle, die in früheren Zeiten als Lagerraum diente und sich am Rande des Klostergeländes befand, war eigens zu diesem Zweck hergerichtete wurden. Hier konnten die zahlreichen künstlerisch Aktiven und Kreativen auftreten und ihre Künste jenseits aller kommerziellen Vereinnahmung und Ausbeutung darbieten.

Auch heute verbreitete sich eine tolle Stimmung, wenn auch nicht allzu viele ihren Weg hierher gefunden hatten.

Edgar betrat etwas nervös die Halle, schritt an der kleinen Theke am Eingang vorbei, dort wo sich die Besucher mit Getränken versorgen konnten und bewegte sich auf die Bühne am anderen Ende zu. Hektisch ging es hier zu, Ana war mit dem Aufbau beschäftigt und schimpfte in ihrer Muttersprache mit den anderen Bandmitgliedern, da es ihr offensichtlich zu langsam ging. Als sie aber Edgar erblickte strahlte ihr Gesicht mit einem verführerischen Lächeln, sie hüpfte von der Bühne, rannte auf ihn zu und umarmte ihn. Schließlich gab sie ihm einen dicken Kuss auf die Wange.

„Hey, toll das du doch noch gekommen bist. Ich dachte schon du versetzt mich.“ Begrüßte sie ihn.

„Ich freue mich dich zu sehen, Ana. Na dann will ich mich mal überraschen lassen.“

„Es wird dir sicherlich gefallen! Ich muss dich jetzt leider dir selbst überlassen. Wir sehen uns später dann nach dem Auftritt.“

Noch ein Kuss und Ana warf sich wieder in die Vorbereitungen.

Sogleich kam sich Edgar wieder etwas verloren vor, er befand sich hier in einer Welt die nicht zu ihm passen wollte. Er fühlte sich als Fremdkörper. Schon sein Outfit ließ eine deutliche Distanz zu den anderen erkennen. In seinen braunen Rundstrickhosen und dem beigefarbenen  bis zum Hals zugeknöpften Oberhemd wirkte er wie sein eigener Großvater, zwischen all den salopp gekleideten. Ausgewaschene Jeans und T-Shirts und Köpfe geziert mit Punkerlook oder Rastalocken bestimmten hier das Bild.

Erst mal an die Theke, ein Bier zur Einstimmung. Eine ganze Weile stand er hier alleine rum, bis sich endlich einige andere Besucher ihm zugesellten und einen Smalltalk begannen, der ihm aber aufgesetzt erschien.

Endlich war es soweit. Ana betrat die Bühne. Hautenge Lederleggins und eine ausgeblichene Jeansweste zierten ihren Körper. Ihre Füße präsentierte sie in roten Riemensandalen. Ihr brünettes Haar fiel ihr in langen Strähnen über die Schultern.

Lässig hielt sie die E-Gitarre unter dem Arm, während sie die anwesenden begrüßte.

Dann begann sie zu singen. Ein tolle Stimme und ein schnittiger Sound. Sicher, eine Kyra war sie nicht, deren Organ alles zum Bersten brachte sobald sie den Mund auftat, aber was Ana darbot konnte sich hören lassen und  dementsprechend enthusiastisch  war die Begeisterung bei den Besuchern. Ihre Darbietung war geprägt von Vielfalt. Eine ganze Menge hatte sie im Repertoire. Ganz zum Schluss verzauberte sie mit Reggae. Ein gut überlegter Schachzug, denn dieser Rhythmus stieg den meisten auf der Stelle ins Blut, viele begannen spontan zu tanzen.

Auch Edgar wollte sich nicht ausschließen und bewegte sich in die Mitte der Tanzfläche, sein Verrenkungen wirkten steif und hölzern, was bei einigen jungen Teens ein Gewisper hervorrief das schon bald in einem Gelächter mündete.

Resigniert zog er sich an die Theke zurück, dorthin wo er allem Anschein nach bedeutend besser passte.

Ein Bier um den Frust herunter zu spülen kam jetzt gerade recht. Dann noch eins und ein weiteres. Bleischwer senkte sich die Einsamkeit auf sein Gemüt.

Endlich erschien Ana an seiner Seite.

„Was ist denn, warum so traurig? Hat es dir nicht gefallen?“

„Doch…doch, es war toll. Ja ehrlich! Wirklich toll!“ Rang sich Edgar ein Kompliment ab.

„Komm mit, lass uns tanzen!“

Ana zog ihm mit sich auf die Tanzfläche. Locker, leicht und voller Sinnlichkeit so erschienen ihre Bewegungen, ein echter Wirbelwind, der alle Blicke auf sich zog. Edgar kam hingegen einfach nicht von der Stelle. Steif wie ein Roboter, versuchte er ihre Bewegungen zu imitieren.

Schließlich zog er sich erneut zurück.

„Kein Problem! Mach dir nichts draus. Ich bringe dir das Tanzen bei, wenn mal Zeit dafür ist.“ Rief ihm Ana nach, dann widmete sie sich den andern auf der Bühne. Geschickt ließ sie sich von einem in den anderen Arm fallen. Der Rhythmus lag ihr  im Blut.

Edgar haderte mit sich. Bleiben oder gehen? Das war hier die Frage. In der Zwischenzeit begann der Alkohol langsam aber sicher seine Wirkung zu entfalten. Sollte er es darauf ankommen lassen. In beschwipsten Zustand war er mutig. Er entschloss sich zu bleiben. Durchhalten! Vielleicht fand er doch noch die geeignete Form sich Ana zu nähern, sich ihr mitzuteilen. 

Die Zeit verstrich. Langsam begann die Halle sich zu leeren. Edgar hielt sich eisern an der Theke fest.    

Ana hatte sich mit ihren Bandmitgliedern auf der Bühne niedergelassen und schlürfte in lockerer Runde eine Cola. Alkohol mied sie stets bei ihren Auftritten.

Mit leicht schwankenden Bewegungen näherte sich Edgar der Gruppe, lies sich neben ihnen auf dem Boden nieder.

„Nicht so viel trinken Edgar! Ist nicht gut!“ Meinte Ana zu ihm, bevor sie ihr Gespräch mit den anderen fortsetzte. Die vier jungen Männer ihrer Band waren Bulgaren so wie sie, es versteht sich von selbst dass sie untereinander in ihrer Muttersprache redeten. Edgar verstand kein Wort und fühlte sich aufs Neues ausgegrenzt. Ana bemerkte es und übersetzte schließlich den einen oder anderen Teil. Doch bald erschien ihr das zu stressig und sie ließ es wieder.

Deplaziert und überflüssig, so fühlte sich Edgar. Nur weg hier! Aber nein, er war doch ihretwegen gekommen, wollte die Gelegenheit beim Schopfe greifen und ihr seine Liebe gestehen.

Schien das wirklich der passende Zeitpunkt? Vor allem der Tatsache wegen, das er dem Alkohol  schon reichlich zugesprochen hatte?

Er bedeutet Ana, dass er mit ihr unter vier Augen sprechen wollte. Die zögerte kurzzeitig, entschloss sich dann doch mit ihm zu gehen.

Draußen vor dem Tor rang er sich durch und konfrontierte sie mit seinen Gefühlen.

„Ich … ich bin extra wegen dir gekommen. Ich wollte dich auf der Bühne erleben und an schließend mit dir zusammen sein!“ Dabei hauchte er ihr seine Bierfahne ins Gesicht.

„Aber das bist du doch Edgar! Hör mal, ich hab ein Konzert hinter mir und will mich einfach noch ein wenig mit meinen Freunden unterhalten, den Tag beschwingt ausklingen lassen. Klar, du verstehst unsere Sprache nicht. Ich will aber auch nicht jedes Wort übersetzen müssen. Du kannst dich zu uns setzen oder dich zurückziehen, OK?“

„Aber Ana, ich… ich liebe dich, ich wollte nach dem Konzert mit dir alleine sein.“ Stammelte er wie ein verlegener Schuljunge.

„Das ist schön , dass du mich liebst. Ich empfinde das als große Ehre. Aber ich kann nicht in der gleichen Weise für dich empfinden. Lass uns Freunde sein, so wie zuvor. Mehr kann leider nicht daraus werden. Tut mir leid, wenn ich dir falsche Hoffnungen gemacht habe. Komm lass uns einfach wieder nach drinnen gehen!“

Ana wandte sich zum Gehen, aber Edgar hielt sie am Arm fest.

„Ana, bitte bleibe noch. Ich möchte dir noch so vieles sagen. Ich empfinde so unendlich viel für dich. Ich.. Ich weiß nicht wie ich es ausdrücken soll. Ich… ich will dich!“ Edgar zog sie an sich heran und versuchte sie auf den Mund zu küssen. Seine Bierfahne empfand Ana als widerlich.

