Fehlermeldung

Deprecated function: The each() function is deprecated. This message will be suppressed on further calls in menu_set_active_trail() (Zeile 2405 von /kunden/409241_99994/webseiten/includes/menu.inc).

Prickelnde Verführung

 

Langsam aber sicher begann sich Kovacs ernsthafte Gedanken zu machen. Noch immer waren Elena und Leander kein Liebespaar. Dabei himmelten die sich an, man brauchte kein Atomphysiker zu sein, um das herauszufinden, die Spatzen pfiffen es von den Dächern. Dem Anschein nach wartete einer auf des Anderen ersten Schritt. Aber es tat sich  nichts. So konnte es nicht weitergehen. Während Ronald und Alexandra, oder sogar Folko und Kyra in ihrem Glück badeten, fanden die beiden einfach nicht zueinander.

 

Zu unterschiedlich, zu sehr an ihre jeweilige Herkunft gebunden.  Kovacs konnte den Spruch nicht mehr hören und wollte diesen Umstand nicht gelten lassen. Es gab immer einen Weg. Doch selbst er, der große, mit allen Wassern gewaschene Dichter tapte noch völlig im Dunkel.

Es musste etwas geschehen!  Es tat schon weh mit ansehen zu müssen, wie die beiden aneinander vorbei liebten. September war es, die beiden lebten jetzt schon einen Monat hier. Bevor sich der Sommer seinem Ende zuneigte, wollte er das ungleiche Paar zusammenbringen, koste es, was es wolle.

Trocken und heiß, so präsentierte sich der Späthsommer und holte noch einmal kräftig auf, vor allem staubig, wie gut, dass man einen Stausee direkt vor der Haustür hatte. Das abendliche Bad darin genossen alle ausgiebig.

Kovacs saß auf dem Damm und blickte auf die langsam und gleichmäßig ans Ufer rollenden Wellen und ihren sanften Klang, wenn sie sich schließlich an Land  brachen und zurückrannen war das Musik in seinen Ohren, schließlich setzte die Dämmerung ein und der Mond begann als blasse volle Scheibe am Horizont seinen Weg über die Weiten des Himmels. Ihm gegenüber schickte sich die Sonne an, als roter Ball in den spärlich vorhandenen Wolken zu versinken. 

Zu seiner Linken, in einiger Entfernung, war Folko gerade damit beschäftigt Kyra das Schwimmen beizubringen, das Plätschern und Juchzen drang zu ihm herüber, störte aber nicht weiter. Da bemerkte er wie sich ihm Elena langsam von der anderen Seite näherte.

„Hallo Kovacs! Ein wunderschöner Abend ist das!“ begrüßte sie den Dichter.

„Ja, ganz phantastisch, so etwas liebe ich!“ gab der Angesprochene zurück.

„Was machen die beiden da unten?“ wollte Elena mit einem Blick auf Folko und Kyra wissen.

„Folko hat sich vorgenommen, Kyra das Schwimmen zu lehren. Unsere Wildkatze scheint aber wie es aussieht ein wenig wasserscheu zu sein.“ erwiderte Kovacs.

„Wie? Kyra kann nicht schwimmen? Hätte ich nicht gedacht!“

" Wo hätte sie das lernen sollen? In ihrem Leben gab es keinen, der ihr die nötigen Kniffe hätte vermitteln können. Nun hat sie einen ausgezeichneten Lehrer gefunden, wie man unschwer erkennen kann.“ klärte Kovacs auf.

„Das stimmt natürlich! Dabei hat Kyra einen  so sportlichen Körper, sieh doch. Die hätte bei Wettkämpfen sicher meisterhaft abschneiden können. Muskulös wie ein Junge, aber mit einem hübschen Gesicht.“ glaubte Elena zu wissen.

„Sag mal, wo ist Leander eigentlich?“ versuchte Kovacs dem Gespräch eine andere Richtung zu geben.

„Keine Ahnung! Woher soll ich das wissen?“

„Na, ich dachte, ihr wart zusammen am Nachmittag?“

„Nee, müssen wir das? Ich weiß nicht, wo er steckt. Irgendwo wird er sich schon rumtreiben.“ versuchte Elena Desinteresse vorzutäuschen, was ihr aber nicht sonderlich gelang.

„Also, ich wollte mal mit euch beiden reden, deshalb frage ich dich!“ gestand Kovacs.

„So? Mit uns beiden?  Und was gibt es so Wichtiges, worüber du mit uns an einem so herrlich anmutenden Spätsommerabend sprechen willst?“ fragte Elena, obgleich sie die Antwort hätte wissen müssen.

„Über was denn schon? Kannst du dir das nicht denken?“

„Nicht das ich wüsste!“

„Glaube ich nicht!“

„Ach Kovacs, was soll das? Sag doch einfach, was du von mir willst, dann kommen wir möglicherweise heute Abend noch auf den Punkt!“

„Also gut, dann ohne Umschweife! Sollte ich mich irren, oder kann es sein, das ihr beide, Leander und du, euch  seit einiger Zeit aus dem Wege geht?“ forschte Kovacs nun ganz direkt.

„Ach so, das!  Hätte ich mir eigentlich denken können. Fang doch nicht schon wieder damit an. Was soll das? Du bist nicht für unser Lebensglück  verantwortlich. Ich fühle mich gut! Nie ging es mir besser, das neue Leben passt wie angegossen. Leander geht es, zumindest dem Anschein nach, auch gut. Also, was willst du mehr? Sicher, ich empfinde durchaus mehr als nur Freundschaft für ihn, zugegeben. Aber er muss den Anfang setzen und wenn er es nicht kann oder auch nicht will oder wie auch immer, dann ist das nicht mein Problem. Dass hab ich dir schon ein paar mal gesagt. Ich verstehe nicht, warum du immer wieder damit anfängst?“ gab Elena genervt zurück.

„Warum ich immer wieder damit an fange? Weil ihr euch in Sehnsucht verzehrt, alle beide. Da möchte man einfach nachhelfen. Das kann man sich doch nicht mehr ansehen.“ gab Kovacs zu verstehen.

„In Sehnsucht zueinander verzehren? Ich bitte dich, jetzt spricht der Dichter. Da geht die Phantasie gründlich mit dir durch.“ bog Elena ab.

„Meinst du? Elena, geh in dich und siehe, dass ich die Wahrheit spreche. Wer den ersten Schritt tun soll? Du willst mir weis zu machen, dass du das von Leander erwartest? Das wäre neu. Eine Elena die sich erobern lässt?“

„Warum nicht? Ich habe mich geändert, wie du unschwer zugeben musst. Warum sollte es Elena nicht auch einmal genießen, verführt zu werden.“

„Weil das überhaupt nicht zu dir passt. Mit deiner Wandlung hat das nichts zu tun und das weißt du ganz genau. In dieser Hinsicht brauchst du dich nicht zu ändern, im Gegenteil, das wäre fatal, wäre ein gewaltiger Rückschritt. Du wirst nie ein Heimchen am Herd, das wäre eine diabolische Verschwendung. In jeder Beziehung wirst du auch weiter die Hosen an haben und ich sehe in dieser Tatsache nichts Negatives.“

Elena musste sich eingestehen dass der Dichter die Wahrheit sprach. Dem hatte sie kaum etwas entgegensetzen. Ihr stand es frei, sich auf Leander zu zu bewegen und ihn direkt anzusprechen, so wie sie das bisher immer getan hatte. Sie war außerstande zu ergründen warum sie sich in diesem Fall so zierte. War es das neue Leben, die neue Umgebung? Sie fand die Antwort nicht.

„Dein Schweigen signalisiert das du mir zustimmst? Du bist nur nicht imstande, die Worte über deine Lippen zu bekommen?“

„Jaja, möglicherweise hast du  Recht? Zufrieden? Und? Was soll ich tun? Verdammt noch mal, ich weiß es nicht! Ich weiß nicht, warum ich bei ihm nicht landen kann! Eine Blockade, oder weis der Teufel! Keine Ahnung!“ Elenas Tonfall wurde energischer.

„Ich glaube nicht, dass das etwas mit dem Teufel zu tun hat. Ich denke eher, dass der Liebesengel dich sehr unverhofft getroffen hat. Deine bisherigen Affären hatten mit Liebe nicht all zu viel zu tun. Es ging  dir vor allem darum, dich richtig auszuleben. Bei einigen auch um solche Dinge wie Karriere oder Status. Bei Leander liegen die Dinge anders. Man kann nicht einfach so zur Tagesordnung übergehen. Das schneidet ein, ganz tief und verursacht Schmerzen in der Herzgegend, nicht wahr?“

„ Es schneidet ein. Und zwar sehr heftig. Ja, es hat mich tief erwischt! Bist du nun zufrieden?“

„Nein, bin ich nicht! Denn dann müsste dringend etwas unternommen werden und zwar so bald als möglich!“

„Ach du willst den Kuppler spielen? ich verstehe! Nee, nee, lass nur. Gut gemeint, aber überflüssig. Wir müssen unseren Weg alleine suchen. Irgendwann werden wir , so hoffe ich, auch fündig.” lehnte Elena höflich aber mit Nachdruck ab.

„Und du bist dir ganz sicher?“

„Ganz sicher! Wir sind doch keine Teenager mehr, ich bitte dich!“

Es machte wenig Sinn, mit Elena auf diese Weise die Diskussion weiterzuführen. Hier würde der Dichter schon bessere Geschütze auf fahren müssen.

In der Zwischenzeit schien Kyra mit dem Schwimmen Fortschritte zu machen, lag sicher auf dem Wasser und ruderte gleichmäßig wie ein Schmetterling mit Armen und Beinen, bis Folko sie auffing und fest an sich drückte.  Wie ein Äffchen schlang sie Arme und Beine um seinen Körper und ließ sich aus dem Wasser tragen. Draußen begann sie ihn so heftig zu um schlingen, dass beide gemeinsam zu Boden gingen.

„Sieh dir die Beiden an. Die haben einen bedeutend weiteren Weg hinter sich. Folko, Privo durch und durch, ein echter Gentleman mit den besten Manieren und Umgangsformen, gebildet und mit Sicherheit ausgesprochen wohlhabend. Ich werde aus dem Typ nicht recht schlau. Es kommt mir manchmal so vor als umgebe ihn ein dunkles Geheimnis. Ich konnte nur in Erfahrung bringen dass er  Eliteoffizier in einer Spezialeinheit war. Aber egal, Kyra, das Punkmädchen aus einer Pariagang, die sich mit kleinen Gaunereien und womöglich auch dem Straßenstrich so halbwegs über Wasser halten konnte. Für den ersten Augenblick trennen beide Welten. Wo und Wie hätten die auch zusammenfinden sollen? Hier ist es ihnen gelungen, da ihnen eine Plattform zur Verfügung steht, dort ist es ihnen möglich  sich auf Augenhöhe zu begegnen .“

Elena klatschte in die Hände.

