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Wenn Nacht sich auf die Seele legt

Während Colette die Karriereleiter auf und wieder hinunterstieg, begann für Elena die schwerste Zeit ihres Lebens.

Colettes Verschwinden drohte sie vollständig aus der Bahn zu werfen. Nun musste sie den Verlust eines weiteren lieben Menschen verwinden. Es galt sich mit der Tatsache abzufinden nichts weniger als ihre gesamte Wahlfamilie verloren zu haben. Leander die Liebe ihres Lebens, tot. Kovacs, der große Bruder, zu dem sie aufblickte tot. Colette, die große Schwester, zu der sie eine besondere Beziehung entwickelt hatte, verschwunden. Kyra, die kleine Schwester, verschwunden. Cornelius, der wie ein Vater zu ihr stand entfremdete sich immer weiter von ihr. Alexandra weg, Chantal weg, Miriam und Lisa ebenfalls tot.

Die Kommune auf ein Minimum zusammengeschrumpft drohte permanent sich aufzulösen. Und außerhalb der Klostermauer entwickelte sich eine stumpfsinnige Diktatur im Land.

Es war einfach nur deprimierend.

Um nicht gänzlich dem Wahnsinn zu verfallen, stürzte sie sich in Arbeit.
Im oberen Stockwerk des Konventsgebäudes wurden umfangreiche Baumaßnahmen  in Angriff genommen. Lukas übernahm die Leitung der Baubrigade und spornte die andern an. Hilfe bekamen sie auch von Flüchtlingen, die nun wieder verstärkt auf das Gelände der Abtei strömten, nachdem Elenas Gesundung publik wurde.

Um das nötige Kapital zu bekommen, überwand Elena ihren Stolz und nahm zu Cornelius, dem Präsidenten der Republik, Kontakt auf, ersuchte um einen Kredit, den sie auch auf Anhieb erhielt. Cornelius hielt seine schützenden Hände über der Abtei. Er würde es auch weiter tun.

Das obere Stockwerk des Konventsgebäudes wurde komplett um gestaltet. Der lange Korridor mit den Einzelzimmern, die solange zölibatär lebende Mönche beherbergt hatten, wurde durch eine Reihe kleiner, abgeschlossener Wohnungen ersetzt. Die versprachen in Zukunft mehr Intimsphäre für die Bewohner.
Im unteren Bereich blieb dagegen alles beim Alten. Refektorium, Kapitelsaal und die übrigen Gemeinschaftsräume sollten in ihrer derzeitigen Form erhalten bleiben, wenn sie auch im Augenblick nicht unbedingt gebraucht wurden.
Elena legte dabei selber Hand an, entwickelte eine enorme Geschicklichkeit und verstand bald gekonnt mit Maurerkelle und Hammer umzugehen. Die Arbeit machte ihr Spaß, lenkte sie ab und richtet sie langsam auf.

Im Lande nahmen die Entwicklungen ihren Lauf. Neidhardt festigte seine Macht Stück für Stück. Doch bald bahnte sich Widerstand gegen seinen autoritären Führungsstil den Weg.
Cornelius, seines Zeichens Staatsoberhaupt, versuchte nach einer Zeit der Passivität wieder ins Geschehen ein zugreifen, entwickelte dabei eine Eigendynamik, deren sich auch Neidhardt nicht widersetzen konnte, wenn es diesem auch ganz und gar nicht ins Konzept passte.
Immer deutliche macht sich in Teilen der Bevölkerung Unmut bemerkbar.
Hoffnung keimte auf, ausgelöst durch Elenas Gesundung und deren Rückkehr ins Leben. Nicht wenige erblickten in ihr wieder eine Lichtgestalt, so wie vor der Revolution, auch wenn Elena im Moment ganz und gar nichts davon wissen wollte.

Sie hatte im Moment kein Gespür für Politik.
Etwas anderes schwebte ihr vor.

Elena wollte ihr altes Hilfsprojekt reaktivieren um fortzusetzen, was sie schon vor der Revolution begonnen hatte. Die Armut im Land grassierte schlimmer denn je. Auch die Revolution hatte daran nichts geändert. Einmal am Boden, immer am Boden. Schmerzlich sollten sich Kovacs Befürchtungen nun bewahrheiten.

Sehr zu Neidhardts Ärgernis stellte Cornelius ihr alles zur Verfügung, wessen sie bedurfte.
Das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Ein Krankenhaus, ein Waisenhaus, ein Altenheim, Wärmestuben für Obdachlose, Werkstätten für Behinderte etc. Es gab kaum ein Problemfeld, das Elena außer Acht ließ.
Das wurde zum Teil auf dem großen Gelände der Abtei realisiert, später stellte ihr Cornelius in unmittelbarer Nähe Bauland zur Verfügung, um neue Gebäude  zu errichten.Melancholaniens greises Staatsoberhaupt tat dies aber nicht ganz uneigennützig, er war von der Idee besessen, Elena an seiner Seite in die neue Regierung einzubinden. Es gab kaum ein Ministeramt, das er ihr noch nicht angeboten hatte. Nichts hätte ihn glücklicher gemacht, als, die Frau, die er wie eine Tochter liebte, als Nachfolgerin aufzubauen, schon aus dem Grund, um Neidhardt auszubremsen.

Cornelius war krank und fühlte das seine Kräfte langsam dahinschmolzen. Er wollte verhindern, dass Neidhardt nach seinem Tod die gesamte Macht in den Händen hielt. Er glaubte, Elena als eine Art Gegengewicht auf den Schild heben zu können. Die beiden sollten sich später die Macht teilen, zum Wohle des Landes. Schöne Theorie, aber  mit der Praxis unvereinbar, zu unterschiedlich waren die beiden Protagonisten.

Elenas Popularität in der Bevölkerung schien nicht nur ungebrochen sondern steigerte sich stetig weiter.
Die Menschen hatten die alte Elena noch in Erinnerung. Die charismatische Meinungsmacherin, die vor der Kamera ein Millionenpublikum zu begeistern verstand.
Sie hatten ihren Ausstieg aus ihrem alten Leben und ihre wundersame Wandlung hautnah mit erlebt und ihr kurzes Leben an Leanders Seite.

Leander, der Freiheitskämpfer und Volksheld, der die Herzen der Menschen im Sturm genommen hatte. Der tragische Held, der früh verstarb. Frühvollendete Helden umgibt in der Regel sehr schnell eine besondere Aura. Und Elena war die Witwe dieser Lichtgestalt.
Gute Voraussetzungen für ein Leben  auf dem Gipfel.

Stattdessen vernahm Cornelius immer die gleiche Antwort: Nein!

Wäre Elena Cornelius Drängen nachgekommen, schon bald hätte sie dessen Schicksal geteilt, das darin bestand sich von der neuen Staatsmacht korrumpieren lassen zu und binnen kurzer Zeit ihr Ansehen in der Bevölkerung eingebüßt.

Es gab im Moment kaum eine Alternative. Der von den vorrevolutionären Regierungen eingeleitete Entsolidarisierungsprozess konnte wohl nur auf diese Weise gestoppt werden. Die Menschen mussten erst wieder zueinander finden, sich als Gemeinschaft gleichwertiger Individuen empfinden, einander tragen und ertragen. Elena musste mit der Tatsache leben, dass hierfür eine Art Übergangsdiktatur von Nöten war, um das gewaltige Arbeitspensum zu bewältigen.  Sie selber wollte sich aber unter keinen Umständen daran beteiligen.

Elena hoffte auf Vernunft und Augenmaß der Verantwortlichen.

Ihre Hoffnungen sollten sich nicht erfüllen.