„Edgar nein! So nicht!“

Klatsch! Die Ohrfeige saß.

„So kommt man bei mir nicht weiter. Ich denke es ist das Beste wenn du jetzt geht’s!“

„Alles in Ordnung Ana!“ Ihr Gitarrist erschien in der Tür, offensichtlich hatte der den Streit mitbekommen.

„Alles in Ordnung! Es ist nichts passiert. Edgar wollte gerade gehen! Wir sehen uns dann am Dienstag im Laden, Tschüss dann!“

Ana schloss die Tür und ließ Edgar allein mit sich zurück. Lange schon hatte sich die Dunkelheit auf die Abtei herabgesenkt. Resigniert trat Edgar seinen Heimweg an. Alles aus! Er hatte es gründlich vergeigt. Sie würde wohl nie wieder ein Wort mit ihm wechseln. Erst hier wurde ihm bewusst, wie viel er tatsächlich getrunken hatte. Unter normalen Umständen sicher nicht weiter tragisch. Den Rausch ausschlafen, am Folgetag mit einem Brummschädel herumlaufen, mehr war nicht zu befürchten. Doch bei Edgar wog es schwerer, denn er war Trinker. Etwa ein Jahr war seit seinem Entzug vergangen, seit her war er trocken und hatte keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt. Warum hatte er es heute getan? Die Folgen würden verheerend sein. Wie ging es jetzt weiter?

Auf dem Heimweg kam er an der Basilika vorbei und blieb kurz stehen.

>Komm rein, komm zu mir, zu deiner großen Liebe, zu deiner einzigen Liebe. Bei mir kannst du sicher sein, dass ich dich nicht verwaist zurücklasse. Wir haben uns immer gut verstanden. Komm rein setz dich und beginne mich zu streicheln, entlocke mir Töne die für die Ewigkeit geschaffen sind.< Schien die Orgel einzuladen.

Er preßte seinen Kopf gegen die verschlossene Eingangspforte. Natürlich hatte Pater Liborius, die Kirche bei Einbruch der Dämmerung verschlossen.

„ Lass mich stark sein! Das darf sich nicht wiederholen!“ Flüsterte er, so als hoffe er auf eine  Antwort aus der Dunkelheit.

Als wie erwartend nichts dergleichen geschah, setzte er seinen Heimweg fort.

Er empfand sein Zimmer kalt und leer. Aufgeräumt hatte er, es sollte gemütlich wirken, denn Ana würde ihn hierher begleiten, so jedenfalls hatte er es sich vorgestellt.

Nein, sie war nicht bei ihm. Niemals würde sie mit ihm gehen. Er warf sich auf sein Bett, es stach entsetzlich in der Brust.

>Lass los Edgar, all das wird dich unglücklich machen. Nur bei mir findest du dein Glück. Komm zu mir, zur Orgel, zur Musik und allem was dir bestimmt ist. Alles andere ist nicht gut für dich.<

Doch er ignorierte die Warnung. Allem Anschein nach war es dafür längst zu spät.

Die Tage vergingen schnell und schon war es Dienstag. Sollte er tatsächlich seinen Dienst im Laden antreten, oder sich stett dessen krank melden. Er war entschlossen sich allem zu stellen, auch wenn es Überwindung kostete. Was den Alkohol betraf hatte er durchgehalten. War er drüber weg. Manchmal gelingt es Trinkern noch sich selbst zu kontrollieren.

Ana begegnete ihm wie immer. Umarmung, Küsschen auf die Wange, freundliches Gesicht. Sie tat als so als sei nichts geschehen. Sie flaxten herum wie sie es immer taten. Ja, es war offensichtlich, sie hatte ihm vergeben. Edgar fiel ein Stein vom Herzen. Jetzt hieß es abwarten. Erst einmal Gras über die Sache wachsen lassen. Er vermied es auf das Vorgefallene noch mal einzugehen. Vergessen! Gab es eine Hoffnung? Würde Ana ihre Meinung zu ihm doch noch ändern? Zumindest begann sich Edgar diese Möglichkeit  einzureden. Sie war zu haben. Ein Aufgeben kam für ihn nicht in Frage.

>Aber nein Edgar, das darfst du nicht! Es könnte dir zum Verhängnis werden. Überlege es dir gut! Bei mir und nur bei mir liegt deine Bestimmung! Lass dich nicht auf Experimente ein!<

Doch Edgar überhörte die innere Stimme die da zu ihm sprach.

Die folgenden zwei Wochen geschah nichts von Bedeutung. Dem Himmel sei Dank! Edgar hatte sich vorgenommen zu warten. Er würde Ana nicht drängen. So wie es war schien es gut, zumindest im Augenblick, denn im Hinterkopf glimmte noch ein kleiner Docht der Hoffnung. Im Moment genügte es ihm wenn sie Freunde waren.

Als er an einem Dienstag vergnügt, locker rund gelöst zur Arbeit ging, schien er mit Welt versöhnt.

Ana kam ihm freudestrahlend entgegen. Die Umarmung war heute von ganz besonders herzlicher Art, das tat ihm gut. Es war geschafft.

„Ach ich fühle mich einfach nur wunderbar. Ich kann es noch gar nicht fassen.“

„Was ist denn Ana? Was kannst du nicht fassen?“

„Du glaubst nicht was mir am Wochenende widerfahren ist?“ Kicherte Ana ihm entgegen.

„Ja was denn?“

„Stell dir vor ich habe mich verliebt! Einfach so! Ronny heißt der Typ. Ach ist der charmant und cool. Puuaah es hat mich dabei fast umgehauen. Am Anfang schien es schwierig, dann aber löste sich der Knoten und wir haben das gesamte Wochenende zusammen verbracht.“

Scharf und schmerzhaft, so fühlte er sich an ,der Dolch, der in diesem Augenblick so tief in Edgars Herz eindrang. Ein Schock! Er konnte nichts sagen.

Ana hingegen schäumte geradezu vor Begeisterung.

„Er kommt wieder, schon morgen hat er versprochen. Ach ist das toll! Ich schwebe, ich schwebe in den 7. Himmel. Freu dich mit mir Edgar. Es ist immer schön einen guten Freund zu haben, den man alles mitteilen kann.“

Nach wie vor hatte es Edgar die Sprache verschlagen. Aber er musste irgend etwas sagen.

„Ja, schön für dich!“ Zu mehr war er nicht imstande.

„Das ist es! Es fühlt sich einfach toll an so frisch verliebt zu sein.“

Es schnürte Edgar die Kehle zu. Er wollte weg hier, er sah sich außerstande heute mit Ana zu arbeiten. Eine Krankheit vor schieben oder dergleichen, das schien eine Lösung.

„Was ist denn mit dir Edgar du siehst gar nicht gut aus! Du scheinst krank zu sein. Fehlt dir etwas?“

Natürlich fehlt mir etwas und das bist du! Meldete sich qualvoll die innere Stimme, aber natürlich brachte er die Worte nicht über seine Lippen.

„Ja, ich… ich fühle mich nicht gut! Mir ist übel, fürchterlich übel? Ich glaube ich bin wirklich krank!“

„Du machst mir Angst!  Du scheinst auch Temperatur zu haben.“ sanft drückte Ana ihre Hand auf Edgars Stirn.

" Du musst nach Hause! Leg dich hin, kurier dich richtig aus. Keine Sorge, wir schaffen da hier schon. Ist heute eh nicht allzu viel zu tun.“

„Ja, ja, ich gehe! Ich mache mich auf den Weg!“

„Aber erst wieder kommen , wenn es dir tatsächlich besser geht!“ Rief ihn Ana nach, während er sich die steile Holztreppe hinunter bewegte.

Er schaffte es gerade noch auf die Toilette in der unteren Etage, erbrach dort sein gesamtes Frühstück, fühlte sich aber keineswegs erleichtert, eher noch elender.

Anschließend taumelte er durch den mit allerlei Trödelkram bestückten unteren Raum und gelangte schließlich an die frische Luft. Wieder überkam ihn Übelkeit, doch es gelang ihm sich zu fassen.

Nach Hause, nur nach Hause, jetzt niemandem begegnen. Er wollte ganz einfach seinen Schmerz für sich behalten.

Er kam an dem kleinen Kiosk vorbei, der hier vor kurzem eingerichtet wurde, wo man sich mit Snacks, Getränke, etc. versorgen konnte. Allen Bedenken zum Trotz gab es hier auch alkoholisches. Edgar hielt an und ballte die Fäuste. Großer Durst überkam ihn. Ein Durst auf einen hochprozentigen.