„Schöner Vortrag! Ich kann dir nur zustimmen. Ich freue mich auch darüber, dass sich Folko und Kyra gefunden haben, oder Ronald und Alexandra. Da magst du Recht haben. Aber bei mir und Leander klappt es nun mal nicht. Schicksal eben! Es funktioniert nun mal  nicht überall gleichermaßen, auch wenn das sehr schade ist.“

Der Dichter wollte gerade zur Antwort ansetzen, als er bemerkte, wie sich Leander am Stand dahin bewegte. Er schritt an Folko und Kyra vorbei, die so sehr in ihr Liebesspiel vertieft waren, dass sie ihn gar nicht bemerkten. Auch er ganz in Gedanken versunken, blickte nur stumm vor sich hin.

„Hey Leander, wir sind hier oben!“ rief Kovacs zu ihm hinunter.

Sogleich eilte er ihnen entgegen.

„Wir haben dich schon vermisst. Wo bleibst du denn?“ begrüßte ihn Kovacs überschwänglich.

„Mich vermisst, wer tut den so was? Darf man in Erfahrung bringen warum?“ mimte Leander den Ahnungslosen.

„Weil heute Donnerstag ist!“

„Donnerstag? Was hat das denn damit zu tun?“

„Bist du so vergesslich?  Ich habe heute meinen Abend in der Schänke drüben im Dorf, ihr wolltet mich doch mal dorthin  begleiten, um herauszufinden, mit wem ich da so verkehre.“ erwiderte Kovacs.

„So, haben wird das? Ach ja, kann mich erinnern. Ist aber schon ne Weile her. Wie in aller Welt kommst du denn ausgerechnet jetzt darauf?“ gab Leander etwas irritiert zur Antwort.

„Das würde mich auch interessieren?“ stimmte Elena zu.

„Hm, weil es heute ausgezeichnet passt. Ihr habt doch nichts vor, oder? Wenn doch, dann natürlich nicht, da hätte ich absolutes Verständnis.“

Die beiden verneinten kopfschüttelnd.

„Also dann, worauf warten wir noch, brechen wir am besten sofort auf.“

Kovacs klatschte sich mit beiden Handflächen auf die Knie und sprang wie von der Tarantel gestochen auf.

Noch ehe die beiden etwas erwidern konnten, zog er sie hinter sich her. Etwas unwillig folgten sie. Ihr Weg führte sie am Strand entlang. Sanftes Plätschern drang an ihre Ohren. In der Zwischenzeit hatte die Dunkelheit schon beträchtlich zugenommen. Der Mond leuchtete ihnen mit seinen silbernen Strahlen voraus.

„Morgen ist übrigens Vollmond!“ stellte Kovacs fest.

„Ja und? Was ist daran so besonders?“ wollte Leander wissen.

„Na, so eine Frage kannst auch nur du stellen. Wenn ich mit Elena zusammen wäre, dann bräuchte mir keiner zu sagen, was ich in einer Vollmondnacht bei so einem idealen Wetter im September zu tun hätte.“

„Ach, und was würdest du mit mir tun, wenn die Frage erlaubt ist.“ fragte Elena eher im ironischen Unterton. Dann hakte sie sich bei Kovacs mit dem linken Arm unter, während sie mit dem rechten nach Leander griff, diesen zu sich zog, um sich dann bei ihm einzuklinken.

„Ich bin ja nicht mir dir zusammen. Diese Frage musst du schon mit Leander besprechen.“

Geschickter Kuppler, dachte sich Elena, während sie den Weg fortsetzten.

„Du bist ein ganz schön ausgekochter. Ich denke, Leander weiß auch, was er mir in einer sinnlichen Vollmondnacht am Strand zu bieten hat.“

Sie blickte zu ihm. Leander schien zu ahnen, worauf die beiden hinaus wollten.

„Das kommt drauf an, was Elena  von mir erwartet.“

Kovacs hatte den Köder ausgelegt, es kam nun darauf an, wie sie sich verhielten. Den beiden musste man ständig auf die Sprünge helfen. Dann fingen sie recht schnell Feuer. Von alleine schienen sie dazu außerstande.

Unter solcherlei Gesprächen erreichten sie das kleine Dorf am andern Ufer des Stausees. Ein Dörfchen von etwa 150 Einwohnern, die in ihrer Mehrzahl in der Agrargenossenschaft arbeiteten. Auch Matthias war hier beschäftigt, doch der hatte wie so oft in der  Dienst.

Die abgeerntete Stoppelfelder warteten nun darauf geackert und geegt zu werden. Nach wie vor viel Arbeit.

Aus der Dorfschänke drangen ein paar verstohlene Laute auf den von den Straßenlaternen spärlich ausgeleuchteten Gehweg.

Es schienen nicht allzuviele dort sein. Doch als der Dichter mit seiner Begleitung in der Tür erschien, wurde er von den Besuchern freundlich begrüßt, er schien hier in der Tat kein Unbekannter zu sein.

Die Drei nahmen an einem Ecktisch gleich am Eingang Platz und wurden umgehend bewirtet.

„Zu dieser Jahreszeit pflege ich den ausgezeichneten Apfeltischwein zu trinken, ist sehr zu empfehlen.“

„Na, den werden wir auch mal probieren!“ erwiderte Elena.

Nacheinander kamen immer wieder Leute an seinen Tisch, hauptsächlich Männer, aber auch wenige Frauen, die hier nach Feierabend vorbeischauten, um sich noch einen zu genehmigen, nach einem Tag auf dem staubigen Feldern sicher allzu verständlich. Da trocknet nicht nur die Kehle aus.

„Gefällt es euch? Darf ich vorstellen, mein Publikum. Ich finde es gemütlich hier, deshalb kehre ich hier regelmäßig ein.“ gestand Kovacs.

„Naja, wie man's nimmt, ist Geschmackssache!“ gab Leander zu verstehen.

„Also mir gefällt es. Ist doch ne gelungene Abwechslung!“ stimmte Elena dem Dichter zu.

„Eben total anders als in meinem abgelegten Leben. Erst in solchen Kreisen habe ich wirkliche Gemütlichkeit kennen lernen dürfen, kein Vergleich zu früher. Die Menschen hier sind einfach, derb, aber authentisch, da gibt’s keine Komödie, die einem vorgegaukelt wird. Das ist reine ,unverfälschte Poesie.“

In der Zwischenzeit wurden die Getränke serviert. Die drei erhoben die Gläser, stießen an und nahmen einen kräftigen Zug.

Dann begann ein Smalltalk über alles Mögliche. Die Stimmung wurde ausgelassen und offen.

Kovacs wähnte sich endlich am Ziel.

Am anderen Ende der kleinen Gaststube befand sich eine altertümliche Musicbox. Unbemerkt hatte Kovacs dem Wirt ein Zeichen zukommen lassen. Der bewegte sich auf das Gerät  und bediente es. Es erschall eine wunderbare Liebesschnulze aus längst vergangenen Tagen.

„Don't you love me anymore?“ krächzte Joe Cocker aus dem altmodisch anmutenden Lautsprecher.  

„Na Leander, willst du Elena nicht zum Tanz auffordern, ist doch ne wunderbare Gelegenheit oder?“ animierte Kovacs den vollkommen Verdutzten zu seiner Linken.

Diese direkte Konfrontation ließ Leander keine andere Wahl, auch wenn er im Moment ausgesprochen wenig Neigung verspürte, Kovacs Ansinnen nachzukommen.

Er erhob sich und streckte Elena die rechte Hand entgegen.

Mit ihrem typischen Lächeln auf den Lippen folgte Elena wortlos und die beiden gaben sich alle Mühe. Noch nie hatten sie miteinander getanzt. Elena war eine ausgezeichnete Tänzerin, Leander wusste hingegen kaum etwas damit anzufangen. Tanzpartys gab es in seinem bisherigem Leben nicht. Seine Tanzfläche war das Fließband, dort verausgabte er sich so sehr, dass ihm die Kraft für solcherlei Vergnügen abging. Die verqualmten und von Schweiß triefenden Bierkneipen, in denen die Preka verkehrten, boten keinen Tanz. Dort galt es ausschließlich, den Frust des Tages herunterzuspülen und Kräfte für den folgenden Tag zu sammeln  Er fürchtete sich hier vollständig den Trottel abzugeben, wenn er wie ein Zirkusbär herumhopste. Warum musste Kovacs ihn immer wieder in solch peinliche Situationen bringen? Und der wollte ein Freund sein?

Doch ehe er sich versah, hatte Elena längst die Führung übernommen, schmiegte sich ganz sanft an ihn und begann sich hin und her zu bewegen.

„Komm, mach einfach alles nach, es ist nicht schwer, ganz einfach!“ lud Elena mit sinnlicher Stimme ein.

Es bedurfte keiner weiteren Worte mehr, Tanzen vereinigt so manche Gegensätze .

Immer näher kamen sie sich, dabei die Arme umeinander schlingend. Die Zeit schien still zu stehen. Die Umgebung schien sich wie in einem Nebel aufzulösen. Leander ließ sich ganz auf Elena ein, da gab es wohl keine Alternative. Die Führung würde sie immer inne haben, nicht nur bei diesem Tanz, nein ein ganzes Leben. Er begann sie zu streicheln, sie genoss es in vollen Zügen, tief blickte er dabei in ihre Augen, die sich ihm so klar wie ein Kristall darboten, er drohte jeden Moment darin zu versinken.

Genüsslich weiter an seinem Apfelwein nippend, blickte Kovacs von seinem Platz aus auf sein Werk, er konnte zufrieden sein. Die schienen sich gefunden. Das hatten sie zwar längst, aber es bedurfte wohl eines besonderen Anstoßes.

Er zündete sich die alte Pfeife an und rauchte einige Züge, war zufrieden und auf ganz einfache Art glücklich, in mitten des Rauches und in angenehmen Erinnerungen versunken.

Selbst als die Musik schon lange zu Ende war, tanzten die beiden weiter, bemerkten gar nicht die Stille, die sich wie ein sanftweicher Mantel um sie legte.

Die wenigen noch anwesenden Gäste verhielten sich zurückhaltend und galant, konnte doch jeder spüren, welche Kräfte hier am Werke waren.

Langsam, ganz langsam kamen beide wieder zu sich und musterten erstaunt ihre Umgebung.

Wortlos nahmen sie wieder Platz am Tisch, Elena nahm einen großen Schluck aus ihrem Glas.

„Macht ganz schön durstig so eine romantische Tanzeinlage.“ meinte sie dann und es hatte den Anschein, als geniere sie sich ein wenig.

