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Kandidatin der Herzen

 

In der Regel begann der Tag früh auf dem alten Gutshof der Radikalrevolutionäre. Neidhardt war notorischer Frühaufsteher und es verstand sich von selbst dass es seine Gefolgsleute ihm gleich taten. Geruhsam  nahmen Lars, Thomas und Dagobert ihr Frühstück in der Kantine ein.

Draußen begann der Tag sich voll zu entfalten und die ersten Sonnenstrahlen drangen durch die dem Innenhof zuneigenden Fensterfront. Zu dieser Zeit herrschte zumeist noch Ruhe.

Nicht außergewöhnlich, denn in den letzten Wochen konnte man kaum von ernst zu nehmenden Aktivitäten sprechen. Es schien, als habe eine Art von Dornröschenschlaf das ganze Land erfasst. Nachrichten hörte kaum noch einer, es gab eh nichts Aufregendes zu berichten. Gähnende Langeweile wo man auch hinblickte. Dümmliches Geblubber, sich ständig wiederholenden Rituale, Lethargie und Lähmung.

Die Radikalrevolutionäre befanden sich zwar schon lange außerhalb des gesellschaftlichen Treibens, doch es ließ sich selbst in dieser Abgeschiedenheit nicht vermeiden, von der tödlichen Langeweile befallen zu werden.   

„Gib`s irgendwas Neues draußen? Ich meine worüber es sich lohnt zu reden?“

Wollte Thomas wissen. Die Langeweile kam dabei in jedem einzelnen Buchstaben zum tragen der über seine Lippen sprang.

„Nicht das ich wüsste! Stillstand! Phrasendrescherei! Die gebetsmühlenartig vorgetragenen Erfolgsmeldungen. Das übliche eben!“ Gab Dagobert von sich.

„Eigenartig!“ Entfuhr es Lars.

„Was ist eigenartig?“ Wollte Thomas wissen.

„Ich meine diese Totenstille. Aus der Politik scheint gar nichts mehr nach außen zu dringen. Man könnte glauben es gäbe gar keine Regierung mehr, so sehr sind die offenbar mit sich selbst beschäftigt!“ glaubte Lars zu wissen.

" Haben die denn je was anderes getan als sich um die eigenen Achse zu drehen? Erwartest du allen ernstes von denen auch nur eine kleine menschliche Regung?“ Fragte Dagobert erstaunt zurück.

„Das meine ich nicht! Ich habe nur den Eindruck irgend etwas ist im Gange! Ich weiß nicht warum! So ein Gefühl eben. Sagen wir mal die Ruhe vor dem Sturm, oder so ähnlich.“  Setzte Lars weiter fort.

„Ich weiß nicht wovon du sprichst!“ Antwortete Dagobert kurz und knapp und stocherte dabei in seinem Rührei herum.

„Die Ruhe vor dem Sturm sagst du? Kannst du haben! Sieh mal da draußen naht der Alte und sein Gesichtsausdruck lässt nichts Gutes erahnen.“ Meinte Thomas und wies auf den vom Innenhof her nahenden.

„Ach du Scheiße! Ich fürchte du hast recht mit deiner Vermutung!“ Stimmte ihm Dagobert zu.

Neidhardt öffnet schwungvoll die Kantinentür und lies sie hinter sich krachend ins Schloss fallen, so wie er das stets zu tun pflegte. Ebenso regelmäßig zuckten dabei alle Anwesenden zusammen.

Schnellen Fußes schritt er auf den Tisch der drei zu.

„Lars!“

„Hier!“

„Ich hab mit dir zu reden!“

„Äh , ja äh, jetzt sofort, oder darf ich erst zu Ende frühstücken.“

„Na von mir aus! Können wir auch hier besprechen, geht uns  eh alle zu gleichen Teilen an.“ erwiderte Neidhardt und lies im Anschluss  seinen wuchtigen Körper auf den noch freien Stuhl an der Stirnseite nieder. Dabei quietschte und knarrte das morsche Holz so verdächtig das die drei dem Atem anhielten. Gut möglich das dieser den zweieinhalb Zentner schwere Oberrevolutionäre nicht lange würde tragen können.

 

„Lars! Es ist soweit! Die Zeichen stehen auf Sturm!“

„Wie meinst du das?“

„Wir stehen vor einer großen Bewährungsprobe! Wir müssen in den Wahlkampf ziehen. Die alte Regierung ist gestürzt! Der Kanzler hat eine Vertrauensabstimmung verloren und es wurden vorgezogene Wahlen ausgerufen. Wir sind dabei, zum ersten Mal in unserer Geschichte. Und du Lars wirst unsere Liste anführen, du bist unser Spitzenkandidat!“

„Was ich?“ Entfuhr es dem zu tiefst erschrockenen.

„Ja du! Oder heißt hier noch einer Lars?“

„Aber ich meine, ich habe, ich wollte nur sagen, dass ich…ähh! Ich meine doch nur wie bist du ausgerechnet auf mich gekommen!“ Stotterte Lars.

„Weil du an der Reihe bist! Das haben wir schon vor einiger Zeit ausführlich diskutiert, wenn ich dich daran erinnern darf. Es zeichnete sich damals nur noch nicht ab, dass es so schnell geht. Wir gingen damals von einer bedeutend längeren Vorbereitungszeit aus. Die regulären Wahlen sollten auch erst in etwa einem Jahr stattfinden. Mit einem vorfristigen Termin konnte keiner rechnen.“ Klärte Neidhardt auf.

„Naja, ist doch nicht tragisch. Wahlen, was bedeutet das schon in Melancholanien, der übliche Schnee. Langweilige Rededuelle zwischen den Spitzenkandidaten der beiden Alteingesessenen. Nun kommen wir eben noch dazu, ist mal was anderes. Aber da brauchen wir uns kaum Gedanken zu machen.“ Glaubte Thomas zu wissen.

„Hm, so einfach läuft es diesmal nicht. Da gibt es noch die Liga um Cornelius, das ist der eigentliche Herausforderer für die beiden Etablierten. Zwischen denen wird der Kampf ausgefochten, wir können uns um unsere Angelegenheiten kümmern.“ Widersprach Neidhardt.

"Eine gemeinsame Liste wird es nicht geben. Ist weder in deren noch in unserem Interesse. Hab das gerade mit Cornelius besprochen. Also treten wir mit einer eigenen an."

„Und? Weiß man wer bei den anderen die Listen anführt?“ Schaltetet sich Dagobert ein.

„Na Helmfried bei den Musterdemokraten, der oberschlaue Studienrat wartet doch schon lange auf seine Chance. Bei den regierenden Superdemokraten steht eine Entscheidung bisher noch aus. Und was die Liga betrifft hat die nur eine Möglichkeit, will sie wirklich punkten und die heißt Elena!“

„Wie? Was? Ich ..ich …ich …Nein… nie im Leben! Nicht mit mir! Ich denke nicht dran! Ich…ich, ich trete nicht gegen Elena an! Ich bin doch nicht verrückt! Der bin ich nie gewachsen, die rammt mich ungespitzt in den Boden! Nein, kommt überhaupt nicht in Frage!“ Wehrte Lars auf einmal entrüstet ab.

„Na dann herzliches Beileid! Da kann man dich wirklich kaum beneiden!“ Stachelte Thomas.

„Was soll das Gezeter? Ich habe gesagt du trittst an und damit Basta! Ich dulde keine Widerrede! Und ihr zwei, hütet euch vor Schadenfreude. Ich habe euch auch für die vorderen Listenplätze bestimmt! Du Dagobert wirst dort in deiner Funktion als Chef der Abteilung für Agitation und Propaganda endlich die Gelegenheit bekommenunter Beweis zu stellen was tatsächlich in dir steckt. Deine Aufgabe ist es  unsere Theorien zu verteidigen und Überzeugungsarbeit zu leisten.“

„Aber was ist mit mir? Ich bin doch noch immer offiziell beim Staatsschutz angestellt. Ich kann doch nicht beides auf einmal…“

Doch Neidhardt unterbrach Tobias rüde.

„Doch du kannst! Das ist es was ich erreichen möchte. Die werden sich weiter in Sicherheit wiegen, wenn  sie dich auf der Liste entdecken und kaum auf die Idee kommen das du schon lange die Seiten gewechselt hast. Hier geschieht alles aus Kalkül!“

Neidhardt schlug mit der Handfläche auf die unebene Tischplatte, so dass das Geschirr klirrte.

„Nein! Und wenn du dich auf den Kopf stellst, ich werde auf keinen Fall gegen Elena antreten! Die… die nimmt mich auseinander, in aller Öffentlichkeit. Ihr kennt sie doch, die ist mit allen Wassern gewaschen.“ Wagte es Lars erneut auf zu begehren.

„Du hast mir wieder mal nicht richtig zugehört! Ich habe vorhin betont dass der eigentliche Wahlkampf zwischen den Vertretern der beiden Etablierten auf der einen, sowie der Liga, also Elena, auf der anderen Seite stattfindet. Es obliegt uns im Windschatten der Liga mit zu segeln, davon zu profitieren. Ich denke 10-12 % sollten genügen. Auf jeden Fall genug um in dieser Quasselbude für Stimmung zu sorgen, sie womöglich lahm zulegen, wann immer es uns beliebt. Wir bekommen eine Plattform auf deren Ebene wir unsere Ideen, unsere Philosophie verbreiten. Die Öffentlichkeit, vor allem die Medien können uns dann nicht mehr ignorieren und außerdem gibt es finanzielle Mittel für unsere Arbeit aus dem Staatssäckel, dort wollen wir hin. Das und nur das ist unser Ziel, unser Auftrag. Wer am Ende regiert ist für uns ohne Belang. Knallharte Fundamentalopposition, so etwas hat Melancholanien noch nie erlebt. Ich werde mich, das heißt wir werden uns mit Cornelius und den andern treffen und unsere Strategien ausloten.  Wenn es auch keine gemeinsame Liste gibt haben noch immer  ein Bündnis, vergeßt das nicht. Elena wird dich beim Wahlkampf weitgehend schonen und  ihre Angriffe auf die beiden anderen lenken. Du brauchst dich vor ihrer Lockenmähne nicht zu fürchten.“

Dagobert und Tobias lachten laut auf.

„Sehr komisch! Mir ist trotzdem nicht zum lachen! Wie können wir so sicher sein, dass sie sich auch tatsächliche an solcherlei Abmachungen hält?“

„Genug jetzt! Ich habe gesprochen! Es gibt kein zurück! Wir haben keine Zeit für ausführliche Diskussionen. Die Zeit drängt, es ist fünf Minuten vor zwölf!“ Entgegnete Neidhardt mit herrischem Unterton.

„Nein, die Uhr zeigt doch erst viertel nach Sieben!“ Lästerte Thomas und wies mit dem Zeigefinger auf die alte Küchenuhr an der weis getünchten Kantinenwand.

„Hahaha! Ich lach mich tot! Wusste gar nicht du so ein Komiker bist!“ Heischte Neidhardt zurück.

„Also gut! Alles geklärt! Wir sprechen später weiter. Alles nimmt seinen Gang.

Neidhardt erhob sich abrupt nahm den Stuhl und schob ihn kraftvoll unter den Tisch, wobei endgültig dessen Lehne brach.

„Na guckt euch nur diesen Schrott an! Es wird Zeit das wir in ein anderes, in ein besseres Domizil einziehen. Hier ist man ja nur von Ausschuss umgeben!“

Voller Wut schleuderte er die abgebrochene Stuhllehne an die Wand, das es nur so krachte, wieder zuckten alle Anwesende im Raum zusammen, danach eilte er stehenden Fußes aus der Kantine. Wir ein Pinscher folgte ihm Lars. Um mit Neidhardts Riesenschritten mitzuhalten musste sich Lars mächtig ins Zeug legen.

„Hör mal Neidhardt! Ich fühle  mich der Sache  einfach nicht gewachsen. Ich bin absolut ungeeignet für diese Aufgabe.“

„Das zu entscheiden obliegt einzig und allein mir . Du hast einen Parteiauftrag erhalten, vergiss das nicht, dem kannst du dich nicht entziehen. Ich bleibe dabei und dulde keine Widerrede.“ Lehnte Neidhardt ab, während er sein Tempo beständig beschleunigte.

„Neidhardt, bitte, lass doch ab von diesem Vorhaben. Ich…ich ..ich kann das einfach nicht, ich meine…ich äh..ich habe.,..ich wollte doch nur sagen das äh…äh.“ Lars schien die Puste aus zu gehen.

Abrupt hielt Neidhardt und wandte sich um, so dass Lars beinahe mit ihm zusammenstieß.

„Genug! Ich habe diese Gestammel satt, dieses Gestotter, diese Gejammer, reiß dich gefälligst zusammen. Oder willst du uns bis auf die Knochen blamieren, wenn du in der Öffentlich auf diese Art argumentierst? Ich brauche stahlharte Typen die mit beiden Beinen auf dem Boden stehen, glashart und über jeden Zweifel erhaben. Kerle, wie ein Fels in der Brandung.“

Hielt ihm Neidhardt entgegen, während er ihm dabei mit der geballten Faust vor dem Gesicht herumfuchtelte.

„Ja, solche Leute brauchen wir, der Meinung bin ich doch auch, voll und ganz. Alles Eigenschaften die allein du verkörperst. Du bist unser Anführer, du  und nur du allein solltest auch der Spitzenkandidat sein.“  Versuchte ihm Lars zu schmeicheln.