>Alkohol ist dein Sanitäter in der Not, Alkohol ist dein Fallschirm und dein Rettungsboot<

Sang der deutsche Sänger Herbert Grönemeyer vor vielen Jahren. Und dessen bedurfte Edgar jetzt so dringend. Am besten eine ganze Rettungsinsel.

Kalter Schweiß bildete sich auf seiner Stirn, doch setzte er seinen Weg fort, ohne seinem Drängen nachzugeben.

Zum Glück bewohnte er ein Zimmer im unteren Bereich des neu errichten Bettenhauses, das sich vis à vis der Gärtnerei befand, dazwischen breitet sich einer der größeren Obstgärten aus.

Edgar warf sich auf sein Bett. Er zitterte am ganzen Körper, doch endlich stellte sich eine gewisse Ruhe ein.

Doch im gleichen Moment warf Lukas auf der anderen Seite des Gartens eine Kreissäge an.

Das laute Kreischen drang in Edgars Gehirn, bohrte sich in jede Zelle. Voller Verzweiflung hielt er sich die Ohren zu und begann wie ein Wahnsinniger zu schreien.

Er lief zu Fenster und öffnete es.

„Ruheeeeeeeeeeee! Aufhöööööööreeeeen!“

Lukas zuckte instinktiv zusammen.

„Was ist denn mit dir los? Zu heiß gebadet oder was?“

„Aufhööööööööööööööeeeeeeeeen!“

Jetzt wurde es Lukas Angst und Bange und er schaltete augenblicklich die Maschine aus.

„Schon gut! Schon gut! Ich konnte doch nicht ahnen dass du schon auf dem Zimmer bist. Normalerweise sind die Leute die dort wohnen zu dieser Zeit auf ihrer Arbeit. Gut! Ich verschieb`s auf morgen. Auch nicht schlecht!“

Mit voller Wucht knallte Edgar das Fenster zu. Ein Wunder dass die Scheibe überlebte.

Wieder überkam ihn das Zittern und der Schweiß floss in Strömen. Durst, Durst, Durst! Entsetzlicher Durst!

Wie lange würde er all dem noch standhalten?

Er hielt es nicht mehr aus, musste raus ins Freie. Nein, nicht zum Kiosk. Er schlug sich bis zur Basilika durch. Die Tür war offen, dem Himmel sein gedankt. Mit letzter Kraft schleppte er sich auf die Orgelempore und warf die Register an. Dann gab er sich der Musik hin und tatsächlich begann sich der Krampf zu lösen. Er war befreit, zumindest für eine Weile.

 

Eine ganze Woche feierte Edgar krank. Niemand nahm es ihm übel, denn kaum jemand nahm Notiz davon.

Gelegenheit viel in der Kirche zu verbringen um sich an der Orgel zu üben. Ruhe und Ausgeglichenheit bestimmte zur Zeit seinen Alltag. Wie würde er sich Ana gegenüber verhalten?  Wenn die von ihrem neuen Lover sprach kam das einer Provokation gleich.

Wäre er imstande es zu akzeptieren? Konnte er es wenigstens ignorieren?

Derzeit fand er die Antwort nicht.

Ablenkung, es bedurfte weitgehender Ablenkung. Die fand er hier, doch genügte das? Er suchte nach weiteren Möglichkeiten der Zerstreuung. Nicht sonderlich schwierig solcherart auf dem Abteigelände zu finden. Gleich eine ganze Palette an Kreativ-Shops standen ihm zur Verfügung. Langweilen brauchte sich hier keiner.

Warum er sich von den zahlreichen Gesprächskreisen die es hier gab, ausgerechnet die Polyamorie- Gruppe aussuchte blieb ein Geheimnis. Was suchte er dort? Bzw. was gedachte er dort zu finden? Hier trafen sich Leute die in Mehrfachbeziehungen lebten und sich darüber austauschten. Elena mochte dieses Thema nicht sonderlich. >Lebt es! Genießt es! Aber schwingt keine großen Reden darüber, denn es gibt Menschen die sich auch hier in dieser Gemeinschaft an den Rand gedrängt fühlen, sich nach einer Beziehung sehnen aber keine fanden.  Auf diese wirkten die dortigen Aufschneidereien wie blanker Hohn Doch Elena ließ sie gewähren. 

Edgar glaubte sich zunächst gut aufgehoben hier. Sie waren alle freundlich, begrüßten sich mit Umarmung und Küsschen und dergleichen mehr. Eine lockere Atmosphäre schwebte im Raum und erfasste auch den neu Hinzukommenden.

Edgar versuchte sich so gut es eben ging in die Gespräche ein zubringen, doch schon bald offenbarte sich sein Dilemma. Er war reiner Theoretiker. Praktische Erfahrung brachte er nicht mit ein. Bald schon ging ihm die Prahlerei nur noch auf die Nerven. Wie kleine Kinder mit ihrem Lieblingsspielzeug, so gaben die mit ihren Beziehungen an. Edgar hingegen würde sich schon mit einer begnügen, wenn sie denn jemals zustande käme. Hier, bei diesen Prahlhänsen würde er mit Sicherheit nicht fündig werden.

Angewidert verlies Edgar eines Abends den Raum wo die regelmäßigen Treffen statt fanden und beschloss diese Runde nie wieder zu betreten.

Einsam wie immer nahm er auf einer Bank in mitten des Klosterparks Platz und sah den am Himmel ziehenden Wolken nach.

Es war wie verhext, was er auch anfasste ging schon nach kurzer Zeit zu Bruch. Er war dazu verurteilt beständig das Falsche zu tun.

Während er so seinen negativen Gedanken nachhing holte ihn eine Stimme in die nicht weniger negative Realität zurück.

„Na haste auch die Nase voll von diesen Dummschwätzern? Ich hab`s auch nicht mehr ausgehalten. Schätze du bist für den Rest deiner Tag bedient von dem Thema?“

Unaufgefordert ließ sich Bettina neben ihn auf die Holzbank nieder und atmete zweimal tief durch.

„Angeberei. Weißt du ,ich glaube von denen da drinnen hat mehr als die Hälfte nie im Leben in einer Poly-Beziehung gelebt. Die haben auch nicht den Schimmer einer Ahnung. Alles Theoretiker. Gut, die Leute die hier auf dem Gelände leben kenne ich, aber bei denen die von außerhalb kommen, nicht selten von weither, wer will da nachprüfen wie deren Wirklichkeit aussieht?“

„Ja, kann schon sein!“ Antwortete Edgar eher desinteressiert. Ihm war im Moment so ganz und gar nicht nach einem oberflächlichem Geschnake.

„Mit Sicherheit ist das so! Stille Wasser sind tief, pflegte meine Oma stets zu sagen. Es sind die Stillen , die Unauffälligen, die ihre Gefühle ausleben. Jene aber die mit ihren Abenteuern auf schneiden haben das meiste davon nie erlebt und wollen sich nur wichtig machen.

Und du, du bist mir so ein Ruhiger. Dir muss man echt jedes Wort aus der Nase ziehen, am Anfang. Wenn du erst mal drin bist geht`s so einigermaßen. Stimmt’s?“

Mit dem Ellenbogen rammte sie ihm in die Seite, dann drang ein aufdringliches Lachen an seine Ohren.

„Keine Ahnung was da wirklich läuft! Ich wollte mich nur mal umsehen. Mal hören was die zu sagen haben. Ist nichts für mich!“ Gab Edgar zu verstehen.

„Klar doch! Weil du eben einer dieser stillen Genießer bist, einer der es tut und nicht bloß rumlabert.“

Edgar wollte etwas erwidern, doch sie ließ ihm keine Chance.

„Hab ich doch gleich bemerkt. Brauchst mir nichts vorzumachen, ich kenne doch meine Pappenheimer. Schätze du hast hier gleich mehrere an der Angel.“

„Ach findest du?“

„Ja ich finde! Ist doch nix dabei! Tue ich doch auch, schon lange. Gut, im Moment ist es gerade mal Ebbe und es läuft nicht viel. Musste eben mal ne Pause machen. Aber ich denke es ist an der Zeit, sich wieder ins Kampfgetümmel zu werfen. Ich bekomme schon richtigen Appetit.“

Bettina brauchte sich über die Klatschtanten und Onkels nicht aufzuregen. Sie hatte eine ebenso große Klappe. Schlecht aussehen tat sie nicht. War etwas füllig in den Hüften und den Schenkeln und ein großer Busen versprach einiges. Und sie war gesegnet mit einem durchaus hübschen Gesicht, himmelblauen Augen und dunkelblonder Kurzhaarschnitt.

Ihr ganzes Auftreten war gewöhnlich und direkt. Aber ihr loses Mundwerk schien gut zu Edgars stillem introvertierten Wesen zu kontrastieren.

