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Punkerqueen im Parialand

 

Wieder so ein trister grauer und kalter Morgen.  Noch halb benommen kroch Kyra aus ihrem Schlafsack, in dessen wärmenden Schutz sie des Nachts Zuflucht gesucht hatte, und schlich zum Fenster. Wollte dieses miese Wetter denn kein Ende nehmen? Von dem herrlichen Vorfrühling Anfang März verwöhnt, hatte ein schwerer Kälteeinbruch die Menschen Melancholaniens kalt erwischt. Es schien, als sei der Frühling komplett ausgeschaltet und der Winter in seiner ganzen gnadenlosen Wucht zurückgekehrt. Für Menschen, die sich geräumige Wohnungen mit Zentralheizung leisten konnten, zwar ein Ärgernis, mehr aber auch nicht. Für eine Paria hingegen eine Überlebensfrage. Wie gut, dass sich Kyra diesen Schlafsack organisiert hatte, ohne den wäre die Nacht nicht zu bewältigen.

Kyra war eine Paria, oder Nichtexistente, wie man sie seit geraumer Zeit nannte,  für die Statistik des Landes hatte sie aufgehört zu existieren. Um jemanden der nicht mehr existiert braucht sich auch keiner zu kümmern. Auf diese Weise entledigte sich  Melancholanien seit kurzem unbequemer Randgruppen, die sich nicht integrieren konnten oder wollten.

Kyra lebte mit einer ganzen Schar jugendlicher Paria in einem still gelegten Bahnhofsgebäude. Hier hatten sie Obdach gefunden in dem Bewusstsein, es jederzeit verlieren zu können, sollte die Obrigkeit das so veranlassen. Hausbesetzungen waren in Melancholanien an der Tagesordnung. Es gab immer mehr Menschen, die nicht wussten, wo sie hin sollten und denen das Geld für eine angemessene Wohnung fehlte. Auf der andern Seite wurden immer mehr Gebäude aufgegeben. Alte Fabriken, ganze Industriegebiete verödeten aufgrund der sich immer deutlicher abzeichnenden ökonomischen Krisen, die das Land nun schon seit Jahren im Würgegriff hielt. Einziger beheizbarer Raum des gesamten Gebäudes war der frühere Wartesaal, hier befand sich ein alter Maschinenofen, der bei fachgerechter Bedienung eine wohlige Wärme absonderte. Die anderen Räume waren unbeheizt. Voller Sehnsucht erwartete man hier den Frühling, die Wärme, die Sonne. In dieser Zeit und natürlich auch im Sommer war es hier durchaus auszuhalten, manchmal sogar ganz lustig. Aber die Winter waren grausam. Alle drängten sich wochenlang um den Ofen um wenigstens einen Zipfel der Wärme  zu erhaschen.

Nun verzeichneten sie schon April und noch immer keine Wetterbesserung in Sicht, es war einfach zum Verzweifeln.

Doch Kyra wollte nicht resignieren, dafür war sie eine viel zu entschiedene Kämpfernatur.

Sie schlich zurück, beugte sich über Kim, die noch in ihre Decke eingehüllt vor sich hin schlummerte, strich ihr sanft über ihr kurzes blondes Stoppelhaar, ließ sich dann auf dem Boden neben ihr nieder. Seit Tagen quälte Kim eine heftige Erkältung, die sich vor allem durch starke Hustenschauer bemerkbar machte. Kyra machte sich große Sorgen um ihre Freundin. Noch ein Grund mehr, besseres Wetter herbeizusehnen, denn hier, in dieser kalten, feucht-klammen Umgebung musste man zwangsläufig krank werden. Ein wenig Sonne, Wärme, frische Luft und Licht könnte da schon wahre Wunder wirken und natürlich auch etwas Anständiges zu essen, aber das alles war Mangelware.

Kyra hatte sich vorgenommen, heute zu Cornelius zu gehen und ihn um Hilfe zu bitten. Der alte sonderbare Professor lebte nicht weit von hier in einer ehemaligen Fabrik, in deren Hallen früher einmal Tuche gewebt wurden.

Was den kauzigen Professor bewogen hatte, sich dort niederzulassen, konnte bisher noch niemand so recht in Erfahrung bringen. Der war einer der angesehensten Wissenschaftler des Landes, hoch geehrt und gelobt. Eines Tages hieß es, habe er die alte Fabrik käuflich erworben, um hier eine Hilfsorganisation unterzubringen, die er zuvor mit einigen Gleichgesinnten gegründet hatte ,allesamt Leute die vorgaben, den Paria beizustehen.

Mehrfach schon hatte Cornelius Kyra und ihren Freunden Hilfe angeboten. Doch zunächst standen die einem solchen Ansinnen misstrauisch gegenüber. Nicht ohne Grund, denn Vorsicht war dringend geboten. Immer wieder kam es vor, dass sich Leute aus den Oberen Schichten plötzlich für die Belange der Paria interessierten und behaupteten, ihr Los lindern zu wollen.

In Wirklichkeit jedoch lockten sie die Ahnungslosen in eine Falle. Die verschwanden dann auf mysteriöse Weise auf Nimmerwiedersehen. Ein großer Markt bediente sich hier. Es gab viele Abnehmer. Einige verschwanden in Bordellen und wurden als Prostituierte abgerichtet oder als Lustsklaven für reiche Privofamilien. Anderen landeten in wissenschaftlichen Instituten als Versuchskaninchen oder Organspender.

Meist steckte der obskure Blaue Orden hinter all dem Treiben, jene Geheimloge mit offen faschistoiden Ansichten. Natürlich trat der nie direkt in Erscheinung sondern bediente sich stets aller möglicher Tarnorganisationen mit harmlos klingenden Bezeichnungen.

Der Orden besaß auch eine eigene paramilitärische Milizeinheiten, die regelmäßig Jagd auf die Paria machte, natürlich mit rechtsstaatlicher Deckung, schließlich war Melancholanien eine Demokratie. Solche Treibjagden wurden dann immer als Razzien deklariert, da die Paria unter kollektivem Terrorverdacht standen und man ihrerseits mit ständigen Anschlägen rechnen musste.

Misstrauen Fremden gegenüber war also eine lebensnotwendige Schutzmaßnahme.

Doch nach einer gewissen Zeit glaubte Kyra zu wissen, dass Cornelius nicht von jener Sorte war. Dass er es ernst mit seinen Angeboten meinte.

Ein paar Mal hatte sie sein Domizil schon aufgesucht. Wurde dort stets höflich empfangen und bekam, was sie verlangte, aber sie konnte sich des Eindruckes nicht erwehren, dass man ihr doch mit einer penetranten Art von Hochnäsigkeit begegnete.

Doch wählerisch zu sein konnte sie sich nicht leisten.

In Cornelius Haus verkehrten alle möglichen Leute, vor allem Preka, auch einige wenige aus der Privokaste, die hatten offensichtlich vor, eine neue politische Partei oder Initiative zu bilden, mit dem Ziel Reformen im Lande einzuleiten. Hörte sich gut an, doch Kyra glaubte nicht so recht an einen Erfolg. Ihrer Meinung nach waren das Phantasten, die glaubten etwas zu ändern, wenn sie nur an der Regierung beteiligt würden.

Kyra hatte damit nichts am Hut. Keine Regierung war imstande wirklich etwas zu verbessern. Die würden es auch nicht anders machen als die derzeitigen Machthaber, sollten ihnen tatsächlich einmal die Macht zufallen. Für jene, am unteren Ende der sozialen Leiter gab es kaum Hoffnung auf Besserung.

Kyra streichelte Kim so intensiv dass diese begann leise vor sich hin zu  brummen.

Kim war vor allem ihre beste Freundin, auch Geliebte hin und wieder, aber da legten sie sich nicht fest. Immer wieder brachen sie aus, gingen eigene Wege, verkrachten sich, versöhnten sich wieder, schliefen miteinander, bis der Kreislauf wieder von vorne begann. Das Wichtigste aber war das tiefe Vertrauensverhältnis , sie konnten sich auf einander verlassen. Waren zur Stelle wenn die Not besonders heftig wütete. Solidarität bedeutete hier überleben.

Auch Kyras jüngerer Bruder Justin lebte hier im Haus und ein halbes Dutzend anderer. Mal mehr mal weniger, ein ständiges Kommen und Gehen.

Sie teilten, was sie besaßen, was sie erbettelt oder auch gestohlen hatten. Einer trug des anderen Last ein Stückchen mit.

Gab es da noch Träume? Kaum noch! Kyras Wünsche würden ohnehin nie in Erfüllung gehen. 22 Jahre war sie jetzt und schon fertig mit der Welt. Gossendreck, das Unterste vom Untersten. Sie hatte ihr Leben längst verwirkt.

Gab es noch Träume? Aber sicher! Eine ganze Menge. Die gehörten ihr und niemand konnte sie ihr nehmen. Diese Träume hielten sie in dieser Welt. Musik, das war ihr Leben. Ihr größter Wunsch eine eigene Band, eine Punkband, mit der sie durch die Lande ziehen und ihre Botschaft in den Himmel schreien konnte.

Ein Wunschtraum ohne Aussicht auf Erfüllung.

„Kim, na, wie isses heute? Ein wenig besser, oder?“ flüsterte Kyra ihrer Freundin ins Ohr.

„Geht so!“ gab diese kurz und knapp zu verstehen.

„Hört sich aber nicht sehr überzeugend an und heiser bist du auch noch!“ zweifelte Kyra.

„Mach dir keine Gedanken! Das wird schon wieder! Spätestens wenn es wärmer wird!“ versuchte Kim zu beruhigen.

„Ja, wenn es mal besser würde! Sieht nur im Moment ganz und gar nicht danach aus. Nein, da muss etwas geschehen! Ich werde gleich zu Cornelius gehen. Der sagt ja ständig, dass wir kommen sollen, wenn es Probleme gibt.“ erwiderte Kyra mit einem konkreten Vorschlag.

„Ach was! Gib dir doch nicht so ne Blöße. Keine Bettelei. Ich will das nicht! Hörst du?“

„Klar! Aber deshalb geh ich trotzdem!“ Kyra erhob sich und schritt erneut zum Fenster. Der Blick nach draußen deprimierte sie erneut mit aller Heftigkeit. Da tänzelten doch tatsächlich Schneeflocken vor dem Fenster.

„Schon wieder dieser verfluchte Schnee, da kann einem wirklich nur das große Kotzen kommen. Bleib einfach liegen. Nicht auf stehen wenn es nicht unbedingt nötig ist. Ich bin so bald als möglich wieder zurück.“ meinte Kyra, während sie sich in ihre Steppjacke hüllte.

„Na, wenn es unbedingt sein muss, dann geh eben! Aber wie gesagt, es wäre nicht nötig.“ brummte Kim in ihren Schlafsack.

„Es ist nötig! Ich mach mich dann auf den Weg!“

Als sie die Tür öffnen wollte, erschien Justin noch halbverschlafen.

„Guten Morgen, auch schon wach? War wohl nichts besonders gestern Abend?“ wollte Kyra von ihm wissen.

„Na und? Was geht es dich an? Ist halt im Moment Flaute im Geschäft, das ist alles!“ gab dieser barsch zurück.