„Dir scheint immer wieder zu entgehen dass das ein Ding der Unmöglichkeit ist. Natürlich würde ich es tun. Keine Frage. Aber nach wie vor bin ich in diesem Lande eine Unperson. Als Terrorist verschrien, ein Aufwiegler übelster Art. Einer auf dessen Kopf eine Prämie ausgesetzt ist. Ich bin was ich bin. Ich werde aus dem Untergrund agieren, solange bis die Luft rein ist und ich in der Lage den Platz einzunehmen der mir allein gebührt. Bis es soweit ist handelt ihr als Strohmänner. Keine Sorge ich werde euch schon soufflieren was ihr zur rechten Zeit am rechten Ort zu sagen habt.“

Neidhardt setzte seinen Weg fort, doch Lars wollte noch immer nicht von dessen Seite weichen.

„Aber die Amnestiegesetze. Ich meine die gelten doch auch für dich? Die anderen können sich doch in der Zwischenzeit auch völlig frei bewegen!“

„Amnestiegesetz! Was für ein Blödsinn! Eine einzige Irreführung, eine Inszenierung. Die wollen wieder nur falsche Tatsachen vorspielen, sonst nichts. Seht her welch gnädige Menschen wir doch sind, begnadigen unsere einstigen Gegner, während die weiter gegen den Staat agieren, das ist alles und du fällst auf diesen Schwachsinn herein. Nein, ein Neidhardt wird in einem solchen Staatswesen niemals Gnade finden. Und wenn ich ehrlich bin bedeutet mir diese Geste nicht das Geringste. Ich pfeife drauf.“

Es blieb dabei, Neidhardt lies sich nicht umstimmen. Lars hatte sich mit der Tatsache abzufinden und würde den Auftrag an nehmen, daran führte kein Weg vorbei.

Auf diese Weise bestimmten also die Radikalrevolutionäre ihren Spitzenkandidaten.

 

Ähnlich verlief es bei den Musterdemokraten. Helmfried wurde hier fast einstimmig nominiert. Natürlich demokratisch, versteht sich von selbst, auch wenn die Prozedur denen der Radikalrevolutionäre nicht unähnlich sah. Es war kein Anderer da. Helmfried stand zur Verfügung wie angekündigt und es wunderte niemanden.

Komplizierter sah es hingegen bei den regierenden Superdemokraten aus. Denn nach Canisius Ausscheiden und Romualds Verzicht oblag es der Partei einen geeigneten Kandidaten quasi aus dem Hut zu zaubern. Die Wahl fiel auf Victor, einen Neuling in der ersten Reihe, völlig unerfahren und noch weitgehend unbekannt. Die Partei glaubte auf diese Weise eine Art Neubeginn zu zelebrieren, den ihnen jedoch kaum einer abnahm.

 

So weit so gut. Doch alle Blicke richtete sich vor allem auf die Neue Liga. Würde Elena tatsächlich ihren Hut in den Ring werfen und die Kandidatur an nehmen? Diese Frage bewegte die Gemüter, man sprach kaum noch von etwas anderem. Täte sie es, würde sie damit eine Lawine von gigantischem Ausmaße auslösen.

 

Die dunklen Gewitterwolken der zurückliegenden Tage hatte sich verzogen und der Mai entfaltete seine ganze Pracht. Tausende weißrosa Blüten überzogen die Apfelbäume der kleinen Plantage am Rande der Abtei, eingetaucht in ein stetes Summen der Insekten die sich hier zu schaffen machten. 

Elena, Kyra, Kim, Colette, Alexandra und Gabriela waren im Begriff das durch die nasse Witterung stark gewachsenen Gras zwischen den Apfelbäumen zu kürzen. Die Sonne brannte für Mitte Mai schon außerordentlich heiß. Würden die Temperaturen weiter in diesem rasanten Tempo steigen, kündigte sich ein heißer Sommer an.

„Lasst uns erst mal ne Pause einlegen!“ Schlug Elena vor und lies sich in das weiche Gras fallen.

„Sei vorsichtig! Hier könnte es Zecken geben!“ Warnte Gabriela. „Komm ich leg dir die Decke drunter.“

„Du denkst wieder mal an alles!“ Stellte Elena fest.

„Zecken gibt`s überall nicht nur hier oben im Gras!“ Rief Kyra zu ihnen herüber.

„Ist das da unten nicht Cornelius und ein paar von seinen Leuten sind auch dabei. Ronald ist offensichtlich gerade im Begriff sie uns zu zuführen.“ Meinte Alexandra und wies mit dem Finge in Richtung Abtei.

"Was wollen die schon wieder? Die führen sicher nichts Gutes im Schilde!“ Glaubte Colette  zu ahnen.

„Was ist denn mir dir los? Bist ja total aus der Puste! Is was besonderes dass du uns hier oben sprechen willst?“ Begrüßte Alexandra Ronald der als erster auf dem kleinen Hügel erschien.

„Cornelius wollte Elena unbedingt sofort sprechen. Er sagte es sei sehr dringend und er könne nicht warten bis ihr wieder unten seit.“ Gab der angesprochene zur Antwort.

Schließlich erreichte Cornelius selbst die Plantage.

„Ich muss erst mal ausruhen. Ist ganz schön anstrengend, auch wenn es nur ein kleiner Hügel ist.“ Meinte er im Angesicht des wuchtiges Gebirges dass sich in einigen 100 Meter Entfernung gen Himmel streckte.

„Setzt dich zu mir auf die Decke, ist noch genug Platz da!“ Lud Elena ein. „Und was gibt es denn so wichtiges, dass du nicht warten konntest?“

„Hört ihr denn keine Nachrichten?“

„Nein, warum sollten wir? Es passiert doch eh nix besonderes in unserm Land!“ Gab Kyra zurück.

„Kleiner Irrtum! Manchmal gibt es sogar in Melancholanien Ereignisse von historischer Tragweite!“ Widersprach Cornelius.

„So? Na da bin ich mal gespannt!“ Antwortet Elena.

„Die Regierung ist zurückgetreten! Canisius ist somit nur noch geschäftsführend im Amt.

Innerhalb der nächsten zwölf Wochen soll es Neuwahlen geben!“ erläuterte Cornelius immer noch ein wenig außer Atem.

„Und was hat das  mit uns zu tun?  Wahlen, wen interessieren die schon. Für uns ändert sich doch ohnehin nichts. Da kommen eben die anderen wieder an die Reihe.  Meinetwegen!“ Lästerte  Colette .

„Diesmal liegen die Dinge anders, ganz anders, dass ist es was Cornelius sagen will. Denn unsere Neue Liga ist mit von der Partie. Man kann sagen das es eine echte Alternative gibt, zum ersten Mal:“ Gab Linus zu verstehen der sich etwas abseits hielt.

„Um es auf den Punkt zu bringen! Elena wir brauchen dich als unsere Spitzekandidatin! Wir sprachen schon mehrmals darüber. Du wolltest es dir überlegen. Nun aber drängt Zeit. Es eilt! Wir brauchen deine Entscheidung! im günstigsten Falle auf der Stelle!“ Forderte Cornelius.

Elena zog die Beine an und senkte den Blick nach unten, sie nahm die Nachricht ausgesprochen gefasst auf. Es schien als habe sie bereits damit gerechnet.

„Hm, ist es wirklich soweit? Da bleibt in der Tat nur wenig Zeit. Ein Wahlkampf im Eiltempo, nicht wahr?“

„So ist es! Und das ist noch milde ausgedrückt! Wir sind überhaupt nicht vorbereitet! Ich weiß gar nicht, wie wir das alles organisieren sollen. Alles muss im Zeitraffer geschehen.“ Stöhnte Linus.

„Sehr geschickt von denen. Die wollen uns austricksen. Die wissen auch welch enorme Schwierigkeiten wir derzeit noch haben und hoffen darauf dass wir es in der Kürze der Zeit nicht schaffen uns aufzustellen.  Wir haben  kaum etwas zuwege gebracht die zurückliegenden Wochen, kein Programm, keine Strategie, na und von der  Kandidatenliste ganz zu schweigen. Du bist unsere letzte Hoffnung! Mit dir ziehen wir die Trumpfkarte!“ Fügte Cornelius hinzu.

„Wenn alles am Boden liegt, Elena wird`s schon richten! Eine Wahl ganz und gar auf Elena zugeschnitten. Ist es das was du damit sagen wolltest?“ Entfuhr es Gabriela.

„Lass nur Gabriela! Ich weis genau was es bedeutet. Ich kann wohl nicht anders. Es widerstrebt mir außerordentlich so eine Art von Wahlkampf zu führen. Ich als Galionsfigur?

Schöne tolle Sprüche machen, dabei topgestylt, so wie früher. Hat mich da am Ende gar die Vergangenheit wieder eingeholt? Elena kommt wieder. Ich sehe schon die Schlagzeilen. Ich dachte ich bräuchte so etwas nie mehr zu erleben.“

„Wenn du nicht willst, dann tue es nicht! Man! Sag denen ab. Die sollen sich ne andere Tussi suchen, die das Röckchen hebt zum Stimmenfang. Wo liegt  das Problem?“ Schimpfte Kyra.

„Ich muss doch sehr bitten Kyra! Die Sache um die es hier geht ist todernst!“ Hielt ihr Cornelius entgegen.

„Ich möchte nicht! Aber ich habe keine andere Wahl! Ich bin mir dessen bewusst was auf dem Spiels steht. Keine Zeit um Schwäche zu zeigen. Also gut!  Wenn es unbedingt sein muss.Ich bin dabei!“

„Hervorragend! Diese Antwort habe ich erwartet!“ Frohlockte Cornelius.

„ Und? Was wird dabei für uns herausspringen? Was soll ich den Leuten da draußen sagen? Du sagst, ihr hättet noch kein richtiges Programm? Ich denke, es wird langsam Zeit, oder?

Wenn ich zusage, dann möchte ich auch wissen, wofür wir stehen, will mit klaren Fakten argumentieren.“

Elena erhob sich und klopfte sich das Gras von der Hose.

„Ich zeige euch wo es lang geht! Wenn ich mich darauf ein lasse, dann einzig zu meinen Bedingungen. Haben wir uns da richtig verstanden?“

„Alles läuft so, wie du es für richtig erachtest! Entscheide und wir werden es umsetzen!“ gelobte Cornelius.

„Dann  werde ich für kurze Zeit die alte Elena aus der Truhe holen und überstreifen. Ich liefere euch den Wahlkampf der Superlative. Aber ich schaffe es nicht allein. Ich brauche eurer aller Hilfe. Wirklich stark sind wir nur als Team!“ Schnell hatte Elena ihre Rolle akzeptiert. Hielt sie etwa schon ihre erste Rede?

Eine etwas betretene Stimmung herrschte bei den Umstehenden.

„Sollten wir dass denn nicht gemeinsam besprechen mit allen anderen im Plenum?“ Besann sich Colette.

„Selbstverständlich tun wir das! Ich möchte die Meinung aller hören! Aber wie ihr mit eigenen Ohren vernommen habt, es bleibt nicht mehr viel Zeit. Wir müssen schnell handeln. Am besten beginnen wir sofort.“

Elena schritt durch die kleine Ansammlung und war im Begriff die Anhöhe hinab zu steigen.

Die anderen folgten ihr zögerlich, erstaunt über die Tatsache, wie schnell Elena ihre Bestimmung gefunden hatte. Sie war eben ein außergewöhnlicher Mensch, in vielen Belangen. Die geborene Anführerin. Noch immer imstande die Zeichen der Zeit richtig zu deuten und entsprechend zu handeln.

Die Abgeschiedenheit in dieser Idylle fand damit ein vorübergehendes Ende. Hatten sie wirklich angenommen allem entronnen zu sein? Mit Elenas Kandidatur standen sie mit einem Schlag im Rampenlicht. Das barg Gefahren, zumindest für einige unter ihnen.

Niemand vermochte in diesem Augenklick zu sagen, was wirklich auf sie zukam.

Auf dem Weg zurück in die alte Abtei bahnten sich schon die ersten Ängste ihren Weg in Elenas Bewusstsein. Was würde Leander dazu sagen? Elena ging davon aus, dass er zumindest schon eingeweiht wurde, schließlich war er ja fast ständig mit Cornelius zusammen. Würde es ihm aber wirklich gefallen? Erhebliche Bedenken bemächtigten sich ihrer. Sie würde wieder in der Öffentlichkeit stehen, welche Aufgabe konnten ihm zukommen? Fragen über Fragen. Und alles musste im Eiltempo geregelt werden. Ihre Arbeit in der Sozialstation, die ihr gerade in der letzten Zeit immer mehr Freude bereitete? Fand sie da überhaupt noch die Zeit? Es galt Prioritäten zu setzten . Man widmet sich einer Sache ganz oder man läßt es bleiben. Alles andere als leichte Entscheidungen.

  

 

In den Folgetagen wurde in Melancholanien viel diskutiert, so viel wie in Jahrzehnten nicht. Bei allen Parteien ging es hoch her, denn die Umfragen prognostizierten starke Verschiebungen in der Parteienlandschaft. Es zeichnete sich ein Erdrutschsieg für die Neue Liga ab. Mit jedem Tag, den die Wahl näher rückte, trat den Vertretern der Etablierten der Angstschweiß ein wenig mehr auf die Stirn. Wohin steuerte das Land?