Aus dem anfänglichen Widerwillen wurde schnell Interesse. Edgar schien sich auf eine merkwürdige Weise zu ihr hingezogen. Warum nicht darauf eingehen? Sie war frei und er…

Sie kamen ins Gespräch. Das heißt, etwa 80% der Worte kamen von Bettina. Edgar brauchte nicht viel zu sagen, doch es störte ihn nicht weiter.

Dann tat er etwas das wohl nur die einsamen tun, wenn sie das Gefühl haben vor Sehnsucht nach einer zarten Hand, nach einer sinnlichen Berührung fast zu verbrennen. Er ließ sich auf ein Abenteuer ein. Sollte sie ihn fragen würde er sie nicht abweisen. Wann jedoch stellte sie die alles entscheidende Frage?„Kommste mit? Na den Polyheinis da drinnen wollen wir mal zeigen wie man es richtig macht.“ Vernahm er ihre Einladung. Endlich! Endlich eine die ihn wirklich wollte. Ach wie gut das tat, auch wenn er sie nicht annähernd so liebte wie Ana. Aber allemal besser als gar nichts.

Die Tauben auf dem Dach blieben wo sie waren, er begnügte sich mit dem Spatz in der Hand.

Edgar folgte wortlos.

Bettina wohnte seit kurzem in einem der renovierten Wohnblocks außerhalb des Abteigeländes. erst vor kurzen hatten sich die Bewohner entschlossen Um Aufnahme in der Kommune nachzusuchen. Alle samt Leute aus der ehemaligen Prekaklasse, die sich nicht so recht in Neidhardts Obrigkeitsstaat integrieren wollten. Doch waren sie auch in der Kommunewelt noch lange nicht angekommen. Die Wohnung war geräumig. Edgar stutzte. Warum beanspruchte eine Einzelperson soviel an Wohnraum und bekam diesen auch noch?

Aufgeräumt wurde hier seit langem nicht mehr. Unordnung wohin das Auge blickte. Über allem schwebte ein recht ekeliger Geruch von kaltem Rauch.

„Iris, wo steckst du? Ich hab dir doch gesagt du sollst aufräumen. Naja wenn Mutter nicht alles alleine macht.“

„Was geiferst du so rum? Konnte ich denn ahnen dass du schon wieder Besuch mit bringst?“

Ein Teenager erschien in der Tür, leicht bekleidet so dass man die Tattoos am Körper detailgenau betrachten konnte, dazu blau-grüne gefärbte Punkerfrisur. Vor lauter Löcher und Schlitze ließ sich  die alte Jeans die sie an den Beinen trug kaum noch wahr nehmen.

„Darf ich vorstellen, das ist Iris meine Älteste., 19 Jahre alt, dann geht es weiter nach unten Conny ist 17 und Diana 14, sind im Moment nicht da, wirste später kennen lernen. Das ist Edgar!“ Bettina wies auf ihr Mitbringsel.

Der streckte dem aufmüpfigen Teenie die Hand zum Gruss entgegen.

„Ja und? Ist doch nicht mein Problem!“  Ohne den Gruss zu erwidern entschwand Iris in ihrem Zimmer.

„Achte nicht drauf! Die hat oft miese Laune. Mach dir nichts draus.“ Bettina ließ sich auf die alte Couch fallen.

„Na was is, willste dich setzen oder haste vor Wurzel zu schlagen?“

Edgar gehorchte und nahm neben ihr Platz.

Bettina kramte in ihrer Umhängetasche, holte Tabak und Stiks hervor und begann sich eine zu drehen.

„Ich hoffe dich stört es nicht wenn ich rauche?“

„Nein, nein, habe kein Problem damit!“ Antwortete Edgar kurz angebunden. Ihm war bewusst dass es nicht stimmte, denn der Nichtraucher empfand totale Abscheu gegen verqualmte Räume.

Bettina ließ sich die Zigarette schmecken, sie schien sie geradezu zu fressen, denn kaum hatte sie die im Aschenbecher ausgedrückt steckte sie sich schon die nächste an. Und so setzte sich das fort. Schließlich erschien Iris wieder, setzte sich einfach zu den beiden und begann ebenfalls zu paffen, ihren Qualm inhalierte Edgar von der gegenüberliegenden Seite.

Die Themen der Gespräche belanglos und oberflächlich. Im Laufe des Abends kamen dann auch noch die beiden anderen Töchter, deren Outfit sich nicht wesentlich von dem ihrer älteren Schwester unterschied. Auch sie holten ihr Rauchbesteck hervor. Edgar befand sich in einer Dunstglocke beißend drückenden Rauches, die Schwaden begann sich langsam in den Flur abzusetzen. Endlich wurde das Fenster geöffnet, doch die frische Luft die von außen eindrang konnte nicht allzu viel ausrichten.

Edgar fürchtete zu ersticken, ein Hustenschauer löste den vorigen ab. Seine Augen brannten und ihm war zum kotzen übel. So also sah ein Rendezvous mit Bettina aus.

„Wenn dich der Rauch stört, kannste ja gehen!“ Iris mochte den Typ nicht, das war unmissverständlich. Edgar gedachte der freundlichen Ausladung nachzukommen, doch Bettina hielt ihn zurück.

„Komm bleib hier! Iris halte dich zurück, ich warne dich!“

„Ich denke es ist besser ich gehe!“ Bestand Edgar auf seiner Absicht.

„Aber dann lernst du ja den Rainer nicht kennen!“

„Rainer? Wer zum Teufel ist Rainer?“ Entsetzen sprach aus Edgars Stimme.

„Na mein Typ! Hab ich das nicht gesagt? Na wenn schon. Was meinst du warum ich zu diesen albernen Polystammtisch gehe? Um mir den Quark anzuhören  der dort verzapft wird bestimmt nicht. Nein, ich möchte poly leben, dafür brauche ich noch mindestens einen anderen Typ. Ihr sollt euch kennenlernen. Ich muss ja sehen ob ihr mit einander auskommt.“

„Aber davon hast du nicht gesprochen. Ich…ich war überhaupt nicht darauf vorbereitet.“ Beschwerte sich Edgar.

„Na du bist mir ja einer. Ein echt komischer Vogel. Ich denke du bist so`n stiller Genießer?

Da müsstest du doch Erfahrung in solchen Dingen haben. Ich denke….“

Mit einem Ruck öffnete sich die Tür und ein Mann erschien. Groß, schlank, mittellanges ergrautes Haar und ein Dreitagebart. In der rechten Hand hielt er eine brennende Zigarette. Allem Anschein nach  wurde hier noch zu wenig geräuchert.

„Was`n das für einer?“ Begrüßte Rainer die Anwesenden und wies mit dem Zeigefinger direkt auf Edgar, der daraufhin am liebsten in den Boden versunken wäre.

„Grüß dich Rainer! Na ne Begrüßung lässt sich auch anders formulieren. Das ist Edgar, den habe ich am Polystammtisch kennengelernt. Ich dachte ich bringe ihn mal mit. Du hast mir erst kürzlich versichert dass du nichts dagegen hast, wenn ich mir nen Zweitmann aussuche.“

Entgegnete Bettina.

„Hmm? Wenn`s unbedingt sein muss! Aber dann versteh ich nicht wie du auf so einen kommst?  Gesichtskontrolle ist wohl nicht mehr dein Ding Bettina. Früher warst du wählerischer. Der sieht ja aus wie in die Ecke gepinkelt.“

Jetzt reichte es, das Maß war voll. Nur raus hier!

Edgar erhob sich, doch erneut zog ihn Bettina auf die Couch zurück.

Zu allem Überfluss setzte sich Rainer neben ihn und blies ihm auf penetrante Art seinen Qualm ins Gesicht.

Die Teenager auf der andern Seite begannen laut zu kichern.

Endlich gelang es Edgar sich zu befreien. Er verabschiedet sich kurz und knapp und entwischte auf die Straße. Nie wieder dieses Haus betreten.

Die Klamotten die er auf dem Leibe trug stanken widerlich.

Jetzt nur nach Hause. Der Kiosk hatte geschlossen. Zum Glück, denn der Drang in ihm sich zu betäuben nahm bedrohliche Ausmaße an.

Dabei stand es mit Edgars Zukunft in der Kommune gar nicht so schlecht. Sein künstlerisches Talent war inzwischen allgemein bekannt und anerkannt. Ihm wurde in Aussicht gestellt sich schon bald ganz dieser Aufgabe widmen zu können. Somit hätte er erstmals in seinem Leben die Möglichkeit hauptberuflich in diesem Metiers zu arbeiten.