„Du siehst auch nicht besonders aus! Ich denke, dir geht es wie Kim. Du solltest kürzer treten. Im Grund gehörst auch du ins Bett!“ glaubte Kyra zu wissen.

„Quatsch! Das bisschen Erkältung. Kann mir im Moment keine Einbußen erlauben.  Kommt uns schließlich allen zu Gute!“ konterte Justin.

„Naja, wie du meinst! Musst du wissen! Dann paß aber auf, dass du deine Freier nicht ansteckst!“

„Hauptsache, die Kohle stimmt, alles andere ist unwichtig. Geht mich nichts mehr an. Aus den Augen aus den Sinn.“ entgegnete Justin selbstsicher.

„Also dann bis nachher! Ich versuche, mich zu beeilen!“

Kyra schloss die Tür hinter sich und machte sich auf den Weg. Eisiger Nordostwind peitsche ihr ins Gesicht, kaum dass sie den Fuß vor die Tür gesetzt hatte. Bei diesem Wetter jagte man keinen Hund vor die Tür. Doch die Menschen mussten um des Überlebens willen.

Sollte sie sich Sorgen um Justin machen? Ihr Bruder war erst 18 und ging anschaffen, stets und ständig volles Risiko. Setzte sich bewusst der größten Gefahr aus. Wie schnell konnte er da auf die Schnauze fallen. Die Freier, denen er sich hingab, waren das Letzte. Für die waren Paria schon lange keine Menschen im eigentlichen Sinne mehr, sondern nur noch Gebrauchsgegenstände, deren man sich bediente, um sie anschließend auf elegante Weise zu entsorgen. Kein Huhn und kein Hahn krähte danach, wenn es wieder einen Stricher erwischt hatte. Auch sie selbst hatte sich in diesem Gewerbe versucht, doch schon bald die Feststellung machen müssen, dafür nicht zu taugen. Es war der hohe Anspruch, den sie an sich selber stellte, der ihr ein Leben in dieser entwürdigenden Rolle verunmöglichte. Sie fand die ganze Angelegenheit einfach nur zum Kotzen.

Ihr Bruder ließ sich nichts sagen, der tat, was er wollte. Gut, dann sollte er eben auch die Konsequenzen tragen.

Kyra schlich den schmalen Feldweg entlang hinunter in die Vorstadt. Sie brach in die gefrorenen Pfützen ein, nicht gerade angenehm für ihre leichten Stoffturnschuhe. Ihre Füße fühlten sich inzwischen wie Eisklumpen an.

Zum Glück hatte sie die dicke Strickmütze über den Kopf gezogen. Bei dem Wetter kam es nun wirklich nicht auf Äußerlichkeiten an.

Endlich säumten die ersten Häuser ihren Weg. Nun war es nicht mehr weit zu der alten Fabrik.

Dort angekommen griff sie mit klammen Fingern in ihre Jackentasche, holte Tabak und Sticks heraus und drehte sich eine Zigarette. Erst noch eine rauchen. Durchgefroren war sie ja schon, da kam es auf ein paar zusätzliche Minuten in der Kälte auch nicht mehr an.

Sie wippte von einem Bein auf das andere um sich ein wenig Wärme zu verschaffen.

Dann schnippte sie die Kippe weg, trat in den Innenhof und lief bis sie die unscheinbare Eingangstür erreicht hatte.

Sie entledigte sich ihrer Strickmütze. entblödete ihre schwarze Punkerfrisur, bis etwa zwei Zentimeter über den Ohren hatte sie sich rasiert, der Rest richte sich in einem Büschel nach oben. Tiefe blaue Augen stachen aus ihren hübschen meist ausgesprochen blassen Gesicht.

Eine schöne junge Frau war sie, bzw. hätte eine solche werden können, wäre sie nicht in dieses erbärmliche Pariamilieu geboren wurde. Meist trug sie schwarze eng anliegende Klamotten, die sie sich überall her besorgte, nicht selten waren die gestohlen.

In der Zwischenzeit hatte sie die große Steintreppe erklommen und den weiten Flur erreicht. Hier wirkte alles ein wenig unaufgeräumt,  doch das störte sie nicht, entsprach es doch ihrem eigenen  Lebensstil. Wahrscheinlich fühlte sie sich deshalb hier so heimisch.

Hier wimmelte es nur so von gefüllten Kartons mit allem möglichem Zeug.

„Guten Morgen, Kyra! Was führt dich denn so früh zu uns!“ hörte sie plötzlich eine Stimme hinter sich und zuckte instinktiv zusammen. 

Miriam hatte sich ihr unbemerkt genähert

„Hallo! Ich möchte gern Cornelius sprechen! Ist der da? Wenn nicht, auch nicht schlimm, dann komme ich eben später wieder!“ antwortet Kyra.

„Nein, nein! Der ist da. Ich weiß nur im Moment nicht genau, wo er sich aufhält! Komm doch einfach mit rein in den Aufenthaltsraum. Ich habe gerade einen Kaffee gemacht. Trinkst du einen mit?“ bot Miriam an.

„Ja, gern!“

Kyra folgte dem Flur entlang bis zu dem großen mit Tischen und Stühlen gefüllten Raum, der sehr an eine Werkskantine erinnerte. Mit größter Wahrscheinlichkeit diente er auch vor noch nicht all zu langer Zeit als solcher. Früher, bevor die große Krise auch dieses Werk in den Ruin getrieben hatte.

„Nimm Platz, mach es dir bequem!“ forderte Miriam auf und Kyra tat, wie ihr geheißen.

Schön angenehm warm war es hier. Sie hatte es nicht eilig, wieder in die Kälte zu gelangen.

Auch wenn ihr natürlich bewusst war, dass Kim voller Sehnsucht auf sie wartete.

Miriam kam mit einem Tablett zurück, darauf nicht nur der duftende frisch gebrühte Kaffee, sondern auch Brötchen, Butter etwas Marmelade, Wurst und was sonst noch zu einem richtigen Frühstück gehörte.

„Du hast doch sicher etwas Hunger, deshalb habe ich auch noch eine Kleinigkeit mitgebracht.“

Kyra ließ sich das nicht zweimal sagen und langte ordentlich zu.

„Was hast du denn für ein Anliegen an Cornelius?“ wollte Miriam wissen.

„Ach, es geht um Kim. Die fühlt sich seit einigen Tagen schon nicht gut. Sehr stark erkältet, böser Husten und so. Ich dachte, Cornelius könnte mir vielleicht aushelfen mit ein paar Medikamenten. Habt ihr denn welche vorrätig?“ gab Kyra zu verstehen.

„Ja sicher! Da können wir gleich mal nachsehen. Kann ich dir auch geben, aber natürlich erst, nachdem du dich richtig gestärkt hast. Aber sicher möchtest du Cornelius sprechen, wenn du schon einmal hier bist, oder?“

„Ja klar. Es gibt immer mal was zu besprechen!“ erwiderte Kyra.

Miriam überlegte scharf, ob sie Kyra direkter ansprechen könnte. Sie wollte sie keineswegs verletzen.

„Ist es nicht zu kalt da oben bei euch? Habt ihr ausreichend Brennmaterial, oder können wir euch auch damit dienen?“

„Es geht! Reicht noch im Moment. Na, hoffentlich kommt bald einmal etwas wärmeres Wetter, dann brauchen wir überhaupt nicht mehr zu heizen.“ gab Kyra zur Antwort.

" Das hoffen wir alle. Ich denke, es geht bald aufwärts. Iss weiter, ich werde mal nachsehen, wo Cornelius steckt. Der kann aber nicht weit sein.“

Miriam erhob sich gerade, als der Gesuchte in der Tür erschien.

„Oh, wie ich sehe, haben wir Besuch! Schön, dass du uns auch wieder mal besuchen kommst, Kyra. Wir haben dich schon vermisst die letzte Zeit!“ begrüßte Cornelius die Besucherin.

Kyra erhob sich, um den alten Professor zu begrüßen. Der markante Gesichtsausdruck flößte ihr immer ein wenig Respekt ein. Der weiße Vollbart und das ebensofarbige Haupthaar bildeten eine Einheit um das Gesicht. Dazu die schwarze Hornbrille und die typische schwarze etwas zu groß ausgefallene Baskenmütze. Er trug einen schwarzen Anzug aus knitterigem Breitcord und darunter einen beigefarbenen Rollkragenpullover.

Cornelius nahm an Kyras Seite Platz am Tisch und schenkte sich einen Kaffee ein.

„Kyra ist gekommen, um Medikamente für Kim zu holen, der geht es wohl nicht gut, wie sie sagt. Eine schlimme Erkältung.“ klärte Miriam auf.

„So? Ich hoffe doch, nichts Ernstes!“

„Ach was, Kim haut so schnell nichts um. Aber es geht schon seit Tagen und ich dachte, dass es wohl besser sei, was einzunehmen. Wir haben ja nichts bei uns.“ erwiderte Kyra.

„Ja, sicher haben wir was da. Aber ich denke, sie sollte sich auch mal gründlich untersuchen lassen. Gut, uns mangelt es an Ärzten hier. Aber wenn ich mich recht entsinne, haben wir jetzt einen gefunden, der bereit ist, Paria zu behandeln. Der kommt Donnerstag. Ja, hm, heute haben wir Montag. Kommt doch Donnerstag einfach mal hier her, du und Kim und wer sonst noch ein Probleme hat. Ich denke, da lässt sich etwas machen.“ bot Cornelius an.

„Ich richte es den anderen aus. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die kommen werden, Kim inbegriffen, die haben alle ihren Stolz.“ antwortet Kyra.

„Ach, den brauchen sie doch nicht zu haben. Das ist Unsinn. Alle die hier helfen, tun das gern.

Gut, wenn ich auch gestehen muss, dass es recht wenige sind, die sich bisher dazu bereit erklärt haben. Ihr könnt das Angebot mit gutem Gewissen annehmen.“ lud Cornelius mit freundlichem Gesichtsausdruck ein.

„Ich werd's den anderen sagen!“

„Wir können hier auch ständig Hilfe gebrauchen. Jede Hand ist willkommen. Denkt doch einfach mal drüber nach, wie ihr euch hier einbringen könntet. Wäre das nicht etwas? Dann brauchtet ihr unsere Hilfe nicht als Almosen zu betrachten.“ schlug nun Miriam vor.

„Richtig! Genau darüber habe ich auch schon nachgedacht. Das könnte funktionieren. Das heißt, wenn ihr wollt. Ist auch nur ein Angebot.“ stimmte Cornelius zu.

„Also, ich könnte mir schon vorstellen, was zu tun für euch. Kein Problem! Aber ich kann nicht für die anderen sprechen, dass müssen die schon selbst entscheiden.“ stellte Kyra klar.

„Natürlich! Sprecht in Ruhe darüber und teilt mir rechtzeitig mit, wie ihr euch entschieden habt. Ja, gerade jetzt, wo es richtig anläuft  können wir jeden gebrauchen. Ihr würdet uns damit eine große Freude machen.“

„Mir wären im Moment aber erst mal die Medikamente wichtig.“ erinnerte Kyra wieder an den eigentlichen Grund ihres Besuches.

„Ich gehe und hole sie gleich!“ Miriam erhob sich und eilte ein Stockwerk nach oben.