„Und du? Hat es dir gefallen?“ wollte Kovacs von Leander wissen.

„Ja! War toll für einen, der überhaupt nicht tanzen kann.“

„Ach was, darauf kommt es doch gar nicht an. Ihr seid euch sehr nahe gekommen, muss ich schon sagen. Gute Idee, euch hierher mitzunehmen. Wenn es in dieser Bude auch nichts Weltbewegendes zu erleben gibt.“

„Aber gemütlich ist es! Und das ist das wichtigste!“ stellte Elena fest.

„Ich komme immer wieder gerne her. Hier finde ich das, was ich in der großen Welt so vermisste. Totale Inspiration. Es ist unglaublich, aber danach sprudeln die Ideen nur so und verlangen nach kreativem Handeln. Hier spielt sich wahres, echtes Leben ab, nicht dieses oberflächliche gekünstelte Seichte. Hier bin ich Mensch, hier will ich sein!“

„Echtes Leben? Darüber kann man geteilter Meinung sein!“ zweifelte Leander, dabei um sich blickend.

„Nicht immer so pessimistisch sein, Leander. In der Einfachheit liegt die Kraft, hier wird die Kreativität geboren. Es kommt darauf an, die Augenblicke zu entdecken und zu nutzen.“ erwiderte der Dichter.

„Aber du willst uns doch nicht schon wieder einen Vortrag halten? Du lässt auch keine Gelegenheit aus, deine Ideen unter die Leute zu bringen!“ glaubte Leander zu wissen.

„Nutze den Tag, sag ich mir immer. Keine Sorge, ich will euch nicht schon wieder nerven. Aber die Frage ist, über was es sich zu reden lohnt, an einem solch schönen Abend, über Belanglosigkeiten? Dann doch eher über so etwas.“

„Übermorgen findet  unsere Tanzparty auf dem Damm statt. Kyra wird dort ihre Künste zum Besten geben. Da haben wir sicher noch viel bessere Möglichkeiten unser Können unter Beweis zu stellen. Wurde auch höchste Zeit, Kyra und die andern beiden haben in den letzten Wochen ausgiebig geprobt, da muss schon was ganz besonderes dabei herauskommen sein. Ich bin gespannt!“ erinnerte sich Elena.

„Eine gute Idee. So etwas brauchen wir! Das fördert vor allem die Geselligkeit.“ stimmte ihr Kovacs begeistert zu.

Leander schien der Sache wieder einmal mit Zweifel zu begegnen.

„Dich kann man nicht so recht begeistern?“ spürte Kovacs, während er auf Leander blickte.

„Doch doch, warum nicht! Eine tolle Idee! Es wird Zeit, dass mal ein wenig Stimmung in die Siedlung kommt.“ spielte der Begeisterung vor.

„Es ist nicht gut, sich immer nur mit theoretischem Kram zu befassen. Das Leben heraus lassen, sich entfalten , deshalb haben wir uns doch  zusammengefunden.“ Kovacs winkte dem Wirt und bestellte noch einmal eine Runde.

Der Wein entfaltete recht schnell seine Wirkung und löste letzte Barrieren. Darauf hatte der Dichter gehofft. Leander sollte einfach imstande sein, sich zu offenbaren.

„Ich bin nach wie vor nicht fähig, einfach so in den Tag  zu leben. Darauf war ich nicht vorbereitet. Ihr müsst mir Zeit zugestehen. Ich kann nicht so mir nix dir nix zum Müßiggänger werden. Für euch ist das alles viel einfacher, ihr geht dahin und hebt das Leben mal so von der Straße auf. Ich hab das nie gelernt. Versteht ihr? Leben, das hieß bei mir malochen an der Werkbank, nicht mehr und nicht weniger. Ein anderer Lebensplan wurde nie entworfen.“

„Ich verstehe dich sehr gut!“ Entgegnete Kovacs.

„So? Da wäre ich mir aber nicht so sicher?“

„Sei doch nicht so niedergeschlagen! Sieh es doch einfach positiv. Auch für dich wird ein neuer Lebensabschnitt beginnen, so wie für uns alle, schon bald, eher als wir erwarten. Ganz neue Möglichkeiten tun sich vor dir auf. Richte den Blick in die Zukunft, lass die Vergangenheit ruhen.“ schlug Elena vor und legte ihre Hand in die Seine. Leander erwiderte dies mit einem festen Druck.

„Natürlich nur, sofern es eine Zukunft gibt!“ gab Leander mit gesenkten Blick zu verstehen.

Elena küßte ihn auf die Wange. Kovacs hätte am liebsten laut applaudiert.

Der Abend schritt weiter voran. Kovacs bestellte eine Runde nach der anderen. Er konnte immer von sich sagen, außerordentlich trinkfest zu sein. Die anderen hielten sich nach einer Zeit zurück.

Das Gespräch kreisten nach wie vor um das Leben und alles, was die ferne Zukunft wohl noch im Gepäck hätte.

Zum ersten Mal gab sich Leander wirklich offen. Es schien ihm gut zu tun, auf diese Weise über sich hinaus zu wachsen.

Gefühle konnte sich ein Preka nicht leisten, die störten nur den geregelten Tagesablauf. Nur wer sich vollständig unter Kontrolle hatte, war imstande, die ihm zugewiesene Arbeit gewissenhaft zu erfüllen. Ein Preka durfte sich nie verlieren, musste ständig bei sich sein. Wie ein Uhrwerk schlug sein Leben in einem beständigen Takt in die immer gleiche Richtung. Alles war penibel aufeinander abgestimmt. Spontanität oder Kreativität fehl am Platz.  Für Leute wie Elena oder Kovacs, die sich tagtäglich von ihren kreativen Kräften leiten ließen, eine fremdartige, unbekannte Welt. Hier bestand noch jede Menge Gesprächsbedarf.

Unterbrochen wurde die Lebensbeichte immer wieder von Tanzeinlagen, die Kovacs  immer dann geschickt einfädelte, wenn das Gespräch drohte, in eine Sackgasse zu münden.

Schließlich glaubte der Dichter den Zeitpunkt für gekommen, zum Aufbruch zu rüsten.

„Sab sab bsahsse!“ mimte er den Betrunkenen.

„Hast du was gesagt?“ wollte Elena wissen.

„Sab sab besssiissise!“ wiederholte Kovacs die Floskel, dabei scharf nach rechts und wieder nach links  taumelnd.

„Du bist ja besoffen!“ Leanders Feststellung ließ keinen Zweifel.

„Komisch, so viel war es doch gar nicht. Kann ich nicht verstehen. Mehr als wir hat er doch nicht gebechert, oder?“

„Ich weiß nicht! Ich habe nicht mitgezählt!“ meinte Leander, während er Kovacs scharf am Arm hielt.

„Wir nehmen ihn in die Mitte und gehen langsam los. Ich hoffe wir schaffen es bis nach Hause.“ schlug Elena vor und Leander schloss sich ihrer Meinung an.

Danach verließen sie das Lokal, der Silbermond erleuchtete ihren Heimweg. Es bereitete ihnen große Mühe den aufrechten Gang zu bewahren, da Kovacs stets mit unverhofften Ausfallschritten aufwartete.

„Da steht ein Pferd auf dem Flur, ein echtes Pferd …“ Elena hielt dem  betrunkenen Dichter in letzter Minute  den Mund zu.

„Sein doch still, Kovacs, willst du denn alle auf uns aufmerksam machen.“ schalt ihn Leander.

„Ist doch urkomisch! Hihi!“ konnte sich nun auch Elena ein Lachen nicht mehr verkneifen.

„Also, ich find das absolut nicht komisch. Es war ein schöner Abend, wirklich, muss ich sagen und nun verdirbt er uns  noch alles.“ bedauerte Leander die Situation.

„Es war ein schöner Abend. Und er wird es auch bleiben. Wir haben es bald geschafft. Gleich sind wir zu Hause. Eigenartig, ich habe ihn noch nie betrunken gesehen.“ wunderte sich Elena.

„Ich auch nicht! Was sollen wir denn jetzt machen?“

„Na, wir liefern ihn in seiner Hütte ab, dann werden wir sehen!“ antwortete Elena, während sie versuchte weiter Schritt zu halten.

Endlich waren sie in der Gartensiedlung angekommen. Mit großer Mühe konnten sie Kovacs bewegen, in seiner Hütte zu verschwinden.

„An der Noooordseeeeküste…“ entfuhr es Kovacs noch einmal.

„Ruhe jetzt! Oder willst du etwa die gesamte Siedlung  aufwecken!“ beschwerte sich Leander.

Elena konnte nicht mehr an sich halten.

„Hihihihihi!“

„Nun sag nur, du hast auch noch einen Schwips, das hätte mir gerade noch gefehlt!“ hielt ihr Leander vor.

Plötzlich zog sie ihn an sich, preßte ihre Lippen auf die seinen. Ein leidenschaftlicher Zungenkuss, der ihn aus allen Wolken fallen ließ. Fester immer fester umschlang sie ihn dabei, er machte nicht die geringsten Anstalten, sich ihr zu entwinden.

In dieser Haltung verharrten sie eine halbe Ewigkeit.

Ganz leise und von allen unbemerkt lugte Kovacs, der in Wirklichkeit ganz und gar nicht so betrunken war, wie er  vortäuschte, durch das Fenster seines Bungalows.

Geschafft! Er hatte sie dort wo er sie  schon immer haben wollte. Nun konnten die Dinge ihren Lauf nehmen. Wenn sie auch in dieser Nacht noch nicht zusammenfanden, doch das war nur noch eine Frage von Stunden.

„Morgen Abend ist Vollmond! Kommst du dann mit schwimmen, bei Mondschein?“ lud Elena ein.

„Ja! Ja gern!“ entfuhr es Leander.

„Ich freue mich darauf!“ noch ein letzter Kuss und Elena entschwand seinen Blicken.

 

Die Temperaturen stiegen am Folgetag weiter an, das Thermometer kletterte auf 35° C, kaum einer konnte sich an einen so heißen September erinnern. Schon am Morgen, als die Sonne sich als roter Feuerball am Horizont erhob und sich Schritt für Schritt am wolkenlosen Himmel emporarbeitete, konnte jedermann erkennen, dass mit Niederschlag nicht zu rechnen war.

Wer nicht unbedingt musste, bewegte sich auch nicht in der Tageshitze. Eigentlich schade, dass man im Sommer zum Nichtstun verurteilt war. Somit erledigten die Bewohner der Gartensiedlung auch nur das unbedingt Notwendige und verschoben die Aktivitäten auf die Abendstunden, denn erst dann wurde es angenehm. Erst wenn sich die Sonne am späten Nachmittag langsam gen westlichen Horizont neigte, konnte man einen Schritt ins Freie wagen.