Drohte am Ende die Unregierbarkeit?

Die Liga hatte Elena wie nicht anders zu erwarten schnell auf den Schild gehoben, eine reine Formsache. Es gab keinen Diskussionsbedarf, die Frage einer eventuellen Gegenkandidatur aus den eigenen Reihen stellte sich gar nicht erst. Die Zeit drängte.

Es schien als habe einer an einer bewussten Stelle ein Ventil geöffnet, denn von überall strömten Menschen, um  aus  ganz unterschiedlichen Motiven ihre Hilfe anzubieten, damit ein professioneller Wahlkampf geboten werden konnte. Reichlich flossen Spendengelder. Elena staunte nicht schlecht über die Tatsache, dass diese auch aus den Reihen der Privo kamen. Offensichtlich gab es unter denen immer mehr die die Zeichen der Zeit erkannten und zur Einsicht kamen, dass es so nicht weitergehen konnte und Veränderungen an Haupt und Gliedern unausweichlich schienen.

Mit einem Programm haperte es noch immer. Nur sporadisch konnte man die wichtigsten Forderungen zusammenstellen. Es zeichnete sich ein  reiner Personenwahlkampf ab. Elena gegen den Rest der Welt, oder zumindest gegen den Rest der alten melancholanischen Republik. Allein ihr unnachahmliches Charisma und ihr messerscharfer Intellekt dienten als Waffen.

Alle weiteren Kandidaten fungierten mehr oder weiniger als Statisten, konnten sich einfach in Elenas Windschatten treiben lassen.

Wahlkämpfe waren in Melancholanien zur reinen Staffage verkommen. Die Vertreter der beiden staatstragenden Parteien gaben sich die größte Mühe den Bewohnern einen Unterschied vorzugaukeln den es gar nicht gab. In den aufgebauschten TV-Duelle spielte es vor allem eine Rolle, welcher der Kandidaten wohl besser imstande war sich in Szene zu setzen. Wer machte die bessere Figur, passte die Farbe des Anzuges, oder wie saß die Krawatte?Wie konnte binnen kurzer Zeit der größten Unfug zum besten gegeben werden so dass die Mehrheit der Zuschauer darauf rein fiel?

Konzepte oder Programme mit Aussagekraft spielten längst keine Rolle mehr. Am Ende war es ohnehin gleich wer das Rennen machte, blieb doch eh alles beim Alten.

Doch nun standen gravierende Veränderungen bevor denn es stand ein Wahlkampf ins Haus den Melancholanien in dieser Form noch nicht erlebt hatte. Ein Sturm, nein ein Orkan bahnte sich an, der das Alte und  Morsche in die Tiefe reißen würde.

Sobald Elenas Bereitschaft zur Kandidatur in die Öffentlichkeit drang, stieg die Fieberkurve. Die Menschen bekundeten erstmals seit unendlich langer Zeit wieder ehrliches Interesse an Politik, waren sogar bereit darin mit zu mischen, auf welche Art und Weise auch immer.

Es wurde spannend, so spannend dass die Leute sogar ihre lieb gewonnen Gewohnheiten beiseite schoben nur um auf der Höhe zu bleiben.

Mit Elena würde die Liga alle aus stechen und die anderen zu bloßen Statisten degradieren.

Doch um die Köpfe vor allem der Prekamehrheit zu erreichen, mussten sie sich deren Sprache bedienen. Nicht einfach für eine Intellektuelle ihres Formates sich ganz spontan auf das Niveau  etwa eines Bandarbeiters zu begeben. Zum Glück hatte Cornelius schon vor Zeiten damit begonnen eine Art Wörterbuch zusammenzustellen um sich mit der Ausdrucksweise der Preka vertraut zu machen. Hier musste man punkten, sonst konnten sie alles vergessen.

Aus diesem Grund nahm der Wahlkampf der Liga zuweilen ausgesprochenen Showcharakter an. Das gefiel einigen ganz und gar nicht, hatten sie doch jahrelang gegen diese Art der Verblödung angekämpft, doch eine Alternative lag in weiter Ferne.

Bald schmückte Elenas Konterfei auf riesigen Plakaten die Straßen und endlich, endlich war es soweit. Melancholanien hatte seine Elena wieder im TV. Sie war zurückgekehrt und die Menschen dankten es ihr in beispiellosen Ovationen .Schon wenn sie die Hand in anmutender Geste anhob, fielen die Menschen vor ihr auf die Knie.

Die Paparazzi hefteten sich ihr an die Fersen sobald sie die schützenden Mauern der Abtei hinter sich gelassen hatte und ließen sie kaum noch aus den Augen. Sie war wieder da, Ihre Königin war im Triumph zurückgekehrt.

 

Um ihr Einhalt zu gebieten mussten die Gegner größtmögliche  Geschütze auf fahren. Doch wie sollten sie sich derer bedienen. Hilflosigkeit, Ratlosigkeit.

Um abzulenken stürzten sie sich zunächst auf Lars den Kandidaten der „Steinernen Front“ so nannten die Radikalrevolutionäre ihre Wahlplattform,  in Windeseile aus dem Boden gestampft und noch weitgehend unbekannt Der martialisch klingende Name sollte auch über die Unsicherheiten in punkto Wahlen hinwegtäuschen, denen sich die Revolutionäre ausgesetzt sahen. Es war einfach noch zu unbekanntes Terrain auf dem sie sich bewegten.

In Spottkarikaturen verhöhnten die Etablierten Lars offensichtliche Abhängigkeit von Neidhardt, den man schon lange als Drahtzieher hinter den Kulissen der Steinernen Front ausgemacht hatte. So verbreiteten die Musterdemokraten ein Plakat das den kleinen schmächtigen Lars als Lastenträger darstellte. Er trug den hünenhaften Neidhardt huckepack einen steilen Berg hinauf, dessen Plateau das Gebäude mit dem Nationalforum krönte. Dabei schweißtriefend und sich auf allen Vieren bewegend.  

Nicht viel origineller betätigten sich die Superdemokraten. Auf ihren Flyern konnte man Lars mit einem alten klapprigen Handwagen sehen. Auf dessen Ladefläche ein riesiger Soufflierkasten montiert war, wie man ihn aus dem Theater kannte. In dessen Inneren Neidhardt seinem Strohmann mittels altertümlich anmutendem Kopfhörer Anweisungen erteilte.

Wenig beeindruckend. Recht bald mussten sie sich der Erkenntnis beugen, damit ins Leere zu zielen, denn Lars und seine stramme Truppe bedeuteten keine wirkliche Gefahr, wenn auch die Umfragewerte darauf hinwiesen dass diese Partei in das Nationalforum einziehen würde, jedoch mit kaum mehr als 10%.

Die weitaus größere Gefahr ging ohne Wenn und Aber von der Neuen Liga aus. Die kletterte von Woche zu Woche in Schwindel erregende Höhen, inzwischen lag sie bei ca. 35 %. Würde sich dieser Trend fortsetzen, gab es für die „Zwillinge“ wie die Etablierten in der Zwischenzeit genannt wurden, nicht mehr viel unter einander aufzuteilen.

Doch wie sich dieser Gefahr stellen? Elena in aller Öffentlichkeit verspotten? Undenkbar!

Die ersten Versuche scheiterten entsprechend auf kläglich e Weise.

Ein Plakat stellte Elena als barbusige Kampfamazone auf einem römischen Streitwagen in Rüstung, Stiefeln und zu kurz geraten Röckchen dar, die kupferrote Lockenmähne zerzaust und eine Peitsche schwingend.

Schnell wurde ihnen bewusst, dass sie ihr damit eher schmeichelten.

Der Schuss ging nach hinten los. Zudem war solcher Art Plakaten ohnehin nur ein Kurzes Leben beschieden, denn die wurden von Elenas allzeit gegenwärtige Anhänger schon nach kurzer Zeit wütend von den Wänden gerissen.

Wie entkam man einer Lawine die beständig ihr Tempo beschleunigte? Eine fast ausweglose Situation für die beiden alt gedienten.

Sollte man Elena in Neidhardts Nähe rücken? Es wurde schon seit geraumer Zeit hinter vorgehaltener Hand darüber diskutiert. Ein Bündnis hätten die geschlossen. Beweisen konnte man es nicht, aber immerhin, ein Aufhänger.

Elena betonte in der Öffentlichkeit stets dass sie mit der Steinernen Front nichts zu schaffen hatte, schließlich trete ja jede Gruppierung mit eigener Liste an, seien demzufolge Konkurrenten um Wählerstimmen.

Doch vermied sie in der Öffentlichkeit Verbalattacken auf Neidhardts Leute, schien diese geradezu zu schonen und das stimmte nachdenklich.

Elenas Popularität war so groß, das man ihr auch jene vermutete Nähe nachsehen würde, vermuteten die Wahlkampfstrategen des gegnerischen Lagers. Es musste mit äußerster Vorsicht vorgegangen werden.

 

Schließlich kam es zu einem ersten Schlagabtausch zwischen den führenden Kandidaten, selbstverständlich live im TV übertragen.

Ein Straßenfeger, der alles in den Schatten stellte, was es je zu sehen gab. Wohlweißlich strahlten die konkurrierenden TV-Sender an diesem Abend ein Einheitsprogramm aus. Gegen Elena schien auch die idiotischste Daily-Soap aussichtslos.

 

Chantal konnte es kaum erwarten ihrem großen Vorbild leibhaftig zu begegnen. Lange hatte sie dieser Chance entgegen fiebern müssen. Die Maskenbildner gaben sich die größte Mühe ihr Outfit der Situation entsprechend zu stylen.

Wie würde Elena in Erscheinung treten? Mit Sicherheit in einem ihrer alten Glamourkleider dazu angetan den Betrachter fast zu blenden wenn sie auf der Bildfläche erschien. Dem gedachte Chantal sich auf ihre Art anpassen.

Elena mit ihrem Aussehen die Schau zu stehlen kam Chantal nicht in den Sinn, sie war Realistin genug um zu akzeptieren, dass sie dazu nicht imstande war. Elena war einmalig! Elena war eben Elena!

Aber irgendwie in deren Nähe zu gelangen konnte sich am Ende als großer Karriereschub erweisen.

Eine andere Frage war die intellektuelle Ebene mit der sie es schon gar nicht aufnehmen konnte. Gelang es ihr die Autorität als Moderatorin  zu verteidigen, oder würde Elena das Gespräch einfach an sich reißen, wie sie fürchtete?

Ein starkes Grummeln machte sich in Chantals Magengegend bemerkbar. Panik? Nein, nur das nicht! Sie durfte auf keinen Fall die Fassung verlieren. Elena war nicht ihre Feindin, ganz im Gegenteil sie bewunderte diese charismatische Frau, sah in ihr ein Vorbild dem sie nacheifern wollte.

In einer halben Stunde sollte sie an deren Seite sitzen und hatte nicht den blassen Schimmer

was sie erwartete.

In der Zwischenzeit hatten die Maskenbildner ihr Werk vollendet, bzw. verunstaltet. Denn was sie da kreiert hatten, passte wie die Faust aufs Auge. Aber sie taten nur so wie ihnen von Chantal geheißen.

Sie trug ein leuchtend weißes Dirndlkleid mit Rüschchenzier entlang dem tiefen Ausschnitt, Strickereizier und Bändchenschnürung im Vorderteil, extrem kurz. Dazu blütend weiße Strümpfe. An den Füßen  knallrote High Heels. Schließlich einen silber-metallic-glänzenden Blazer. Die Haare straff nach oben gesteckt. Die Schminke, so dick aufgetragen, dass sie kaum die Mundwinkel bewegen konnte. An jeden Finger einen Brilliandring.

 

Sie erhob sich und begab sich in das Foyer des großen Kulturpalastes, in dessen heiligen Hallen das TV-Duell stattfinden sollte. Dort warteten die verschiedenen TV-Kanäle mit ihrer gesamten Ausstattung. Chantal kämpfte sich durch die Ansammlung in permanenter Angst anzuecken. Endlich erreichte sie den großen Saal. Auf der Bühne hatte man eine Sitzecke aus eleganten schwarzen Ledersesseln gruppiert. Auf dem mittleren würde sie sich platzieren. Elena womöglich neben ihr?  Noch waren die Kameraleute nicht in Aktion, dass würde sich aber schon in wenigen Minuten ändern. Nervös schritt Chantal vor der Bühne auf und ab. Das Herz klopfe ihr und die Knie zitterten.

 

Elena war in der Zwischenzeit eingetroffen, wie auch die drei weiteren Kandidaten umringt von einem Mitarbeiterstab, der ihnen den Weg in das Innere bahnte.

Bewusst lies sie sich ausreichend Zeit und gewährte ihren Kontrahenten demonstrativ den Vortritt. Geschickt entwand sie sich den ihr folgenden Schaulustigen und benutzte einen Nebenaufgang, dieser führte direkt zu einem schmalen und kaum ausgeleuchteten Seiteneingang. Elena kannte sich in diesem Gebäude noch immer sehr gut aus und wusste das zu nutzen.

„Sie haben uns nicht bemerkt. Es läuft so wie geplant. Wir warten hier noch einen kleinen Moment, bis die anderen ihre Plätze eingenommen haben, ich werde als letzte auf der Bildfläche erscheinen.“ Gab Elena letzte Anweisungen an ihre Begleiter und haschte durch die Pendeltür, die sich zur Linken der Bühne befand und den Blick auf die Sitzecke freigab.