Nun war Kyra mit Cornelius allein, fühlte sich gefordert, Fragen zu stellen, die ihr schon lange auf der Zunge brannten.

„Sag mal, Cornelius, was ich fragen wollte. Was tut ihr hier eigentlich? Das geht mir schon seit Tagen durch den Kopf, seit ich hier zum ersten Male aufkreuzte. Gut, ihr helft uns, geht in Ordnung. Aber einfach so? Das kann doch wohl nicht sein. Da steckt doch sicher noch was anderes dahinter, oder?“

„Hm, was meinst du damit?“ stellte sich Cornelius zunächst etwas dumm.

„Na, ich meine, da werden auf der einen Seite Gesetzte gegen uns erlassen, wir werden immer tiefer in die Gosse gestoßen, lässt uns wenn's drauf ankommt auch verrecken. Einige, wie etwa die Blauen, wollen uns gar um die Ecke bringen. Auf der andern Seite kommt ihr daher und bietet uns Hilfe an. Wie kann das sein? Ihr seid doch auch Privo wenn ich mich recht entsinne?“ bohrte Kyra weiter.

„Das eine muss ja nicht unbedingt etwas mit dem andern zu tun haben. Nicht alle Privo sind automatisch schlecht, nur weil sie eben Privo sind. Ich gehörte nicht von Anfang an dazu. In deinem Alter war ich noch ein Preka. Aber in den damaligen Zeiten konnte man sich noch durch gutes Wissen nach oben zu arbeiten. Ich hatte Glück, hatte die Möglichkeit zu studieren und im Anschluss daran meinen Weg gehen. Heute kommt so was nur noch in den seltensten Fällen vor.“ erklärte Cornelius.

„Und was war mit den Paria damals? Konnten die sich etwa auch nach oben arbeiten?“ unterbrach Kyra spontan.

„Nun, Paria im eigentlichen Sinne gab es damals nicht. Zumindest nicht in dieser Dimension und unter dieser Bezeichnung, also als große Randgruppe. Es gab einzelne Personen oder auch kleine Gruppen, denen es nicht sonderlich gut ging, die bekamen damals auch noch Unterstützung. Aber die rigiden Gesetze der letzten Jahrzehnte haben unser Land tief gespalten. Wir, also unsere Bewegung, sind der Meinung, das Maß ist voll. Unser Land bedarf dringend einer Erneuerung, braucht Reformen, um diese Spaltung zu überwinden.

„Hört sich gut an! Aber wie wollt ihr das bewerkstelligen?“ fragte Kyra gespannt.

„Tja, eine gute Frage! Deshalb haben wir uns zusammen gefunden, um eine präzise Antwort auf darauf zu finden. Das ist uns bisher nur sporadisch gelungen. Klar, wir sind eine kleine Minderheit, viel können wir im Moment nicht ausrichten. Aber der Einstieg ist erfolgt. Wir hoffen auf mehr Zulauf. Auf keinen Fall dürfen wir am Anfang zu viel erwarten. Kleine Schritte nur sind uns möglich. Aber wir wollen nicht nur kluge Reden schwingen sondern konkret vor Ort etwas helfen. Daher unser Hilfswerk.“

„Verstehe! Und glaubst du, dass sich euch in absehbarer Zeit mehr Leute anschließen, Leute eben, die ähnlich denken wie du?“ fuhr Kyra fort.

„Schwer zu sagen! Uns fehlt, wie soll ich mich ausdrücken, der Motor. Eine anerkannte Stimme die den Leuten ins Gewissen redet,jemand der in der Lage ist, die Bevölkerung wirklich mitzureißen, ihnen die Augen öffnet. Ich bin daher ständig auf der Suche nach Verbündeten.

Der Dichter Kovacs zum Beispiel, der besaß einst einen großen Namen, leider ist er aber seit geraumer Zeit in Vergessenheit geraten, aus der Öffentlichkeit verdrängt. Ihn versuche ich schon seit geraumer Zeit zu gewinnen, bisher ohne Erfolg. Er besucht uns hin und wieder, tauscht sich aus. Noch aber zieht er es vor  im Verborgenen zu wirken.  Verstehen kann ich ihn durchaus. Ich selbst war  auch einmal ein Gelehrter, der viel lieber aus dem Hintergrund wirkte. Große mediale Auftritte liegen mir so ganz und gar nicht.“ gab Cornelius zu verstehen.

„Tja, aus dem Hut lässt sich niemand zaubern. Aber ich weiß noch immer nicht, was ihr nun konkret tun wollt. Die Menschen wach rütteln. Gut, einverstanden, aber dann, wie geht es weiter?“  hakte Kyra nach.

Cornelius erkannte in seiner Gesprächspartnerin zusehends einen wachen Geist. Eine junge Frau, die nicht nur hübsch anzusehen war, sondern einen bemerkenswerten Intellekt zu haben schien. Ein Jammer ohnegleichen, dass so jemand dazu verurteilt schien, sein Leben lang als Paria dahin zu vegetieren. In ihm reifte der Wunsch, ihr eine Brücke zu bauen, eine Brücke in die Gesellschaft. Aber wie?

„Nun, wir wollen uns formieren, noch besser organisieren. Am Ende könnten wir eine politische Partei bilden, im Stande, an den Wahlen teilzunehmen um auf diese Weise Schritt für Schritt immer deutlicher an Einfluss gewinnen. So in etwa könnte unser langfristiger Plan aussehen.“

„Hm, an Wahlen teilnehmen! Aber da gibt es doch schon zwei Parteien. Was würdet ihr anders machen als jene ?“

Kyra ließ nicht locker.

„Damit beschäftigen wir uns schon seit langem. Theorien gibt es zur Genüge, die Frage ist, ob die sich am Ende als praxistauglich erweisen.“ schaltet sich Miriam ein, die plötzlich hinter ihr erschien.

„Hier, ich hab die Medikamente mitgebracht. Verschiedenes, nimm einfach alles mit und probiert. Aber denk daran, ein Gang zum Arzt ist dringend geboten.“

„Danke! Das ist sehr nett von euch. Ich werd mich dann auch gleich auf den Weg machen, denn Kim braucht das Zeug schleunigst.“ bedankte sich Kyra und erhob sich spontan.

Schade, denn ein interessantes Gespräch fand ein abruptes Ende, dachte sich Cornelius. Aber natürlich wollte Kyra ihrer Freundin so schnell wie möglich bei stehen.

„Denkt weiter über unser Angebot nach. Ich hoffe, dich bald wieder zu sehen, denn ich möchte diese interessante Gespräch gerne fortsetzen und vertiefen, wenn du willst.“ lud Cornelius ein.

„Ja, das werde ich gerne tun! Ich geh dann mal! Danke für alles!“

Kyra wandte sich zum Gehen und ließ Cornelius und Miriam zurück.

„Da können wir nur hoffen, dass sie unser Angebot annehmen. Ich kann mir kaum vorstellen, dort oben in diesem heruntergekommenen Bahnhofsgebäude zu leben.“ meinte Miriam, nachdem Kyra die Tür hinter sich geschlossen hatte.

„Richtig! Aber die müssen von alleine kommen. Wir können sie nicht dazu nötigen. Die Kleine hat etwas, da steckt was dahinter, das merkt man daran wie geschickt sie zu argumentieren versteht. Ich frage mich, auf welche Weise sie sich Bildung angeeignet hat. Es ist einfach ein Frevel sondersgleichen, dass so ein Mensch nicht die geringste Chance hat, etwas daraus zu machen.“ erwiderte Cornelius mit Wehmut in der Stimme.

„Aber wir sind doch ein freies Land, ein jeder ist seines Glückes Schmied, allen steht grundsätzlich Chancengleichheit zu.“ antwortete Miriam ironisch.

Cornelius lachte nur.

„Es ist aber nur schlimm, dass es immer noch genug Menschen gibt, die auf diese Floskeln hereinfallen. Nein, wir sollten uns überlegen, wie wir hier konkret Hilfe aussehen könnten, hinsichtlich der Ausbildung, meine ich.“ gab Cornelius zu verstehen, obgleich er sich der Undurchführbarkeit dieses Ansinnens bewusst war.

„Da brauchst du aber noch eine Menge Unterstützer. Mit den Mitteln, die uns derzeit zur Verfügung stehen, können wir kaum etwas ausrichten.“ dämmte Miriam sogleich seinen Optimismus.

„Natürlich hast du Recht!“ stimmte Cornelius resignierend zu. „Wenn wir doch nur auf die Medien mehr Einfluss hätten, das könnte uns enorm voran bringen. Aber so lange wir totgeschwiegen werden oder gar mit Schmutz beworfen, werden sich kaum Leute ernsthaft für unsere Bewegung interessieren. Aber mir fällt auch nicht ein, wie wir dem Abhilfe verschaffen könnten.“

Die Tür öffnete sich und Linus betrat den Raum, Cornelius engster Mitarbeiter hatte stets sein Ohr an der Basis und wusste auch heute zu berichten, was draußen in der Welt so vor sich ging. Er hatte einen Stapel Zeitungen unter dem Arm.

„Also Cornelius wir können mit der Presseschau beginnen wenn es dir gelegen ist. Ich kann nur sagen, die übertreffen sich mal wieder selbst. Da reiht sich eine Falschmeldung an die andere. Da muss man erst mal drauf kommen, die sind bedeutend besser informiert über uns als wir selbst. Sieh hier zum Beispiel!“ Linus faltet eine Zeitung auseinander und wies auf einen besonders absurden Artikel.

Cornelius griff danach und las.

„Wie uns aus sicherer Quelle zugetragen wurde plant die Bunte Liste in absehbarer Zeit die Einrichtung eines Kinderbordells.  Die fadenscheinige Begründung, Pariakinder von der Straße zu holen, dient in Wirklichkeit dazu, die klammen Kassen der so genannten Bürgerbewegung Bunte Liste  aufzufüllen. Cornelius und seine zwielichtigen Genossen treten ansonsten gerne als die Saubermänner der Nation auf, kritisieren, wo sich die Gelegenheit bietet, die ach so unsoziale Situation in Melancholanien. Doch nun konnten wir in Erfahrung bringen, wie es mit ihrer tatsächlichen Moral bestellt ist. Die vereinzelt eingerichteten Informationsbüros dienen einzig dem Zweck, Willfähige vor allem Minderjährige anzulocken und diese dann mit seichten Versprechungen in ihre Fallen zu locken. Wir dürfen diesem Treiben nicht mehr tatenlos zusehen. Alle anständigen Melancholanier sollten hier Flagge zeigen, sich einreihen in die „Front der Anständigen“.

Legt diesem Schutzfinken endlich das Handwerk!“

Cornelius drehte die Zeitung auf das Titelblatt.

„Linus, warum präsentierst du mir ausgerechnet die BLIND-Zeitung? Von diesen Schmierfinken sind wir doch nun schon seit langem nichts anders gewohnt.“

„ Aber du musst die Anmaßung bedenken. Das ist starker Tobak. Ich denke, wir sollten eine Gegendarstellung erwirken. Diesmal dürfen die damit nicht durchkommen. Jetzt sind die entschieden zu weit gegangen.“

„Ja, der Meinung bin ich auch.“ pflichtete Miriam sofort bei. „Die werfen uns ausgerechnet jenes Delikt vor, das der Blaue Orden selbst schon seit geraumer Zeit praktiziert. Wir waren es, die diesen Skandal aufdeckten.“

„Und das ist die Retourkutsche! Ist doch ein alter Hut. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich Leute finden, die so einem Mist Glauben schenken. Die lesen das und eine Stunde später haben sie`s vergessen.“ versuchte Cornelius die Sache herunterzuspielen.