Elena war die meiste Zeit außer Haus und ging ihrer neuen Beschäftigung nach, die ihr bei der Hitze kaum leicht von der Hand gingen. Als sie erschöpft und durchschwitzt in die Siedlung kam, zog sie sich in ihren Bungalow zurück, der aber auch nur mittels dauerhaft pulsierenden Ventilators einigermaßen erträglich gehalten werden konnte.

Leander ließ sich nicht blicken. War es ein Überfall gestern Abend? Hatten sie dem Wein zu deutlich zugesprochen? Wurden sie durch diesem Umstand von der Verantwortung für ihr Tun entbunden?

Weshalb lies er sich nicht blicken?  Man konnte bei der Hitze ohnehin nichts  tun, als nackt auf dem Bette liegen. Zu zweit wäre das sicher prickelnder.

Äußere Hitze befeuert des Öfteren die inneren Leidenschaften und es schien, als habe diese Tatsache auch bei Elena den Drang nach einer Vereinigung mit Leander ausgelöst.

 Nach 18 Uhr konnte man sich nach draußen wagen, obgleich die Luft noch immer vor Hitze flimmerte. Im Bungalow bewegte sich Elena vollständig nackt, nur so war es auszuhalten. Um sich im Freien zu bewegen, musste sie wohl oder übel in einen großzügigen Bikini schlüpfen, der aber nur das Allernotwendigste bedeckte. Die traumhaften Rundungen ihres Körpers waren den Blicken offen zugänglich. Sie bewegte sich mit der Anmut einer Person, die mit ihrem Körper vollständig im Reinen war, ihre Haut war so braun wie Haselnüsse. Sie betrat den Damm und ließ sich im Schatten eines hohen aber fast vollständig vertrockneten Holunderbusches nieder. Noch immer keine Wolke am Himmel. Ein Regenguss wäre jetzt dringend erforderlich. Der würde sowohl dem Menschen als auch der Natur Linderung verschaffen. Windstille, nur ganz sanft kräuselte sich die Oberfläche des Staussees. Noch mindestens eine Viertelstunde warten, dann würde sie ein erfrischendes Bad genießen.

Sollte Leander nicht kommen  und dem schien offensichtlich so zu sein, dann würde sie das auch alleine tun. Es lag auf der Hand, wieder einmal kniff der Feigling, fühlte sich außerstande zu  seinen Gefühlen stehen. Ärgerlich! Absolut ärgerlich! In ihrem Schoss brannte ein verzehrendes Feuer. Erstmals begehrte sie seinen Körper.

Was für eine Verschwendung. Bekam sie nicht bald Nahrung für ihre Leidenschaft ,drohte sie in alte Gewohnheiten zurückzufallen, dann wäre sie auch im Stande sich den erstbesten ins Bett zu holen, oder auch die erstbeste. Das Geschlecht war ohne Belang, auf den Menschen kam es an. Warum musste Kyra ausgerechnet diesen undurchsichtigen Folko lieben? Die käme am ehesten in Frage, wäre Leander nicht. Kyras androgyner Körper zog sie schon lange in den Bann. Und deren forsche aufmüpfige Art, deren unkonventionelles Auftreten. Elena mochte Kyra sehr, auch wenn ihre ersten Begegnungen alles andere als freundschaftlicher Art waren.  In der Zwischenzeit waren sie dicke Freundinnen. Schade, einfach nur schade, welch tolles Paar hätten sie abgegeben, etwas, das alle Konventionen außer Kraft setzte.

Nun saß sie hier und verzehrte sich nach einem Mann, der sie warten ließ, sie, die Traumfrau einer ganzen Nation, einfach verschmäht.

Sie stellte fest, dass sie ihre Badeutensilien vergessen hatte, nicht einmal ein Handtuch hatte sie mitgenommen.

Gerade wollte sie sich zum Gehen erheben, als sie bemerkte, wie Leander sich ihr näherte.

Ein Adrenalinstoß durchfuhr ihren Leib, als sie seiner ansichtig wurde. Er hatte sie also doch nicht vergessen und sich endlich durchgerungen. Doch was würde jetzt folgen?

„Hallo! Da bist du ja! Ich hatte schon die Befürchtung, das du es dir anders überlegt hast!“ begrüßte ihn Elena, richtete sich vor ihm auf. Selbst jetzt, ohne Schuhe war sie noch fast einen halben Kopf größer. Sie schlang ihrer Arme um ihn und zog ihn zu sich.

„Pech, ich habe die Badesachen vergessen. Ich muss noch mal in meine Hütte. Aber nicht weglaufen, bin gleich wieder da.“

Leander hielt sie am Arm fest.

„Nicht nötig, ich hab alles dabei!“ Dann packte er seine Tasche aus. „Ich habe vermutet, dass du nicht daran denkst. So vergesslich wie du die letzte Zeit bist.“

In der Tat, aber diese Vergesslichkeit hatte mit ihm zu tun, weil sie seine Gegenwart total irritierte.

Leander begann sich seiner spärlichen Kleidung zu entledigen und lies sich schließlich neben ihr auf dem ausgebreiteten Badetuch nieder. Blass wirkte seine weiße Haut neben Elenas gleichmäßig schokoladenbraun gebranntem Körper.

„Nicht so direkt in die Sonne, sonst verbrennst du. Mir macht die Sonne nicht so viel!“ warnte Elena besorgt.

Sie zog Leander ein Stück nach hinten, so dass die spärlichen Blätter des Busches ihre schützende Wirkung entfalten konnten.

Leander begann bei der Berührung innerlich zu beben. Ihre Hände auf seiner Haut, es war kaum zu beschreiben. Wann drohte seine Erregung sichtbar zu werden? Ängstlich blickte er an sich herunter. War die verräterische Wölbung unter seiner Badehose schon zu sehen?

Immer noch Schamgefühle! Tiefe Unsicherheit! Konnte er sich ihr gegenüber wirklich fallen lassen. Durfte er die Beherrschung verlieren?

Die strahlende Schönheit ihres ovalen Gesichtes fesselte ihn und er starrte sie unaufhörlich an.

Elenas rote Lippen kräuselten sich wieder zu einem Lächeln. Natürlich hatte sie längst die Unsicherheit bemerkt, die sich seiner bemächtigt hatte.

Ein leichter Luftzug strich durch ihr offenes Haar und ließ es um ihren Kopf tanzen.

„Jetzt wird es angenehmer, wollen wir mal ne Runde abtauchen?“ lud Elena mit ihrer unvergleichlichen Altstimme ein.

Forsch erhob sie sich und befreite sich von ihrem Bikini. Die vollen Brüste wie reife Früchte.

Leander konnte kaum noch an sich halten, er streckte seinen Arm aus doch in dem Moment trat sie den Weg ans Ufer an. Leander folgte, dabei den Blick auf das sanft dahin wogende Becken gerichtet. Gab es denn an diesem Körper überhaupt eine Ungereimtheit? Nein! Alles passte perfekt. Vor ihm schritt keine gewöhnliche Frau, vor ihm schritt eine Göttin, die sich nur zufällig in den Niederungen irdischen Lebens verirrt zu haben schien.

„Erst mal ein wenig Abkühlung!“ Elena befeuchtete ihren ganzen Körper. Die Wassertropfen perlten auf der Haut.

„Puuaah, tut das gut!“

Immer tiefer schritt Elena in den See, bis sie schließlich mit einem Hechter in die Oberfläche tauchte.

Leander tat es ihr nicht gleich, sondern ließ sich langsam, ganz gemächlich in das kühle Nass gleiten.

„Herrlich! Ist es nicht herrlich? Wunderbar, so ein Prickeln an der Haut!“ schwärmte Elena, während sie im Wasser planschte.

Leander näherte sich ihr. Nun war er bereit zum Äußersten. Zum Glück konnte man nicht unter die Wasseroberfläche blicken, denn sein steifes Glied strebte nach Vereinigung.

Sie erfasste ihn, nahm seinen Kopf in die Handflächen und küßte ihn. Doch ehe er nach ihr greifen konnte, entwand sie sich ihm und begab sich wie ein Fisch in Richtung Seemitte.

„Komm, lass uns schwimmen. Ans gegenüberliegenden Ufer, es ist  nicht weit!“

Mit einer hingebungsvollen Eleganz durchschnitten Elenas Arme und Beine das Wasser, wie ein Frosch, die geborene Brustschwimmerin. Leander folgte ihr und musste alle Kraftreserven aktivieren, um sie einzuholen.

Nicht weit? Gut reden! Das andere Ufer schien in unendlich weiter Ferne.

Als sie die Mitte erreichten, drohte er zu ermüden, während Elena nach wie vor ihre kunstvollen Bewegungen vollzog, ohne eine Spur von Erschöpfung.

Jetzt nur nicht schlapp machen, welch Blamage. Würde sie ihn am Ende noch vor dem Ertrinken retten müssen?

Mit letzter Kraft kämpfte sich Leander an das rettende Ufer. Sich nur nichts anmerken lassen. Er vermochte kaum zu sprechen, so fertig fühlte er sich. Elena schwang ihren Körper aus dem Wasser und schritt sicher auf den Strand zu, dabei ihre nassen Haare ausschüttelnd.

„Ist was? Bis du müde? Geht es dir nicht gut?“ Elena durchschaute sofort Leanders Verfassung.

„Komm, ruh dich erst mal aus. Wir setzen uns da drüben, dort, wo die Birke Schatten spendet, auch wenn die Sonne sich schon langsam in ihr Wolkennest verkriecht. Aber wir müssen ja wieder zurück schwimmen!“ Elena legte ihren Arm um Leander und drückte den nach Luft Ringenden fest an sich, bevor sie sich ins Gras fallen ließen.

Hatte sie eben was von zurück schwimmen gesagt? Natürlich, wie sollten sie sonst an ihren Ausgangsort gelangen? Laufen? Sie waren beide splitternackt.

Elenas Wärme holten Leanders Lebensgeister schnell zurück und seine Erregung kannte keine Grenze mehr.

Nun wagte er es ihre Brüste zu berühren, sie quittierte es mit einen verführerischen Lächeln, das ihm signalisierte, dass es ihr nach mehr verlangte.

Sie näherten sich, indessen die Dunkelheit langsam hernieder sank und den Schleier der Nacht über den Himmel zog.

Ein schelmisches Lächeln umschmeichelte ihr Gesicht, das von ihren kupferroten nassen Locken umrahmt wurde.

Mit der Handfläche fuhr sie langsam an seiner Brust entlang, bis sie sein Glied erreichte und umfasste. Leander glaubte jeden Augenblick zu zerspringen, sein Atem wurde immer schwerer und drohte den Dienst zu versagen.

Ein Stöhnen entrang sich seiner Brust.