Bei ihr waren Leander, Gabriela, Alexandra, Colette, Kyra, Cornelius, sowie einige weitere aus den Führungsstab der Neuen Liga.

„Immer nur die Ruhe bewahren!“ Elena atmete tief ein und aus, dem Anschein nach eine Art Beruhigungsmeditation.

„Ich hoffe dass ich noch nicht ganz aus der Übung bin. Ist ne Weile her, da ich zuletzt auf diese Art in Erscheinung trat. Man sagt zwar, das verlernt man nicht, aber man kann nie wissen.“

Sie zog Leander zu sich und küßte ihn auf den Mund.

„Wünsche mir Glück! Immer ganz fest, dann kann nichts daneben gehen!“

 

Ungeduldig hummelte Chantal auf ihren Ledersessel herum, auch die anderen, die sich nun vollzählig versammelt hatten wurden langsam ungehalten. Wo blieb Elena? In einer Minute sollte die Übertragung beginnen und sie war noch nicht eingetroffen.

„Hey, hast du Elena schon gesehen? Was soll das? Blick mal auf die Uhr!“ Raunte Chantal einen Regieassistenten zu, aber der zuckte nur ungläubig die Schulter.

Schweißperlen bildeten sich auf Chantals Stirn. Auch das noch! Die würden ihr womöglich noch das ganze Make-up versauen.

Da öffnete sich die Seitentür und Elena betrat den Saal, wie auf Befehl richteten sich alle Kameras und Mikrofone auf ihre Erscheinung, während sie im Sturmschritt auf die Bühne eilte und sich schwungvoll in den Sessel zu Chantals Rechter fallen lies.

Wenn Chantal glaubte, Elena als Glamourgirl oder Modepüppchen anzutreffen, war sie einen schweren Irrtum erlegen. Elena trug eine hautenge schwarze Leggins aus Feincord, dazu eine anthrazith-farbene  kurze Leinentunika darüber eine schwarze Samtweste mit Kragen. An den Füßen schlichte schwarze Leinenturnschuhe. Einzige Schmuckstücke waren ein an einem braunen Lederbändchen befestigter hellbrauner Holzanhänger, der zwei aneinander hängende Halbmonde erkennen lies. Elena hatte diese selbst entworfen und gefertigt. Ein Symbol, das in etwa  bedeutete, als dass  sich die universelle Liebe nach allen Seiten öffnen sollte.

Am Finger der linken Hand ein schlichter Edelstahlring, Leander hatte ihn ihr geschenkt, es war etwa zwei Wochen her, als sie sich verlobten. Nie wieder sollte sie sich von diesem Schmuckstück trennen. Ihre kupferrote Mähne trug sie offen.

Welche Erscheinung! In ihrer Schlichtheit, sinnlich, erotisch, verführerisch, an ziehend in jeder Hinsicht. Chantal wirkte dagegen wie ein Porzellanpüppchen aus der Biedermeierzeit.

Elena hatte die Kleidung sorgfällig und mit Bedacht gewählt. Das schwarz symbolisierte ihre Trauer über ein zu Grunde gerichtetes Volk, das seiner Erlösung harrte. Zugute kam ihr dabei das Wetter. Der Frühsommer legte gerade eine kurze Pause ein. Ein kleiner Temperatursturz sorgte für empfindliche Kühle. Somit konnte sie dieses Outfit tragen, ohne dabei ins Schwitzen zu geraten. Bei Hitze hätte sie mit Sicherheit etwas anderes ausgewählt. Diese Art sich zu kleiden sollte bald eines ihrer Markenzeichen werden.

„Grüß dich Chantal, altes Haus! Wie geht`s denn so?“ begrüßte Elena ihre Nachbarin und gab ihr im Anschluss einen Klaps auf den Schenkel, was zur allgemeinen Belustigung im inzwischen voll besetzten Saal beitrug.

„Mir? Äh…ja..äh, mir geht’s ganz gut im Moment!“ stammelte die völlig Überraschte.

„Freut mich!“ gab Elena zurück.

Die anderen geladenen Kandidaten verblassten neben ihr zu Schattenwesen aus der Unterwelt. Sie war der Star des Abends, die andern gerade mal Statisten.

Welche Erscheinung, Elena verzauberte vom ersten bis zum letzten Augenblick mit ihrer unnachahmlichen Art. Alle hingen wie gebannt an ihren Lippen und lauschten gespannt was sie von sich zu geben gedachte.

 

Chantals Herz klopfte und ihr Puls raste. Sie war so geschockt dass ihr entgangen war, dass das rote Lämpchen seit einigen Augenblicken leuchtete.

Elena beugte sich zu ihr und flüsterte ihr ins Ohr.

„Willst du nicht die Zuschauer begrüßen. Wir sind schon auf Sendung, oder ist dir das entgangen?“

Dabei fuhr sie mit der Nasenspitze an Chantals Wange hinunter. Ein Hitzeschauer ergoß sich über deren ganzen Körper.

„Äh ja, äh! Mei…Meine sehr geehrten Damen und Herren, hier im Kulturpa…palast und ..und  äh..zuhause an den Bildschirmen. Ich..ich darf sie recht herzlich zu unserer äh..Liveübertragung  be..begrüßen!“ Stammelte Chantal in ihr Mikro, in panischer Angst die Fähigkeit des Sprechens womöglich vollständig einzubüßen.

„Die heiße Phase des Wahlkampfes steht unmittelbar bevor. Wir haben uns heute hier eingefunden um einen ersten Blick auf die wichtigsten Protagonisten zu werfen. Personen, Programme, Perspektiven, so könnte man es nennen.“

Chantal hielt inne und kramte in ihrem Manuskript herum. Stille, im Saal ein leichtes Gegrummel.

 

Aus sicherer Entfernung, in einem der Nebenräume verfolgte Frederic die Szene an einem Bildschirm.

„Was zu Teufel ist hier los? Die hat wohl den Verstand verloren? Was ist das für ein dilettantisches Gestammel!  Die benimmt sich wie eine Amateurin, die gerade von der Schule kommt. Und überhaupt dieser Aufzug, die sieht ja aus wie ein Marzipanschweinchen das darauf wartet geschlachtet zu werden. Abbrechen! Sofort ab brechen! Das kann man sich nicht mehr ansehen!“

Fluchte er laut in die Runde seiner Mitarbeiter.

„Unmöglich! Wir können nicht mehr unterbrechen, Frederic. Das ganze Land hat sich versammelt um dabei zu sein. Wie stehen wir dann da!“ lehnte sein Programmdirektor kategorisch ab.

„Natürlich können wir das nicht! Das ist ja das Fatale!“ Frederic schlug sich mit der Faust auf das Knie.

„Aber sieh dir Elena an! Sieht die nicht wieder hin reißend aus!“ wagte der Programmdirektor zu bemerken.

Frederics Gesicht färbte sich blutrot.

„Kein Wort mehr! Ich will kein Wort mehr hören! Verstanden!“

 

„Wenn du nicht mehr weiter weißt, kann ich gerne die Moderation übernehmen. Weiß du, ich hab das früher öfters getan.“ bot Elena mit ironischem Unterton an. Die Zuschauer quittierten das mit leisem Beifall und Gelächter.

Das machte Chantal nur noch nervöser und außerdem wütend.

„Vielen Dank, aber ich verzichte! Ich kann das sehr gut! Auch ich bin nicht von Dummsdorf!“

„Zu meiner Linke, ja, äh… ich brauche sie ihnen wohl kaum vorzustellen. Sie haben sie alle längst erkannt, die Kandidatin der Neuen Liga, Elena!“

Stürmischer Beifall.

Elena erhob sich spontan und riss die Arme nach oben und machte mit beiden Händen das Victoryzeichen.

Erneut tosender Beifall im Saal.

Nur unter Schwierigkeiten gelang es Chantal sich Gehör zu verschaffen.

„Zu meiner Rechten, ich …äh kann ihn sicher so bezeichnen, den eindeutigen Favoriten dieser Wahl. Den bisherigen Führer der loyalen Opposition im Nationalforum, Dr. Helmfried“

Auch Helmfried erhob sich kurz, unterließ aber wohlweislich jede Gestik.

„Buhhh..buhhhh, Schiebung! Der ist niemals Favorit! Buhhhh….“

Schlug es ihr aus dem Publikum entgegen.

„Bitte! Wir wollen doch sachlich und fair bleiben!“ ermahnte Chantal, die vorübergehend ihre Fassung  wieder erlangt hatte.

„Weiterhin begrüße ich  den Kandidaten der derzeitigen und wer weiß,womöglich auch der nächsten Regierungspartei, Dr. Viktor.“

Es erhob sich ein schlanker, gut aussehender Jüngling in einem weinroten Anzug, kunterbunter Krawatte, stark gegeltem blondem Haar und solariumbrauer Gesichtsfarbe. Eine Goldgestellbrille zierte sein Gesicht und an den Händen jede Menge Klunker.

Zu kleiden verstand der sich jedenfalls, wenn er auch nicht all zu viel von Politik zu verstehen schien.

„Ich möchte sie darauf hinweisen, dass ich der Favorit dieser Wahl bin!“

Schallendes Gelächter erntete er mit dieser Aussage aus den Reihen unter ihnen.

„Und da wäre noch Lars, Kandidat der erst kürzlich gegründeten Steinernen Front, was immer sich auch hinter diesem ominösen Namen verbergen mag.“

Lars trug, wie nicht anders zu erwarten die mausgraue hochgeschlossenen Parteiuniform der Radikal-Revolutionäre.

Wie von der Tarantel gestochen erhob er sich und schlug instinktiv mit den Hacken zusammen, so wie er es gewohnt war.

Auch das trug zur allgemeinen Erheiterung bei.

Gut getarnt in der Jackentasche hatte Lars sein Handy, via SMS mit seinem Herrn und Gebieter Neidhardt verbunden, der ihm ständig neue Anweisungen erteilte, so zum Beispiel, das Hackenzusammenschlagen demnächst zu unterlassen.

„Meine Damen und Herren, soweit zu den Personen. Uns interessieren natürlich die Programme und Strategien, die hinter ihnen stehen. Somit kommen wir zu einer ersten Runde.

Elena, möchtest du den Anfang machen?“

„Nein, danke! Ich lasse den alt verdienten Parlamentariern gerne den Vortritt.“ lehnte diese höflich aber bestimmt ab. Das war ein entscheidender Teil  ihrer Strategie.

„Na gut! Dann komme ich zu Dr. Helmfried. Langjähriger Fraktionsvorsitzender der Musterdemokraten, den Menschen in unserem Lande wohlbekannt. Wie gedenken sie zu handeln, wenn es ihnen gelingen sollte, die Mehrheit im Hohen Hause zu erringen:“

Helmfried setzte sich in Positur. Er trug wieder seinen dunkelblauen Anzug und die silberne Krawatte, die Schwarze Hornbrille und das graugelockte wallende Haar  nach hinten gekämmt. Sein grauer Spitzbart schien zu glühen.

„Nun, in den zurückliegenden Jahren, war es mir vergönnt, meine Erfahrungen in die Tagespolitik einzubringen. Wir waren in der Opposition, das bedeutet, aktiv konnten wir nicht gestalten, so wie wir es gerne zum Wohle unseres Volkes getan hätten.

Voller Beklemmung nahmen wir zur Kenntnis, wie das Schiff von der Regierungspartei immer deutlicher auf Grund gesetzt wurde. Alle Versuche, den Kapitän auf die bevorstehende Katastrophe hinzuweisen, blieben ungehört. Diese Regierung hat einfach nicht genug getan. Ein verhängnisvoller Fehler. Nur so ist es zu erklären, dass wir völlig aus dem Takt gerieten und ich heute hier mit  Vertretern zweier neuer Organisationen zusammensitze, die nicht in diese Runde gehören und eine große Gefahr für unser Land darstellen, vor allem aber für unsere Wirtschaft. Diese Leute wollen eine anderes Melancholanien:“ Mit dem Finger wies er erst in Richtung Lars, dann direkt auf Elena.

" Diesen Leuten gedenke ich mich entgegenzustellen. Nur ich und meine treuen Gefolgsleute sind dazu imstande, das Ruder noch mal herumzureißen um der endgültigen Katastrophe entgegen zu wirken.“

Helmfried erkannte schnell, wo der tatsächliche Gegner saß.

„Danke! Elena, möchtest du jetzt?“

„ Mich würde zunächst interessieren, was der Vertreter der Regierungspartei diesen Anschuldigungen entgegenzuhalten hat.“ Elena begann unbemerkt die Moderation zu übernehmen, Chantal schien das gar nicht aufzufallen.

„Ja, richtig! Dr. Viktor, möchten sie direkt Stellung dazu nehmen?“

Der war ein wenig überrascht. Hatte er doch mit einem bedeutend längeren Statement von Seiten seines Vorredners gerechnet.

„Ja, das will ich gerne tun!“ Er schlug die Beine übereinander, um Lässigkeit vorzutäuschen, was ihm aber nicht sonderlich gelang.