Ein erstes Konzert war für den Frühherbst geplant. Pater Liborius und andere rührten dabei die Werbetrommel und arrangierten alles. Edgar konnte sich auf diese Weise voll und ganz auf die Proben konzentrieren.

Täglich saß er nun an der Orgel und studierte jene Stücke die zur Aufführung kommen sollten. Ganz besonders hatte es ihm Franz Schuberts „Heilig, heilige, heilig angetan. Diese tiefsinnige Melodie die wohl selbst den hartgesottensten zu Tränen rührte,

sprach ihm direkt aus der Seele. Er mochte diese traurigen Stücke, denn sie entsprachen seinem Gemütszustand der immer tiefer in Melancholie versank.

Auch eines späten Abends entlockte er der Orgel diese übersinnlichen Klänge, während sich draußen die Dunkelheit den Himmel eroberte. 

Als er geendet hatte und sich erhob warf er noch einmal einen Blick über das weiträumige Kirchenschiff. Da bemerkte er die Gestalt die sich weit entfernt hinter einem Pfosten versteckte und gespannt zuhörte. Wer mochte das sein?

Edgar beschloss der Sache auf den Grund zu gehen und begab sich langsam aber zielgerichtet in die Richtung.

Er blieb schließlich vor einer Frau stehen, die offensichtlich darauf aus war ihn kennen zu lernen. Sie war etwa in seinem Alter, schlank, hellbraunes langes Haar ein hübsches Gesicht.

Ihre Aura ließ Bildung und ein hohes geistig- kulturelles Niveau erkennen.

„Wartest du hier auf mich?“ wollte Edgar wissen.

„Nun wie man es nimmt! Endlich bist du aufmerksam auf mich geworden. Ich komme schon seit geraumer Zeit hierher um deine Proben zu belauschen. Ich wollte es nicht versäumen dir mein Kompliment auszusprechen.“ Antwortete die Unbekannte einem sichtlich erstaunten Edgar.

„Danke! Ich danke dir! Schön das dir meine Musik gefällt.“ Edgar fiel es schwer den Faden aufzunehmen. Meinte die das ernst? Dem war allem Anschein so. Er würde ihr jetzt auch ein Kompliment machen müssen, so jedenfalls schrieb es wohl die Etikette vor. Doch besaß er darin nicht die geringste Übung.

„Ja du spielst sehr schön. Es klingt professionell und voller Erhabenheit. Ich sehe dass du ganz in dieser Musik aufzugehen scheinst. Du und die Musik ihr seid eins. Das hört man schon bei den ersten Tönen. Oh, ich vergaß mich vorzustellen. Ich bin Lara.“

„Ich bin Edgar! Aber ich kann mir denken, das du das längst in Erfahrung bringen konntest.:“

„Da hast du Recht! Ich habe mich über dich kundig gemacht. Ich wollte wissen wie der Tonkünstler heißt der imstande ist der Orgel solche kraftvollen Töne zu entlocken. Dich könnte man glatt für einen Zauberer halten.“ Gab Lara zur Antwort. All die Worte und vor allem auch die Art wie diese über ihre Lippen kamen, faszinierten Edgar und er fühlte eine angenehme Wärme in seiner Herzgegend.

„Ich kann dir nochmals für deine Offenheit danken. Verzeih wenn ich nicht in der Lage bin schwungvollerer Komplimente zu machen. Darin bin ich leider nicht geübt. Könnte ich so reden wie ich Musik mache, dann wäre es leichter mit den Kontakten. Wenn ich also etwas kurz angebunden auf dich wirke, darfst du das nicht persönlich nehmen.“

„Da gibt es nichts zu verzeihen. Deine Ehrlichkeit ehrt dich nur noch um so mehr. Es bedarf nicht immer vieler Worte. Du hast deine Ausdrucksweise gefunden in der Musik, darauf kommt es an.“ Jedes Wort was sie aussprach streichelte seine Seele

„Wer bist du? Du verstehst dich gut darauf zur rechten Zeit, am rechten Ort das rechte Wort zu finden.“ Wollte Edgar herausfinden. War die Frage zu direkt? Es bereute ihn gleich nachdem er sie gestellt hatte.

„Das war zum Beispiel ein sehr schönes Kompliment. Nicht schwulstig, nicht abgehoben oder hölzern klingend. Ich glaube gefunden nachdem ich schon so lange suchte. Einen Gesprächspartner nach Maß:“ Erwiderte Lara und traf bei ihm erneut ins Schwarze.

„Ich stehe jederzeit zur Verfügung! Aber bist du dir ganz sicher, dass du in diesem Fall bei  mir an der rechten Adresse bist. Ausgerechnet ich?“

„Gerade weil du keiner dieser Schwätzer bist, die mit zehn Sätzen umschreiben wofür ein einziger völlig genügt, bist du mir so sympathisch. Und deshalb glaube ich in dir die  Ergänzung gefunden, nach der ich schon so lange suche..“

Edgar traute seinen Ohren nicht. Hatte sie das jetzt tatsächlich zu ihm gesagt?

Es war so, es bestand keinZweifel daran, dass hier ein Mensch saß ,der sich für Edgar interessierte. Und sie gefiel ihm auf Anhieb. War sein Flehen am Ende doch noch erhört wurden, ganz gleich von welcher geheimnisvollen Macht auch immer.

Plötzlich taten sich vor ihm ganz neue Wege auf.

„Ja gern, wenn du meinst. Ich glaube das du das Gleiche bist für mich , zumindest habe ich es im Gefühl.“

„Darf ich wiederkommen und dir bei deinen Proben zuhören?“ Lautete Laras konkrete Frage.

„Ja, natürlich! Ich bitte darum. Wann immer du magst.“ Lud Edgar ein.

„Es ist spät ich möchte mich zurückziehen. Schön dass wir uns kennenlernen durften. Wann bist du wieder hier?“

„Ich denke morgen Abend, so ab 20 Uhr. Wäre dir das Recht?“ Bot Edgar an.

„Ja, ich richte mich selbstverständlich ganz nach dir. Wenn du sagst morgen Abend, werde ich pünktlich zur Stelle sein.“

Sie verabschiedeten sich mit ein paar netten Worten, es schien als seien hier zwei alte Bekannte beisammen, so vertraut waren sie schon jetzt miteinander.

Edgar sah ihr lange nach, während sie sich langsam auf das Hauptportal mit dem Ausgang zu bewegte. Wie schön sie doch war und welche Ausstrahlung von ihr ausging.

Edgar wähnte sich am Ende eines langen Leidensweges. Lara, das war seine Bestimmung. Sie war die Erlöserin deren Erscheinen er solange ersehnte. Von diesem Zeitpunkt an konnte sich sein Leben wandeln. Lara würde die Kräfte in ihm aktivieren, deren er so dringend bedurfte, aber niemals imstande wäre sie ohne fremde Hilfe frei zu setzen.

Vollständig mit der Welt versöhnt zog er sich auf sein Zimmer zurück. Edgar verspürte einen tiefen Frieden in seinem Inneren. Zum ersten Mal im Leben freute er sich auf den nächsten Tag und auf all das was er so alles im Gepäck hatte.

 

In den folgenden Tagen kamen sich Lara und Edgar immer näher. Sie verbrachten viel Zeit miteinander. Lara lebte im Konventsgebäude. Sie hatte wohl die Aufnahme in die Schwesternschaft beantragt, wie sie erzählte. Zweimal suchte Edgar sie dort auf. Aber die meiste Zeit verbrachten sie entweder im freien, mit ausgedehnten Spaziergängen, oder in der Kirche, wo Lara weiterhin als Gast den Proben beiwohnen durfte.

Immer deutlicher stellten sich weitere Gemeinsamkeiten heraus. Lara hatte selber einmal das Orgelspiel erlernt, daher auch ihr Interesse. Natürlich beherrschte sie das Instrument nicht annähernd so gut wie Edgar, aber bald schon saßen sie gemeinsam an der Orgel und spielten vierhändig. Es funktionierte gut. Auch hier schlugen zwei im gleichen Takt.

Auch ihre Leidenschaft für die Philosophie teilten sie. Mit dem richtigen Gesprächsthema konnte man mit Edgar Stunden verbringen.

So landeten sie schnell bei der mittelalterlichen Mystik und Meister Eckhard. Nie hätte es Edgar für möglich gehalten mit Lara hierüber zu reden. Hier stimmte einfach alles. Es konnte kein Zufall sein, dass sie einander begegneten.

Viele mit denen er Umgang hatte, bemerkten die positive Veränderung und begrüßten diese.

Auch Ana erzählte er überglücklich von seiner neuen Beziehung.