In der Zwischenzeit war mehr als 1 Jahr ins Land gegangen.
Die kleine Tessa krabbelte putzmunter herum und hatte begonnen, die ersten Worte zu stammeln.
Elena versuchte, so gut es ging, Beruf und Privatleben in Einklang zu bringen. Das kostetet viel Energie.

In der Politik bewahrheiteten sich inzwischen die schlimmsten Befürchtungen.

Die Radikalrevolutionäre unter Neidhard kontrollierten die Gesellschaft und regierten das Land mit eiserner Faust. Cornelius versuchte, so gut es ging, auszugleichen, doch wurde seine Position weiter geschwächt.

Was die Ideologie betraf, so entfalteten sich immer merkwürdigere Blüten.
Ein grotesker Märtyrerkult um die dahingegangenen Revolutionäre beherrschte das Denken.

Leander stand an der Spitze dieses ominösen Spektakels.
Um den Schein zu wahren, erklärte sich Elena bereit, zu besonderen Anlässen in der Öffentlichkeit aufzutreten.
Den kleinen Finger hatte sie gereicht, die Staatsmacht griff jedoch nach ihrer ganzen Hand.

Immer häufiger wurde sie nun in die Pflicht genommen. Überall im Lande entstanden monströse Denkmäler ihres verstorbenen Mannes. Elena gebührte die Ehre, diese zu enthüllen. Eine zweifelhafte Ehre, denn Elena fühlte sich ausgesprochen unwohl in dieser Funktion.

Mit dem historischen Leander hatte das mystifizierte Bild nur noch schemenhaft zu tun.
Das war nicht der Leander, den Elena so sehr liebte.

An Leanders 2. Todestag bot sich der Bevölkerung der Hauptstadt Manrovia ein Schauspiel, das alle bisherigen Geschmacklosigkeiten in den Schatten stellte.
Elena war dazu verdammt, ein überdimensional großes Standbild zu enthüllen, das Leander in Siegerpose, mit verklärtem Blick gen Himmel darstellte. Die Hände in die Hüften gestemmt hatte die Gestalt seinen erhöhten rechten Fuß auf eine Reihe abgeschlagener Köpfe gesetzt, deren Konterfeis eindeutig den Gesichtszügen prominenter Politiker des Blauen Ordens nachgebildet waren, Thoralf, Frederic, Cassian und viele andere waren darin zu wieder zu erkennen.
Das Standbild maß etwa bombastische 40 m.

Sie hatte versäumt das Denkmal vor dem Massenspektakel in Ruhe allein in Augenschein zu nehmen, ein Fehler, somit hatte sie keine Ahnung, welches Monster ihr in wenigen Augenblicken  gegenüberstehen sollte, als sie auf der Ehrentribüne an Cornelius Seite Platz genommen hatte.
Dieser hielt zunächst eine flammende Rede. In den buntesten Farben pries er Leanders Leistungen, seinen Heldenmut und seine Tapferkeit. Auf ewig sei Leander in den Herzen der Menschen lebendig, ein Beispiel für alle. Ein Unsterblicher, dessen Geist in Worten und Taten der neuen Machthaber seine Manifestation finde.

Als sich Elena erhob und sich anschickte, das Standbild zu enthüllen, wurde sie mit stehenden Ovationen begrüßt, so sehr, so herzlich, dass es einigen Repräsentanten der Staatsmacht die Sprache verschlug.

Guter alter Cornelius, deine Worte sind echt und ehrlich. Du kanntest ihn ebenso gut wie ich, vielleicht noch besser, weil länger. Du liebtest ihn wie einen Sohn. Bestimmt vermisst du ihn ebenso wie ich.
Doch was du hier tust, nein was wir heute gemeinsam tun, entspricht mitnichten seinem Sinne, sprach Elena zu sich selbst, als sie den Knopf einer Schaltvorrichtung betätigte um den Bronzeklotz seiner Bestimmung zu übergeben.

Das war das vereinbarte Signal. Mittels Kran wurde nun die riesige Plane von der Figur gezogen. Als sich Elena der Figur gegenüber sah, packte sie das kalte Grausen. Ihr Gesichtsausdruck schwankte zwischen Hilflosigkeit und Wut. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, die sie aus Verlegenheit nicht zeigen mochte und sie hatte das Gefühl, dass sie die Innenseiten ihrer Wangen herunterliefen.
Starr vor Schreck bedeckte sie schließlich ihr Gesicht mit den Handflächen. Totenstille breitete sich über der versammelten Menschenmenge aus, die nach einer kurzen Weile einem Raunen Platz machte, das sich schließlich in einem wütenden Protestschrei entlud. Das ohrenbetäubende Pfeifkonzert schwappte wie eine Welle zur Regierungstribüne.


Wie gelähmt stand Elena an ihrem Platz und wagte nach einiger Zeit wieder aufzublicken. Das sollte Leander sein? Ihr Leander, dieser zartfühlende sensible Mensch, der nie töten wollte? Einer, den sie im Arm gehalten und liebkost hatte? Einer, mit dem sie durch den Stausee geschwommen und sich anschließend am Lagerfeuer gewärmt hatte. Der Leander, den sie in der Kirschplantage geliebt hatte?
Bedrohlich starrte das finstere Gesicht gen Himmel. Elena fürchtete, die Figur könne kippen und auf sie herabstürzen, um gegen diese entwürdigende Vereinnahmung zu protestieren.

Sie drohte zu ersticken, sie wollte weg, weit weit weg.
Die versammelte Menschenmasse wusste sie auf ihrer Seite. Erst waren es nur einzelne, die ihren Namen riefen, dann schlossen sich spontan immer weitere an, bis der Platz zu beben begann. "Lang lebe Elena! Elena! Elena!", donnerte es von allen Seiten.

Die Massen schienen in Ekstase zu fallen. Die Machthaber sahen sich gezwungen, das Spektakel zu beenden. Zunächst wurde die Fernsehübertragung abgebrochen. Die Paladine zogen sich von der Tribüne zurück und begaben sich eilends in die gegenüberliegende Festhalle. Dort sollte zu Leanders und Elenas Ehren eine Gala stattfinden.
Die aufgezogenen Sicherheitskräfte begannen damit, den Menschenauflauf aus einander zu drängen. Als aus dessen Reihen Widerstand zu vernehmen war, wurde schließlich mit brutaler Gewalt vorgegangen.

Es versteht sich von selbst, dass Elena nicht die geringste Neigung verspürte, an der Seite der Machthaber an einem Galadiner teilzunehmen.
Doch um den Schein zu wahren und um Cornelius nicht zu brüskieren, schloss sie sich frustriert der Delegation an.

Als sie sich jedoch in dem festlich geschmückten Saal wiederfand und ihr von allen Seiten tosender Beifall entgegenbrandetet, war es aus, sie konnte nicht mehr. Schnell huschte sie ins Foyer, lehnte sich benommen an die Wand. Ihr wurde schwindlig, alles schien sich um sie zu drehen. Sie flüchtet über den Flur in die Toilette.
Über einem Waschbecken befeuchtet sie ihre Stirn, ihr Blick fiel in den Spiegel. Aus ihrem kreidebleichen Gesicht blickten rot verquollene anklagende Augen.

"Aradia, liebste Aradia! Geh fort von hier! Das ist kein Umgang für dich! Die haben deine Träume verraten und verkauft! Komm zu mir! Komm zurück zu dem, was dir entspricht!" Wieder diese Stimme.  Woher kam sie? Aus ihrem Inneren? Aber sie hatte Recht, zu hundert Prozent.

Nicht einmal zehn Pferde würden sie zurück in diese Festversammlung bringen. Nur auf den schnellsten Weg nach Hause, dort würde Elena die kleine Tessa in die Arme schließen, ein Denkmal aus Fleisch und Blut, eine echte, eine wahrhaftige Erinnerung an Leander.