„Na, ich weiß nicht! Du solltest das nicht so auf die leichte Schulter nehmen. Dir ist bewusst, wie leicht das Volk zu beeinflussen ist. Ich bin für eine Gegendarstellung, auf jeden Fall.“Beharrte Linus weiter auf seinen Vorschlag.

„Aber du bist dir doch im Klaren darüber, wie zwecklos ein solches Unterfangen ist. Wie oft schon haben wir das versucht und sind stets gescheitert. Die drucken nichts von uns. Gut, sie können uns nicht mehr ignorieren wie zu jener Zeit, als wir anfingen, das ist schon mal ein kleiner Erfolg. Also versuchen sie uns die Legitimation abzusprechen und da sie das auf ehrliche Art und Weise nicht erreichen, versuchen sie es, indem sie uns etwas unterschieben. Wir sollten dem nicht soviel Betrachtung schenken.“ lehnte Cornelius ab.

„Wenn doch nur endlich unsere eigene Zeitung arbeiten könnte. Ich hoffe nach wie vor auf die erste Ausgabe noch in diesem Monat. Dann sind wir ein Stück unabhängiger und nicht mehr auf diese Revolverblätter angewiesen.“ begeisterte sich Linus.

„Sicher ist eine eigene Zeitung ein wichtiger Schritt. Aber versprich dir am Anfang nicht gleich zuviel davon. Die müssen wir erst mal unter die Leute bringen, sind dazu angehalten einen Leserkreis schaffen. Das ist alles andere als einfach, zumal bei unserer dünnen Personal– und Finanzdecke.“ holte ihn Cornelius auf den Boden zurück.

„Könnten wir nicht z. B. auf Kyra und ihre Freunde zurückgreifen? Die wären imstande in der nahen Umgebung für die Zeitung werben. Da hätten wir gleich eine richtige Aufgabe für die. Die kennen sich hier  aus, treffen viele Leute. Menschen, die ihrerseits wieder andere nachziehen.“ warf Miriam spontan ein.

„Gute Idee! zugegeben! Aber trotzdem, wir dürfen einfach nicht zu viel erwarten. Die großen bedeutenden Medien sind uns nach wie vor verschlossen.“

Betretendes Schweigen. Alle waren sich dieser Tatsache bewusst. Die Medien mochten sich zwar als unabhängig deklarieren, doch war das vor allem ein Reklamegag. Ob TV, Radio, Zeitungen, alles in der Hand weniger Konzerne. Alternativmedien hatten es ausgesprochen schwer und wurden kaum zur Kenntnis genommen. Somit konnte die Verblödungsinitiative der Regierung ungehindert weitere Kreise ziehen.

„Was ist denn mit Kovacs und seinem Einfluss, könnte der uns nicht helfen?“ fiel Linus ein.

„ Das ist aber schon lange Geschichte. Aber richtig ist natürlich, ihn weiter einzubeziehen. Ich werde nicht locker lassen und immer wieder auf ihn einreden bis er sich uns endlich anschließt. Seine Dichterschule könnte Reklame für uns machen. Aber das alles sind kleine Schritte. Vom Ziel sind wir noch meilenweit entfernt.“

„Wie wir uns unter diesen Umständen auf die Wahlen vorbereiten sollen, bleibt ein Rätsel.

Da können wir sogar von Glück sagen, das derzeit keine anstehen. Wir brauchen die lange Zeit tatsächlich, um uns besser aufzustellen.“ stellte Linus weiter fest.

„Ja, und da gibt es Leute in der Bewegung, die unbedingt Neuwahlen erzwingen wollen. Wir sind doch gar nicht darauf vorbereitet.“ stimmte Miriam dem zu.

„Die Chancen, dass sich das Parlament vorzeitig auflöst, stehen eins zu einer Million, so etwas hat es die letzten Jahrzehnte nicht mehr gegeben. Da habe ich im Moment keine Befürchtung. Trotzdem müssen wir auch mit dem Unmöglichen rechnen. Die Stimmung im Lande ist angespannt, auch oder gerade unter den Preka. Sicher sind die Lammfrommen dort noch deutlich in der Überzahl, aber die Zahl derer, die Veränderungen wünschen, steigt stetig weiter an. Das wird uns mittelfristig zu Gute kommen. Dem müssen wir Rechnung tragen.“ gab Cornelius zu bedenken.

„Was ist mit dem Bündnisangebot von Neidhardt? Steht das noch oder ist das wieder vom Tisch?“ wollte Miriam wissen.

„Es steht nach wie vor, aber bisher habe ich von Neidhardt nichts gehört, keine Reaktion.  Das ist auch gut so, denn ich bin entschieden dagegen.“ antwortet Cornelius.

„Ich halte ebenfalls nichts davon und die meisten andern auch nicht. Das könnte unserem Ruf sehr schaden. Die warten doch nur darauf, dass wir uns mit Terroristen einlassen, um uns dann in die gleiche Ecke zu stellen.“ pflichtete ihm Linus bei.

„Übrigens, in puncto Alternativmedien ist uns Neidhardt schon voraus. Denkt doch daran, auf welche Weise die ihre Schriften unter die Leute bringen. Da können wir uns ne Scheibe davon abschneiden.“

Die Tür wurde aufgestoßen und Manuel trat ins Zimmer.

„Na Manuel, willst du unserer Runde Gesellschaft leisten, setzt dich doch einfach!“ lud Cornelius ein.

„Später gerne! Ich habe neue Nachrichten von Neidhardt!“ antwortet der Angesprochene.

„Na, da bin ich  mal gespannt!“Signalisierte Linus seine Neugier.

„Also Neidhardt hat sein Bündnisangebot erneuert. Die sind dort zwar noch im Diskussionsprozess, aber alles deutet darauf hin, dass sie bereit sind einzulenken und sogar gewillt Kompromisse zu akzeptieren.“ verkündete Manuel.

„Na, was habe ich euch gesagt, es kommt Bewegung in die Bewegung, wenn man es mal so ausdrücken will. Ich denke Neidhardt ist zum Handeln gezwungen. Die stehen nämlich ganz schön in der Defensive, vor allem seitdem wir begonnen haben, ihnen den Rang streitig zu machen. Trotzdem bin ich weiterhin dagegen.“ Lehnte  Cornelius erneut jegliche Zusammenarbeit ab.

„Neidhardt und seine Radikalen sind keine Basisbewegung  wie wir. Die Diskussion dort hat lediglich Symbolcharakter. Am Ende entscheidet Neidhardt und sein engster Führungsstab allein. Ein Zusammengehen wäre schon aus diesen Gründen kaum durchführbar. Basisdemokratie und Diktatur harmonieren nicht miteinander. Wir mögen ähnliche Ziele haben, doch die Wege dorthin unterscheiden sich erheblich. Im Moment sind die Radikalen Revolutionäre vor allem Konkurrenten aus den eigenen Reihen, die wir ebenso entschieden bekämpfen müssen wie die derzeitigen Machthaber oder den Blauen Orden." 

 

Endlich besserte sich das Wetter, kein Zweifel, der harte Winter schien endgültig geschlagen. Im Inneren des alten Bahnhofes war es noch immer recht kühl, so dass die Bewohner kurz entschlossen auf das Dach zogen, um dort die Sonnenstrahlen einzufangen.

Kyra hatte es sich bequem gemacht, hielt ihr Gesicht mit geschlossenen Augen in Richtung Sonne. Die Wärme tat einfach nur gut. 

Nun ließ es sich auch wieder besser leben,  zumindest für eine Weile. Denn hier vermochte kaum einer zu sagen, welche Überraschung der nächste Tag im Gepäck hatte.

Sie bemerkte, wie sich ihr jemand von hinten näherte und wandte sich spontan um.

„Ach, hier bist du.“ meinte Adrian, einer ihrer zahlreichen Mitbewohner. „Ich suche dich schon die ganze Zeit. Da war vorhin einer da, wollte dich sprechen. Er sei von diesem Cornelius geschickt. Keine Ahnung um was es dabei ging."

„Aber einen Namen hatte der doch bestimmt, oder?“

„Hm, warte mal! Manuel oder so ähnlich!“

„Ach ja, jetzt dämmert es mir. Die wollen wissen, ob wir so`n paar Aufgaben übernehmen können. Das hab ich doch neulich schon mal angesprochen. Nun wollen die bestimmt in Erfahrung bringen, wie wir uns entschieden haben.“ erinnerte sich Kyra.

„Ja, und haben wir uns denn entschieden?“ wollte Adrian wissen und begann sich eine Zigarette zu drehen.

„Na, du weißt doch, wie lange die brauchen, kommt wieder mal keiner aus der Knete. Denen muss ich erst wieder auf die Füße treten. Also, ich könnte mir schon vorstellen, was zu machen, Kim wohl auch, die anderen, na, das müssen die schon selbst entscheiden. Was ist denn mit dir?“

„Kein Bock! Hab ja nicht mal nen Schimmer, um was es da geht!“ lehnte Adrian gleich ab.

„Na, besser als rumlungern  allemal. Ein bisschen Abwechslung hat noch niemand geschadet.“ Kyra erhob sich und reckte die Arme gen Himmel.

„Na, da werd ich mal sehen, wer alles mitkommt.“

Kyra kletterte die steile Holztreppe herunter, Adrian folgte ihr.

„Vergiss nicht, die Dachluke zu schließen. Es soll Regen geben heute Abend. Wir haben sonst die ganze Schweinerei im Flur. Ich bin froh, dass es endlich trocken ist!“ befahl Kyra und Adrian gehorchte widerspruchslos.

Hierarchien gab es auch bei den Paria. Kyra galt hier im Allgemeinen als eine Art von Anführerin. Niemand hatte sie je dazu bestimmt. Es ergab sich einfach als die Gruppe sich gefunden hatte und begann zusammen zu leben. Sie wurde respektiert. Das hing wohl auch mit ihrer forschen und bestimmenden Art zusammen. Die anderen hatten schnell bemerkt, das Kyra ihren Kopf zum Denken benutzte und das kam im Endeffekt allen zugute.

Trotzdem herrschte hier natürlich jene Art von Freiheit, die Zwänge nicht zuließ. Eine Freiheit, die in den Reihen der Preka unvorstellbar war. Gerade, wenn es um dringend zu erledigende Aufgaben und Arbeiten ging, gab es regelmäßig Zoff.

Kyra schritt durch den oberen Flur, voller Gerümpel. Vor Wut trat sie vor einen Pappkarton, der seitlich von ihr zur Wand polterte.

„Was is`n los? Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?“ wollte Kim wissen , die ihr plötzlich gegenüberstand.

„Ach, der alte Kram hier kotzt mich an. Das Zeug brauchen wir doch gar nicht mehr. Wir müssten einfach mal gründlich aufräumen hier und im ganzen Haus.“ beschwerte sich Kyra.