Zart küßte er sie und eine Wolke der Glückseligkeit rollte seinen Rücken entlang.

Seine Hand kam der ihren entgegen und ihre Finger krallten sich in seine.

„Elena“, sagte er und es klang zärtlich. Sein Herz begann heftig zu schlagen. Er fasste sie an den Schultern und beugte sich über sie wie ein Verdurstender über eine Quelle. Zuerst berührte er sanft ihre Lippen, aber dann küßte er sie leidenschaftlich. Sie seufzte und schloss die Augen. Er drückte sie fest an sich. Ihre Hände glitten so fieberhaft über seinen Körper wie die seinen über ihren. Leander bedeckte sie mit Küssen und sie überließ sich ihm.

Ein gewaltiger Strom der Erregung erfasste ihn, bei den Fußsohlen beginnend, stieg den Rücken hinauf, bis er erfüllt von dieser Macht zu zittern begann. Erneut beugte er sich über sie, sank zwischen ihre Schenkel und sie wurden eins.

Er fühlte sich von ihr rückhaltlos und mit einer zärtlichen Liebe um fangen, die er nie für möglich gehalten hatte. Eine kurze Zeit lagen sie, ohne sich zu bewegen, aber dann konnte sie die Kraft, die sie zusammengeführt hatte, nicht länger halten.

Elena übernahm nun die Initiative, umschlang ihn und bewegte sich in den Rhythmen des ältesten aller Tänze. Er überließ sich ihr. Er schwebte und hatte nichts dagegen, dass sich hier sein Wille, seine Erinnerung, ja selbst sein Bewusstsein allmählich auflösten. Er fand Frieden.

Einen unglaublichen, unbeschreiblichen Frieden. Ein gigantisches Glücksgefühl ohnegleichen. Bis ans Ende der Ewigkeit hätte er in dieser Stellung verharren können.

Nur ganz langsam fand er in die Realität zurück und blickte sie an. Ihre Augen strahlten heller als die Sterne. Nein das war kein menschliches Wesen, er hatte gerade sein Lager mit einer Göttin geteilt? Er vermochte in diesem Augenblick gar keinen klaren Gedanken mehr zu fassen. Was sie eben getan hatten, geschah mit so viel Leidenschaft, aber auch mit Vertrauen und Zärtlichkeit. Ihre Seelen umarmten sich und überließen sich der unaussprechlichen Wonne völligen Verstehens. Es war eine Vereinigung im strahlenden Licht, das alle Wünsche erfüllte.

Es war nicht nur ein Augenblick um Liebe zu fühlen, nein, sie wurden beide selbst zu Liebe.

Elena hatte ihn aus seinem Kokon befreit, aus dem es ohne ihre Hilfe kaum ein Entkommen geben konnte. Er hatte verschüttet gelebt, wie eine Wüstenblume nach Jahren der Trockenheit, die nach wenigen Tagen der beginnenden Regenzeit sich zu einer nie geahnten Schönheit öffnet.

Doch auch für Elena taten sich ganz neue Empfindungen auf. Sie fühlte sich von zärtlichen Gefühlen erfasst, von denen sie sich bereits für immer losgelöst zu haben glaubte.

Sie schmiegte sich mit einem sanften Stöhnen der Erleichterung in seine Arme, ein wenig erstaunt über das Gefühl von Sicherheit, das ihr seine Nähe gab.

Eine Elena, die Sicherheit und Geborgenheit sucht? So etwas schien noch vor Stunden undenkbar. Ihre bisherigen Liebesaffären waren von oberflächlicher Leidenschaft, sie genoss die sexuelle Befriedigung, Liebe war da kaum im Spiel. Noch nie war ihr ein Mensch über den Weg gelaufen, der ihr wirklich etwas bedeutete.

Wie ein Vogel, der sich vom Wind tragen lässt, schwebte sie eine zeitlang zufrieden dahin und überließ sich dem Steigen und Fallen, der farblosen Farben und den stillen Kräften, die da in ihr wirkten.

Für beide hatte hier nichts Geringeres als eine neue Ära begonnen.

Langsam und leise entwand sie sich seiner Umarmung und richtet sich auf, strich dabei sanft über seine Brust und seinen Bauch.

„Wenn meine Hand doch nur die Gefühle ausdrücken könnte, die ich im Herzen trage. Ich finde einfach keine Worte. Was ist da gerade mit uns geschehen?“ meinte sie mit zärtlichem Tonfall, sich über ihn beugend.

„Das brauchst du nicht. Ich spüre deine Liebe in jeder Faser meiner Seele.“ Er sprach die Worte langsam, fast ehrerbietig aus und ein freudiges Lächeln verklärte sein Gesicht.

„Ist dir kalt?“ wollte Elena wissen.

„Nein, ich bin so voller Hitze, dass ich dringend einer Abkühlung bedarf.“

„Dann laß uns noch einmal ins Wasser steigen. Siehst du den Vollmond, wie er dort am Himmel thront, er spendet uns seinen besonderen Segen.“

Sie griff nach seiner Hand und zog ihn ganz langsam auf die Beine.

Er machte einen Schritt auf sie zu, hob sanft mit dem Zeigefinger ihren Kopf und aus der Tiefe seiner Augen brannte sich sein edler Blick für immer in ihr Herz.

Vergessen für einen Moment die Tatsache, dass er zu ihr aufschauen musste, dass er sich fast auf die Zehenspitzen stellen musste, um sie zu küssen.

Er ergriff ihre Hände und drückte sie ganz fest, dann schritten sie gemeinsam ans Ufer und stiegen in das noch immer von der Tageshitze angenehm erwärmte Wasser. Seine Hände waren kräftig und warm mit Schwielen von der schweren Arbeit. Elena schien das erst jetzt so richtig zur Kenntnis zu nehmen. Noch nie wurde sie bisher von solchen Händen berührt. Weich und geschmeidig, so fühlten sich jene Hände an, die sich bisher ihrem Körper nähern durften, ganz gleich, ob diese nun männlich oder weiblich waren.

Dass ein Mensch aus der Prekakaste so viel Zärtlichkeit entwickeln konnte wäre ihr in den verlorenen Jahren ihrer Pseudoexistenz als Glamourgirl nie in den Sinn gekommen.

Hier spürte sie Echtheit, Natürlichkeit, wahre unverfälschte Sinnlichkeit.

Leander um griff ihre Taille und zog sie an sich, Elena nahm seinen Kopf in die Hände und küßte ihn, dann strichen sie einander über ihren wieder von neuem entflammten Körper, noch immer schienen sie nicht gesättigt, noch immer hatte sich die Erregung nicht gelegt. Noch immer grenzenloses Begehren.

Leander griff in ihre nur ganz langsam trocknende Lockenpracht und ließ die Haare langsam durch die Hand gleiten.

„Wie kann ein Mensch nur so wunderschönes Haar besitzen? Und das riecht so gut.“

Er drückte seine Nase tief in die kupferrote Mähne.

Streichelte erneut ihre Brüste, deren Warzen sich ihm hart darboten.

„Und diese Brüste. Wer hat nur deinen Körper so geformt?“

„Ich weiß es nicht! Alles Natur! Einfach da, einfach nur gewachsen!“ erwiderte Elena während sie ihn fest an sich drückte.

Immer tiefer wateten sie ins Wasser, bis nur noch die Schultern herauslugten.

Nochmals eine Umarmung, diesmal unter Wasser, das Prickeln auf der Haut verlieh dem Augenblick eine ganz besonders sinnliche Note.

Kurz darauf entstiegen sie wieder dem schützenden Element und ließen sich an der vertrauten Stelle nieder, eng umschlungen, ohne Worte, die hätten den Zauber des Augenblickes nur zerstört. Ihre Gedanken verschmolzen, das genügte vollkommen.

Leander lehnte an Elenas Schulter, an diese Körperhaltung würde er sich gewöhnen, ihre Rollen hatten sie gefunden.

So lagen sie eine ganze Weile bei einander, hatten sie sich endlich gefunden.

 

„Es ist inzwischen  Nacht. Aber wir müssen irgendwann zurück auf die andere Seite. Meinst du, dass du kräftig genug bist, es ans andere Ufer zu schaffen?“ erkundigte sich Elena mit sorgenvollem Unterton.

„Natürlich schaffe ich das! Ich fühle mich gut! Ausgezeichnet! Schwimmen im Mondschein,wollte ich immer schon mal. “ versuchte er seine Ängste herunterzuspielen

„Es wurde auch höchste Zeit! Komm, dann lass uns nach drüben schwimmen.“

Unversehens schritt Elena ans Ufer und stieg ins Wasser. Mit gemischten Gefühlen folgte ihr Leander, denn in Wirklichkeit fühlte er sich ganz und gar nicht imstande für eine solche Kraftanstrengung. Aber dieser Frau gegenüber Schwäche zeigen? Das kam überhaupt nicht in Frage.

Der leuchtende Mond am Firmament wies ihnen den Weg, es war taghell, ungewöhnlich, man hätte bequem eine Zeitung lesen können.

Mit kraftvollen Zügen teilte Elena das Wasser mit den Armen, um es hinter sich wieder zu schließen, nichts schien sie zu beeinträchtigen. Doch Leander konnte nur mit allergrößter Mühe Schritt halten. Was für ein Leben erwartete ihn an der Seite dieser Frau? Würde er sich von nun an tagtäglich verausgaben müssen, um ihr ebenbürtig zu werden? War er im Begriff sich gewaltig zu verausgaben? Einige Hutnummern zu groß. Mit jedem Zug drang ihm diese Erkenntnis deutlicher ins Bewusstsein. Endlich am rettenden Ufer. Leander taumelte und für einen Sekundenbruchteil war ihm schwarz vor Augen, doch es gelang ihm seine Schwäche zu verbergen.

Sie trockneten sich und kleideten sich an. Schnell ergriff Elena seine Hand und die beiden schlenderten im Mondschein dahin, über den Damm, dann hinunter an den Zäunen entlang.

Die Nacht war noch jung, schlafen gehen? Jeder für sich, oder konnte es von nun ab ein gemeinsames Lager geben? Leander fürchtete beides. 

Elena beschleunigte ihren Schritt und zog ihn mit sich. Der kleine Garten war schnell durchquert und sie fanden sich vor dem Bungalow wieder, Elenas Bungalow. Er besaß keinen eigenen, sondern musste diesen teilen.

Er zögerte einzutreten.

„Was ist? Warum kommst du nicht? Wenn du magst, kannst du von nun an bei mir wohnen! Oder willst du nicht?“ forderte Elena in ihrer gewohnt unkonventionellen Art eine Entscheidung.

„Natürlich will ich!“ Mehr brachte er nicht heraus. Dann folgte er ihr wie ein kleiner Junge in das Innere.