Sie betrat den Flur, noch immer schwindlig tastete sie sich an der Wand entlang.

Cornelius kam ihr aufgeregt entgegen.

„Elena, wo in aller Welt steckst du? Die ganze Festgesellschaft ist in Sorge. Die können es gar nicht erwarten, dass du deinen Ehrenplatz einnimmst.“

„Kennen wir uns? Ich glaube, Sie müssen mich mit jemand verwechseln, guter Mann. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir uns schon mal irgendwo begegnet sind!“ erwiderte Elena mit vorgetäuschter Verwunderung.

„Elena, was ist mit dir? Hast du den Verstand verloren?“ entsetzte sich Cornelius.

Elena schlich sich an Cornelius heran, umrundete diesen. „Cornelius, tatsächlich, du bist es wirklich! Jetzt erinnere ich mich! Ich hätte dich um ein Haar nicht wiedererkannt Diese mausgraue Parteiuniform und deine Reden. Das ist aber nicht der Cornelius, den ich einmal kannte und schätzte.“

„Elena, was soll diese Szene? Willst du dich und mich vor den versammelten Repräsentanten des Volkes lächerlich machen.“ reagierte Cornelius ungehalten.

"Du wirfst mir vor, den Verstand verloren zu haben? Nein! Nicht ich, ihr, ihr alle habt den Verstand schon lange eingebüßt. Das ist der Grund, warum ich dich nicht erkannte. Sieh dich doch an. Was soll diese Maskerade? Diese mausgraue Einheitskluft steht dir wie …
Das ist lächerlich, du machst dich zur Karikatur.

Elena wusste die Wahrheit auf ihrer Seite und beschämte Cornelius damit.

„Elena, bitte! Komm mit mir in den Festsaal, begrüße die Anwesenden, sprich ein paar Worte. Ist das denn zuviel verlangt? Sie wollen dich sehen. Ja, dich! Sie wollen die Frau sehen, die an Leanders Seite …“

„Sprich in meiner Gegenwart diesen Namen nie wieder  aus,“ unterbrach Elena empört, „den Namen eines Mannes, den ihr heute zum zweiten Male liquidiert habt.“

„Ich muss doch sehr bitten, Elena! Beherrsche dich!“

„Ich beherrsche mich schon zu lange. Viel früher hätte ich ein greifen müssen. Cornelius, ich bitte dich! Was ist das da draußen? Ist das Leander?  Ich sehe keinen Leander, ich sehe ein Furcht einflößendes Monster. Ich verstehe dich nicht, du kanntest ihn schon viel früher als ich. Warum lässt du zu, dass sein Andenken so grauenhaft entstellt wird?“
 

„Elena, mir ist bewusst, dass dies für dich eine schwere Bürde ist. Glaubst du, ich hätte vergessen, wie sehr du ihn liebtest. Entsetzliches Leid ist dir durch seinen Tod widerfahren.

Ich sehe auf deiner Seele jede einzelne Wunde. Gerade deshalb bist du es, der die Ehre zukommt, sein Andenken zu bewahren und für alle Zeit der Nachwelt zu erhalten.

Auch wir müssen uns auf unsere Weise daran beteiligen.“

„Indem ihr ihn entstellt. Ihr habt einen Mythos erschaffen. Diese Person ist mir fremd.

Tut was ihr wollt, aber verlangt nicht noch einmal von mir, dass ich ein solches Schauspiel an Geschmacklosigkeit unterstütze,“ wehrte Elena energisch ab.

„Elena, indem wir Leander ehren, ehren wir auch dich. Niemand will ihn verunglimpfen. Aber du bist dir doch darüber bewusst, dass wir der Bevölkerung ein Bild vor Augen stellen müssen, das seine Wirkung erzielt. Die Menschen kannten ihn doch nur aus der Ferne. Wer, außer einem kleinen Kreis hatte schon persönlich Kontakt zu Leander? Es ist absolut verständlich, dass du als seine Witwe ein anderes Bild im Kopf hast. Ich verstehe deinen Schmerz.“

„Ich bin nicht seine Witwe, ich bin seine Frau. Leander ist nicht gestorben, er lebt weiter, hier drin,“ Elena deutete auf den Bereich ihrer Brust, unter dem sich das Herz befand. „Dort gehört er hin. Kein noch so großes in Bronze gegossenes Monument kann das ausdrücken, was wir mit einander teilten. Ich habe ein Anrecht sein Andenken zu bewahren und zwar so, wie er im wirklichen Leben war. Das bin ich ihm und unserer Tochter schuldig.“

Elena dachte nicht daran, auch nur einen Zoll nachzugeben. Cornelius musste sich eingestehen, dass es wenig Sinn machte, weiter zu bohren und begann das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken.

„Ach, die kleine Tessa! Ich habe sie überhaupt noch nicht richtig zu Gesicht bekommen. Wie geht es ihr denn?“

„Es geht ihr gut! Sie wächst und gedeiht von Tag zu Tag. Es ist eine Freude, sie aufwachsen zu sehen. Ob es ihr aber noch gut geht, wenn sie dereinst vor diesem Bronzekoloss steht  und ich ihr erklären muss, dass sie in diesem Standbild ihren Vater zu erkennen hat, wage ich zu bezweifeln. Der Vater wird die Tochter und die Tochter den Vater nie kennen lernen. Ich werde keinesfalls dulden, dass meiner Tochter ein solches Bild suggeriert wird.“

Die Auseinandersetzung machte Elena zu schaffen. Sie wollte keinen Streit mit diesem ansonsten guten und großherzigen Menschen. Eine Weile schwiegen sie einander an.

„Also, wirst du nicht mit kommen?“

„Nein, das werde ich nicht, Cornelius! Mute mir das nicht zu. Feiert ohne mich, feiert eine Legende, die so nie existierte. Ich habe damit nichts mehr zu schaffen..
Weißt du, als ich vorhin in die Runde blickte, glaubte ich kurzzeitig die widerliche Fratze Frederics zu erblicken und jene der anderen Paladine des Blauen Ordens.“ erwiderte Elena jetzt mit sanfterer Stimme.

„Frederic, dein früherer Lebensgefährte? Wieso das denn, der ist doch tot und das schon lange, die anderen auch. Wie kommst du darauf?"

Elena schien in Rätseln zu sprechen. Cornelius konnte wohl  die Symbolik hinter diesen Worten nicht erfassen.

„Frederics Körper ist tot, Cornelius, nicht aber sein Geist. Der spukt in den Köpfen all jener, die schon wieder damit beginnen, eine Führungselite zu etablieren. Ich kann schon wieder die Sektgläser klingen hören. Das habe ich noch in guter Erinnerung. Müsst ihr denn das alte Regime detailgetreu imitieren?“

Elena schritt auf Cornelius zu, legte ihren Kopf an seine Schulter.

„Ich kannte einmal einen wunderbaren älteren Herrn, in dessen Behausung es mir vergönnt war, zum wirklichen Menschen zu reifen. Ich erinnere mich der zahllosen Nächte in denen wir eine neue Welt schufen. Eine Welt erfüllt mit Frieden, Menschlichkeit, Einfachheit und Liebe. Lang, lang ist es her. Mir scheint, es trennen uns ganze Generationen von diesen Zeiten.“

„Elena, du bist ungerecht! Du ziehst dich einfach zurück und lässt alles an dir vorübergehen.

Sicher, du leistest gute Arbeit in deinem Hilfsprojekt. Ich bin bereit, das auch bei jeder passenden Gelegenheit zu würdigen. Doch was aus mir wird, scheint dich nicht zu interessieren.