„Das ist toll! Ach ich freue mich so für dich. Du warst immer so traurig und ich grübelte ständig wie ich dir wohl helfen könnte. Aber das brauche ich  nun nicht mehr, da du offensichtlich in den besten Händen bist.“ Freute sich Ana mit ihm.

„Ja, ich glaube ich bin es. Zum ersten Mal im Leben habe ich das Gefühl die richtige getroffen zu haben. Unzählige Male habe ich mich vergriffen. Aber jetzt wird alles anders, das ist der Durchbruch.“ Bestätigter Edgar.

„Wundervoll!  Da schwelgen wir beide im Glück. Ich habe auch den großen Wurf gemacht mit Tobi.“

Es machte Edgar nichts mehr aus, wenn Ana von ihrem Lover sprach, auch wenn er diese noch immer ein wenig begehrte. Es tat nicht mehr weh, denn er hatte ja jetzt einen idealen Ersatz gefunden. Plötzlich konnte er mitreden, wenn es um das Thema Beziehung ging, war nicht wie sonst üblich auf die Rolle des Zuhörers degradiert.

„Ich werde Lara bitten , das sie meine Frau wird. Ich habe gründlich darüber nachgedacht und werde den Mut aufbringen sie zu fragen. Und es wird bald geschehen.“ Entfuhr es Edgar und er staunte selbst über seine Worte.

„Wau! Das ist echt romantisch! Ich wünsche dir alles Glück auf Erden“ begeisterte sich auch Ana.

„Ich lade dich schon jetzt zu unserer Hochzeit ein. Ich gebe dir Bescheid wenn ich einen Termin gefunden habe. Du kommst doch, oder?“

„Ja selbstverständlich! Ach ist das schön!“ Ana verabreichte Edgar einen dicken Kuss.

 

Edgar und Lara hielten noch immer Distanz zueinander Auch sahen sie sich seit etwa einer Woche nicht mehr ganz so häufig. Lara hatte wohl viel zu tun wie sie ihm sagte. Anfangs akzeptierte Edgar diesen Umstand, denn er wollte auf keinen Fall bei ihr mit der Tür ins Haus fallen, nicht bei dieser Frau. Doch er erkannte dass es Zeit zum handeln war.

Er hatte sich durchgerungen die entscheidende Frage zu stellen und er tat dies als sie ihn in seinem Zimmer aufsuchte.

 Es war Abend. Edgar hatte Tee gekocht und den tranken sie beim Schein einer Kerze, draußen heulte ein kräftiger Wind der genügend Potential in sich barg Sturmstärke zu erreichen.

Auch in Edgars inneren bahnte sich ein Sturm an, ein Sturm der Gefühle und der Leidenschaften.

Sie waren in ein tief schürfendes Gespräch vertieft. Lara hatte ihre Hand auf dem Sofa ausgestreckt. Zaghaft, ganz zaghaft näherte sich Edgar ihr und drückte die seine Hand darauf.

Augenblicklich zog sie diese zurück.

„Warum tust du das?“ Entfuhr es Edgar.

„Weil ich es nicht möchte Edgar, deshalb! Ich bemerke seit langem in welche Richtung deine Gedanken gehen. Darüber wollte ich mit dir sprechen. Schon lange nahm ich es mir vor.“ Gab Lara zu verstehen.

„Ja, das möchte ich auch! Auch mich bewegt unser Verhältnis. Und ich habe mich entschlossen offen über unsere Gefühle zu reden.“ Erwiderte Edgar.

„Wir sind Freunde Edgar und ich denke dabei sollten wir es belassen. Auch wenn ich dich enttäuschen muss, mehr kann nicht daraus werden.“

Scharf und schmerzhaft war der Stich den Laras Worte verursachten Von einem zum anderen Augenblick stürzte er vom Gipfel des Olymp in den tiefsten Schlund der Hölle und drohte augenblicklich zu verbrennen.

Edgar rang mit sich, jetzt nur nicht die Fassung  verlieren. Doch ihm drohte alles zu entgleiten.

„Aber… aber .. warum. Ich meine… wir haben… uns doch so gut verstanden. All die schönen Tage der Gemeinsamkeit. All das was wir miteinander unternahmen. Das soll alles vorbei sein?“

„Aber wer spricht denn davon? Du hast mich missverstanden. Das wollte ich nicht damit sagen. Selbstverständlich können wir uns weiter treffen. Gegen eine Freundschaft ist nichts einzuwenden. Im Gegenteil! Die würde ich sehr begrüßen. Wenn wir uns vielleicht auch nicht mehr gar so öfters sehen können.“

„Aber ich…ich liebe dich doch. Ich habe dich vom ersten Augenblick an geliebt. Ich wusste, wir sind für einander bestimmt. Als ich dich erblickte war mir bewusst, dort sitzt der Mensch auf den ich ein Leben lang voller Sehnsucht wartete. Ich wollte dich heute fragen ob du meine Frau werden willst.“ Gestand Edgar mit zitteriger Stimme.

„Aber Edgar! Das mit der Liebe redest du dir ein. Du hast dich da in etwas verrannt. Gut, ich sehe es ein, es war meine Schuld. Ich habe offensichtlich falsche Hoffnung in dir hervorgerufen. Ich hätte dir reinen Wein einschenken sollen, gleich am Anfang. Du kannst mich nicht zu deiner Frau machen, denn ich bin bereits verheiratet. Mein Mann Jörg und ich verstehen uns sehr gut. Er ist Forscher, gehört seit kurzen dem neuen Wissenschaftlerteam an, das Elena zusammengestellt hat. Er ist viel auf Reisen, Expeditionen und so? Verstehst du?

Auch die letzten Wochen war er unterwegs. Ich war allein, deshalb konnte ich die viele Zeit aufbringen. Vor etwa einer Woche kehrte er zurück. Ich habe mit ihm gesprochen, auch über unsere Bekanntschaft. Er hat nichts dagegen einzuwenden, wenn wir uns weiter zu Gesprächen treffen.“

Wie ein Faustschlag traf Edgar Laras Beichte. Mit versteinerter Miene vernahm er die Worte die unendlich schmerzten.

„Aber…aber ich verstehe das alles nicht. Wir waren so ein schönes Paar. Ich habe fast jede Nacht von dir geträumt. Du bist einfach nur meine ganz große Liebe.“

„Du Ärmster! Das habe ich nicht gewollt. Unter diesen Umständen halte ich es für besser, das wir uns nicht mehr sehen, zumindest für eine Weile nicht. Schade. Du warst ein wunderbarer Gesprächspartner. Mit dir konnte ich so gut über alles philosophieren. Ich werde deine Gesellschaft vermissen. Ich wollte dich auch meinem Mann vorstellen. Aber das ist wohl unter diesen Umständen nicht sehr klug.“ Laras Bedauern war durchaus ernstgemeint. Doch Edgar glaubte in zunehmenden Maße das  sie ihn narren wollte.

„Aber wir könnten doch trotzdem eine Beziehung eingehen. Ich meine hier leben doch so viele polyamor. Warum sollte das nicht auch bei uns funktionieren. Ich bin häufig auf solchen Treffen gewesen, dieser Gruppen. Lass es uns doch wenigsten versuchen!“ Schlug Edgar vor. Das traf jedoch bei Lara auf wenig Gegenliebe.

„Edgar, das ist doch nicht dein ernst? Ich habe mich wohl verhört? Da gehören immer mehr Leute dazu. Was du willst, ist doch völlig unerheblich, wenn es die andern nicht in der gleiche Weise betrachten. Ich möchte es nicht, Jörg ebenfalls nicht. Wir sind glücklich und zufrieden mit dem was wir haben, wenn wir zugegeben auch einmal Auseinandersetzungen hatten, vor allem aufgrund seiner häufigen Reisen.“

„Ja, aber das ist es doch. Wenn er unterwegs ist, könntest du zu mir kommen. Ich habe keine Probleme dich zu teilen., Ich würde es akzeptieren.“ Edgar ergriff Laras Hände und drückte diese ganz fest.

Brutal entzog sie ihm diese.

„Genug! Ich glaube du hast den Verstand verloren! Gut! Dann muss ich deutlicher werden. Du bist als Mann überhaupt nicht mein Typ. Selbst wenn ich frei wäre,  könnte ich mir eine sexuelle Beziehung mit dir niemals vorstellen. Du eignest dich als Freund, für Gespräche, fürs philosophieren. Wenn ich es mir genauer überlege. Passt das auch gar nicht zu dir. Du bist so ein Typ der in einer anderen Dimension lebt. Deine Musik, deine Philosophie,  das ist deine Welt, dort bist du zu hause. In einer auf Sexualität aufgebauten Partnerschaft könntest du nicht lange überleben. Ich rate dir, eine solche erst gar nicht anzustreben. Das ist nichts für dich. Sage dir einfach, dass du für etwas höheres, etwas reineres geschaffen bist. Ich glaube das hilft.“

„Aber …aber ich sehne mich doch nur nach ein bisschen Liebe, nach Zärtlichkeit und Wärme. Ist das denn zu viel verlangt. Ein ganzes Leben lang bin ich auf der Suche und immer wieder bekomme ich das gleiche zu hören.“

Edgar kämpfte mit den Tränen.