„Großes haben wir geleistet! Unsere Partei kann auf gewaltige Erfolge verweisen. Die Unterstellungen von Dr. Helmfried sind infam. Das kann ich nur mit Entschiedenheit zurückweisen. Keine Regierung konnte bisher in so kurzer Zeit so vieles bewegen. Durch die angestoßenen Reformen gelang es uns eine Erneuerung in die Wege zu leiten, die ihresgleichen sucht und sich beispielgebend auf ganz Europa auswirken könnte. Melancholanien steht heute besser da denn je zuvor. Nie hätten das die Musterdemokraten auf den Weg gebracht, dessen bin ich mir sicher. Ich gehe mit gutem Gewissen in die Wahl.“

Die anderen erwähnte er mit keinem Wort, Viktor hatte die Zeichen der Zeit nicht erkannt und wähnte die Musterdemokraten als Hauptgegner.

„Jetzt wäre Lars an der Reihe!“ wies Elena Chantal an.

„Lars, wir hören dein Statement! Moment mal, wer moderiert hier eigentlich, Du Elena oder ich?“

Hastig blickte Lars noch einmal auf sein Handy.

„Verändern! Wir werden alles verändern! An Haupt und Gliedern! Nichts dürfen wir dabei außer Acht lassen. Das Alte Morsche ist vergangen, es lebe das neue, die neue melancholanische Republik.* Das Volk wird regieren, das Volk allein. Wir werden eine Säuberung durchführen, die unser Land noch nie erlebt hat.“

„Brrr! Da läuft es einem ja eiskalt den Rücken runter!“ klagte Chantal!

„Jetzt bin ich dran, oder hast du was dagegen?“ meinte Elena.

„Nein, natürlich nicht! Aber ich moderiere noch, oder?“

„Sie machen es mir ausgesprochen leicht, meine Herren. Auf solche Argumente lässt sich hervorragend eingehen.

Zunächst zu dir, Lars. Ich kann dir nur beipflichten, wenn du die die Überzeugung vertrittst, dass es gravierende Veränderungen geben muss. Der Meinung bin ich auch. Wir brauchen den Wechsel und wir können es. Aber ob wir dazu große Säuberungen benötigen, da wird mir schon bei dem Gedanken bange. Das sind garstige Worte.

Lieber Viktor. Weißt du, was du brauchst?“

Viktor schüttelte nur ungläubig den Kopf.

„Ein Weihrauchfässchen!“

„He? Ein was?“

„ Damit könntest du dich jeden Tag selbst beweihräuchern. Das ist es was dir noch fehlt. Denn die Gebetsmühle kannst du wie wir uns soeben überzeugen konnten, schon hervorragend betätigen.“

„Kannst du mir mal sagen wovon du sprichst?“ Viktor schien die Metaphern nicht zu knacken.

„Gebetsmühlenartig werden hier Heldentaten gepriesen, die am laufenden Band produziert werden. Das Problem ist nur, niemand vermag sie zu sehen. Das Land wird stattdessen von Tag zu Tag weiter ruiniert.“

„Ganz richtig! Das ist genau der Punkt, den ich vorhin bereits angeschnitten habe!“ schaltete sich Helmfried ein.

„Scheinheilig sind sie, mein lieber Dr. Helmfried. Tun sie doch nicht so, als ob es irgend­einen Unterschied gäbe zwischen ihnen und Viktor.  Ihre beiden Parteien wechseln einander seit Jahrzehnten regelmäßig in der Regierungsverantwortung ab. Und? Wo bleiben die Veränderungen? Sie gleichen sich wie ein Ei dem anderen. Man nennt sie nicht ohne Grund die Zwillinge!“

„Ich verbitte mir solche Unterstellungen. Das ist unerhört! Wie kommen sie dazu, so etwas zu äußern.“ empörte sich Helmfried.

„Ich komme dazu, weil es die Wahrheit ist. Die Spatzen pfeifen es schon von den Dächern. Ihre Parteien haben dieses Land in Grund und Boden gewirtschaftet. Tausende und Abertausende von Menschen wurden durch ihre Gesetze ins Elend gestürzt und sie besitzen die Dreistigkeit das als Erfolg zu preisen? Das ist empörend. Ganze Teile der Bevölkerung wurden de facto zu Rechtlosen indem man ihnen die elementarsten Menschenrechte entzog und sprechen von Befriedung?“ Elena kam jetzt so richtig in Fahrt und niemand war imstande, sie jetzt noch auszubremsen.

„Du sprichst doch nicht etwa von den Paria? Aber ich meine..ähmm, ja. Das sind doch nur Paria. Warum machst du so ein Aufhebens um diese Leute?“ wagte Viktor ein zu bringen.

„Für diese Äußerung sollte ich dich vor dem Staatsgerichtshof anklagen. Es sind Menschen. Menschen aus Fleisch und Blut.“

„Bitte, Elena, jetzt muss ich ein schreiten! So geht das nicht! Wir wollen doch zivilisiert bleiben. Wir wollen uns…“

Doch Chantal kam nicht weiter.

„Ach, halt den Mund und spiel mit deinen Puppen!“

„Du bist gemein!“ Tränen schlichen sich in Chantals Augen

„Also gut! Das Puppenspiel nehme ich zurück! Aber alles andere steht weiter im Raum!"

Melancholanien ist ein tief gespaltenes Land, breite Furchen haben sich wie Wunden in dessen Seele gegraben und harren ihrer Heilung. Diese beiden Herren dort werden kaum imstande sein, für Linderung zu sorgen!“ Elena wies auf Viktor und Helmfried, die vor Scham am liebsten in die Ritzen ihrer Ledersessel versunken wären.

Elena steigerte sich immer weiter in Wut und ließ ein Donnerwetter über  beide gehen, die bald mit hochroten Köpfen ihrem Strafgericht lauschten, kaum noch fähig, irgend etwas zu ihrer Verteidigung beizutragen.

„Als  Beispiel möchte ich die Reaktivierung nennen! Das ist eine Schande!, ich schäme mich, Melancholanierin zu sein. Menschen, die ihr Leben lang für den Reichtum einiger weniger geschuftet haben, werden aus dem wohlverdienten Ruhestand geholt und dürfen ihre Knochen für einen Hungerlohn zu Markte tragen.“

„A… aber wir sparen dadurch Geld, viel, viel Geld!“ versuchte sich Viktor in Erinnerung zu rufen. Doch weit kam er damit nicht.

„Geld, das in eure Taschen fließt. Schweiß und Blut formt ihr zu barer Münze.“

„Aber wir tun den Menschen einen großen Gefallen! Die Älteren wollen oft gar noch nicht in den Ruhestand. Viele fühlen sich durchaus noch in der Lage, etwas zu leisten. Und vor allem ihre Erfahrung ist gefragt. S

Wir geben ihnen damit das Gefühl sich als nützliche Individuen zu betrachten.“ entgegnete Helmfried.

„Ach nein! Haben sie sich die mal Mühe gemacht deren Meinung einzuholen. Sie bestimmen, wer zu wollen hat, und nicht die Menschen selbst. Weit haben wir es gebracht. Der Wert eines Menschen wird an seiner Leistung gemessen. Und nur daran. Das ist zutiefst inhuman. Jeder Mensch hat Lebensrecht, unabhängig von seiner Leistungsfähigkeit. Ich werde dafür Sorge tragen, dass Menschen wieder zu Menschen werden in diesem Land!“

Tosender Beifall! Es war ihr gelungen, die Anwesenden im Saal mit sich zu reißen und ihre Kontrahenten abzuhängen.  

 

Kaum noch Verkehr auf den Straßen, Alles hockte zuhause vor der Flimmerkiste, oder wo sonst noch ein TV-Gerät aufzutreiben war.

Weit im Norden des Landes, in einer kleinen, nur wenige Seelen zählenden dörflichen Gemeinschaft, saß in ihrer Dachkammer eine junge hübsche Frau mit rabenschwarzem langen Haar und tiefblauen Augen auf ihrer Bettdecke. Ihr Blick hing wie gebannt an der Mattscheibe und diesem unbeschreiblich schönen Wesen, das da zu ihr blickte.

Wie so viele andere war auch Madleen unsterblich in Elena verliebt. Endlich konnte sie diese wieder in ihren vier Wänden begrüßen, wenn auch nur digital.

In ihrem Herzen loderte ein sengendes Feuer und in ihrem Schoss wuchs ein unbändiges Verlangen nach Zärtlichkeit und Leidenschaft für diese Powerfrau.

Mit der Handfläche fuhr sie über den Bildschirm und spürte das kribbeln der magnetischen Spannung. Kaltes Glas und weiter nichts.

Nur einmal mit der Hand durch diese Lockenmähne fahren, nur einmal deren Düfte richten.

Einmal nur diese Haut ertasten. Mit dem Zeigefinger blieb sie auf Elenas tiefen spitzen Ausschnitt stehen, so als könne sie die Knöpfe weiter öffnen.

Sie preßte ihre Lippen an die Scheibe, doch statt sinnlich- warmer weicher Lippen spürte sie erneut nur kaltes Glas.

Ein Feenwesen aus einer fernen Dimension, abgehoben, unerreichbar.

„Komm heraus aus deinem Kasten, lass dich von mir entführen im meine kleine Kammer, schlüpfe unter meine Decke und lass dich liebkosen, die ganze Nacht.  Bleib bei mir Engel aus einer fernen Welt bis der Morgen graut. „ Hörte sich Madleen flehen.

Niemals würde dieser Wunsch  in Erfüllung gehen. Niemals? Wer weiß Madleen, manchmal geschehen Zeichen und Wunder.

  

„Elena es ist leicht zu kritisieren. Sicher viele deiner Argumente klangen sehr überzeugend.

Aber Theorie und Praxis sind zwei paar Schuhe. Sag uns doch einfach wie du dahin kommen willst. Was willst du ändern?“ Versuchte Chantal die Oberhoheit zurück zu erobern.

„Teilen! Ganz einfach, das was wir besitzen gerecht verteilen. Wir müssen die Teilung der Gesellschaft durch teilen überwinden.** Daran geht kein Weg  vorbei. Dass das denn Herren dort nicht gefällt ist dabei ohne Belang.“

Wieder richtete Elena ihren verachtungsvollen Blick auf die neben ihr sitzenden.

„Dieses Land muss lernen, das weniger oft mehr ist. Meine beiden Nachbarn haben keine Gelegenheit ausgelassen immer wieder darauf hinzuweisen. Aber wenn ich davon spreche, meine ich etwas ganz anderes. Es ist einfach, immer nur den kleinen zu predigen, den Gürtel enger zu schnallen und dabei selber aus den Vollen schöpfen.  Alle müssen dafür auf kommen. Solidarität heißt das Gebot der Stunde, oder nennen wir es meinetwegen auch Nächstenliebe, wie die Christen das zu tun pflegen. Zwei Begriffe gleicher Inhalt. Es kommt nicht auf die Bezeichnung an. 

Wichtig ist nur, dass wir den Begriff mit Leben füllen.

Die Spaltung der Gesellschaft muss überwunden werden. Ich möchte die Menschen aus allen Schichten und Kasten zusammenführen, damit sie wieder Lernen sich in gegenseitiger Achtung zu begegnen. Ich bin Ärztin, ich konnte schon so manche Wunde heilen. Lassen sie mich ans Werk gehen. Ich glaube ich verstehe mein Handwerk.“

Wieder brandete ihr der Beifall entgegen.

„Und Wunden müssen in der Tat sehr viele geheilt werden. Wunden, verursacht von verantwortungslosen Politikern, die nur ihren eigenen Vorteil nachjagen, die Interessen des einfachen Volkes aber völlig aus den Augen verloren haben. Viel Elend konnte ich in den zurückliegenden Monaten in der von mir und meinen Gefährtinnen und Gefährten ins Leben gerufenen Sozialstation kennen lernen. Wunden, die vermeidbar wären, hätten wir eine gerechte Wirtschaftsordnung. Aber meine beiden Nachbarn hier haben nicht das geringste Interesse auch nur einen Bruchteil davon zu ändern. Schande über all jene, die so etwas  unterstützen.“

Helmfried und Viktor rutschten in ihren Sesseln zusammen und wagten kaum noch zu atmen. 

Lars, der Kandidat der Steinernen Front konnte sich glücklich schätzen, dass seine Partei das Abkommen mit Elenas Gruppe geschlossen hatte, dass bewahrte ihn vor deren Verbalattacken.

Neidhardt signalisierte ihm per SMS, sich erneut an der Diskussion zu beteiligen.

Durch Zustimmung zu Elenas Aussagen, glaubte dieser Kapital für seine Partei herausschlagen.

„Ich möchte hiermit meine Übereinstimmung zu Elenas Aussagen zum Ausdruck bringen. In dieser Hinsicht stehen wir Seite an Seite. Ich kann versichern, dass wir, wenn wir denn das Nationalforum erobern, uneingeschränkt unserer Zustimmung zu Elenas Reformen geben werden. Wir sind bereit Elena zur Kanzlerin zu wählen."

Öl auf die Mühlen der Etablierten. Helmfried witterte Morgenluft. Endlich hatte ihm die andere Seite einen Ball zugespielt den er geschickt zu nutzen versuchte.