Ich fühle mich allein. Unsere Kampfgefährten sind nicht mehr am Leben. Mir obliegt es, das Land zusammenzuhalten. Ich wünsche mir doch nur, du stündest an meiner Seite. Stattdessen weichst du mir aus. Alle meine Angebote hast du von dir gewiesen.

Meinst du, mir macht das Spaß? Du glaubst dich zu der Annahme berechtigt, die einzige zu sein, die sich nach Leander, Kovacs und den vielen anderen zurücksehnt. Dem ist mitnichten so! Ich bin zur Einsamkeit verdammt. Niemand scheint das wahrzunehmen.“

Betroffen wandte sich der alte Mann von ihr und schickte sich an, zu gehen.

Doch Elena hinderte ihn daran.


„Du weißt, wie sehr ich dich verehre. Ja, das tue ich noch immer. Wir werden immer Freunde bleiben, was auch geschieht. Ich behalte dich im Herzen. Aber diesen Weg kann und will ich nicht mit dir gehen!“

„Dann kann ich also alle meine Hoffnungen begraben.“ entgegnete Cornelius resigniert. „Nun gut, ich sehe es ein. Aber lass uns wenigstens in Verbindung bleiben in der Zukunft.“

Elena küßte ihn auf die Wange, dann verließ sie eilig den Palast.

Cornelius blieb einsam und verbittert zurück. Sowohl heute als auch bei allen noch kommenden Anlässen würde der Platz an seiner Seite verwaist bleiben.

Als Elena zuhause ankam, hatte die Dunkelheit ihren Schleier über das Land gelegt, mit dieser kam die Kälte. Vor dieser Art von Kälte konnte sich Elena schützen, nicht aber vor jener, die sich über ihrer Seele auszubreiten drohte.

Elena ging zu Tessa, nahm sie in die Arme und liebkoste sie. Reich beschenkt fühlte sie sich in diesem Augenblick. Ein kleines Stückchen Glück, mehr wollte und mehr brauchte sie nicht.

Gleich darauf begab sie sich in ihr Schlafzimmer, kroch in das kalte Bett, das wohl nie mehr ein geliebter Mensch mit seiner Wärme füllen würde. Für den Rest der Nacht weinte sie . An Schlaf war kaum zu denken. Ihr Herz blutete und es bedurfte wohl einer unendlich  langen Zeitspanne, um jene Wunden wieder zu schließen.

Die Tage rannen wie Sand durch ein Sieb und das Einerlei nahm seinen Lauf. In ihrer Arbeit fand Elena einen Halt, eine Aufgabe, aber keinen wirklichen Trost.

Der Winter brach an. Mittlerweile hatte Schnee den dichten Wald oberhalb der Abtei gepudert. Die Bäume tauschten ihren alten Zauber gegen einen neuen ein.
Die alten Eichen in der Nähe des großen Felsblockes zeigten ihre bizarre Schönheit im Kontrast zwischen schwarz und weiß.

Schließlich begann es stärker zu schneien. Der Schnee legte sich wie eine dicke Decke über das Land. Er lastete schwer auf den Zweigen der Bäume, bis sich die Äste weit nach unten bogen.

Cornelius ließ nicht locker. Ständig erneuerte er seine Angebote an Elena doch er erntete stets ein Nein. Er fühlte sich einsam, dass konnte keiner übersehen, auch Elena nicht. Sie hatte sich bereit erklärt, ihn von Zeit zu Zeit aufzusuchen, als eine Art Beraterin zu fungieren. Mehr konnte und wollte sie nicht beisteuern.

Ansonsten verbrachte sie die kalten Monate damit, Unmengen zu lesen. Begann sich Notizen zu machen und schließlich ihre Gedanken einer neuen friedfertigen Welt in Worte zu kleiden. Am Ende konnte sie auf ein stolzes Pensum von einigen dicken Manuskripten zurückblicken. Viel Energie hatte sie in diese Gedanken investiert. Doch befriedigt schien sie nicht. Es fehlte etwas Bestimmendes.

Ihr fehlte eine wirklich echte Inspiration, etwas, das ihren Geist aus aller Umklammerung durch negative Gedanken riss.

Schließlich kam jenes Ereignis, das Elenas Verhältnis zu Cornelius auf das schwerste belasten sollte und ihr Zerwürfnis für lange Zeit zementierte.

In der irrigen Annahme, Elena einer besonderen Wertschätzung teilhaftig werden zu lassen, hatte Cornelius Neidhardts  Drängen nachgegeben und in Übereinstimmung mit der großen Volksversammlung angeordnet, Leanders sterbliche Überreste aus seinem Grab zu entfernen, zwecks Unterbringung in einem eigens dazu hergerichteten Mausoleum. Als großer Märtyrer der Revolution sollte ihm hier einen außergewöhnliche Ehre zu teil werden.

Eine monumentale Konstruktion aus Marmor, Glas und Stahl wurde eigens dafür hergerichtet. Elena oblag es, höchst persönlich die Überführung der Gebeine innerhalb eines pompösen Triumphzuges zu zelebrieren. Quasi als Hoheprieserin eines Mannes der den Rang eines Gottes aufgestiegen wear. 

Offensichtlich hatte Cornelius keinen Augenblick in Betracht gezogen, welch tiefen Schmerz er Elena damit zufügen sollte. Eine Zumutung ohnegleichen.

Es war März, der Frühling begann langsam sich mit einem leuchtend grünen Mantel zu schmücken, kraftvoll schossen die Bäume ihre Energien in die Blattspitzen. Die Farbe Grün signalisierte neues Leben. Die Luft war erfüllt mit den ersten mutigen Insekten, gerade der Winternacht entronnen, als Elena auf ihr Heim zuschritt.

Auf dem Friedhof der Abtei hatte sie soeben Leanders Grab  mit frischen Stiefmütterchen bepflanzt, diese mochte Leander besonders. Eine Tätigkeit, die sie mit Freude erfüllte, ein kleines Geschenk, das Verbundenheit über den Tod hinaus signalisierte.


In Gedanken versunken schlenderte Elena den Weg zum Konventsgebäude hinab, dessen altes Kopfsteinpflaster in der Frühlingssonne glänzte. Die frische, prickelnde Luft tat ihr gut.

Nichts ahnend durchschritt sie die Tür zum Innenhof und schloss sie leise hinter sich.
Dort wurde sie von einer aufgebrachten Anna erwartet.
Die hielt ihr einen Brief von Cornelius vor die Augen, vor wenigen Minuten von einem Boten höchst persönlich überreicht.

„Ein Schreiben von Cornelius? Seltsam, warum benutzt er diese Art von Kommunikation, ist doch gar nicht seine Art.“ wunderte sich Elena, während sie neugierig den Brief öffnete.

Elena überlass die üblichen Einleitungsfloskeln und konzentrierte sich ganz auf das Wesentliche.

Anna stellte einen Anflug tiefen Entsetzens in Elenas Gesichtsausdruck fest.

„Was ist denn, Elena? Am Ende eine doch nicht so gute Nachricht, wie ich erhoffte?“

„Nein! Nein, das können die nicht machen! Das lasse ich nicht zu! Das ist - das ist einfach widerlich. Nein, Cornelius, diesmal bist du zu weit gegangen. Das lasse ich nicht zu!“

Elenas Tonfall schien sich mit jedem Wort zu steigern.
Schließlich rannen die ersten Tränen über ihre Wangen.

"Elena was ist? Sprich doch! Warum bist du so mit Entsetzen erfüllt?", forderte Anna diese auf.

In der Zwischenzeit hatte Elena auf einem alten Korbsessel Platz genommen, der an einer Ecke lehnte.

Kaltes Entsetzen hatte sich ihrer bemächtigt. Immer mehr Tränen bahnten sich nun ihren Weg. Ein Stöhnen ohnmächtiger Wut entrang sich ihrer Brust.