„Das ist natürlich hart. Ich beginne zu verstehen. Du wähntest dich am Ende der Suche, du glaubtest in mir die Frau fürs Leben gefunden zu haben. Das ist schlimm, das ist natürlich schlimm. Ich weiß nicht welchen Rat ich dir geben könnte. Versuche es einfach als gegeben hinzunehmen. Es ist nicht deine Bestimmung in einer Beziehung glücklich zu werden. Ich weiß es nicht. Vielleicht kommt aber doch noch eine andere, die zu dir passt. Aber auf keinen Fall solltest du so etwas planen. Du siehst wohin das führt. Bleibe dir immer treu. Sei einfach nur du selbst. Wenn du das beherzigst, dann wirst du auf deine Art doch noch glücklich. Man kann das auch durchaus allein.  Ich kenne viele die auf diese Weise leben."

„Aber ich bin unglücklich! Ich bin total unglücklich! Ich sehne mich doch nur nach einer Hand die mich berührt. Einmal nur so eine Zärtlichkeit erleben. Warum? Warum kannst du das nicht verstehen?“

Edgar wurde immer impulsiver und energischer im Auftreten. Lara befürchtete das sich in Bälde sein ganzer Frust entladen könnte und es war nicht auszuschließen dass sich die volle Wucht gegen sie richtete. Sie musste es erreichen sich von ihm zu verabschieden, bevor er explodierte.

„Edgar, ich glaube es ist besser, wir beenden das Gespräch. Ich sehe wie du leidest und ich möchte nicht der Grund dafür sein….“

„Ja aber das bist du! Du nur du allein!“

„Du kannst mich nicht für das Unglück deines ganzen Lebens verantwortlich machen. Wir kennen uns ein paar Wochen, waren es 4 oder 5 ?  Mehr nicht. Dein Dilemma liegt tiefer, viel tiefer. Ich trage nicht die Schuld für die Körbe die du in der Vergangenheit bekommen hast. Möglicherweise liegt bei dir auch eine psychische Störung vor. Richtig, du solltest einen Psychiater aufsuchen und dich behandeln lassen. Lass dich einfach mal richtig durchchecken. Mach eine Therapie, nimm etwas ein, kehre mal richtig aus in deiner Seele, leg alles auf den Tisch. Ich glaube das könnt dir helfen.“

„Dann bin ich für dich ein Verrückter?“ Schrie Edgar.

„Also jetzt langt es mir! Anschreien lasse ich mich nicht. Es tut mir leid, mehr kann ich nicht mehr sagen. Lebe wohl Edgar. Wir werden uns nie mehr treffen.“

Lara erhob sich und ging. Sie verließ die Wohnung, die Tür fiel ins Schloss. Aus. Aus und vorbei. Leere, unendlich scheinende Leere, da wo sich noch vor wenigen Augenblicken ein Regenbogen der Hoffnung geradewegs zum siebten Himmel spannte.

Allein, die kalte Einsamkeit hatte Edgar nach nur wenigen Wochen wieder eingeholt.

Laras Zurückweisung hatte seine allerletzte Hoffnung zerstört, war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. In ihm kam alles wieder hoch. All die Zurückweisungen die er sich im Laufe der Jahre holen durfte, eine schlimmer als die andere. All die Demütigungen, all das unaussprechliche Leid. Doch diese hier, stellte alles bisher gewesene in den Schatten. Es war ihm bewusst das er in diesem Augenblick jeden Mut zum Weiterleben verloren hatte.

Der Frust staute sich und bahnte sich den Weg an seiner Wirbelsäule entlang. Er drohte zu platzen. Animalische Triebe waren hier am Werk, auch wenn Tiere solche Gefühle niemals durchleiden müssen.

Edgar schrie seine Wut aus sich heraus.

„Aaaaaaaaahhhhhhhhhhhh!“ einmal, zweimal, dreimal, immer lauter immer intensiver, immer bestialischer.

Dann fiel sein Blick auf den Küchenschrank und er öffnete diesen. Die Flasche Wodka stand dort ungeöffnet. Er hatte sie gekauft, aber der Versuchung widerstanden. Nun fiel die letzte Hemmschwelle, es gab keinen Grund mehr standhaft zu bleiben, es war aus. Er brauchte keine Rücksicht mehr zu nehmen, weder auf sich selbst noch auf andere.

Er setzte die Flasche an und leere sie in mehreren Zügen. Der erste Akt der Selbstzerstörung war eingeleitet.

Als er am darauf folgenden Morgen erwachte fühlte er sich wie ausgekotzt. Der Blick in den Spiegel seines Kleiderschrankes , welche Fratze blickte ihm dort entgegen?  Er hatte sich dieses Gesicht nicht ausgesucht, war von Geburt an damit gestraft. Mit der blanken Faust zertrümmerte er das Glas und verletzte sich dabei die Hand. Das Blut verteilte sich in der ganzen Wohnung. Doch er versorgte die Wunde nur sporadisch. Wozu denn noch. Das Leben hatte sich schon jetzt aus ihm verabschiedet Er war nur noch eine seelenlose Hülle. Er brauchte jetzt etwas zu trinken. Er brach auf um seinen hemmungslosen Durst zu stillen, dabei begann er Amok zu laufen. Legte sich mit jedem an der ihm über den Weg lief. Die Schnapsflasche stets griffbereit.

Schließlich begann er systematisch seine Wohnungseinrichtung zu demolieren, bis er sich in einem Haufen Schutt wieder fand. Doch was war das gegen den Schutt in seiner Seele?

Nach etwa einer Woche beruhigte sich sein Gemütszustand. Jetzt wirkte er auf einmal wieder besonnen und ausgeglichen. Denn der Entschluss den er gefasst hatte war unausweichlich. Er würde aus diesem Leben scheiden. Es bestand kein Grund mehr diese Tortur auch nur einen Tag zu verlängern.

Freundlich und zuvorkommend wie immer begegnet er nun wieder den Menschen in der Abtei. Auch zur Probe erschien er wieder, so als sei überhaupt nichts vorgefallen.

„Was war denn mit dir Edgar, ich habe mir schon Sorgen gemacht. Du sollst ja völlig ausgerastet sein, erzählt man sich.“ Begrüßte ihn Pater Liborius, als Edgar einesmorgens die Basilika betrat.

„Alles in Ordnung! Was soll denn sein? Jeder hat einmal einen schlechten Tag!“ Versuchte Edgar die Sache herunter zuspielen. Doch der alte Pater blickte in die Tiefe seiner Seele.

„Und du bist dir sicher, dass das alles ist? Gibt es da nicht noch ein klein wenig mehr? Ich sehe doch dass bei dir einiges nicht stimm. Möchtest du darüber reden? Kann ich dir helfen?“

„Nein! Wie ich schon sagte alles in bester Ordnung! Du brauchst dir meinetwegen nicht den Kopf zu zerbrechen. Ich bin wieder hier. Dass ist das wichtigste. Die Proben gehen weiter.“

Lehnte Edgar das Angebot des Paters ab.

„Aber die erzählen sich ganz schlimme Dinge. Du sollst mehrere Tag sturzbetrunken gewesen sein. So etwas ist doch keineswegs normal.“

„Ach was die Leute eben so von sich geben. Die machen doch gerne mal aus einer Mücke einen Elefanten. Lass sie reden, wenn es ihnen Spaß macht.“

Edgar wirkte sehr selbstsicher, das irritierte Pater Liborius. Er wollte noch etwas sagen, da hatte Edgar bereits die Register gezogen und die Orgel ertönte mit ihrer ganzen Wucht und Stärke. Edgar schien wieder mal wie besessen von seiner Musik.

Pater Liborius blieb noch eine ganze Weile, dann verließ er die Kirche, blieb vor dem Portal stehen und blickte noch eine ganze Zeit zurück, so als spüre er eine Vorahnung von dem was sich in den folgenden Stunde ereignen sollte.

Edgar begann nun damit ausgesprochen traurige und melancholische Stücke zu spielen vor allem von Beethoven und Schubert. Es sollte sein persönliches Requiem sein.

Als er beendet hatte, schloss er alles fein säuberlich ab und befestigte ein Couvert mit einem Brief darin am Notenständer. Dann packte er seine Tasche und verließ die Kirche, bewegte sich durch den Park in Richtung Wald.