„Wieso denn? Mich störts nicht! Lass es doch. Wir räumen es dann ja ohnehin nur von einer in die andere Ecke!“ erwiderte Kim und Kyra musste feststellen, dass diese Aussage nicht einer gewissen Logik entbehrte.

„Also ich gehe dann mal zu Cornelius rüber. Wenn du Lust hast kannst du  mit kommen.  Mal sehen, ob ich die anderen dazu bewegen kann. Viel Hoffnung habe ich da allerdings nicht.“ meinte Kyra zu ihrer Freundin.

„Meinetwegen, ich komme mit! Aber wenn ich ehrlich bin, verspreche ich mir von den Typen da drüben auch nicht sonderlich viel!“ bekannte Kim.

„Warte erst mal ab, was geschieht, dann sprich dein Urteil! Also Leute, ich geh jetzt zu Cornelius, wer kommt mit?“ rief Kyra in die zufällig versammelte Runde.

Sie konnte dadurch kaum Begeisterung hervorrufen.

„Hab ich mir gedacht! Justin, was ist mit dir? Willst du es dir nicht wenigstens mal ansehen?“ forderte Kyra ihren Bruder auf.

„Geh nur, wenn du dir was davon versprichst! Ich komme nicht mit, ist doch eh immer das gleiche mit diesen Typen. Große Sprüche und nichts dahinter.“ lehnte der Angesprochene ab.

„Also, wenn du mich fragst, ist das alles nur Tarnung. Ich sage euch, die kommen von den Blauen. Die wollen uns aus der Reserve locken und dann zuschlagen. Wer sich mit denen einlässt, verschwindet irgendwann auf nie mehr wieder sehen.“ glaubte Jean zu wissen.

„Ach so'n Quatsch! Wenn die von den Blauen kämen, hätten die längst zugegriffen. Glaub mir, ich bin vorsichtig. Ich hab mir die Leute angesehen und kann euch versichern, von denen geht keine Gefahr aus.“ versuchte Kyra zu beruhigen.

„Aber Moralapostel sind das! Das kannst du nicht abstreiten. Die fallen über uns ebenso her wie alle anderen. Oder hast du die Sprüche vergessen, die in ihren Flugblättern auftauchten, über Prostitution und so. Wollen uns vorschreiben, wie wir zu leben haben. Da kann ich aber gerne drauf verzichten!“ warf Lisa ein, die sich ihren Lebensunterhalt auf dem Straßenstrich verdiente.

„Du hast Recht, Lisa! Damit brauchen die mir auch nicht zu kommen! Da klapp ich meine Ohren einfach zu. Aber was sie uns bieten, können wir ruhig annehmen.“ widersprach Kyra.

„Also gut! Überredet, ich komme mit! Aber nur, um mal rein zu hören!“ sagte Adrian schließlich doch noch zu.

„Glaubt mir! Die sind von den Blauen! Da könnt ihr Gift drauf nehmen! Ich weiß, wovon ich spreche. Ich hab das alles am eigenen Leib erfahren. Ich hatte großes Glück, dass ich entkommen konnte. Anderen war das nicht vergönnt. Glaubt mir, eines Tages seid ihr verschwunden und keiner wird euch je wieder zu Gesicht bekommen.“ warnte Jean erneut.

Seine Warnung kam nicht von irgendwo her. Er war einige Zeit Gefangener des Blauen Ordens. Dort musste er allerhand entwürdigende Dinge über sich ergehen lassen. Er sprach ständig von Experimenten, die sie mit ihm durchgeführt hatten. Seither war er nicht mehr ganz richtig im Kopf.

„Na gut, dann eben nicht! Gehen wir zu dritt, ist doch auch schon mal was! Justin, willst du nicht doch mit kommen?“

„Nein! Denke nicht dran! Geh und lass mich in Ruhe!“ wehrte dieser barsch ab.

Die drei machten sich auf den Weg!

Kyra freute sich über die Tatsache , nicht allein bei Cornelius zu erscheinen. Da bemühen die sich ehrlich und bekommen es mit Nichtachtung vergolten, das macht wahrlich keinen guten Eindruck.

Als sie in der alte Fabrik eintrafen, herrschte dort reges Treiben. Allerhand Leute waren zugange. Im Innenhof wurden Tische zusammengezimmert. Andere entluden gerade eingetroffene Lieferwagen.

Die drei bewegten sich durch das Getümmel auf der Suche nach Cornelius, oder Miriam.

Plötzlich stießen sie rein zufällig auf Manuel.

„Wir kommen von oben, vom alten Güterbahnhof. Wir suchen Cornelius! Kannst du uns sagen, wo wir ihn finden?“ sprach ihn Kyra an.

„Ach ja! Ich war  vorhin bei euch. Schön, dass ihr gekommen seid. Ihr wollt uns also helfen?“ gab dieser freudig zur Antwort.

„Ja schon! Kommt drauf an, was wir machen sollen!“ antwortet Kyra.

„Also wir können heute in der Tat jede helfenden Hand gebrauchen. Wir bereiten einen großen Infostand vor.“

„Was, hier wollt ihr einen Infostand machen? Ist doch viel zu abgelegen. Hier kommt doch keiner raus!“ zweifelte Kim.

„Nicht hier! Wir bereiten alles vor und fahren dann später am Nachmittag in die Innenstadt. Wenn das Getümmel auf dem Marktplatz am größten ist und die Preka von der Schicht kommen,  wollen wir präsent sein.“ klärte Manuel auf.

„Das leuchtet ein! Gut, wir sind dabei. Aber wir hätten vorher gerne noch mit Cornelius gesprochen.“ sagte Kyra kurz entschlossen zu.

„Geht einfach über den Platz, ihr findet ihn bestimmt dort drüben bei den Fahrzeugen!“

Manuel deutete mit dem Finger in ein bestimmte Richtung.

Die drei taten, wie ihnen geheißen.

„Na, ist wirklich mal ne Abwechslung! Da bin ich mal gespannt, was dabei raus kommt!“ meinte Adrian.

Schließlich trafen sie auf Cornelius, der gerade vertieft in ein Gespräch diskutierte.

Kyra klopfte ihm cool auf die Schulter.

„Ah, da seid ihr ja! Schön dass du Wort gehalten hast, Kyra! Das ist wirklich schön!“ begrüßte Cornelius die Neuankömmlinge. „Na, immerhin konntest du einige bewegen, mit dir zu kommen.!“

„Ihr wollt rein in die City? Was versprecht ihr euch davon? Die Preka haben doch kaum Zeit zum Luft holen, nach ihrer Schicht, geschweige dem sich mit solchen Sachen abzugeben!“ gab Kim zu bedenken.

„Da kannst du Recht haben, ein Risiko bleibt immer. Es ist möglich, dass uns die Preka links liegen lassen, aber auf den Versuch kommt es an. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Es ist ja nicht das erste Mal, dass wir uns so in die Öffentlichkeit wagen. Aber bisher zogen wir es vor, an weniger belebten Plätzen aufzutauchen. Da lag wohl der Fehler.“ stimmte Cornelius zu.

„Der Platz ist gut! Aber was ist mit den Behörden? Werden die so etwas dulden?“ wollte Adrian wissen.

„Wir haben selbstverständlich alles korrekt angemeldet. Also aus dieser Richtung haben wir nichts zu befürchten. Wir bekamen die Erlaubnis sogar außerordentlich schnell. Störaktionen von Seiten des Blauen Ordens oder seiner Helferorganisationen sind natürlich nicht auszuschließen.“ erwiderte Cornelius.

„Ja die Blauen, immer wieder die Blauen. Die haben sich verhältnismäßig ruhig verhalten in letzter Zeit. Ich denke, dass wir uns immer auf Überraschungen gefasst machen müssen.“ stellte Kyra fest.

„Kommt einfach mit! Ich bringe euch zu Miriam, die ist da drüben. Wenn ihr wollt, könnt ihr dort beim Beladen helfen. Es müssen noch jede Menge Flugblätter verladen werden.“ sprach Cornelius, während sie sich über den Platz bewegten.

„Hallo Kyra! Toll, dass du gekommen bist und gleich noch ein paar Freunde mitgebracht hast. Ich wusste ja, dass man sich auf dich verlassen kann!“ rief Miriam ihnen schon von weitem entgegen.

„Naja, viel sind wir nicht. Schade, dass ich nicht noch mehr überreden konnte. Aber ich denke, es ist doch besser als gar nichts!“ entgegnete Kyra.

„Macht nichts! Hauptsache, ihr seid da! Ihr könnt mir gerne die Kartons reichen, die stapeln wir dann auf die Ladefläche.“ lud Miriam ein.

„Also, ich lass euch dann erst mal allein. Wir sehen uns dann später wieder.“ verabschiedete sich Cornelius und bewegte sich schnellen Schrittes über den Innenhof.

Die anderen machten sich ans Werk und schnell war der Transporter beladen. Im Anschluss beluden sie noch drei weitere.  Um die Mittagszeit waren die Vorbereitungen soweit abgeschlossen, dass sich der Tross zur Fahrt rüsten konnte.

Der Autocorso bewegte sich langsam auf die Innenstadt zu, dabei gab es keine großen Komplikationen. Nach etwa einer Stunde hatten sie ihren Bestimmungsort erreicht.

Der ihnen zugewiesene Stand befand sich in der Nähe eines belebten Verkehrsknotenpunktes.

Dies hatten die Behörden genau einkalkuliert, denn aufgrund des Lärmpegels würden sich kaum Gelegenheiten für ausführliche Gespräche finden.

Cornelius war über diese Tatsache sehr verärgert, doch was konnte er tun? Die Behörden hatten zunächst einmal korrekt gehandelt. Niemand behinderte die Gruppe bei der Ausführung ihres Rechtes auf freie Meinungsäußerung, schließlich war Melancholanien ein freies Land und rühmte sich, eines der freiesten Länder der Erde zu sein.

Einfach das Beste aus der Sache machen.

Schnell waren die Stände aufgebaut und die Aktivisten begannen damit die zahlreich vorhandenen Flugblätter zu verteilen. Doch das lief alles ausgesprochen schleppend an.

Die meisten Passanten würdigten sie nur eines abschätzigen Blickes im Vorbeigehen. Nur wenige fanden sich bereit, etwas von dem angebotenen Infomaterials mitzunehmen.

Zu Gesprächen kam es am Anfang kaum.

Kyra, Kim und Adrian wagten sich gemeinsam mit Manuel weit in die Menschenmenge.

Dabei kam es immer wieder vor, dass sie von Passanten weggestoßen wurden. Nur mit Mühe gelang es Kyra, Adrian davon abzuhalten, zurück zu schlagen. Cornelius hatte allen noch einmal mit Nachdruck eingeschärft, gewaltlos zu agitieren, sich nicht provozieren zu lassen. Diese Art von direkter Demokratie war den meisten Melancholaniern bisher unbekannt.

Lediglich unmittelbar vor einer Wahl gab es hier und da Stände ähnlicher Art, aber kaum mit diesem vergleichbar.

Die Demokratie gehört in die Parlamente und nicht auf die Straße, so lautete die allbekannte Parole. Und einfache Bürger sollten sich ohnehin nicht damit auseinandersetzen. Das Kreuz auf dem Stimmzettel am Wahltag war die einzige politische Aktion, die dem Durchschnittsbürger zugestanden wurde. Für alles Weitere waren schließlich die Politiker berufen und auf die war  in Melancholanien stets Verlass. 