„Die wollen Leanders Gebeine aus dem Grab entfernen und in einem eigens dafür hergerichteten Mausoleum beisetzen. Das alles soll wohl schon innerhalb der nächsten Woche von statten gehen.“ klärte Elena auf.

„Das wirst du nicht zulassen, Elena? Nicht wahr, du wirst einen Weg finden, um das zu verhindern?“ Forderte Leanders Mutter.

„Worauf du dich verlassen kannst,“ erwiderte Elena, die ihre Fassung wiedererlangt hatte.

„Ich brauche mein Auto, ich werde mich unverzüglich auf den Weg machen. Cornelius muss den Verstand verloren habe. Wie in aller Welt kann er so etwas unterstützen?

Ich muss fort! Ich muss augenblicklich aufbrechen!“

Sie erhob sich schwungvoll aus ihrem Sitz und eilte in ihre Wohnung, krachend fiel die Tür ins Schloss.

Wenig später befand sich Elena in ihrem Wagen, den sie in Richtung Hauptstadt lenkte.

Gedankenbilder schwirrten unaufhörlich durch den Kopf. Sie musste handeln, unverzüglich. Jede Minute zählte.

Elena schien der Verzweiflung nahe. Was hatte sich Cornelius dabei gedacht?

Sie durfte sich jetzt nicht bloßstellen. Erhobenen Hauptes würde sie Cornelius entgegentreten und Keinesfalls durfte sie die Fassung verlieren.

Sie bahnte sich ihren Weg durch den dicken Innenstadtverkehr. Alles widerte sie an.

Endlich fand sie sich im Regierungsviertel ein. Die Wachen dirigierten sie durch, schließlich war sie keine Unbekannte. Elena genoss das Privileg, jederzeit ohne Anmeldung vorgelassen zu werden.


Ihr Weg führte sie durch die langen kahlen Gänge, deren Wucht sie zu erschlagen drohte.

Sie befürchtete, ihre Kräfte könnten sie verlassen, so gab sie sich immer wieder einen Anstoß.

Endlich hatte sie das Vorzimmer zur Kanzlei erreicht und wurde von einem Beamten freundlich begrüßt.

„Oh, Elena, seien Sie mir gegrüßt. Sie möchten sicherlich den Genossen Präsidenten sprechen.

Leider befindet der sich gerade in einer Besprechung. Wenn sie aber eine Weile warten mögen. Ich denke, es wird nicht mehr all zu viel Zeit in Anspruch nehmen.“

„Ich möchte Cornelius sofort sprechen, auf der Stelle! Seine Besprechung kann warten,“ entgegnete Elena im Befehlston.

„Ja, aber das geht doch nicht, ich kann sie doch nicht einfach so….“

Elena ließ den Verdutzten nicht einmal ausreden. Schwungvoll öffnete sie die Tür und fand sich inmitten einer Kabinettsitzung wieder.

Eisiges Schweigen schwebte über den Versammelten, als sie ihrer ansichtig wurden.

„Elena du? Aber warum hast du dich nicht angemeldet? Ich bin glücklich über deinen Besuch, wie immer. Du siehst, wir befinden uns gerade in einer Besprechung. Gern kannst du daran teilnehmen. Niemand wird etwas dagegen enzuwenden haben. Du gehörst  ohnehin schon lange in unsere Reihen.“ ehrliche Freude sprach aus Cornelius Worten.

„Ich muss mit dir alleine reden. Schick die Leute raus. Das, was ich mit dir zu besprechen habe, geht nur uns beide an.“ forderte Elena energisch und eine Zornesfalte bildete sich auf ihrer Stirn.
Cornelius schien getroffen, das Lachen erstarb in diesem Moment auf seinen Lippen.
„Äh, aber ja.“ stotterte er. „Na gut, wenn du schon mal hier bist. Wir machen später weiter, Genossen. Ich werde euch rufen lassen, wenn wir fertig sind, einverstanden?“

Ein leises Gemurmel erfüllte den Raum, aber widerspruchslos erhoben sich die Minister und schickten sich an, das Zimmer zu verlassen. Einige warfen Elena anklagende Blicke zu.

Hatte diese Frau Narrenfreiheit? Wer würde  wohl sonst wagen, einfach eine Kabinettssitzung zu unterbrechen.

Als der letzte die Tür hinter sich geschlossen hatte, kam Elena ohne Umschweife zur Sache.

„Ich will von dir eine klare und eindeutige Antwort, Cornelius. Bist du für diese Ungeheuerlichkeit verantwortlich, oder haben Andere sie dir suggeriert?“
Mit voller Wucht knallte Elena dem Präsidenten das Schriftstück auf den Schreibtisch.

Kreidebleich und fassungslos saß Cornelius auf seinem Stuhl. Natürlich ahnte er auf der Stelle den Grund für Elenas Unmut... . Traurigkeit lag wie ein Nebelschwaden über seinen Augen.

„Willst du es nicht lesen?“

„Das brauche ich nicht. Ich kann mir denken, worum es geht.“

„Schön, das erspart uns langes Herumreden. Wie um alles in der Welt kannst du mir das antun? Du willst tatsächlich zulassen, dass Leanders Gebeine ausgegraben und als Reliquien der Öffentlichkeit zur Schau gestellt werden?“

Cornelius  bemühte sich ruhig und kühl zu bleiben, obwohl sein Herz hämmerte und seine Hände zitterten. Er hatte mit einer Reaktion dieser Art gerechnet. Doch nun saß er hier und wusste überhaupt nicht mehr, wie er sich verhalten sollte.

„Bitte, Elena! Mach doch keine Szene. Lange haben wir darüber diskutiert und sind zu dem Schluss gekommen, Leander auf diese Weise zu ehren. Wir möchten ein Zeichen setzen. Und dieses ist weitaus wirksamer als ein Denkmal.

Seine kurzes Leben soll für alle Zeit im Gedächtnis der Menschen haften bleiben.“

„Dann erfülle seinen Traum von einer besseren Welt. Setzt einfach seine Ideen in die Tat um, erfüllt das, woran er glaubte. Damit ehrt ihr ihn. Stattdessen wollt ihr diese widerwärtige Schau abziehen.“

Elena konnte sich kaum noch zurückhalten, sie schäumte vor Wut. Jedem anderen wäre sie in diesem Moment an die Gurgel gesprungen.


„Elena, nimm dich zusammen, du weißt nicht, wovon du redest.“
Nun wurde auch Cornelius leidenschaftlicher.

„Das weiß ich wohl. Und ich kann noch deutlicher werden, wenn du es so haben willst.

Es reicht euch nicht, überall im Lande Standbilder zu errichten und einen Leander zu kreieren, den es so nie gab. Nein, jetzt wollt ihr ihn persönlich einspannen. Ihr wollt mir das letzte nehmen, was mir von ihm blieb. Habt ihr denn keine Scham? Ist Pietät für alle Zeiten zum Fremdwort in Melancholanien geworden? Nein, das werde ich nicht zulassen, auf gar keinen Fall. Ihr werdet ihn nicht bekommen. Ich werde es zu verhindern wissen. Leander gehört mir. Er war mein Leben.“

Die Worte auf Elenas Zunge wirkten wie stechenden Wespen.

„Dir gehört er?“ wollte ein verwunderter Cornelius wissen. „Dir allein? Nein Elena, das ist ein gewaltiger Irrtum. Du hast keine exklusiven Besitzansprüche. Leander gehört allen. Jedem einzelnen von uns, dem ganzen Volk. Ich verstehe deinen Schmerz, wie vielleicht kein anderer. Aber du bist nicht die einzige, die um ihn trauert.“

„Aber gerade, weil auch du ihn geliebt hast, Cornelius, verstehe ich nicht, wie du es zulassen kannst, dass seine Ruhe gestört wird. Bitte! Ich appelliere an dein großes Herz.