„Meine Damen und Herren, der Beweis für meine lange schon gehegten Vermutung. Elena sucht offen den Kontakt zu terroristisch unterminierten Gruppen. Die Steinerne Front ist doch nichts weiter als der politische Arm der Radikalrevolutionäre. Ich glaube, ich brauche dem nichts hinzu zu fügen. Sie erlebten gerade eine Selbstentlarvung. Da haben sie schon mal einen Ausblick auf all jenes, das uns bevorstünde, sollten diese Leute die Macht erobern. Einzig die Musterdemokraten sind im Stande dem Einhalt zu gebieten.“

Lars hatte Elena unbewusst in eine prekäre Situation manövriert. Neidhardt im Hintergrund hatte dies von Anfang an vor. Gelang es ihr sich  freizuschwimmen? Sie musste taktisch vor gehen.

„Immer wenn ihnen die Argumente abhanden kommen, legen sie die alte Platte auf. Die Nähe zu Terroristen. Hat man zufällig keinen zur Hand, bastelt man sich einen eigenen Taliban und schon braucht man nicht mehr auf Sachthemen einzugehen. Wie lange wollen sie uns noch diese abgestandene Brühe servieren? Glauben sie im ernst das ihnen das einer abnimmt?  Mal wird ein Köfferchen auf einem belebten Bahnhof so auffällig platziert dass ihn auch jeder sieht. In einer medienwirksam inszenierten Bergungsaktion wird dann das corpus delicti geborgen und in den Abendnachrichten darüber aufgeklärt, welch fürchterlichen Anschlag man doch vermeiden konnte. Ein andermal sind es Gasflaschen die zur rechten Zeit am Rechten Ort auf treten. Ich selbst habe in meiner Zeit als Moderatorin dutzende dieser getürkten Nachrichten verbreitet. Glauben tat ich das schon damals nicht, ich hatte nur nicht dem Mut es offen aus zu sprechen. Aber jetzt, jetzt tue ich es. Unsere Liga hat sich eindeutig von jedweder Form terroristischer Aktivitäten distanziert. Wir gehen den Weg des gewaltfreien Widerstandes. Wir sind bereit für unsere Sache, wenn es sein muss auch zu sterben, niemals aber würden wir dafür töten.“

Tosender Beifall, danach Hochrufe auf Elena. Die Stimmung im Saal schien hochexplosiv und nicht anders sah es auch bei den Zuschauern vor den Bildschirmen zu Hause aus.

Chantal sah sich genötigt ein zu schreiten.

„Bitte, meine werte Gäste, seien sie fair, lassen sie alle Meinungen zu. Wir befinden uns hier in einem ehrlichen Wettstreit um die besten Argumente.

Aber wie ich sehe haben sie ihren Favoriten gefunden. Dem kann sich wohl niemand entziehen, auch ich nicht.“

 

„Was quatscht die da wieder für einen Irrsinn? Sind denn hier alle verrückt geworden? Bin ich nur noch von Idioten um geben? Die soll Elena in die Falle locken und nicht hofieren. Ich glaube es nicht. Ist denn vor Elenas Gift keiner mehr immun?“

Fluchte Frederic wutschnaubend in seiner Kabine.

 

„Befangenheit! Ich sage Befangenheit! Hier in diesem Saal herrscht eine einseitige Bevorteilung für Elena. Das sollte mich nicht wundern. Die alten Seilschaften funktionieren noch ausgezeichnet, wie ich sehe!“ Beschwerte sich Viktor.

„Diesen Vorwurf muss ich entschieden zurückweisen. Unsere Sender agieren politisch neutral,ohne jegliche Bevorzugung.“ Wies Chantal den Vorwurf zurück.

„So wie sie es niemals waren!“ Flüsterte ihr Elena ins Ohr. Mit der Nase berührte sie deren Ohrläppchen. Die Glückshormone begannen in Chantal zu tanzen.

„Wir sind bereit mit allen zusammen zu arbeiten die guten Willens sind und einen echten Wechsel anstreben. Jedoch setzen wir voraus dass diese sich ebenfalls zur Gewaltlosigkeit bekennen. All jenen aber, die das alte morsche System künstlich am Leben erhalten wollen, präsentieren wir die rote Karte. Mit denen haben wir nichts zu schaffen.“

Meldete sich Elena erneut zu Wort ohne dazu aufgefordert worden zu sein.

„Elena, auf uns kannst du zählen, jederzeit!“ Bot sich Lars wieder an.

„Das sagtest du schon einmal, danke!“ Bog Elena schnell ab.

„ Dann sind die Karten also längst gemischt. Wir sind hier wohl überflüssig, wie ich sehe!“ Warf Helmfried der Versammlung vor.

„Ihr seid hier schon lange überflüssig! Es wird Zeit dass ihr die politische Bühne verlasst und zwar für immer. Eure Tage sind gezählt. Melancholanien braucht euch nicht mehr. Leider ist es euren Protagonisten bisher immer wieder gelungen die Menschen an der Nase herum zu führen, ihnen vor jeder neuen Wahl den gleichen Bären aufzubinden. Damit ist nun Schluss. Die echte Alternative steht zur Stelle und ist bereit Verantwortung zu übernehmen. Wir verabschieden euch in die beschauliche Ruhe der Geschichtsbücher. Möge sich viel Staub auf euren Häuptern niederlassen.“

Nun drohte die Stimmung überzukochen. Nur unter großer Anstrengung gelang es Chantal sich zu behaupten.

Elena befreite sich von ihren Schuhen so dass ihre sinnlichen Füße zum Vorschein kamen, dann lehnte sie sich  lässig im Sessel zurück und strich sich anmutig durch ihre kupferrote Lockenpracht.

„Elena! Elena! Wir wollen Elena!“ Drang es zu ihr herüber.   

Unbemerkt tastete sie sich mit den Fingern an Chantals Sessellehne nach oben bis sie deren Haaransatz im Nacken erreicht hatte. Dann fuhr sie langsam mit dem Zeigefinger an deren Wirbelsäule entlang.

Chantal zuckte vor Erregung zusammen, so als habe sie ein elektrischer Schlag getroffen.

Das Publikum tobte. Genau das war Elenas Absicht. Sicher, ihr widerstrebten ansonsten solche populistischen Gesten und Auftritte. Aber es schien im Moment keine andere Möglichkeit zu geben, den unpolitischen Menschen Melancholaniens wach zu rütteln.

Mit Sachargumenten konnte man bei den von  Dauerberieselung durch Dailysoaps jedweder Couleur narkotisierten Preka im Moment noch nicht viel punkten.

 

Nach Beendigung der Diskussion gab es noch einen Empfang im Foyer des Kulturpalastes.

Eine Flut von Blitzlichtern brandete auf Elena herab und sie hatte große Mühe sich durch die Reihen zu kämpfen. Die andern Kandidaten schien es gar nicht mehr zu geben. Niemand interessierte sich für die. Nur wenige Reporter nahmen deren Anwesenheit überhaupt noch wahr und konfrontierten sie mit Fragen.

Elena hingegen wurde so vereinnahmt dass sie kaum auf jede Frage eingehen konnte.

Chantal folgte ihr, sie schien wie in Trance.

An einem eigens errichteten Buffet klangen die Sektgläser. Endlich hatte sich auch Frederic zu ihr vorgekämpft.

„Chantal? Ich hab mit dir zu reden! Warte auf mich in meinem Büro! Verstanden!“

Wortlos schritt diese durch die Ansammlung in Erwartung einer Standpauke, doch das schien ihr egal in Angesicht dessen was gerade in ihr vorging.

„Ah Elena! So sieht man sich wieder! Lange nicht mehr gesehen!“ Begrüßte Frederic sein Ex.

„Ja, sehr lange, aber wie du siehst,  habe ich es überlebt!“ Konterte Elena geschickt.

„Schlagfertig wie früher, das hat mir immer an dir gefallen! Hast dich ganz gut geschlagen heute Abend, muss ich sagen, auch wenn ich mit deinen Argumenten nicht viel anzufangen weiß. Muss ich auch nicht unbedingt.“

„Nee, musste nicht!  Man tut was man kann. Wie du erleben konntest, sind wohl die meisten Anwesenden anderer Meinung. Aber wie ich dich kenne geht dir das am Arsch vorbei!“

„Ganz richtig! Ich würde die Sache nicht so hochspielen. Die Leute mögen dich, so wie früher, die Argumente sind denen doch piep egal. Die sind doch viel zu dämlich um so hochgestochenes Zeug nach vollziehen zu können.“

In der Zwischenzeit war auch Leander am Buffet angekommen und postierte sich direkt neben Elena.

„Ihr kennt euch noch nicht! Das ist Frederic Leander, mein Verflossener. Frederic dass ist Leander mein Neuer bzw. mein Verlobter seit hm, genau, seit 10 Tagen.“ Machte Elena die beiden mit einander bekannt.

Leander reichte Frederic nur kurz die Hand zum Gruss und schwieg verwirrt, die Angelegenheit war ihm außerordentlich peinlich.

„Aha, das ist also das Objekt der Begierde? Ich muss schon sagen Elena du enttäuschst mich.

Bisher glaubte ich stets an deinen guten Geschmack. Aber der, ich bitte dich. Wegen dieses Proleten hast du mir den Laufpass gegeben? Sag mal, wie unterhaltet ihr euch eigentlich? Versteht der unsere Sprache oder gibt er nur ein unqualifiziertes grunzen von sich?“

Beleidigte Frederic und tat so als sei Leander gar nicht anwesend.

„Gar nicht hinhören Leander! Der Typ ist nur eifersüchtig, das ist alles. Musst ja einen ganz schönen Durchhänger haben Frederic. Du tust mir echt leid. Kannst dich nicht mehr mit der schönen Elena schmücken, du Ärmster. Ich gehören jetzt ihm.“

Demonstrativ hakte sich Elena bei Leander unter und schmiegte sich an ihn.

„Na Frederic, kocht es langsam in dir über? Muss wirklich schlimm sein , so eine Niederlage einzustecken!“ Provozierte Elena weiter.

„Pah, wegen dem? Nimm dich nur nicht so wichtig. All die anderen Frauen sind auch nicht schlecht. Vor allem sind sie willfähriger!“

„So wie Chantal. Klar, das entspricht dir und deinen Neigungen. Was willst du dann? Sei doch froh das du mich los bist!“ konterte Elena.

„Bin ich auch! Bin ich auch! Wenn du dich mit einem Typ unseres Standes eingelassen hättest, kein Problem für mich. Ganz normal! War nie ein Thema zwischen uns. Aber muss es so ein stumpfsinniger Prolet sein? Guck ihn dir doch an, wie er da steht in seinem Anzug, wie hineingeborgt. Will den großen Mann spielen was? Nee, da musst du früher auf stehen. Hier reichen sich Menschen von Format die Hände. Hier gehörst du nicht her. Geh an dein Fließband und leiste erst mal was. Das ist die Welt die deiner würdig ist!“

Leander wollte sich auf Frederic stürzen, doch Elena hielt ihn geschickt zurück.

„Nein Leander, an so einem brauchst du dir die Hände nicht schmutzig zu machen.“ Sie stellte sich zwischen die beiden. Dann nahm sie ein volles Sektglas und leerte es in einem Zug, schluckte aber den Inhalt nicht hinunter.

Frederic war etwa gleichgroß, sie nahm ihm gegenüber Aufstellung, so dass sie in seine Augen blicken konnte.

Mit beiden Handflächen schlug sie sich  auf die Wangen, so dass sie den gesamten Inhalt ihres Mundes in Frederics Gesicht spuckte. Ein paar dutzend Kameras blitzen auf, eine hervorragende Schlagseite. Vor allem die Konkurrenzunternehmen würden sich daran auslassen den im Lande äußerst unbeliebten Medienmogul Frederic der Lächerlichkeit preis zu geben.

" jetzt ist dir hoffentlich bewusst, wie ich von dir denke. Du bist zu einem noch viel größeren Arschloch mutiert als zu jener Zeit da ich dich verließ. Komm Leander wir haben hier nichts mehr zu verlieren.“

Elena griff nach Leanders Hand und zog ihn durch die Masse hinter sich her, bis sie den Ausgang erreicht hatten.

Frederic wischte sich derweil mit einen Tuch sein Gesicht sauber. Das würde wieder trocknen, doch sein Ruf sollte nach diesem Vorfall für alle Zeit besudelt bleiben.

 

„Nur raus hier! Mir wird übel, ich könnte kotzen, wenn ich diese aalglatten Typen nur sehe.

Und mit diesem Schwein habe ich einmal das Bett geteilt. Ich möchte nie wieder daran erinnert werden. Komm Leander, ich hab für uns ein schönes gemütliches Hotelzimmer besorgt. Da gehen wir jetzt hin und lieben uns die ganze Nacht. Ich bin hungrig nach Liebe wie eine Wölfin. Soll Frederic in seine Eifersucht schmoren, bis er gar gekocht ist.“

Elena zog Leander an sich umarmte ihn und badete ihn in Küssen.

„Eine wundervolle Vorstellung, nichts täte ich lieber als dass. Aber es geht nicht, Liebes. Du weißt doch, ich muss mit Cornelius und den anderen noch heute Abend weiter ,nach Swingburga; dort haben wir morgen früh unseren nächsten Termin, die Diskussion mit Arbeitern des Stahlwerkes. Ein wichtiger Auftritt. Du hast  morgen früh deinen nächsten Auftritt, wir sind für ne Weile getrennt.“ Lehnte Leander schweren Herzens ab.

„Ja, richtig! Ist mir total entfallen. Ach dieser blöde Wahlkampf. Es macht zwar Spaß, aber das wir so wenig Zeit für einander haben ist nicht fair! Und die können nicht ohne dich?“

Bedauerte Elena.