Eine Gruppe gut gekleideter Zaungäste beobachtete das Geschehen aus sicherer Entfernung.

Cornelius waren diese Typen schon seit einiger Zeit aufgefallen. Er malte sich aus, was wohl demnächst geschehen könnte. Mit Sicherheit handelte es sich dabei um Provokateure.

Manuel trat auf das Dach eines Lieferwagen und schaltet das aufgebaute Mikrophon ein, er versuchte die desinteressiert vorbeieilenden Passanten mit ein paar wichtigen Programmpunkten vertraut zu machen.

„Liebe Mitbürger und Mitbürgerinnen, liebe Melancholanier, wir sind heute hier versammelt, um sie mit einigen Punkten der neu gegründeten Bunten Liste vertraut zu machen. Sicher haben sie in der Zwischenzeit von unserer Bewegung gehört. Ich gehe sicher recht in der Annahme, vor allem aus der negativen Perspektive. Der Zugang zu den öffentlichen Medien ist uns weitgehend verwehrt, somit haben wir uns entschlossen, heute zu ihnen zu kommen, um das Gespräch zu suchen und um ein wenig von unserem reichlich vorhandenen Material zu verteilen. Ich hoffe und wünsche, dass sie unser Angebot akzeptieren und damit auch zufrieden sind. Mitten unter uns befindet sich Cornelius, den sie als angesehener Wissenschaftler noch sicher in  guter Erinnerung haben. Er wird sich ihnen stellen und bereitwillig ihre Fragen beantworten, wenn sie das wünschen.“

In der Zwischenzeit hatten sich tatsächliche einige versammelt und begannen, die Infotische zu belagern.

Den ersten Mutigen folgten weitere, immer dichter wurde das Gedränge, so dass die Aktivisten alle Hände voll zu tun hatten das Infomaterials unter die Leute zu bringen.

Cornelius wurde schnell in Gespräche verwickelt.

Einigen begannen die Musikanlagen auf dem größten LKW zu installieren. Instrumente wurden nach oben getragen. Kyra betrachtete das mit ehrfürchtigem Staunen. Es kribbelte in ihren Fingern. Sie konnte gut spielen, aber natürlich war sie außer Stande, sich ein eigenes Instrument zu kaufen. Nach einiger Zeit begann eine Band zu spielen. Lahm und zahm, nur so ließ sich der Musikstil beschreiben. Die alten abgedroschenen Kampflieder, die kaum noch jemand kannte.

Die Musik ging völlig im Lärm der Straße unter, es hörte schlichtweg niemand zu.

Jetzt schoss es Kyra durch den Kopf. Ein Wink des Schicksals?  Eine  einmalige Chance. So ein breites Publikum würde ihr so schnell nicht wieder geboten.

„Was willst du mit denn da oben Kyra?“ wollte Kim wissen.

„Wirst du schon sehen! Komm einfach mit!“

Kyra erklomm die kleine Tribüne auf dem Lieferwagen und betätigte das Mikrophon, es war noch geschaltet. Sie entwand einem der verdutzten Musiker kurzerhand seine E-Gitarre, probierte deren Funktionstüchtigkeit. „Ich hoffe, dein Gerät ist auch mal n' paar härtere Töne gewohnt?“

„Ja, ich denke schon! Kannst du denn spielen?“ wollte der Musiker wissen.

„Ob ich spielen kann? Klar! So nen Sound hast du sicher noch nie gehört.“

Kyra blies in das Mikrofon, so dass es pfiff und rauschte, einige, die ganz vorne standen, hielten sich vor Schreck die Ohren zu.

„Hey Leute, wenn ihr euch langweilt, kein Problem ich habe was mitgebracht, das euch gleich auf Trab bringen wird.“

Dann begann sie mit kraftvoller und sicherer Stimme zu singen, würgte dabei die Gitarre so intensiv um ihr auch die verborgensten Oktaven zu entlocken.

Es war ihr Lied, sie hatte es vor Zeiten selbst getextet und die Musik dazu komponiert. Zum ersten Mal wurde es nun in der Öffentlichkeit zum Besten gegeben.

 

„Das ist der Punk, der dich fand, als du unten lagst.

Das ist der Punk, der dich band, als du zu dir kamst.

Komm heraus, graue Maus, aus dem Abbruchhaus.

Stehe auf, komm nach vorn, lass den Frust im Loch.

Blick nach vorn, find den Platz, wo du hingehörst.

Schau zurück, da gibt's nichts, was gefangen hält.

 

Das ist der Punk, der dich fand, als du abgebrannt.

Das ist der Punk, den du hasst oder liebst, oder untergehst.

Bleibe hier, trinke Bier, spül den Ärger weg.

Doch glaub nicht, dass es hilft, wenn du dein Hirn berauschst.

Komm zu uns, wir sind hier, denn wir brauchen dich.

 

Das ist der Punk, in dir drin, der dich aufgeweckt.

Das ist der Punk einer Nacht, die zum Leben führt.

Glaube nicht, wenn du schweigst, dass es besser wird.

Schwimm dich frei, macht dir Luft, find dein wahres Ich.

Lass ihn raus, deinen Frust, sonst erwürgt er dich.

Ball die Faust, schrei heraus, was dich fertig macht.

Lass ihn nicht los, deinen Hass, denn er gibt dir Kraft.

Doch die Tat, die dann folgt, tu sie mit Bedacht.

Schlag zurück, doch gib acht, dass du den Rechten triffst.

 

Das ist der Punk, unter uns, der vom Joch befreit

Der uns gibt, was wir sind, und zum Leben reicht.

Melancholanien ist schön, das ist allgemein bekannt.

Doch wer hat was davon, wenn er abgebrannt.

Bist du Preka oder Paria oder sonst noch was

Ist die liebe schöne Freiheit nur ein leeres Fass

 

Melancholanien ist so schön, zu schön um wahr zu sein,

drauf woll'n wir einen lassen und dann gehn wir  heim

 

Kyra hatte für eine ausgezeichnete Stimmung gesorgt. Plötzlich fingen die ersten an zu tanzen, bald schlossen sich weitere an. Es schien, als sei eine magische Kraft am Werk.

Die Beine die Arme, der ganze Körper schwang mit, kaum einer, der sich nicht von der ausgelassenen Stimmung ansteckten lies.

Nur jene etwas abseits stehende Gruppe fand das dem Anschein nach ganz und gar nicht komisch. Ein solches Lied? Punk? In aller Öffentlichkeit? Das war Provokation. Das konnte man nicht akzeptieren. Sie hatte ganz klar von zu schlagen gesungen und von Rebellion. Das war offener Aufruf zum Terror. Ein Tabubruch, da musste man ein schreiten.

Ein graumelierter älterer Herr im weißen Trenchcoat drängelte sich durch die Menge, er schien der Anführer zu sein, denn die andern folgten spontan.

„Ich protestiere gegen diese Veranstaltung. So etwas können wir nicht hinnehmen. Das ist Aufruf zur Gewalt. Ihr stört unser friedvolles Zusammenleben in diesem unserem Land.

Bürger, ich rufe euch alle auf, dieser Veranstaltung entschieden entgegen zu treten. Ich sage nur, wehret den Anfängen!“

Cornelius ruderte durch die Menge, bis er schließlich der Protestlergruppe gegenüber stand.

„Ich weiß überhaupt nicht, was sie wollen! Melancholanien ist ein freies Land, das betonen doch alle Politiker in regelmäßigen Abständen. Wir tun nichts weiter als von jener Freiheit Gebrauch zu machen, so wie das die etablierten Parteien auch tun, z.B. bei anstehenden Wahlen."

„Das ist etwas ganz anderes. Denn erstens stehen gar keine Wahlen an und zweitens sind das eben etablierte Parteien. Ich wüsste keinen Grund warum wir noch eine weitere brauchen. Außerdem verbreiten Sie Aufruf zu Ungehorsam, ja zu Gewalt. Das können Sie schlechthin als freie Meinungsäußerung verbuchen.“

„Ich habe niemals zu Gewaltakten aufgerufen und werde es auch nicht tun.“

Cornelius griff nach einem Stapel Infopapier und hielt sie dem Verdutzten unter die Nase.

„Bitte, überzeugen sie sich doch selbst. Zeigen sie mir doch mal, wo da irgendwas von Gewalt zu finden ist.“

„Das brauche ich nicht! Ihre Positionen sind hinlänglich bekannt“

„Ach haben sie nicht ein Wort davon gelesen und glauben sich ein Urteil davon machen zu können?“ stellte Cornelius fest.

Der Angesprochene fühlte sich zusehends in die Enge getrieben und glaubte, seine Unsicherheit durch lautes Schreien übertünchen zu müssen.

„Sie.. sie haben die führenden Konzerne diese Landes kritisiert, so.. so etwas tut man nicht.

Sie gefährden dadurch die immer währende Friedenspflicht zwischen den Tarifparteien. Sie sind mitverantwortlich dafür, wenn die angesehenen Unternehmen dieses Landes in Konkurs gehen müssen, da sie mit den überzogene Forderungen der Gewerkschaften nicht mit halten können. Sie gefährden den Standort Melancholanien. So werden Arbeitsplätze vernichtet, das Heer der Paria wächst dadurch weiter an und stellt eine Gefahr für die innere Sicherheit dar.“

„Aber sie wollen mir doch nicht erzählen, das sie an diesen Unsinn glauben, der uns da tagtäglich von den Medien serviert wird. Ich bitte sie, sie sind doch ein intelligenter Mensch.“ versuchte Cornelius zu beschwichtigen.

„Die Medien in unserem Lande sind über alle Zweifel erhaben. Kein Land der Welt kann sich damit messen. Seriös, unparteiisch, sachlich, immer an den Fakten orientiert. Absolut glaubwürdig, was man von ihnen und ihrer Bewegung nicht sagen kann.“

Cornelius wollte gerade antworten als ein jüngerer Typ mit pomadisierter Frisur, Schwarzen Anzug und Goldkettchen an den Armgelenken nach Kyra griff. An ihren Haaren zog er sie herbei, so dass sie laut aufschrie.

„Und was ist mit diesem Geschmeiß hier!“ polterte dieser. „Die sieht nicht nur aus wie ein Paria, das ist auch eine, so verlaust und verdreckt die daher kommt, ich muss schon sagen, Cornelius, eine feine Gesellschaft hast du dir da mitgebracht. Wer sich mit solchen einlässt, darf sich nicht wundern von allen anständigen Bürgern geschnitten zu werden.“

„Lass mich los, du Wichser!“ schrie Kyra, dabei wild um sich tretend.

Doch der dachte gar nicht daran.

„Haha, ein feines Früchtchen ist das. He Leute, seht sie euch an, die könnte ich doch glatt als Jagdtrophäe für mein Büro verwenden.“

Kyra holte aus und trat dem Grobian so stark in die Hoden, das er nach lautem Aufschrei kreidebleich zusammenbrach.

„Gewalt, Gewalt! Habt ihr das gesehen? Die sind gewalttätig aufgetreten, der eindeutige Beweis,  jetzt habt ihr euch  selbst entlarvt.“ wütete der Ältere mit feuerrotem Kopf und Speichel in den Mundwinkeln, dabei wie wild mit dem Zeigefinger fuchtelnd.