Nimm ihn mir nicht weg. Lass mir die Stelle auf unserem Klosterfriedhof, die ich gerade mit viel Liebe herzurichten wusste."

Elenas Tonfall wurde sanft und  und voller Flehen, dabei sank sie vor dem alten Mann auf die Knie.

„Elena, bitte nicht vor mir knien, oder willst du mich ganz und gar beschämen?“

Er trat zu ihr, hob sie vom Boden, legte seinen Arm um ihre Schultern und drückte sie fest an sich.

„Elena, liebe Elena! Ich weiß, wie du im Moment leidest. Auch ich habe schwer mit mir ringen müssen, bis ich diesem Entschluss zustimmen konnte. Glaub mir, es muss sein. Es geschieht zu unser aller Besten. Irgendwann wirst auch du es verstehen, davon bin ich überzeugt.“

Elena entwand sich seiner Umarmung und stieß ihn von sich.

„Niemals! Ich werde es verhindern, mit allen Mitteln, die mir zur Verfügung stehen. Das ist mein letztes Wort.“

Sie schritt zum Fenster und blickte apathisch auf die Lichter der Großstadt. Schweigen trat ein, ein Schweigen unruhiger Beklemmung. Nach einer Weile versuchte Cornelius ein letztes Mal die immer undurchdringlicher scheinende Wand zu durchbrechen.

„Elena, sag, wie ich dich umstimmen kann? Gib mir irgendein Zeichen. Was in aller Welt kann ich nur tun, um dich ein wenig versöhnlicher zu stimmen?“

„Indem du diesen aberwitzigen Plan fallen lässt?

Mehrmals wöchentlich besuche ich ihn auf dem Friedhof. Da bin ich ganz allein mit ihm, da spüre ich seine Nähe. Das ist alles was mi geblieben ist. Und das willst du mir nehmen. Wenn du das tust, sind wir für alle Zeit geschiedenen Leute.“

„Elena, ich will auch dich damit ehren, verstehst du das denn nicht?

Du wirst in seiner Nähe sein, so oft du willst. Du bist dazu auserkoren, das Mausoleum zu leiten.

Wer wäre wohl besser dafür geeignet.“

Ein Leuchten der Erkenntnis trat in seine Augen, doch erkannte er in seinem Eifer nicht, das er gerade im Begriff war, einen Brand mit Benzin zu löschen.

„Ich soll was?“ schrie Elena voller Verachtung.

„Einen Teufel werde ich tun. Das ist ja wohl das allerletzte. Elender Heuchler!"

„Wie kannst du es wagen, Elena? Ich wollte dir entgegenkommen und du beleidigst mich.

Ich sehe es ein. Ich habe wieder einmal alles falsch gemacht. Gut, ich lasse von dem Vorhaben ab.“ erschöpft ließ sich Cornelius in einen großen Polstersessel fallen.

„Dann werden wir die Zeremonie halt auf eine andere Weise begehen müssen. Aber es bleibt dabei. Du wirst mich nicht umstimmen. Ich bleibe hart.“

Elena durchbohrte ihn schier mit ihren Blicken, als wolle sie durch die Augen in seine Seele dringen.

„Ich erkenne dich nicht wieder, Cornelius. Was ist bloß aus dir geworden? Es gelingt mir nicht, deine Seele zu erforschen. Was veranlasst dich zu solche aberwitzigen Plänen.?"

„Es ist vorbei! Die alten Zeiten sind vorbei, Elena. Ich bedaure es ebenso wie du, aber es lässt sich nicht mehr ändern. Es ist Zeit neues umzusetzen.

Wir alle sollten uns nicht so wichtig nehmen, Elena. Der Mensch ist nicht die Welt und er ist nicht die Weite all dessen, was ist. Die Wichtigkeit eines Menschen ist die Wichtigkeit eines Staubkornes in der Ewigkeit der Zeit.“

„Wahr gesprochen, Cornelius. Besser hätte ich es ebenso wenig formulieren können. Der Mensch ist nicht wichtig. Aber dann fangt doch endlich damit an dem Denken Taten folgen zu lassen. Fangt doch bei euch an. Nehmt euch nicht mehr so wichtig.

Jeden Tag arbeite ich daran, die Not derer zu lindern, die auch noch Jahre nach der Revolution in Elend leben. Sicher, einiges habt ihr getan. Aber es reicht nicht, Cornelius. Ein Berg von Arbeit erwartet uns, lass uns ans Werk gehen. Da solltet ihr handeln, statt Unsummen für monströse Denkmäler zu vergeuden.“

Elenas Stimme war von durchdringender Schärfe.

„Deine Arbeit ist bekannt. Ich kann immer nur wiederholen, dass ich deinen selbstlosen Dienst schätze und bereit bin, dir zu helfen, wo ich kann. Ich werde….“

Elena ließ ihn nicht zu Ende reden. Es schmerzte ihr, mit dem alten Mann auf diese Weise umzugehen, aber sie fühlte sich herausgefordert.

„Du hilfst mir am Besten, wenn du dieses absurde Vorhaben verhinderst. Alles Weitere werde ich auf meine Art bewältigen.“

„Nein, das werde ich nicht, Elena. Ich werde nicht nachgeben! Diesmal nicht!"

„Und das ist dein letztes Wort?“

„Mein allerletztes. Es gibt nichts mehr zu bereden. Es wird geschehen. Basta!“

„Das werden wir sehen.“ Wutentbrannt wandte sich Elena der Tür zu.“ Ich bin  gewiss: „Das letzte Wort ist noch lange nicht gesprochen, du wirst es sehen.“

Elena verließ den Raum und schlug dabei die Tür hinter sich zu.

Einsam blickte der alte Cornelius zu Boden. Ihm wurde schmerzlich bewusst, dass er Elena für eine lange Zeit verloren hatte.

Doch auch in Elenas Kopf wimmelte es von Bildern. Sie sah, was geschehen würde in den kommenden Tagen. Und die Furcht vor all dessen schnürte ihr die Kehle zu.

Das Licht des Tages hatte schon seine Finger nach den Schatten der Nacht ausgestreckt, als Elena zu Hause ankam.

Auf leisen Sohlen schlich sie ins Haus, keineswegs wollte sie den Anderen über den Weg laufen. Denen würde sie noch früh genug die Erfolglosigkeit ihrer Mission verdeutlichen müssen. Sie wollte allein sein, konnte jetzt niemand ertragen. Sie zog sich in ihre Wohnung zurück und überließ sich ihrer ohnmächtigen Wut.

Lange ging sie in ihrem Schlafzimmer auf und ab, sinnierte nach. Erst als der Morgen graute, legte sie sich erschöpft auf ihr Bett. Schwer wie ein Berg legte sich der Schlaf auf ihre Stirn.

 

Die folgenden Tage vergingen im Flug. Das bedrohliche Datum rückte unaufhaltsam näher.

Elena hatte die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, dass Cornelius sich doch noch einsichtig zeigte, auf Neidhardt Druck ausübte und von dem Vorhaben abließ.

Als jedoch die ersten Reporterteams anrückten, um am betreffenden Tag jenes denkwürdige Ereignis für immer festzuhalten, sickerte in Elenas Bewusstsein die Erkenntnis durch, dass es kein Zurück mehr gab, dass sie ihren geplanten theatralischen Akt tatsächlich mit Leben füllen musste.