„Nein! Ich muss schon dabei sein. Ist für mich doch auch eine große Chance in die Materie einzutauchen. Du weißt doch ich habe da Nachholbedarf.“

„Natürlich verstehe ich das!  Da musst du hin! Solltest du es dir wider besseren Wissens doch noch anders überlegen, du weißt wo du mich findest!“

Elena drückte seine Hände ganz fest und verabschiedet sich mit einem leidenschaftlichen Kuss.

 

Frederic versuchte derweil seine Wut an Chantal auszulassen. Die Kraftausdrücke wirbelten nur so durch die Luft und am Ende wurde er sogar handgreiflich. Er ließ keinen Zweifel daran, dass sie für ihn nur ein Flittchen war, mit der er nach belieben um springen konnte. Es gelang ihm seine gekränkte Eitelkeit auf diese Weise zu lindern.

Chantal lies es über sich ergehen, noch immer benommen von der Begegnung mit Elena.

Erst auf dem Nachhauseweg öffneten sich die Schleusen und ein Sturzbach bitterer Tränen entquoll ihren Augen.

 

Ziellos und noch immer verwirrt, irrte Chantal durch die Straßen der Großstadt. Ihre Erregung begann sich an der frischen Luft zu legen und wich einer nüchternen und logischen Betrachtungsweise. Sie musste zu Elena um diese zur Rede zu stellen. Ihre Wut kannte keine Grenzen und die gedachte sie ihr ins Gesicht zu schleudern.

 

Elena hatte sich in ihr Hotelzimmer zurückgezogen und genoss die Ruhe. Sie fühlte sich geschafft. Sie vermisste Leander, andererseits tat ihr das Abschalten gut. Denn Zeit für sich, Zeit sich ihren Gedanken hinzugeben, gab es nur noch sehr wenig in letzter Zeit.

Im Schneidersitz auf dem Bett hockend, barfuß und nur mit Leggin und Shirt gekleidet, einen Stoß von Manuskripten vor sich liegend, die alle noch der Lektüre harrten, nebenbei ihr Abendessen einnehmend, dass sie sich aufs Zimmer hatte bringen lassen. Zunächst sah sie sich die Abendnachrichten im Fernsehen an und konnte mit Freude zur Kenntnis nehmen, wie positiv über sie berichtet wurde. Ihr Auftritt hatte wie eine Bombe eingeschlagen. Es schien im Vergleich zum gestrigen Tag einen völligen Umschwung zu geben, was die Meinungen betraf. Das sollte sich am Folgetag in der Presse noch fortsetzen.

Sie war die strahlende Siegerin, das Land lag ihr zu Füßen. Die Verlierer weit abgeschlagen.

Helmfried, Viktor und auch Frederic. Die wurden geradezu vorgeführt und mit Kritiken überschüttet. Lars kam dabei noch am besten weg. Es zahlte sich aus, dass er es vermied sich mit Elena anzulegen, ihr ihm Gegenteil sogar des Öfteren beigepflichtete. Lediglich die Nähe zu Neidhardt wurde im angekreidet.

Elena blätterte ein wenig lustlos in dem Papierstapel. Plötzlich fühlte sie sich einsam. Ein Vorgeschmack auf das was den großen Politiker nur zu oft heimsucht? Schade, dass Leander ihr keine Gesellschaft leisten konnte.

Da vernahm sie das klopfen an der Tür.

„Warum klopfst du denn? Komm doch rein! Schön dass du es dir doch noch anders überlegt hast!“ sprach sie mit dem Rücken zur Tür, in der Annahme, Leander sei bei ihr eingetreten.

Jemand räusperte sich und ihr wurde bewusst dass es nicht Leander war.

Erschrocken wand sie sich um.

„Chantal? Du hier?"

„Ich…ich..äh! Komme ich ungelegen? Wenn du deinen Mann erwartest gehe ich wieder. Kann ich verstehen. Entschuldige wenn ich so bei dir eingedrungen bin!“ Stotterte Chantal verlegen.

„Nein, nein! Leander ist nicht hier, der wird auch nicht kommen. Ich bin alleine. Kein Problem. Aber mich würde schon interessieren, warum du mich zu so später Stunde mit deinem Besuch beehrst.“ Wollte die Überraschte verständlicher weise wissen.

„ Wo soll ich an fangen? Ich bin gekommen um von dir Rechenschaft zu fordern. Warum? Warum tust du so etwas? Womit habe ich deine Verachtung verdient“

„Was habe ich denn getan?“

" Mim doch nicht den Unschuldsengel Du hast mich völlig aus dem Konzept damit gebracht. Ich… ich war außerstande mich zu konzentrieren, hätte um ein Haar alles verpatzt. Das war doch Absicht! Du wolltest mich verwirren! Gib`s zu!“ Erwiderte Chantal, dabei nervös von einem auf das andere Bein wippend.

"Ich...ich wollte es doch nur richtig machen! Du hast mir alles versaut!" Chantal begann zu weinen und wischte sich laut schluchzend mit dem Handrücken die Tränen aus den Augen.

Mit ihrem bezaubernden Lächeln auf den Lippen streckte Elena ihr die Hand entgegen.

"Komm! Komm zu mir!"

Zögernd nahm Chantal das Angebot an und nahm auf der Bettkante Platz.

„Hast du Hunger? Kannst gerne mit mir essen. Ist eh viel zu viel für eine Person. Sie mal hier die Lachsschnitten sind ausgezeichnet.

Anmutig strich sich Elena ihr Harr nach hinten.

„Schon wieder! Du machst mich verrückt. Elena! Ich kann an nichts anders mehr denken. Ich wage kaum noch dich anzusehen.“

„Wieso? Sehe ich denn so hässlich aus?“ Antwortete Elena.

„Du weißt doch sehr genau, wovon ich spreche. Ich…ich werde verrückt, du wirst sehen ich werde wahnsinnig, ich verliere den Verstand, wenn du mich so ansiehst. Und dann deine Berührung im Studio. Es schien als sei ich von Blitz getroffen . Warum tust du das? Macht es dir Freude die Menschen aus der Fassung zu bringen?“

Beschwerte sich Chantal.

„Ach das ist es!  War es dir denn so unangenehm?“

„ Ich komme nicht damit klar. Ich hab so was noch nie erlebt. In meinen Kopf summt es so als habe sich dort einen Bienenschwarm niedergelassen. Mein Herz flattert und im Magen grummelt es.“

„Ach so! Jetzt wird mir einiges klar. Du bist erregt. Ist doch ganz normal. Da brauchst du dir keine Gedanken machen. Aber wenn es dir nicht unangenehm war warum beschwerst du dich?“ Bohrte Elena wieder nach.

"Magst du etwas trinken? Ein Bier vielleicht?"

Elena hob eine Flasche in die Höhe, öffnete diese und reichte sie Chantal. Die nahm sie entgegen.

"Prost!"Sprach Elena während sie ihre Flasche erhob. Dann stießen sie an und nahmen einen Schluck.

„Es ist alles so völlig neu, so vollkommen anders auf einmal und ich kann mir nicht erklären warum!“

„Wie alt bist du, Chantal?“

„26, warum willst du das wissen?“

„Aber du warst doch schon verliebt, hattest Affären und so?“

„Ja natürlich! Da gab es einige Männer!“

„Männer, ja schön und gut. Und was ist mit Frauen? Keine Frauen?“

„Frauen? Wie..wieso sollte ich…?“

„Chantal, du willst mir doch nicht weismachen das du noch nie mit einer Frau geschlafen hast. Das kann ich nicht glauben.“ Unterbrach Elena, lehnte sich zurück und streckte ihr die Beine entgegen.

„Das ist es also! Das hätte ich niemals für möglich gehalten. Chantal, Kind, du bist 26 und hattest noch keinen Sex mit einer Frau. Weist du was dir da entgeht.“

„Ich, ich weiß es eben nicht. Aber ich vermute sehr viel oder?“

" da kannst du Gift drauf nehmen. Also wenn ich das geahnt hätte, wäre ich dir mit Sicherheit fern geblieben im Studio.“

„Nein, nein, so war das nicht gemeint. Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Ich hab doch gesagt, dass es mir nicht unangenehm war. Nur eben völlig neu, so ganz anders eben.“

„Ganz anders als mit Männern, wolltest du sagen!“

„Ja richtig! Genau das!“

„Was soll ich dir sagen außer: Probieren, einfach probieren und du wirst sehen es wird zu einem unvergessenem Erlebnis. Übrigens fällt mir erst jetzt dein Outfit auf. Was ich sehe ist lächerlich. ich möchte lieber nicht sagen, an was du mich erinnerst. Du wirst es dir denken können. Warum tust du so etwas? Warum entwürdigst du dich auf so eine schändliche Art?"

„Die blöden Klamotten, dieses Püppchen, ich kann das nicht mehr sehen. Ich werde so nie mehr unter Menschen gehen.“ bekannte Chantal.

Elena klatschte in die Hände.

„Bravo! Ich gratuliere dir! Genau die richtige Einstellung. Du hast einen guten Weg eingeschlagen. Diese Maskerade, lächerlich, einfach lächerlich, sie passt zu dir wie eine Faust aufs Auge. Ständig war ich am Überlegen, wie wohl der Mensch darunter aussieht. Ich konnte natürlich nicht wissen, diesen Menschen heute noch kennen zu lernen.“

„Eine spontane Entscheidung. Ich irrte eine Weile durch die Gegend, da erinnerte ich mich daran, dass du hier abgestiegen bist, du erwähntest es vorhin so am Rande, da bin ich einfach einer Eingebung gefolgt und hier eingetreten.“

„Bingo! Dann hat sie dich recht geleitet. Aber komm, wollest du nicht doch was essen, bedien dich.“

Die beiden aßen und tranken zusammen und kamen sich in ihrem Gespräch immer näher .

„Ich… ich wollte immer sein wie du Elena. Habe mich bemüht dich zu kopieren, aber, es gelang mir einfach nicht. Ich musste feststellen, du bist nicht nachzuahmen. Alles an mir ist mangelhaft, mein Auftreten, meine piepsige Stimme und ich bin nicht annähernd so schlagfertig wie du. Ich bin eine Null.“

„Aber warum in aller Welt willst du mich kopieren? Das brauchst du nicht. Jeder Mensch ist einmalig. Sei einfach du selbst und das mit ganzen Herzen. Wir brauchen keine Zweite Elena, aber wir brauchen eine echte authentische Chantal, bereit ihre Talente in die Waagschale zu werfen. Und du hast Talente, mache dich ans Werk sie frei zu legen.“

„Ach mit den Talenten das ist auch so eine Sache. Deshalb bin ich vor ein paar Jahren in diese blödsinnige Castingshow gegangen.> Melancholanien sucht die Supermoderatorin< bei dieser Gelegenheit lernte ich Frederic kennen. Der führte  die Jury und vertrat die Meinung dass ich völlig untalentiert sei und mich lieber gleich ans Fließband stellen soll. Gebettelt habe ich, dass er mir eine Chance gibt und es doch mal mit mir versucht. Er tat es dann auch für bestimmte Dienste,  wenn du weißt was ich meine.“

Elena lachte laut auf.

„Chantal, ich kann es mir vorstellen. Ich bitte dich, was interessiert dich die Meinung dieses dämlichen Möchtegern-Playboy. Frederic und guter Geschmack, das funktionierte noch nie.

Seinen schlechten Geschmack versucht er dem ganzen Land über zu stülpen. Weißt du was ich sehe. Ich sehe eine hübsche, talentierte junge Frau, die sich weit unter Wert verkauft, sich zum Püppchen machen lies, obwohl sie zu viel Bedeutsameren berufen ist.. Aber heute hast du den Anfang gemach. Sag mal, deine Haar sind gebleicht oder?“

„Ja! Sieht man das?“

„Welche Farbe hatten sie ursprünglich?“

„Mittelblond!“

„Siehst du! Mittelblond steht dir viel besser, weil natürlicher, weil du es bist. Das wird der nächste Schritt. Und vor allem musst du dich von diesem Ekel Frederic lösen. Der ist es nicht wert das du dich seinetwegen aufgibst. Lass mich überlegen: Wenn du magst, kannst du jederzeit zu mir, dass heißt zu uns kommen. Wir bauen  gerade neue Medien auf, eine Gegenöffentlichkeit. Wir brauchen ständig Helfer. Dort kannst du mitwirken und brauchst dein Talent nicht unter den Scheffel zu stellen. Keiner wird dich bevormunden, wenn du mit alten Jeans und zerzaustem Haar herumläufst.“

Das war zu viel, nun konnte Chantal nicht mehr an sich halten, ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie hielt sich die Hand vor das Gesicht und schluchzte auf.

Elena rutschte zu ihr auf die andere Seite legte ihren Arm um Chantal und drückte sie fest an sich.

„Hey, hey. Da hab ich wohl einen wunden Punkt erwischt? Aber es ist ganz gut so, lass es einfach raus! Ich denke es wurde auch höchste Zeit.“

Sie streichelte Chantals Wangen und ihr Haar, trocknete deren Tränen im Gesicht. Hielt sie einfach nur. Wie eine ertrinkende klammerte sich Chantal an Elena. Die Zeit verging. Doch die Uhr spielte in diesem Augenblick keine Rolle.

Von der Straße drang das Gelalle eines Betrunkenen zu ihnen. Beide mussten lachen.