„Immer noch diese stickige Luft. Ich muss erst mal lüfte. Das Licht nicht einschalten, wegen der Mücken. Hoffentlich regnet es bald und bringt eine Abkühlung. Ich mag den Sommer sehr, aber was zu viel ist, ist zuviel!“ Elena öffnete die Fenster, ein leichter Windhauch erfüllte den Raum, doch eine wirkliche Erfrischung war das nicht.

Nicht lange und sie würden wieder in Schweiß baden.

Sehnsuchtsvoll erinnerte sich Elena ihrer vollklimatisierten Villa und die genau auf ihre Bedürfnisse abgestimmte Kühle, die sie dort umgab. Schnell aber verwarf sie diese Gedanken, es galt nach vorne zu blicken.

„Tja, wenn man die letzten Kleider vom Leibe hat und immer noch schwitzt, ist man mit dem Latein am Ende.“ bemerkte Leander, während er sich frei machte.

Elena schritt erneut zum Fenster und lehnte sich weit hinaus, so nackt wie sie war. Der Mond glänzte noch immer als kraftvoll leuchtende Scheibe am Horizont. Leander trat neben sie.

„Sieh mal, dort hinten ziehen Wolken auf. Möglicherweise naht ja doch noch ein erlösendes  Gewitter.“ Er wies mit dem Finger auf den sich tatsächlich verdunkelten Himmel.

„War gar nicht  vorher gesagt. Mir soll es willkommen sein.“ erwiderte Elena.

 Hatte sich der kochende Lavastrom der Gefühle so schnell abgekühlt das sie jetzt schon bei belanglosen Small Talk  über das Wetter angelangt waren.

Verlegen, warum noch verlegen sein, fragte sich Leander, er hatte sie doch schon geliebt, konnte jetzt noch etwas schief gehen?

Elenas Hunger schien noch lange nicht gesättigt, sie ergriff seine Hand und zog ihn in die kleine Schlafkammer. Sie ließ sich rückwärts auf's Bett fallen und starrte auf die Decke mit ihren kleinen Vertiefungen und Flecken und die grobe Struktur, auf der man beliebig viele Muster endecken konnte, wenn man nur lange genug hinsah. Der helle Mond von draußen machte eine Lampe in der Tat überflüssig.

Sie streckte Leander ihre Hand entgegen.

„Kommst du?“

Diese Frau war mit allen Wassern gewaschen, der konnte man nichts vormachen. Würde er die Kraft aufbringen, ihr noch einmal zu geben, was sie von ihm erwartete? Er hatte sich am See total verausgabt, eine lähmende Müdigkeit überfiel ihn und er wäre im Stande, auf der Stelle einzuschlafen. Außerordentlich peinlich, gerade jetzt, da er am Ziel seiner Sehnsucht angelangt.

Elena schien kein bisschen müde, strotzte geradezu vor Energie und wäre durchaus imstande, es die ganze Nacht mit ihm zu tun.

Sie streckte ihn auf dem Bett aus und nahm auf seinem Bauche Platz. Wieder konnte er ihre vollen Brüste schmecken. Wie ein Besessener begann er gegen die Müdigkeit anzukämpfen. Hier saß Venus persönlich auf ihm und er drohte unter ihr einzuschlafen. Schon am See wäre er um ein Haar weggetreten. Doch schien die Erschöpfung am Ende zu groß, es übermannte ihn und er viel in einen sanften Schlummer. Elena bette ihn in ihrem Schoss und wog ihn wie einen Säugling hin und her. Die Zeit verging, ihr war nicht nach Schlaf, sie war zwar noch immer nicht voll befriedigt, doch sie sah es Leander nach. Sie fühlte sich wohl und genoss das Zusammensein.

Derweil wurde es draußen immer dunkler. Immer mehr Wolken nahten und bedeckten schließlich den Himmel. Wind kam auf. Erst langsam, Elena genoß den angenehmen Luftzug, der durch die Kammer zirkulierte. Doch dann begannen die Gardinen immer heftiger zu wedeln. Drohte am Ende ein Sturm?

Ein Blitz und in dessen Gefolge ein heftiger Donner riss Leander aus den Träumen.

„Was ist los? Hab ich verschlafen? Wie viel Uhr ist es? Ich muss zur Schicht! Es ist schon viel zu spät, oder?“

„Ruhig, ganz ruhig! Du hast keineswegs verschlafen!“ beruhigte ihn Elena, während sie sanft seine Wangen streichelte. „Es gibt keine Schicht, die du versäumen könntest! Nie mehr!

Du bist bei mir! Du kannst ausschlafen, wir können ausschlafen! Niemand drängt uns zu irgend etwas. Draußen braut sich was zusammen. Ein Donnergrollen hat dich geweckt. Du hattest recht, ein Gewitter ist in Anmarsch.“ flüsterte Elena weiter in sein Ohr.

„Entschuldige, dass ich eingeschlafen bin. Ich muss geträumt haben. Bis du jetzt enttäuscht von mir?“ sorgte sich Leander.

„Enttäuscht? Weshalb sollte ich enttäuscht sein? Nein, sei ohne Sorge. Das ist ganz normal, nach so einem anstrengenden und  heißen Tag. Wir haben Zeit, unendlich viel Zeit um uns zu lieben:“

Schweißperlen standen ihm auf der Stirn, Elena kraulte seine schweißdurchtränkten Haare.

„Angenehm der Luftzug von draußen, ich glaube, jetzt wird es besser!“ glaubte er zu wissen.

„Du hast geträumt! Von der Arbeit, nicht wahr?  Das Fließband lässt dich einfach nicht los! Selbst in meinen Armen verfolgt es dich unaufhörlich!“ stellte Elena fest.  

Warum musste sie gerade jetzt damit an fangen? Es genierte ihn, sich vor ihr auf diese Weise bloßzustellen. Aber sie hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Die Entzugserscheinungen setzten ihm derart zu, dass es kaum noch auszuhalten war. Selbst in einer solchen, von extrem positiven Emotionen getragenen Situation konnte er nicht abschalten. Ein Preka ohne seinen Akkord, das war eine Katze ohne Schwanz. Oder am Ende gar der Schwanz ohne die Katze?

„Ach es geht schon. Ich komme zurecht. Ich denke, es ist doch eher die Hitze, die mir zusetzt.“ versuchte Leander abzulenken.

„Das wird es wohl sein! Psst! Hörst du? Ganz zartes Tröpfeln auf der Regentonne. Endlich die erhoffte Erfrischung.“

Wieder blitzte es heftig und ein krachender Donner ließ vermuten, dass es irgendwo in der Nähe eingeschlagen hatte.

Elena erhob sich langsam und näherte sich dem Fenster, zog die wirbelnde Gardine vollständig beiseite. Auch ihr Körper war schweißbedeckt.

„Ahh, ist das herrlich draußen! Komm, lass uns eine Weile vor die Türe gehen.“ lud sie Leander ein.

Der folgte ihr willig, ohne etwas zu erwidern.

Elena breitet die Arme aus und richtete ihren Blicknoch oben. Der Sturmwind peitschte die Wolken über den Himmel. Der Mond leuchtete auf, um gleich an schließend wieder zu verschwinden, immer wieder, immer fort. Es schien, als würden die vier apokalyptischen Reiter jeden Moment aus den Wolken auftauchen, um auf der Erde ihr schreckliches Werk zu verrichten. Die Naturgewalten präsentierten sich ungebändigt, losgelöst von allen Schranken. Ein eigenartiges Gefühl durchdrang Elena in diesem Moment, es kam ihr so vor, als riefe ihr jemand aus den Wolken zu, um sie mit nach oben zu ziehen. Sie glaubte am Himmel die Gestalt einer Frau wahrzunehmen, die ihr ihre Hand entgegenstreckte, gleich einer Walküre, die nach ihren Anvertrauten Ausschau hielt.

"Aradia! Aradia! Geh deinen Weg weiter! Komm zu mir! Komm endlich wieder nach hause! Kehre zurück zu dem was dir entsprich!"

Sie glaubte die Gestalt eines Schwarzen Pferdes zu erblicken mit einer Reiterin, die eine gravierende Ähnlichkeit mit ihr aufwies.

„Aradia? Schon wieder dieser Name.

Es war nicht das erste Mal, das sie sich seiner erinnerte. Was hatte es damit auf sich?

Schon seit geraumer Zeit verfolgte er sie und brannte  immer heftiger in ihrem Bewusstsein.

Eine Energiequelle in ihrem Inneren wurde aktiviert und füllte sie mit beständig neuer Kraft.

Leander betrachtete das eigenartige Spiel vom sicheren Unterstand der Veranda aus. Schließlich fasste er sich, schritt von hinten auf Elena zu umfasste ihre Taille und zog sie von der Stelle weg.

„Alles in Ordnung?“ wollte er besorgt wissen.

„Wie? Was ist denn?  Mir scheint, ich war wohl ein wenig im Rausch der Sinne.“ bemerkte Elena und wandte sich um. Gleich darauf ging ein heftiger Regenguss nieder und spülte den Schweiß von beiden Körpern.

„So sparen wir uns eine Dusche drinnen!“ meinte Leander und küßte sie.

Dann flüchteten beide unter das schützende Dach der Veranda und blickten den nun immer bedrohlicher wirkenden Blitzen am Himmel nach.

Jetzt waren beide hellwach. Kein Schlafbedürfnis trübte Leanders Empfindungen. Er war bereit für die Fortsetzung ihres Liebesspieles.

Sie trockneten sich ab und Elena drängte Leander wieder in die Schlafkammer. Die unbekannte Kraft dort draußen hatte ihr allem Anschein nach erneut den Weg gewiesen.

Hungrig wie eine Wölfin stürzte sie sich auf Leander und drohte ihn buchstäblich zu verschlingen. Von der soeben erlebten Naturgewalt in wilde Raserei versetzt, nahm sie sich, was sie wollte. Sie war die unbestrittene Herrin dieses Aktes, Aradia die Gestalt aus dem Unterbewusstsein bahnte sich ihre Weg und nahm von ihr Besitz. Aradia die furchtlose Kämpferin, die Königin der Freiheit. Hemmungen kannte sie nicht mehr.

Von draußen hallten die Donnerschläge als Echo vom Himmel wider, und ein böiger Wind peitschte den Regen gegen die Wände des Bungalow.