„Kim und Gabriela, ich werde nicht zulassen, dass sie uns Leander stehlen.“, zog Elena ihre besten Freundinnen ins Vertrauen. „Ich werde sie aufhalten, koste es, was es wolle, das bin ich Leander schuldig. Ich habe oben auf dem Schreibtisch einige Instruktionen für Euch hinterlegt für den Fall, dass mir etwas zustoßen sollte.“

Gabriela erschrak, denn eine eindrucksvolle Entschlossenheit sprach aus diesen Worten.

„Du denkst, dass es gefährlich werden könnte. Bisher hast du mit keiner Silbe davon gesprochen.“

„Ungefährlich ist heutzutage überhaupt nichts mehr. Lass nur, ich weiß schon, was ich tue.

Ich habe alles ganz genau überlegt. Ihr müsst mir nur versprechen, euch um Tessa zu kümmern. Das ist derzeit meine größte Sorge. Sie darf keinesfalls darunter leiden. Schirmt sie, solange es sich machen lässt, von allen ab.“ „Natürlich werden wir uns um die Kleine kümmern, keine Frage“, antwortete Kim. „Aber willst du uns denn nicht einen kleinen Hinweis darauf geben, was du zu tun gedenkst?“

„Ich bin mir selber noch nicht sicher. Ich möchte euch nicht unnötig beunruhigen. Ihr werdet es noch früh genug in Erfahrung bringen, nicht zuletzt durch die so zahlreich erschienen Medienvertreter.“

„Ich werde mit dir gehen, Elena,“ bot Gabriela spontan an. „Das kannst du mir nicht abschlagen. Wir haben schon des Öfteren Gefahren gemeinsam durchgestanden. So wird es auch in diesem Falle sein.“

„Nein, das wird es eben nicht.“ wies Elena das Ansinnen ihrer Freundin bestimmend zurück.

„Diesen Weg muss ich alleine gehen. Du bleibst hier, wie ich gesagt habe. Wartet gemeinsam auf meine Rückkehr.“

Es bedurfte keiner weiteren Worte. Elenas Wort hatte gesprochen und das genügte.

Als Elena die Tür hinter sich geschlossen hatte, stellten sich Zweifel ein. Tat sie Recht?

Sie bekam Angst, doch sie mühte sich ab, die unglückliche Flut ihrer Gefühle zu beseitigen.

Langsam machte sie sich auf den Weg zum Grab. In angemessener Distanz schlichen sich Reporter an.

Als sie sich dem Grab näherte, erfasst sie ein Gefühl innerer Leere und Einsamkeit. Sie wurde sich einmal mehr der Tatsache bewusst, dass sie dazu verdammt war den Rest ihres Lebens in Einsamkeit dahin zu vegetieren.

„Mein Liebster, mein Leben! Einmal konnte ich dein Leben retten. Ein zweites Mal wurde mir es nicht vergönnt. Nun will ich wenigstens dafür Sorge tragen, dass deine Ruhe erhalten bleibt. Das ist alles, wozu ich noch imstande bin. Sollte mir etwas zustoßen, werden wir bald miteinander vereint sein. Dann können sie meinetwegen mit unseren Überresten machen, was sie wollen.“

Während sie diese Worte sprach hatte Elena am Grab Platz genommen und starrte nur teilnahmslos vor sich hin. Tiefe Falten gruben sich in ihre Stirn, ihr gebräuntes Gesicht war bleich und starr geworden. Elena kämpfte noch immer gegen die wilde maßlose Trauer ihrer verwundeten Seele.

Was dann geschah trug maßgeblich dazu bei, ihr ohnehin schon bemerkenswertes Ansehen in der Bevölkerung auf ein Höchstmaß zu steigern.

Nicht nur die Lebenden blickten auf sie in diesem Moment. Aus dem Jenseits blickte einer zu ihr, der über den Tod mit ihr auf ewig verbunden blieb.

 

Lassen wir nun Kovacs erzählen, der aus dem Jenseits auf Elena blickte:

Schon am Morgen kurz nach Elenas Eintreffen hatte sich eine Bauabteilung eingefunden, um die sterblichen Überreste auszugraben. Als sie ihrer ansichtig wurden, vermochten sie keineswegs ihr geplantes Werk in die Tat umzusetzen.  Statt dessen standen sie  zunächst ratlos in der Gegend herum.

Gegen Mittag traf eine Abordnung der Revolutionären Garde ein, um den Sarg in Empfang zu nehmen und beschwerte sich über das nicht vollbrachte Werk. Ihnen stellte sich Elena in den Weg. Sie drohte damit sich auf der Stelle das Leben zu nehmen, sollte es auch nur einer wagen, sich der Grabstätte zu nähern. Im Anschluss daran breitete sie ihren Körper in voller Länge auf dem Bauch liegend  über dem Grab aus, bekundetet sich erst dann wieder zu erheben, wenn  der Befehl zum Abbruch der Aktion erteilt wurde.

Die Fernsehkameras waren eingeschaltet, eine kurze Weile wurde diese Szenerie im ganzen Land übertragen. Als die Übertragung abgebrochen wurde, war es bereits zu spät. Zuviel war schon durchgesickert um noch Geheimhaltung zu praktizieren.

Es ließ sich somit nicht vermeiden dass das ganze Land Zeuge einer Tat, begangen aus grenzenloser Liebe wurde. Einer Liebe, stärker als der Tod. Einer Liebe, die alle Dimensionen menschlichen Denkens hinter sich gelassen hatte.

Keiner der Soldaten wagte der Verzweifelten zu nahe zu kommen. Hier vor Ort hatte Elena schon ihren Sieg errungen. Der verantwortliche Offizier telefonierte den ganzen Tag um neue Instruktionen einzuholen. Doch die Regierung verharrte in Schweigen. Noch war Cornelius nicht bereit, einen Rückzieher zu machen und somit eine Niederlage einzugestehen. Neidhardt blieb im Hintergrund und äußerte sich überhaupt nicht. Der schlaue Fuchs überlies somit Cornelius wieder einmal allein den Schwarzen Peter. 

Die Hoffnung breitete sich aus, Elena könne am Folgetag aus Erschöpfung aufgeben, doch nichts dergleichen geschah.

Das ganze Land nahm Anteil am Leid dieser mutigen Frau. Schließlich am Ende des zweiten Tages sah sich Cornelius genötigt aufzugeben. Kurzerhand wurde die Aktion abgeblasen.

Von tiefen Schuldgefühlen geplagt erschien Cornelius am Vormittag des dritten Tages höchstpersönlich an der Grabstätte. Als er Elena erblickte, füllten sich seine Augen mit Tränen.  Es konnte kaum Wiedergutmachung für den angerichteten Schaden geben.

Er nahm am Rande des Grabes Platz und versuchte die die völlig verängstigte und verwirrte Elena aufzuheben. Ihr steifer Körper war stark unterkühlt, die Aprilnächte kühlten zum Teil noch gewaltig ab. Keiner konnte mit Gewissheit sagen, ob sie noch einen weiteren Tag in dieser Haltung überstanden hätte.

Es gelang dem Präsidenten, Elena aufzurichten. Sie war gar nicht imstande, Widerstand zu leisten. Leise vor sich hin wimmernd umarmte sie Cornelius und drückte ihn fest an sich.

Dieser strich ihr durch ihr durchweichtes Haar.

„Was hab ich dir angetan, Tochter. Mein Gott, was hab ich dir nur angetan?“

Zwei kräftige Soldaten erschienen und die brachten Elena in die Abtei zurück.

Meine liebe Elena. Ich konnte dir nicht bei stehen in diesen schweren Stunden. Konnte lediglich aus dem Jenseits voller Mitgefühl zu dir herunterblicken.