Wie bestellt fand sich sofort ein Reporter der BLIND-Zeitung ein.

„Ja, Cornelius, das ist ein sehr ernstes Problem mit der Gewalt. Wie stehst du zu diesem Vorgang? Unsere Leser wird das sicher ganz brennend interessieren.“

Der Reporter hielt Cornelius auf penetrante Weise ein Diktiergerät unter die Nase.

„Ich bin nach wie vor gegen jede Art von Gewalt. Aber sie haben doch bemerkt, wer den Streit vom Zaun gebrochen hat. Ist es da verwunderlich, wenn einem mal die Nerven durchgehen?“ versuchte Cornelius zu erklären.

„Tut mir leid, ich habe nur den Fußtritt gesehen. Das ist für mich ausschlaggebend. Alles weiter  ohne Belang!“ erwiderte der Reporter.

„Ja, das sieht euch ähnlich. Ihr seht nur das, was ihr sehen wollt und für eure Storys gebrauchen könnt. Der tatsächliche Hergang interessiert euch nicht. So war es immer.“ ließ sich Cornelius aus der Reserve locken.

„Willst du damit etwa die Unabhängigkeit unserer Zeitung in Frage stellen? Wir sind ein seriöses Blatt mit einer Auflage von 10 Millionen, unparteiisch in jeder Hinsicht. Na schön. Ich danke aber trotzdem für das aufschlussreiche Interview.“

Der Reporter hatte was er brauchte, das Ergebnis würde man schon morgen in großen Lettern auf der Titelseite betrachten können.

Der zu Boden Gestürzte krümmte sich noch immer unter Schmerzen.

„Gewalt, Gewalt! Bürger, laßt euch das nicht gefallen! Wehrt euch, sage ich noch einmal. Wir dürfen diesen Leuten keine öffentlichen Auftritte mehr durchgehen lassen.   Bürger reiht euch ein  in die Front der Anständigen.“

Der  Alte steigerte sich so sehr in Rage, dass er dabei das Atmen vergaß. Plötzlich hielt er sich die Brust und rang nach Luft, stürzte zu Boden. Cornelius versuchte ihn aufzufangen, während ein Fotograph ein Bild von der Szene machte. Äußerst zufrieden konnten sich die Paparazzi zurückziehen, sie hatten in der Tat, was sie wollten.

Manuel kämpfte sich durch das Gedränge.

„Cornelius, meinst du nicht dass es besser wäre, wir würden uns auch zum Aufbruch rüsten?

 Das wäre das klügste, bevor die ganze Angelegenheit noch eskaliert?“

„Ich denke nicht daran. Einfach einen Rückzieher machen? Damit tun wir denen einen großen Gefallen. Das wollten sie erreichen. Nein, wenn wir jetzt kneifen, brauchen wir uns in Zukunft nicht mehr sehen zu lassen, nirgends.“

Kyra kam ebenfalls auf ihn zu.

„Alles in Ordnung, Cornelius? Du hast gesehen, wie brutal der mich angegangen ist. Ich hatte keine andere Wahl. Den habe ich's aber gegeben!“ glaubte Kyra zu wissen.

„Darüber sprechen wir noch. Es war ausgesprochen unklug, sich so provozieren zu lassen. Jetzt haben die uns erst mal in der Hand. Nein, Gewaltlosigkeit heißt eben, sich nicht zu wehren, wenn man angegriffen wird, das ist unser Prinzip. Niemals zurückschlagen, auch wenn's schwer fällt. Diese Szene hat uns schwer geschadet.“ wehrte Cornelius ab.

„Na, jetzt schlägt's dreizehn! Ich soll mich von diesem schlüpfrigen Heini misshandeln lassen? Das wird ja immer schöner. Ich glaub, ich hör nicht recht. Nee, so haben wir nicht gewettet. Ich bin im Stande mich zu wehren wenn's drauf ankommt, da frage ich doch nicht vorher um Erlaubnis?“ entsetzte sich Kyra.

„Wenn wir weiter zusammenarbeiten wollen, dann müsst ihr euch an diese Grundsätze halten.

Das ist Prinzip! Davon gibt es keine Abstriche. Wir nennen so etwas gewaltlosen Widerstand.

Wenn ihr damit nicht klar kommt, gut, dann ist es eure Sache, dann passen wir wohl nicht zusammen.“ beharrte Cornelius weiter auf seinem Standpunkt.

„Aber Cornelius, du hast doch gesehen wie brutal der auf sie los gegangen ist. Da ist ihre Reaktion doch verständlich. Das wäre jedem andere auch so ergangen, dich und mich inbegriffen!“ versuchte Miriam Kyra zu verteidigen.

„Mir nicht! Mich kann keiner mehr aus der Reserve locken! Ich bin über diese Dinge erhaben!“ bockte Cornelius.

„Na wer's glaubt, wird selig. Kommt Leute, wir haben hier nichts mehr zu schaffen. Wir gehen!“ entgegnete Kyra, alle drei Paria wendeten sich zum Gehen.

„Aber ihr kommt uns doch wieder besuchen, oder?“ wollte Miriam wissen.

„So schnell sicher  nicht! Ich bin erst mal bedient!“ konterte Kyra.

Augenblicklich verschwanden die drei in der Menschenmasse.

„Siehst du, Cornelius, so vergrault man sich Leute. Die waren nett und hilfsbereit. Und du behandelst sie so von oben herab. Das war ungerecht und gemein. Als ob wir es uns leisten könnten, helfende Hände zurückzuweisen.“ wies ihn Miriam zurecht.

„Cornelius hat Recht gehandelt. Wenn auch Leute dringend gebraucht werden, wir dürfen solche emotionalen Ausbrüche nicht dulden.“ erwiderte Manuel.

„Wir sollten allen Menschen unsere Hilfe zukommen lassen. Allen, die in Not geraten sind, auch dann wenn sie unsere Gegner sind.“ meinte Cornelius.

Dann trat er auf den immer noch am Boden sitzenden Kraftprotz zu, um ihm auf die Beine zu helfen.

„Hau ab, du seniler Tattergreis. Nimm deine Finger von mir.“ brüllte der, dann schlug er auf Cornelius ein, so dass dieser zu Boden ging.

Manuel, der in seinem früheren Leben als Berufsboxer gearbeitet hatte, sprang wutentbrannt zur Seite und versetzte dem Schläger einen solchen Hieb, dass dieser die Engel im Himmel singen hören konnte. 

Alle blickten sich wortlos an. So schnell konnte sich das Blatt wenden. Auch die ehrbarsten Prinzipien bieten keinen wirksamen Schutz gegen die Kraft der spontanen Emotion.

 

Schon in den Abendnachrichten wurde das Ereignis des Tages genüsslich ausgeschlachtet, dabei verdrehte man die Tatsachen wieder auf so abstruse Art, dass nichts mehr einen Sinn ergab.

Es musste der Eindruck entstehen, als habe eine Gruppe von Paria unterstützt von Aktivisten der Bürgerrechtsbewegung „Bunte Liste“ wahllos friedliche Passanten auf der Straße angegriffen. Elena konnte wieder alle Register ziehen. Genüsslich kommentierte sie die Ereignisse bis ins Detail, Ereignisse, denen sie selbst gar nicht beigewohnt hatte.

Die Ausgabe der BLIND-Zeitung am folgenden Tag tat ihr übriges, um die Verwirrung zu vollenden.

„Cornelius prügelt auf wehrlose Bürger ein!“ So die Parole. Warum, weshalb, aus welchem Grund er dies hätte tun sollen, blieb dabei ein Rätsel.

Die BLIND-Zeitung traf damit aber genau den Nerv der Zeit, vor allem bei den Preka, die waren geradezu erpicht so etwas zu lesen, also bekamen sie was sie wollten. Ob diese Behauptung auch der Wahrheit entsprach, spielte dabei eine äußerst untergeordnete Rolle.

Cornelius bekam davon nicht all zu viel mit. Der musste sich von dem erlittenen Schlag erst einmal erholen. Erst am späteren Vormittag gelang es ihm, sich wieder gerade auf den Beinen zu halten.

„Hey Kyra, hab gehört, du hast gestern auf der Demo einen tollen Song geschmettert. Wenn ich das gewusst hätte wäre ich bestimmt mitgekommen.“ sprach Lisa, als sie in die improvisierte Küche des alten Bahnhof eintrat.

„Kyras Song war überhaupt das Beste an der ganzen Demo. Das war absolute Spitze. Kyra war die unübertreffliche Punkerqueen:“ pflichtet ihr Kim bei und umarmte ihre Freundin, die sich gerade am alten Kochherd zu schaffen machte.

„Hast nichts versäumt, Lisa! Ja, ich hab mal für ne kurze Zeit Spaß gehabt, beim Singen, aber sonst war das der totale Schit. Also Cornelius sieht mich ganz bestimmt sobald nicht wieder, das kann ich euch versprechen.“ wehrte Kyra die Angelegenheit ab.

„Wieso, hat wohl Ärger gegeben oder was?“ wollte Lisa wissen.

„Ach, da gabs wieder Provokateure. Die haben uns gereizt, da ist Kyra ausgeflippt und  hat einem eins aufs Maul gegeben.“ erklärte Kim.

„Auf's Maul nicht, Kim. Das war schon ne andere Stelle, da hat's noch mehr gesessen. Vergessen, Geschichte!“

„Aber wir werden doch stets und ständig provoziert, was ist denn so besonders dran?“ hakte Lisa nach.

„Na, anschließend gab's noch Zoff mit Cornelius, weil der der Meinung ist, wir dürfen nicht zurückschlagen, wenn wir angegriffen werden.“ erläuterte Kim weiter.

„Was für'n Quatsch! Na, da hab ich ja wirklich nichts viel versäumt!“ meinte Lisa.

„Hey Schwester, ne tolle Nummer, die du da abgezogen hast, gestern auf dem Markt in der City. Hab von weitem zugehört. Echt cool.“ rief Justin, während er die Küche betrat.

„Na, jetzt fang du auch noch damit an!“ polterte Kyra.

„Was is'n mit dir los? Schlechte Laune am Morgen oder was?“

„Lass sie einfach in Ruhe, OK?“ erwiderte Kim.

„Schon gut! OK“

„Ich sage euch, das waren die Blauen, die da provoziert haben. Genau, die wollen uns nur aus der Reserve locken. In dem Moment wenn wir nicht mehr drauf gefasst sind, kommen die und rechnen mit uns ab. Seid auf der Hut, ich sage es euch!“ mischte sich nun Jean ein.

„Jaja, die Blauen, die kommen auch so immer wieder, auch wenn wir sie nicht ständig herbeireden. Sag mal, hast du denn überhaupt noch ein anderes Thema über was du sprechen kannst?“ beschwerte sich Kyra.

„Setzt dich hin und trink deinen Kaffee, Jean, zumindest was wir für dafür halten, aber verschone uns mit deinen Horrorgeschichten!“ wies ihn Kim zurecht.

Alle setzten sich und genossen ihr improvisiertes Frühstück.

„Wir sollten uns lieber Gedanken machen, wie es mit uns weitergeht , ich habe läuten hören, dass die beabsichtigen, alle bisher erfolgten Hausbesetzungen unter strengere Strafe zu stellen.