Elena passte sich dem Takt an. Leander drang tief in sie und sie begann gleichmäßig auf und ab zu steigen, immer schneller, immer wilder. Das Gewitter schien nun direkt über ihnen zu sein, denn Blitz und Donner traten fast gleichzeitig auf. Die perfekte Begleitmusik zu diesem Akt. Leander glaubte zwischendurch mehrfach die Besinnung zu verlieren, so sehr nahm es ihn in Anspruch, doch er hielt durch, zu seinem eigenen Erstaunen. Das Feuer der Begierde loderte in beiden mit übersinnlicher Kraft. Elena beherrschte ihren Part mit allergrößter Dominanz, denn Hingabe konnte man es eigentlich nicht nennen. Es war Leander, der sich hingab. Sie war seine Meisterin. Warum auch nicht? Es machte keinen Sinn, sich dagegen aufzulehnen. Er genoss die Vereinigung in vollen Zügen. Das alleine zählte. Blitzte es auf, konnte er direkt in Elenas Angesicht blicken, das erregte ihn nur noch mehr.   

 

„Guten Morgen, Liebster! Es ist schon heller Tag draußen. Zeit aufzustehen, aber lass es ruhig angehen, niemand drängt uns!“ flüsterte Elena sanft in Leanders Ohr und ließ dabei ihre Nase auf seiner Wange kreisen.

Sie war schon auf? Was zeigte die Uhr? Langsam und vorsichtig hob Leander den Kopf, um die Lage zu erspähen. Er fühlte sich unendlich matt und ausgelaugt, das Liebesspiel der vergangenen Nacht hatte seine Kräfte fast vollständig aufgezehrt. Aber diese Mattigkeit war irgendwie von einer positiven Art, nicht wie sonst, wenn er zum Beispiel nach der Schicht jeden Knochen im Leibe spürte und die Stimmung gegen Null tendierte. Das waren ganz neue Empfindungen.

„Wie spät ist es denn?“ erkundigte er sich.

„Gleich Neun!“ antwortete ihm Elena, während sie in der kleinen Küche hantierte.

„Was, schon Neun? So lange habe ich geschlafen? Das … das ist mir so noch nie passiert!“ man spürte die Verwunderung in seinen Worten.

Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee drang in seine Nase und regte den Appetit an. Er stellte fest, dass er sich sehr hungrig fühlte.

Langsam erhob er sich, blieb aber noch aufrecht sitzen, die ganze Welt schien sich um ihn zu drehen, so als sei er am Vorabend in einen Vollrausch gesunken.

Elena nahm an seiner Seite Platz, sie war nur mit einem leichten Negligé bekleidet. Ihre Haare hatte sie kunstvoll nach oben gesteckt.

Zärtlich begann sie seinen Rücken zu massieren, was ihm außerordentlich gut bekam. Nichts war mehr zu spüren von der wilden Wölfin der zurückliegenden Nacht. Nun war sie wieder ganz die Zärtliche, Einfühlsame, Liebevolle.

„Wie lange bist du denn schon auf den Beinen?“ wollte er wissen.

„Ach, schon etwa eine Stunde, vielleicht auch mehr. Ich weiß es nicht. Ich konnte einfach nicht mehr schlafen.“

„Was? So lange schon? Und ich hab gar nichts gemerkt!“ bekannte Leander erstaunt.

„Ich hab ganz leise gemacht, wollte dich nicht wecken, du hast so tief und fest geschlafen.

Frühstück ist fertig, wenn du magst.“ Jetzt begann sie seinen Nacken zu massieren, kannte genau die Nervenbahnen, die es zu entspannen galt. Die Berührung war so himmlisch, dass es ihn fast schon wieder in Erregung versetzte.

„Ahh, ja, das tut gut! Weiter so! Du bist nur ein Engel!“ stöhnte er zufrieden.

Elena tat wie ihr geheißen, noch eine Weile konnte Leander dieses innige Berührtwerden in vollen Zügen genießen.

„Wollen wir gleich essen, oder willst du dich erst frisch machen?“ schlug Elena vor.

„Ich dusche später! Ich bin immer noch nicht richtig da. Ich muss erst erkunden, ob ich träume oder in der Realität wandele.“

Er ließ die Füße auf den flauschigen Bettvorleger gleiten.

„Also, ein Traum ist es bestimmt nicht.“ Elena zwickte ihn leicht in die Wange.

„Aua!  Du hast recht, kein Traum!“

Leander schritt leichten Fußes in die Küche und nahm an dem kleinen reichlich gedeckten Tisch Platz.

Elena goß ihm eine Tasse Kaffee ein.

„Das ist gut! Erst mal richtig wach werden. Mann, bin ich noch immer geschafft!“

„Du kannst dich gerne noch mal hinlegen. Es ist Sonntag heute, etwas Besonderes haben wir doch ohnehin nicht vor.“ bot Elena an.

„Nein, nein, schon in Ordnung so! Wie geht es dir? Bist du nicht auch geschafft von gestern?“

„Nee, fühle mich ausgezeichnet! Gleich nach dem Aufstehen hab ich schon zehn Minuten Jogging gemacht!“ Elena zog die Beine nach oben in den Korbstuhl und genoss ihren dampfenden Kaffee auf diese Weise.

„He? Du hast was? Ich glaub es nicht! Woher nimmst du nur diese Kraft?“ Leander konnte es sich einfach nicht erklären.

„Ich weiß es nicht! Sie ist  einfach da!“ antwortet sie mit ihrem typischen Lächeln.

Leander schien es sogar Mühe zu bereiten, sich ein Brötchen zu schmieren. Er würde über ihr Angebot nachdenken, sich noch mal hinzulegen, aber nur, wenn sie ihn dabei auf diese sinnliche Art und Weise weiter massierte.

„Wir gleiten ruhig und gelassen in den Tag. Genießen die Ruhe und die Stille und die Erfrischung. Es hat deutlich abgekühlt draußen. Das Gewitter hat seine Dienst getan.“ klärte Elena auf.

„Stimmt! Überall Wolken. Die Sonne kann auch mal ne Pause machen heute und schließlich haben wir schon September!“ meinte Leander, während er aus dem Fenster spähte.

„Aber mehr Regen darf es auch nicht werden.Wegen heute Abend.Da haben wir noch was vor!“

„Heute Abend? Was ist denn heute Abend?“

„Hast du's schon vergessen? Kyra will uns doch ihre Künste präsentieren. Sie gibt ein improvisiertes Konzert, oben direkt auf dem Damm! Da bin ich wirklich gespannt drauf, was sie uns so zu bieten hat!“

„Ach ja, stimmt! Hatte ich fast vergessen. Heute Abend! Gut, bis dahin bin ich wieder bei Kräften, hoffe ich zumindest.“

„Ich werde dich schon wieder aufbauen!“ schmunzelte Elena ihm zu und die Aussicht darauf ließ ihn aufhorchen.

„Was will denn Kyra zum Besten geben? Ich meine was hat sie denn für Musik im Repertoire?“ erkundigte sich Leander.

„Na Punk denke ich, sie ist doch Punkerin. Was sollte sie sonst bieten? Mozart sicher nicht.“

„Punk? Hmm, na meinetwegen! Ist zwar nicht so meine Richtung, aber anhören kann man sich das  hin und wieder.“ bekannte Leander.

„Die haben sich echt Mühe gegeben, ich habe mal eine ihrer Proben besucht, letzte Woche, die sind gut, wirklich gut. Wir müssen dringend überlegen, ob sich da mehr draus machen lässt.“ gab Elena zu verstehen.

„Mit wem probt sie denn?“

„ Mit Kim und Colette natürlich, die sind doch schon ein eingespieltes Team.“

„Da lass ich mich mal überraschen. Das kann  in der Tat was werden. Colette? Das passt zu der, wenn ich recht überlege.“ glaubte Leander zu wissen.

„Was ist denn mit dir, Elena? Welche Musik hörst du denn so? Hab ich noch gar nicht in Erfahrung bringen können. Bist du auch Punkerin? Na eher nicht, oder?“

„Ach, da bin ich gar nicht so festgelegt, alles was schön ist, sage ich mal. Im Moment eher was Sinnliches, was Feierliches, etwas, das richtig unter die Haut geht.“

„Zum Beispiel?“

„Kennst du Nella Fantasia?“

„Nella was?“

„Musst du dir unbedingt anhören. Das ist … eigentlich schwer zu beschreiben. Das ist Gänsehautmusik par excellence. Du glaubst, du bist im Himmel. Das ist von Ennio Morricone. Da kommen mir immer die Tränen, wenn ich das höre. Unbeschreiblich schön!“ begeisterte sich Elena.

„Na, dann muss es ja wirklich etwas besonders sein!“

„Ist es auch!  Können wir gleich machen. Ich werfe meinen CD-Player an, wir hören und ich gebe dir noch ein paar Streicheinheiten, das passt perfekt zusammen.“

Ein verlockendes Angebot, dem wohl keiner widerstehen konnte.

„Oh ja! Da bin ich sofort dabei!“ gab Leander unumwunden zu.

„Na, dann auf! Du kannst dich schon platzieren. Ich räume nur noch das Geschirr ab, dann bin ich bei dir, um dich auf Engelsflügeln nach Avalon zu geleiteten."

 

 

Kyra fühlte sich schon seit den frühen Morgenstunden, als hätte sie auf glühenden Kohlen Platz genommen. Ihr erstes offenes Konzert. Zugegeben, ein kleiner Kreis, neben den Kommunebewohnern hatten sich noch einige Bekannte und Freunde angesagt und natürlich jede Menge Paria aus den umliegenden Behausungen. Das schon reichte aus, um von den offiziellen Medien mit Nichtachtung belegt zu werden.

Doch das war ihr egal.

Auf dem Damm wurde eine kleine Bühne errichtet. Schon den ganzen Tag war sie mit einigen anderen damit beschäftigt, die dazu gehörige Technik zu installieren. Um dies zu bewerkstelligen, musste viel improvisiert werden, vor allem, da der Boden durch den heftigen Regenguss der Nacht stark aufgeweicht war, aber am Ende konnte sie mit dem Ergebnis zufrieden sein. Vor allem tat die Abkühlung gut. Angenehm erfrischend, aber nicht zu kalt, besseres Wetter konnte sie sich nicht wünschen.

Besonders ab dem späten Nachmittag konnten die Kommunebewohner teilhaben an ihren Proben und den Versuchen, soviel Perfektion wie nur irgendwie möglich zu erlangen.

Dabei immer wieder vor sich hin fluchend, wenn sie einmal die Töne nicht in der gewünschten Reihenfolge platzieren konnte.

Elena und Leander nahmen das nur sporadisch  zur Kenntnis, zu sehr waren sie mit sich und der vollständig veränderten Situation beschäftigt. 

Erst am frühen Abend machten sie sich auf den Weg, um diesem Kunstgenuss zu genießen.