„Na, alles in Ordnung, Chantal?“ Flüsterte Elena sanft in deren Ohr.

„Alles ok! Danke dir Elena. Ich weiß gar nicht wie ich dir danken soll. Ich fühle mich auf einmal so frei, wie noch nie in meinem Leben. Es ist als habe einer ein Tor aufgestoßen. Ich spüre die Weite die sich vor mir auftut, so als würde ich eingeladen einfach loszulaufen.“

„Dann tue es! Tue es einfach und du wirst sehen es wird dir unendliche Freude bereiten!“

Langsam, ganz langsam löste sich Chantal aus Elenas Umarmung.

 Tausendmal Dank, liebe Elena. Es tat so unendlich gut. Ich bin so froh mich durchgerungen zu haben.“

„Und ich danke dir! Für dieses tolle Gespräch, für diesen netten Abend den ich mit dir verbringen durfte.“

„Dann will ich mal aufbrechen. Erst mal sehen wie ich es verkrafte.“ Chantal taumelte als sie sich erhob.

„Schade! Ich dachte du bleibst! Aber es  ist deine Entscheidung. Du kannst gerne bei mir übernachten wenn du magst!“

„Wie meinst du das?“

„Wie ich es sage. Es ist schon spät. Sieh her, das Bett ist breit genug für zwei.“

„Du meinst wir sollten…. wir sollten es… einfach tun?“

Chantals Blut begann zu kochen.

„Ja, das meine ich! Ich wünsche es mir. Und wenn du ehrlich zu dir bist? Wünschst du es dir nicht auch von Herzen?“

„Aber… ich weiß doch nicht einmal wie das geht! Würdest du es mir zeigen?“ Chantals Kopf rötete sich ein wenig vor Verlegenheit.

„Immer eins nach dem anderen! Erstens, da wir hier im Hotel sind, das > Bitte nicht stören Schild< an die Tür.“

Elena wedelte mit dem Kärtchen in Luft, dann schritt sie zur Tür und befestigte es an der Türklinke.

„So, das ging doch schon mal ganz einfach! Und jetzt machen wir es uns richtig gemütlich. Darf ich bitten schöne Dame.“ Elena wies auf das Doppelbett.

Chantal lies sich zaghaft wieder darauf nieder und zog die Lederjacke aus. Dann streifte sie die Schuhe von den Füßen. Elena war derweil im Badezimmer verschwunden, als sie wieder erschien war sie nackt.

„Willst du angezogen bleiben? Ganz ohne ist es bedeutend schöner.“

Beim Anblick von Elenas Körper stockte Chantal der Atem.

„Du…du bist wunderschön. Ich habe noch nie so einen Frauenkörper gesehen. Du hattest Recht, da hab ich wirklich einiges versäumt. Ich kann aber nicht mit halten wie du gleich sehen wirst.“ Nun entledigte sich auch Chantal ihrer restlichen Klamotten.

„Sieh selbst!“

„Was ich sehe ist wunderbar und sinnlich. Es gibt keinen Grund deinen Körper abzulehnen.“

„Aber meine Hüften, sind die nicht zu ausladend. Frederic meint ich solle die Fettpölsterchen runterhungern, hab ich auch versucht, aber sie kommen immer wieder!“ Klagte Chantal ohne Grund.

„Was für ein gequirlter Unsinn. Ich bin vernarrt in kleine Pölsterchen.“ Elena schritt auf sie zu und fuhr mit den Händen an ihrem Körper entlang und kniff ihr in den Po. Chantal glaubte einen Moment wie ein Draht zu glühen.

 

Elena streichelte ihr Gesicht, dann die Schultern und gab ihr einen Kuss.

„Was für ein süßer Popo. Was für ein süßes Frauchen du doch bist. Es gibt nicht den geringsten Grund für Minderwertigkeitskomplexe. Las dir so was nicht einreden. Komm einfach!“ Lud Elena ein und streckte ihren Venuskörper auf dem Bett aus.

Chantal krabbelte zu ihr und kuschelte sich ganz in Elenas Arme.

„Ja so ist es richtig!“

„Wenn… wenn ich etwas falsch mache, dann sag es einfach!“

„Da gibt es nichts falsch zu machen! Komm, lass dich einfach von mir verwöhnen. Leg dich auf den Rücken!“ Zärtlich stubst Elena Chantals Nase.

Chantal gab sich voller Vertrauen in Elenas Hände. Schon die Art wie Elena mit ihr sprach, diese sanfte engelgleiche Stimme Chantal fühlte einen warmen Strom ihren Körper durchfluten.

Elena nahm seitlich Platz und legte ihren Arm um Chantals Schulter. Mit der anderen Hand streichelte sie zunächst deren Gesicht, wischte die Haare zur Seite, da entdeckte sie den blauen Fleck unter Chantals linkem Ohr.

„Was ist das denn?“

„Das war Frederic, dem ist die Hand ausgerutscht! An der Stelle hat mich sein Siegelring getroffen!“

„So ein mieses Schwein!"

 Dann fuhr sie ganz langsam über die Schultern und erreichte die vollen Brüste. Tastete mit dem Zeigefinger die Brustwarzen. Chantal spürte wie diese unter Elenas Berührung hart wurden und wie sich das Feuer zwischen ihren Schenkeln entzündete. Sie bebte unter dem erregenden Schauer ihres Verlangens.

Chantals Atem wurde schneller und hektischer.

„Elena, ich ..ich ..glaube.. ich ..werde ..ohnmächtig!“

„Ruhig, ganz ruhig atmen Chantal. Ein und aus und ein und aus, lass dich einfach von mir tragen. Keine Angst, ich bin bei dir.“ Flüsterte Elena in ihr Ohr, dann begann sie Chantal mit Küssen einzudecken. Mit der Hand fuhr sie weiter bis sie zum Bauchnabel vordrang. Schließlich hatte sie die Innenseiten von Chantals Beinen erreicht. Diese stöhnte laut auf und krallte sich mit den Händen in die Bettdecke.

„Du darfst mich auch berühren, wenn du magst.“ Forderte Elena sie auf und dass lies sich Chantal nicht zweimal sagen, sie griff nach Elena und begann nun ihrerseits diese zu streicheln zu küssen zu umarmen. Beide wurden aktiv, wurden eins in diesem Moment.

Heftiges Verlangen, sich einander hingeben. Kein Körperteil wurde ausgelassen, selbst die Füße kamen zu ihrem Recht.

Haut überall, weiche geschmeidige Frauenhaut.

Gekonnt lies Elena ihre Hand zwischen Chantals Schenkel gleiten und drang in diese ein. Der Höhepunkt! Schweißgebadet klammerte sich Chantal  in höchster Ekstase an Elena. Danach sank sie benommen in deren Arme.

Behutsam nahm Elena die neue Freundin an sich , dabei halb an die Wand des Zimmers angelehnt und streichelte dabei sanft deren Körper. Wie ein Säugling nuckelte Chantal an Elenas Brustwarzen. Die Zeit schien still zu stehen.

 

Chantal befand sich in einem Zustand den sie nicht recht zu deuten vermochte. Zwischen Schlaf und Wachbewusstsein.

Nur ganz langsam kehrte sie zurück. Da spielte irgendwo ein Orchester sanfte sinnliche Musik. Es gelang ihr lange nicht die Augen zu öffnen, endlich konnte sie sich dazu durchringen.

Noch immer hielt sie Elena in ihren Armen.

„Guten Morgen, mein blonder Engel, wie fühlst du dich?“ Begrüßte sie Elena ganz leise in ihr Ohr flüsternd.

„Ich schwebe!“ gelang es Chantal mühevoll zu antworten.

„Der Morgen graut Chantal, wir haben noch etwas Zeit. Komm langsam zu dir, kehr ins Leben zurück, ich helfe dir dabei.“

„Ich danke dir Elena! So etwas Schönes habe ich noch nie erlebt. Ich bin total glücklich, ich kann es nicht erklären….“

„Pss!“

Elena legte ihren Zeigefinger auf Chantals Mund.

„Das brauchst du nicht.  Auch Ich kann dir nur danken für diese wunderschöne Nacht. Du warst traumhaft.“

Mit dem Finger fuhr Elena wieder über Chantals Gesicht. Zog die Konturen nach.

„Lass uns noch eine kleine Weile liegen, magst du dann zusammen mit mir duschen?“ Lud Elena ein.

„Au ja, das wäre toll!“

„Anschließend frühstücken wir noch zusammen. Danach müssen wir uns leider trennen. Wenn`s auch schwer fällt. Ich hab schon früh am Morgen Termine. Einen nach dem anderen.

Wird ein langer Tag heute.“

„Ich auch! Darf gar nicht dran denken! Ich weiß nicht wie ich mich heute auf irgend etwas konzentrieren soll.“ Klagte Chantal während sie mit der Hand durch Elenas Lockenmähne fuhr.

„Dass bekommst du schon hin! Nach der Stärkung dieser Nacht wird dir alles gelingen.“

Etwas später erhoben sie sich.

Laut juchzend wie die Kinder seiften sie unter der Dusche einander ein und spürten das Wasser auf der Haut prickeln.

 

Später am Frühstückstisch die letzten Worte austauschen.

„Ich hab Angst Elena!“

„Wovor fürchtest du dich?“

„Ich weiß nicht wie ich den Tag nach diesem Erlebnis bewältigen soll?  Ich bin immer noch in Trance. Wie soll ich diesem Ekel gegenübertreten?“ Fürchtete sich Chantal, während sie in ihrem Müsli löffelte.

„Du meinst Frederic? Hm, was kann ich dir da auf den Weg geben? Du musst dich der neuen Situation stellen. Daran geht kein Weg vorbei. Aber wenn du nicht mehr willst, mein Angebot steht.

Du kannst jederzeit zu uns kommen.“

„Du bist so lieb zu mir! Ach Mist, ich muss schon wieder heulen!“ Tränen schossen in Chantals Augen. Elena legte ihre Hand sanft auf jene von Chantal.

„Alles wird gut! Du wirst sehen! Leicht ist es nicht für dich im Moment, aber ich verspreche dir, schon im Laufe dieses Tages wirst du beginnen die Welt mit völlig andern Augen zu betrachten. Positive Gefühle werde dich aufrichten und du fühlst dich wie neugeboren.“

Elena rückte näher zu ihr und flüstere ihr ins Ohr.

„Dann kannst du diesem Scheißkerl Frederic den Stinkefinger zeigen.“

Chantal kicherte gemeinsam mit Elena.

„Du hast Recht. Ich muss mich zusammen nehmen.“

„Ich muss gerade an diese alberne Castingshow denken, von der du gestern sprachst. Frederic versuchte mich ständig zu überreden mit in die Jury zu kommen. Die Versuchung war stark. Da stehen dir lauter hübsche Mädchen und ebenso hübsche Jungs gegenüber bereit alles zu geben nur um eine Chance zu ergattern. Wenn nötig sich willenlos hinzugeben. Frederic hat das schamlos ausgenutzt. Ich hätte es ebenso vermocht. Heute bin ich heilfroh es nicht getan zu haben. Ich weiß nicht was es war, aber irgend etwas schien mich daran zu hindern.“Erinnerte sich Elena.

„Und wenn doch? Dann hätten wir uns womöglich gegenüber gestanden. Ich als Zofe, du als Herrin!“ Meinte Chantal ironisch.

„Nein, dann hätte ich dich befreien und auf mein Schloss in Sicherheit bringen können.“

Elena zog Chantal sanft zu sich und küßte sie auf die Wange.

„Siehst du, dass ist es was ich ändern möchte. Nur noch diese Wahl gewinnen, dann lass uns eine Welt aufbauen in der es keine Frederics mehr geben braucht die mit ihren gerafften Vermögen protzen und glauben sich alles erlauben zu können ohne auf die Gefühle anderer zu achten. Ohne Castingshows und sonstigen Blödsinn. Dafür werden wir auf ehrliche Art Talente fördern. Das wäre eine Welt!“ Begeisterte sich Elena.

„Gerne würde ich dich dabei unterstützen. Ich stelle es mir  großartig vor Aber jetzt muss ich leider los. Es fällt mir unheimlich schwer Lebewohl zu sagen. Ich fürchte wenn ich noch länger verweile komme ich überhaupt nicht mehr weg. Nochmals, Tausend Dank für deine Liebe Elena. Davon werde ich noch Wochen lang zehren.“

Sie umarmte Elena und die beiden verabschiedeten sich.

„Ach übrigens Chantal! Es muss nicht bei dem einem Male bleiben. Wir können uns wieder sehen wenn du magst. Ganz gleich wo. Hier oder auch bei mir draußen in der Abtei. Meine Telefonnummer hast du. Komm einfach und lass es uns genießen.“

Elenas Einladung war verführerisch.

„Echt? Ist das dein Ernst? Aber natürlich werde ich kommen! Wollte die alte Abtei schon immer mal sehen. Ganz bestimmt! Ich melde mich!“

Chantal warf Elena eine Kusshand vom Ausgang her zu, dann stürmte sie überglücklich auf den Gehsteig hinaus. Sie fühlt sich wie ein Küken, das gerade der Eierschale entronnen.

Alles schien neu. Sie betrachtet die Welt mit anderen Augen. Sie war noch immer die gleiche, doch auch eine völlig andere.

Elena hatte ihr den Weg in eine neue Welt erschlossen, es lag an ihr diesen zu beschreiten.