Es kann durchaus sein, dass wir hier bald raus müssen.“ Warf Kyra ein.

„Ist doch'n alter Hut, damit drohen die uns doch schon solange wir hier sind. Warum machst du dir ausgerechnet jetzt einen Kopf darüber?“ wollte Justin wissen.

„Weil die vergangene Woche wieder neue Gesetze verabschiedet haben gegen uns. Damit können die ab sofort direkter gegen uns vor gehen. Ich denke das Ende der Fahnenstange ist damit erreicht.“

„Im Ernst, meinst du tatsächlich, dass wir weg müssen?  Und wo sollen wir hin?“ fragte sich Kim.

„Interessiert die doch nicht! Für die sind wir  eh nur Abfall, Abfall, den man entsorgen muss.

So drücken die sich in den Zeitungen ja ständig aus.“ erwiderte Lisa.

„Genau so ist es! Auch wenn einige von uns dabei drauf gehen, das kalkulieren die ein. Jean hat ganz recht, wenn er sich vor den Blauen fürchtet. Ich könnt mir denken, dass die hier durchaus mal aufkreuzen in nächster Zeit.“ meinte Lisa.

„Ja, ich sage es euch immer, die Blauen kommen wieder und dann machen die kurzen Prozess mit uns allen, ihr werdet sehen!“ fühlte sich Jean gleich angesprochen.

„Ach Lisa, musst du damit an fangen, du weißt doch, wie Jean darauf reagiert, da musst du nicht noch zusätzlich Öl ins Feuer gießen:“ beschwerte sich Justin.

Die Tür öffnete sich und Adrian trat ein.

„Wir haben Besuch, Leute!“

„Wer sollte uns denn hier besuchen kommen?“ wunderte sich Kim.

„Ihr werdet's nicht glauben, aber es ist Cornelius höchst persönlich, der da draußen steht. Er sagt, er möchte ein paar Worte mit Kyra sprechen.“ antwortet Adrian.

„Von mir aus! Ich aber nicht mit ihm, Basta!“ lehnte Kyra kategorisch ab.

„Na, hör dir doch erst mal, an was er zu sagen hat.“ schlug Kim vor. „Lass ihn reinkommen!“

Adrian verschwand für einen  Augenblick, kam dann wenig später mit dem Besucher zurück.

„Guten Morgen, alle zusammen, ich hoffe ich störe euch nicht!“ begrüßte Cornelius die Anwesenden.

„Ach iwo, hock dich einfach zu uns, Alter! Willst`den Kaffee?“ lud Justin auf unkonventionelle Art ein.

Cornelius tat, wie ihm geheißen und nahm in der Runde Platz, danach nahm er seine dunkle Brille ab und es kam ein blaues Auge zum Vorschein.

„Na, was ist das denn, da hat sich unser gewaltloser Professor auf eine ordentliche Keilerei eingelassen?“ spottete Adrian.

„Kyra, ich bin gekommen, um mich zu entschuldigen. Es war nicht recht von mir, so mit dir zu sprechen. Prinzipien sind eine gute Sache. Aber man darf sie nicht zum Dogma machen. Du siehst, auch mich hat es erwischt. So schnell kann sich das Blatt wenden!“ sprach Cornelius.

„Ja, wem sagst du das? Wir wissen was es heißt, angegriffen zu werden. Damit haben wir tagtäglich zu tun, keiner fragt danach. Den moralischen Zeigefinger erheben, dass kann jeder.

Lebt erst mal ne Weile so wie wir, dann könnt ihr euch gerne ein Urteil erlauben!

Die guten Bürger ziehen über uns her, die Medien verteufeln uns, die Regierung plant Gesetze gegen uns und die von Blauen Orden schicken regelmäßig ihre Schlägertrupps, um uns einzuschüchtern.“ gab Kyra zu verstehen.

„Ja, die Blauen, die werden kommen, um uns zu holen. Ich sage es immer wieder. Eines Tages sind wir alle an der Reihe.“ warf Jean wieder ein.

„Jean, tu uns allen einen Gefallen und halt die Klappe!“ wies ihn Kim zurecht.

„Deshalb bin ich hier, Kyra! Ich spreche auch im Namen der anderen, Miriams vor allem. Die würden sich alle freuen, wenn ihr uns wieder besucht. Ihr könnt gerne mit uns arbeiten. Und was die angedrohte Räumung eures Geländes betrifft, im Notfall könnt ihr alle bei uns unterkommen,  natürlich nur wenn ihr wirklich wollt. Die alte Fabrik ist gekauft, die kann keiner platt machen.“ bot Cornelius an.

„Danke, aber wir kommen schon zurecht. Auf unsere Weise, so wie wir das immer getan haben.“ lehnte Kyra ab.

„Ach Quatsch, natürlich nehmen wir das Angebot an. Wo sollen wir denn hin? Sei doch nicht so dumm. Das entscheiden wir gemeinsam, nicht du für uns!“ fuhr Lisa Kyra an.

„Wir wollen euch nicht beleidigen, Kyra. Es ist ein Angebot, weil wir euch gerne helfen möchten. Wir tun es wirklich gern. Nicht nur aus Pflichtgefühl. Ich bin mir dessen bewusst, dass es nicht einfach ist, als Bittsteller dazustehen. Aber das seid ihr nicht, das versichere ich euch.“ untermauerte Cornelius sein Angebot.

„In meinem ganzen Leben bin ich nie Bittstellerin gewesen und werde es auch nicht sein. Wir haben uns geholt, was wir brauchen. Und das was wir brauchen, das steht uns zu, so wie jedem anderen Menschen auch.“ konterte Kyra voller Bitterkeit.

„Ich weiß, was du damit sagen willst. Ihr habt gestohlen, was ihr braucht. Glaubst du, dass du damit besser zurecht kommst?“ entgegnete Cornelius.

„Gestohlen! Ja und? Haste was dagegen?“ wollte Adrian wissen.

„Wolltest du nicht den moralischen Zeigefinger weg lassen? Gut einverstanden, wir kommen zu euch. Wir können auch für euch arbeiten. Aber was war, bleibt da wo es ist. Wir möchten keine Belehrungen. Paria müssen sehen, wie sie zurechtkommen, die einen stehlen, die anderen gehen auf den Strich, wieder andere betteln. Ja, so läuft das! Da fragt keiner danach. Wenn wir in der Gosse verrecken,interessiert das auch niemanden. Und da kommen so schlaue Leute und glauben uns den Spiegel vorhalten zu müssen. Die sollen gefälligst erst mal bei sich anfangen.“ gab Kyra selbstsicher zurück.

„So mag es wohl sein! Ja, nach euch fragt keiner! Aber wir tun es! Das heißt, wir sind bemüht es zu tun. Es bleibt also nicht beim Moralisieren. Ihr könnt akzeptieren oder ablehnen, das bleibt euch überlassen. Wir alle könnten davon profitieren, indem wir voneinander lernen. Gut, ich verspreche, den erhobenen Zeigefinger soll es nicht mehr geben.

Das heißt, ich versuche es. Sollte er doch mal aus Versehen zum Vorschein kommen, dann ignoriere ihn einfach.“  gelobte Cornelius.

„Na, wer sagt´s denn, dann wäre doch alles in Ordnung. Da haben in der Tat alle was davon.

Wir kommen zu euch, wenn ihr uns braucht. Gebt Bescheid, wenn ihr wieder was für uns habt.“ stimmte Kim zu.

„Gibt es denn irgendwelche Wünsche, die wir euch erfüllen könnten? Ich meine, etwas ganz spezielles?“ Cornelius löste mit dieser Frage erst mal Verwunderung aus.

„Oh, Wünsche haben wir hier jede Menge. Schieb uns doch einfach mal ein paar Millionen Mark rüber, da wären wir schon mal zufrieden.“ lästerte Justin.

„Meinst du das ernst oder willst du uns wieder nur verspotten?“ wollte Kyra wissen.

„Ich meine es sehr ernst. Es käme mir nicht in den Sinn mit euch Spott zu treiben.“ stellte Cornelius klar.

„Also schön, wenn du es genau wissen willst. Ich mache gerne Musik, wie du gestern feststellen konntest. Ich möchte eine Punkband gründen, die Instrumente haben wir uns schon besorgt, zumindest einen Teil davon. Proben tue ich schon seit geraumer Zeit, aber das läuft natürlich nicht so professionell, wie ich es mir vorstelle. Wenn ihr uns das geeignete Know how und die Räumlichkeiten bieten könntet, wäre ich sehr zufrieden.“ forderte Kyra.

„Darüber lässt sich reden. Ganz bestimmt! Dein Auftritt gestern hat mich in der Tat auf ein Defizit aufmerksam gemacht. Durch solche Musikeinlagen könnten wir eine lockere Atmosphäre schaffen, bei unseren Auftritten in der Öffentlichkeit. Viel mehr Aufmerksamkeit würde uns dadurch zuteil, bei einer so ausgezeichneten Sängerin zumal. Wie gesagt, wir alle können davon profitieren, wenn wir zusammenarbeiten.“ stimmte Cornelius zu.

„Gut, gut! Wir sind einverstanden! Das heißt, hier muss jeder für sich entscheiden, ich spreche zunächst für mich, aber ich bin sicher, wir alle denken ähnlich.“ Warf Kyra in die Runde.

Das Kopfnicken der meisten signalisierte die erwünschte Zustimmung.

„Die alte Lagerhalle, ganz am Ende des Grundstückes. Ich denke, die wäre geeignet für eure Proben. Da habt ihr alles, was ihr braucht.“ erinnerte sich Cornelius.

„Ja, dass ist auch wichtig! Ich könnte mir vorstellen, dass die Art von Punk nicht unbedingt bei allen gut ankommt. Kann unter Umständen auch mal etwas lauter werden. Nur als Vorwarnung.“ fiel Lisa noch ein.

„Natürlich wird es manchmal laut, aber ich denke, es werden schon nicht gleich die Balken von den Decken stürzen. In Ordnung. Wir sehen uns alles an und dann einigen wir uns.“ gab Kyra zu verstehen.

 

Nach ein paar Tagen war es soweit.

Erste Probe im neuen Domizil, so wie versprochen.

Kyra konnte es noch gar nicht recht glauben. Die Halle war hervorragend geeignet, um dort Musik zu machen. Etwas abgelegen, so dass der Lärm keine anderen beeinträchtigte.

Eine große Bühne war vorhanden, reichlich Platz, um dort Stühle aufzustellen, für einen Auftritt  wie geschaffen.

Das war etwas anderes, als die improvisierten Proben im alten Bahnhof 

So hatte sie es sich immer gewünscht. Sie packte die neue Gitarre aus, die ihr Cornelius als Geschenk überlassen hatte und betrachtete sie voller Stolz. Dann strich sie darüber, so als handele es sich dabei um  eine Kostbarkeit von unschätzbarem Wert. 

Sie stimmte sie kurz. Dann schwang sie kunstvoll mit der Hand darüber und entlockte ihr fast ekstatische Tonklänge.

Schließlich sang sie dazu mit ihrer ausdrucksvollen Stimme.  Schon in diesem Moment war sie ohne Zweifel die ungekrönte Queen des Melancholanien-Punk.