 

Kyras anfängliches Lampenfieber verflüchtigte sich schnell, als sie die Bühne betrat. Endlich! Lange musste sie auf diesen Tag warten, hätte es nie für möglich erachtet, einmal ein eigenes Konzert zu geben, wenn auch nur in dieser improvisierten Atmosphäre. Dafür war alles natürlich und echt. Nicht wie jene glatt gebügelten Figuren, die allabendlich in den gestelzten Castingshows im TV ihre Auftritte herunterleierten und bei denen es auf eines mit Sicherheit nicht ankam, auf musikalisches Talent. Hier zählte einzig der Profit, der den Medienmogulen winkte. Die konstruierten ihre Stars, ließen sie solange gewähren wie beliebt, um diese dann, sollten sie nicht mehr dem Geschmack der Zeit entsprechen, wie eine heiße Kartoffel fallen zu lassen.

Eine echte Kunstszene, die diesen Namen verdiente, war in Melancholanien schon lange nicht mehr vorhanden.

Kyra hätte unter anderen Umständen durchaus gute Chancen, jene Lücken zu füllen, wenn man ihr denn eine Plattform bot. War das heute der Einstieg?

Wie sie da so stand, in ihren hautengen ausgewaschenen Jeans, dem schwarzen T-Shirt und den weißen Leinenturnschuhen und dem schwarzen Stachelhalsband, kein Vergleich zu den bis zur Unkenntlichkeit geschminkten Püppchen im TV. Die Frisur, echt Punkermäßig zurechtgemacht.

„Hallo Leute! Ich hoffe, ihr habt ein gehöriges Stück gute Laune mitgebracht. Wenn ihr gekommen seid, um Schnulzen zu hören, geht lieber gleich wieder nach Hause. Wenn ihr hier seid, um euch seichte Rhythmen reinzuziehen, schaltet den Fernseher ein, da bekommt ihr das von der Stange. Ich habe nichts dergleichen im Gepäck. Auch die High Heels, die Strapse und das Miniröckchen habe ich zu Hause gelassen, die passen mir ohnehin nicht. Ihr nehmt mich so wie ich bin oder ihr laßt es bleiben. Mir ist es gleich.

Seid ihr aber gekommen um etwas zu genießen, das schon seid unendlicher Zeit aus den öffentlichen und privaten Sendern verschwunden ist, weil es den Herrschenden zu subversiv, zu aufrührerisch und zu authentisch klingt, dann seid ihr hier genau am rechten Platz.

Hier sind Kim am Schlagzeug und Colette am Keyboard und ich bin Kyra. Kyra mit der E-Gitarre. Sollte es euch zu laut sein, stopft euch Watte in die Ohren, noch habt ihr Zeit dazu Denn wenn ich erst mal in Fahrt bin,hält mich keiner auf.“

Eine Band, die ihresgleichen suchte, Kyra, die kampferprobte Lesbe, die seit geraumer Zeit auf bisexuellen Pfaden wandelte, Kim, der frischgebackene Transmann, dem sein feminines Gesicht nicht im Wege stand und Colette, die nicht mehr ganz so junge Transfrau, die wohl zeit ihres Lebens ohne feminines Gesicht aus zu kommen hatte. Eine Premiere. „Androgyn Revolution“ nannten sie sich und genau so waren sie. 

„Eine echte Powerfrau, die ist gut, du wirst es sehen. Ich habe immer gewusst, dass aus ihr noch mal was wird. Die hat's im Blut, das spüre ich!“ begeisterte sich Elena Leander zugewandt, während sie mit den anderen Zuhörern applaudierte.

„Hm! Ich lass mich einfach überraschen!“ erwiderte Leander, etwas abwesend wirkend. Nach dem, was er die letzten 24 Stunden hinter sich hatte, durchaus verständlich.

Kyra stimmte noch mal ihr Instrument, dann gab sie das Zeichen zum Einsatz. Das Trio begann mit einem Sound den man, wenn überhaupt, nur in der Undergroundszene begegnete.

Kyra würgte ihre Gitarre , als fechte sie einen Kampf mit ihr aus, aber sie entlockte ihr Töne, so kraftvoll um die Trommelfelle zum Bersten zu bringen.

Die anfängliche Verunsicherung der Zuhörer wich schnell einer echten Begeisterung. Die Rhythmen stiegen ins Blut und bald begann die ersten in ihren Sitzgelegenheiten mit zu wippen und zu klatschen. Und nach kurzer Zeit erhoben sich die ersten zum Tanz.

Auch Elena hielt bald nicht mehr auf ihrem Platz. Sie schien ehrlich erfasst, von soviel Stimmung. Eine Bevölkerung, daran gewöhnt, sich Tag für Tag von konservierten Klängen aus Computern berieseln zu lassen, stellte solcher Art Musik, von Hand gemacht, eine echte Herausforderung dar.

Hier lebte Anarchismus pur, auch in der Musik, denn nichts war vorgegeben. Alles konnte sich spontan entwickeln und in die gewünschte Richtung entfalten. Auch als die ersten vor der Bühne tanzten, gab es keinen Grund, dem Einhalt zu gebieten. Eine Musik, die in den Menschen zu Hause schien. Lange verborgen, lange verschüttet. Jetzt hatte einfach einer das Ventil gelöst.

Auch Elena tanzte vor der Bühne, die Ekstase stieg ihr in den Kopf. Nun winkte ihr Kyra nach oben zu kommen, eine Einladung, der sie auch prompt nachkam.

Nun tanzten sie gemeinsam. Die einstige Quotenprinzessin aus der Schickimickiszene und die Punkerin aus dem Underground. Es schien, als habe es nie eine Kontroverse zwischen ihnen gegeben. Leander betrachtete alles aus einer gewissen Distanz. Es schien, als gehöre er noch immer nicht ganz hierher. 

Noch immer hatte ihn das Fließband nicht ganz frei gegeben.

Die anderen aber ließen sich reihenweise vom Fieber der lauen Sommernacht infizieren.

Es wurde eine tolle Party. So ausgelassen hatten sie seit langem nicht mehr gefeiert.

Der Grundstein für Elenas spätere legendäre Kommunepartys. Die sollten einmal Schule machen. Was hier vor sich ging, hatte nicht das Geringste mit der dekadenten Lebensweise zu tun, der sich Elena noch vor gar nicht langer Zeit hinzugeben pflegte. Denn hier waren alle gleichermaßen beteiligt, keiner wartete draußen vor der Tür. Barrierefrei in jeder Hinsicht.

Die Zukunft warf ihre Schatten voraus, auch wenn es noch eine Weile dauern sollte, bis so etwas Gewohnheit wurde.

Es ging weiter bis tief in die Nacht, in deren Verlauf immer mehr Schaulustige dem markanten Treiben beiwohnen wollten.

Als schließlich die Sicherheitskräfte einschritten, da sie in all dem eine unangemeldete Demonstration erblickten, war der Großteil des Abends, bzw. der nunmehr eingebrochenen Nacht längst gelaufen.

Elena stellte sich der Streife und die Beamten erkannte sie auf der Stelle, nein, Elena war nicht vergessen. In den Köpfen lebte ihr Bild unvermindert weiter.

Eine kurze Diskussion und die Polizei zog von dannen.

Wie gut, wenn man immer zur rechten Zeit eine Elena präsentieren kann.

Leander befand sich weiter im Abseits. Schließlich griff Elena nach seiner Hand und zerrte ihn mit sich. Endlich konnten sie nun den weiteren Verlauf der Nacht gemeinsam genießen.

Der ungeschickte Tänzer wurde nun ein weiteres Mal auf die Probe gestellt. Schwungvoll ließ Elena ihren Körper durch die Lüfte gleiten, erneut hatte Leander große Mühe, mit ihr mitzuhalten. Selbst beim Tanz war sie seine Meisterin.

Zum Glück präsentierte die Band auch schöne rockige Balladen, die so ganz und gar nichts mit den kitschig-klischeehaften Lovesongs zu tun hatten, die man sonst so geboten bekam und die sich alle irgendwie gleich anhörten. Diese hier luden zum Kuscheln ein. Die Mitwirkenden machten ausgiebigen Gebrauch davon. Man konnte mit gutem Gewissen feststellen, das jeder auf seine Kosten kam.

Der nicht mehr ganz so volle Mond hatte den größten Teil seiner Wegstrecke am schwarzen Firmament  hinter sich, als sich die Party langsam auflöste.

Kyra und ihre Gruppe hatten ihre Feuerprobe bestanden. Bald schon würden sie im ganzen Land für ihre Powerklänge bekannt. Die Geburtsstunde des später legendären Melancholanien-Punk.

„Ihr wart einfach um werfend. Ich habe noch nie so einen tollen Sound gehört? Sag mir, wie macht ihr das?“ gratulierte Elena dem Trio.

„Keine Ahnung! Ich denke, einfach nur Übung! Immer wieder üben, bis sich alles perfekt einspielt. Mehr braucht es dazu nicht, würde ich sagen.“ antwortete Kyra, noch immer ein wenig aus der Puste, denn sie hatte sich ganz schön verausgabt.

„Ich muss jetzt erst mal was trinken. Mann, hab ich ne trockene Kehle. Ist das erste Mal, dass ich meine Stimme so lange Zeit malträtiert habe.“

„Dann setzen wir uns noch ein bisschen zusammen.“ bot Elena an. „Sag mal, wo treibt sich denn eigentlich Kovacs rum? Hat den schon einer gesehen heute Abend? “

„Er war da, hat sich aber schon recht früh verdrückt! Ist wohl nicht so sein Ding!“ glaubte Kim zu wissen.

„Na egal! Kommt alle mit! Leander? Wo steckst du denn?“ Elena drehte ihren Kopf nach allen Seiten, bis sie den neuen Geliebten entdeckte.

„Dir hat es wohl auch nicht sonderlich gefallen, oder?“

„Doch, doch! War schon in Ordnung! Es ist nur, ich fühle mich ein wenig müde, weißt du, und da dachte ich, ich gehe schon mal vor …“

„Kommt nicht in Frage! Wir setzen uns noch ne Weile zusammen. Das muss gefeiert werden. Blöd, dass Kovacs verschwunden ist. Da musst du dich nicht auch noch verkrümeln.“ bestimmte Elena.

Leanders Müdigkeit war sicher echt, wenn er sie auch vorschob. Er wollte ganz einfach mit Elena alleine sein und das erst kürzlich entdeckte Land näher erkunden. Nach Zweisamkeit im besinnlichem Ambiente war ihm jetzt und nicht nach einer Laberrunde im Mondschein, die konnte man doch ebenso in nächster Zeit nachholen. Ein Blick auf den Horizont verdeutlichte ihm, dass der neue Tag schon in Wartestellung lag. Aber Elena gehörte allen. Er würde wohl nie die Exklusivrechte an ihr bekommen und das trotz der Nähe, die er gefunden hatte. Aber gerade nach dem erotischen Hochgenuss des Vortages fiel ihm die Einsicht in diese Tatsache besonders schwer.