Erst als er am Waldrand angelangt war blieb er stehen und richtet seinen Blick noch einmal auf die Basilika. Er würde sie nie wieder betreten.

Nach wie vor war er erfüllt von einem tiefen inneren Frieden und einer Ausgeglichenheit, die er nie zuvor in seinem Leben kosten durfte.

Er legte seine Aktentasche an einer besonders dicken Eiche ab, dann holte er den Strick den er sich einige Tage zuvor besorgt hatte heraus und kletterte auf den Baum. Ein dicker Ast bot ihm sicheren Stand. Er befestigte den Strick an einen ihm ebenfalls stabil erscheinenden Ast, direkt über ihn, dann legte er sich die Schlinge um den Hals.

Er ließ sein Leben noch einmal Revue passieren. Wie ein Film zogen die wichtigsten Szenen an ihm vorüber. Nichts hielt ihn mehr in diesem Leben. er würde jetzt beenden was nie zu ihm gehörte.

Oder gab es doch noch etwas, was er zurückließ außer unzähliger geplatzter Träume?

>Nein Edgar tue es nicht!< hörte er Anas Stimme. Doch sie kam nur aus seinem Inneren. Niemand würde kommen um ihn vor diesem endgültigen Schritt zu bewahren. Auch wenn er es sich noch so wünschte.

Hatte er es etwa von vorn herein darauf abgesehen? Etwas das viele verzweifelte tun um auf ihre Situation aufmerksam zu machen?

Edgar zögerte. Wartete er tatsächlich auf einen Menschen der ihn aufhielt und wenn es auch nur der alte Pater Liborius war?

Nein, es kam keiner, niemand würde ihn im letzten Moment zurück holen. Edgar war bereits im diesseitigen Leben zur Nichtexistenz mutiert.

Auch Meister Eckhard schwieg sich aus, er, der ihm doch aus dem Jenseits so manchen Rat gegeben hatte.

Schließlich tat er den letzten Schritt und ließ sich vom Ast fallen. Der erwartete schnelle Tod blieb ihm versagt, Edgar erstickte langsam und qualvoll, es war eben keine fachgerechte Hinrichtung. Sein leidvoller Tod vollendete ein ebenso Leid erfülltes Leben.

Befand er sich jetzt in der Ruhe die er ersehnte? Oder ging es auf der anderen Seite weiter?

Erwartete ihn etwas noch grausameres? Die blutrote Hölle, welche die Priester allen Selbstmördern in Aussicht stellen hatte Edgar im diesseitigen Leben schon bis zur Neige ausgekostet. Wozu bedurfte es da noch einer, womöglich noch viel grässlicheren? Diese Frage blieb unbeantwortet, denn Edgar würde nicht mehr berichten können, wie es dort aussah, wo er sich jetzt befand.

 

Pater Liborius machte sich ernsthafte Gedanken , als er in seiner Einsiedelei eintraf. Wie konnte er Edgar in diesem Zustand alleine lassen. Einer plötzlichen Eingebung folgend, machte er kehrt, rannte den Weg zurück, stieg die Stufen zur Orgelempore hinauf und fand den Umschlag, der einen detailgenauen Abschiedsbrief enthielt.

Wie ein Blitz eilte der alte Pater über das Klostergelände und mobilisierte wen und was er erreichen konnte.

Viele beteiligten sich an der Suchaktion, doch sie kamen zu spät. Sie konnten Edgar nur noch tot nach Hause bringen.

Nach Hause? War es je sein zuhause?

 

Als Elena davon erfuhr stürzte sie in tiefe Verzweiflung. Sie fühlte sich für seinen Tod verantwortlich und gab sich indirekt die Schuld.

Die Tatsache dass sich jemand auf dem Gelände der Abtei aus Verzweiflung über seine Einsamkeit das Leben genommen hatte bedeutet eine schallende Ohrfeige für die ganze Kommune und warf hunderte von Fragen auf.   

Warum wurde niemand auf ihn aufmerksam? Wie kam es, das seinen Sorgen und Nöten keinerlei Beachtung geschenkt wurde? Weshalb konnte er sich niemanden an vertrauen, nicht einmal Pater Liborius, der ihn doch als Freud betrachtete?

Edgar war buchstäblich inmitten eines Schlaraffenlandes verhungert. Wie konnte es dazu kommen?  In einer Gemeinschaft die sich schlichtweg als Die Alternative verstand, als Alternative zu jeder Form von Lieblosigkeit, Vereinsamung, Ausgrenzung, Ablehnung.

Jeder Mensch hatte doch ein Recht auf ein wenig Glück und Zuwendung, auf Akzeptanz und Zärtlichkeit. Warum ließ es sich bei Edgar nicht verwirklichen? >auf jedes Töpfchen passt auch ein Deckel<, auch so ein Spruch, der so schön außerhalb jeglicher Realität angesiedelt ist, ebenso wie die Sache mit dem Glück dessen Schmied doch ein jeder sein könne.

Es gab allerhand Töpfe die nie in ihrem Leben eine Deckel zu sehen bekamen.

In dieser Kommune suchten und fanden sich Menschen wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten. Es bildeten sich Paare die in der Welt vor den Mauern der Abtei nicht eine Woche Bestand hätten, so gegensätzlich muteten sie an.

Warum funktionierte das bei Edgar nicht ? Wo hätte er seine wirkliche Entsprechung finden können?

Fragen über Fragen. Und da plötzlich tauchten auch schon die ersten Lösungsvorschläge auf, wie so oft immer dann ,wenn der Selbstmörder sein Vorhaben schon in die Tat umgesetzt hat.   

>Aber wir hätten ihm doch helfen können! Jedes Problem lässt sich doch lösen, auch wenn es noch so bedrohlich erscheint<  Immer wenn es zu spät ist, überschlagen sich die Hilfsangebote geradezu.

Um zu vermeiden dass an Edgars Sarg die Krokodilstränen flossen und seichte Sprüche über sein Schicksal die Runde machten, wurde beschlossen die Beisetzung ganz im stillen zu vollziehen, ohne jedwedes Ritual. Still und unbemerkt hatte er gelebt und auf ebensolche Weise trat er seinen letzte Reise an „ Nirgends findest du so viele Heuchler als am Grabe eines Selbstmörders“ hatte Colette so zutreffend gesagt und musste sich eingestehen das auch sie selbst es nicht vermochte Edgar im letzten Moment die Hand zu reichen.

 

Edgar war gestorben, ihm konnte man nicht mehr helfen.

Aber sein Tod sollte trotzdem nicht vergeblich sein. Nun rollte eine Lawine von Schutzmaßnahmen über die gesamte Kommune, die verhindern sollten dass sich etwas Vergleichbares wiederholte.

Eine unmittelbar nach Edgars Tod abgehaltene Umfrage offenbarte schreckliches, fast die Hälfte der Kommunebewohner bekannte, dass sie sich des Öfteren einsam, ausgegrenzt, unverstanden oder abgelehnt fühlten.

Die Alarmglocken läuteten. Hier musste etwas geschehen. Einer Krisensitzung folgte die Nächste. Schließlich hatte die Schwesternschaft ein umfangreiches Paket geschnürt.

Elena konnte unmöglich alles alleine stemmen. Gerade die letzte Zeit war sie sehr viel auf Reisen, hätte sich Edgars Problem gar nicht widmen können. Sie brauchte viele Helferinnen und Helfer. Die Kampagne „Rettet die Einsamen Herzen“ wurde ins Leben gerufen. Rund um die Uhr sollten nun freiwillige Helfer bereit stehen, um allen die unter Herzschmerzen litten beizustehen.

Mit der Freien Liebe ist es eine feine Sache, doch diese produziert, wenn nicht präzise gehandhabt, jede Menge Verlierer, das sollte in Zukunft unbedingt vermieden werden. Doch reichten die Appelle an einen verantwortlichen Umgang mit den Themen Sex, Beziehung und Liebe wirklich aus? Es galt genau zu beobachten.

Bleischwer lagen Trauer, Wut und Bestürzung noch lange über der Abtei und lähmten den Alltag kurzzeitig.

 

Edgars Ruhestätte befand sich direkt an der Klostermauer, unbeachtet einsam und verlassen.

Niemand schien sich ihm nähern zu wollen, so als schwebe eine unheimliche Aura darüber.

Doch eines Morgens hatte jemand eine Blume auf das kalte Grab gelegt, wie ein Wunder vermehrte die sich binnen kurzer Zeit. Ein Blumenmeer erstreckte sich darüber das ständig Nachschub zu bekommen schien.

Blumen für einen Toten. Blumen auf die Edgar im Leben vergeblich hatte warten müssen.