Die Weisen sagen, dass die wahre Prüfung des Lebens nicht darin besteht, etwas zu tun, was wir wissen, sondern vielmehr darin, wie wir handeln, wenn wir nicht wissen, was zu tun ist.

Du hast einfach nach besten Gewissen gehandelt und das Richtige getan.

In der Spontaneität liegt eine unermessliche Kraft, nur wenige verstehen diese wirklich zu nutzen. Du hast dich selbst überwunden, Elena. Wie heißt es doch: Der Mensch bedarf tollkühnen Mutes um in den Abgrund seiner selbst hinab zu steigen.

Heute hast du einen Sieg errungen. Nutze ihn! Gehe deinen Weg unbeirrt weiter, mehr kann ich dir im Moment nicht sagen. Ich werde auch in Zukunft über dich wachen und  in kommenden schweren Stunden bei dir sein.

 

Gabriela öffnete die Tür und war nicht wenig überrascht, als sie den hohen Besuch erblickte.

„Hat denn der Wahnsinn endlich ein Ende? Ich habe kaum noch geglaubt Elena  lebend wieder zu sehen.“

„Ich habe eine Bitte.“ erwiderte Cornelius mit trauriger Stimme. „Ich möchte sie ins Bett bringen und noch eine kurze Weile mit ihr allein sein. Dann musst du dich um sie kümmern, denn sie ist sehr krank.“

Widerspruchslos wies ihm Gabriela den Weg. Sanft legte Cornelius Elena auf ihr Bett, zog ihr Schuhe und Mantel aus, kuschelte sie in eine warme Decke und nahm schließlich auf einem gegenüberliegenden Sessel Platz, in der Hoffnung, auf ein paar klärende Worte.

Nach einer Weile kam Elena zu sich, wälzte sich hin und her, konnte leicht verschwommen die Gestalt des väterlichen Freundes wahrnehmen.

„Cornelius, bist du es? Wie…wie bin ich hierher gekommen? Hast du mich etwa nach Hause gebracht? Ich glaubte zunächst zu träumen:“

„Du bist zu Hause, Elena! Ich habe dich hierher gebracht. Alles ist gut!“

Panische Angst nahm von Elena Besitz und sie versuchte sich aufzurichten.

„Was…was ist mit dem Grab? Ist es noch da? Ist Leander noch dort oder habt ihr ihn tatsächlich…“

Blitzschnell erhob sich Cornelius und drückte Elena in die weiche Decke zurück.

„Sei ohne Sorge! Ich sagte doch, alles ist in Ordnung. Ich habe die Aktion abgesetzt. Ich gebe dir mein Wort, dass sich so etwas  in Zukunft nicht wiederholen wird, zumindest, solang ich lebe und etwas zu sagen habe.“

„Danke, danke, das ist gut.“ nahm Elena das soeben Gesprochene erleichtert zur Kenntnis und ließ sich langsam in die Decke zurückfallen.

„Ich danke dir, dass du doch noch ein Einsehen hattest. Trotzdem hast du mich tief verletzt. Soweit hättest du niemals gehen dürfen.“

„Ich weiß! Auf ewig stehe ich in deiner Schuld . Mir wurde erst am Grab bewusst, was ich angerichtet habe. Ich war von Sinnen, als ich meine Zustimmung gab.“

Langsam tastet sich Elenas eiskalte Hand über die Decke bis sie Cornelius erreichte und ihn bei der Hand nahm.

„Du bist ebenso Opfer wie ich, wie Leander und all Jene hier im Lande, die einmal an das Gute glaubten. Was ist nur aus uns geworden. Das System, für das wir stritten, mutiert zu einer Karikatur. Du darfst das nicht zulassen. Biete all deine Autorität, auf um dem Einhalt zu gebieten!“

Erschöpft ließ sich Cornelius am Bettrand nieder, vergrub sein Gesicht in den Handflächen.

„Ich weiß Elena! Ich weiß, ich weiß. Mir gleitet nach und nach alles aus den Händen. Scheinbar habe ich schon jetzt jegliche Kontrolle verloren. Ich bin zu schwach für dieses Amt. Lange versuchte ich diese Tatsache zu ignorieren. Erst dieser Vorfall hat mir die Augen geöffnet. All die treuen Seelen an meiner Seite sind verschwunden. Leander tot! Kovacs tot! Miriam tot! Kyra verschwunden! Nun wirst auch du mir noch verloren gehen.“

Er schwelgte im Selbstmitleid.

„Ich muss dir unmissverständlich ins Gewissen reden. Sollte die Entwicklung ihren Lauf nehmen und sich nicht bald gravierende Änderungen einstellen, kann und will ich dir nicht folgen.

Warum tut ihr nichts gegen die noch immer verheerende Armut?  Ihr habt den rechten Weg eingeschlagen, seid aber auf halben Weg stehen geblieben. Es bedarf aber noch bedeutend größerer Anstrengungen um dieses Land zu befrieden.

Ich hörte von einer geplanten Pressezensur und von willkürlichen Verhaftungen. Es soll Unruhen im Norden des Landes geben. Ihr kämpft schon wieder gegen das eigene Volk. Sag mir, dass das alles nicht der Wahrheit entspricht und wir können über alles reden. Aber das kannst du nicht. Ich brauche dir nur in die Augen zu sehen. Du bist überhaupt nicht imstande zu lügen.“

„Ich weiß, ich weiß,“ wiederholte sich der Angesprochene, „ich wollte, ich könnte alles ungeschehen machen. Es droht alles auseinander zu brechen. Kannst du dir vorstellen, welche Last auf meinen Schultern liegt. Der Norden ist unser besonderes Sorgenkind. Versprengte Gruppen des Blauen Orden sollen sich dort zusammengerottet haben und tyrannisieren die Bevölkerung. Was sollten wir denn tun? Wir mussten eingreifen.“

„Indem ihr eurerseits die Bevölkerung dort tyrannisiert und einschüchtert. Das ist in der Tat eine gelungene Hilfe.“

„Das ist eine Unterstellung, Elena!“, empörte sich Cornelius. „Wir sind ständig darum bemüht, dass es so wenig Opfer wie möglich unter der Zivilbevölkerung gibt.“

Die halbherzige Rechtfertigung überzeugte Elena nicht. Krampfhaft versuchte sie sich aufzurichten, doch das fiel ihr nach wie vor schwer. Das Fieber hatte sie gepackt, offensichtlich hatte sie sich eine schwere Erkältung eingefangen.

„So sieht also eine siegreiche Revolution aus. Leander hat es kurz vor seinem Tod ganz treffend charakterisiert: Es gibt Niederlagen, die Siege sind und Siege, verhängnisvoller als Niederlagen. Die Revolution des Herzens hat nie statt gefunden. Ohne die Herzen der Menschen ist die revolution von Anfang an zum scheitern verurteilt."

„Du…du brauchst jetzt erst mal Ruhe. Du musst wieder zu Kräften kommen. Dann können wir uns in aller Ruhe austauschen.“ Versuchte Cornelius zu beruhigen.

„Versuche bitte nicht abzulenken!“, wehrte Elena ab. „Wenn meine malträtierte Gesundheit dazu beiträgt, ein Umdenken einzuleiten, trage ich ein paar Tage Krankheit ohne Zorn. Sollte aber nichts dergleichen geschehen, wird es zwischen uns überhaupt keine Gespräche mehr geben. Lass dir das gesagt sein.“

Cornelius wurde bleich, in diesem Moment begriff er, dass er Elena verloren hatte. Bitter schmeckte der Kelch dieser Erkenntnis. Ihm waren die Hände gebunden, seine Macht schwand von Tat zu Tag. Im Grunde war er schon längst zu einer Marionette in Neidhardts Händen geworden.

„Was du von mir verlangst ist unmöglich. Eine kleine Unachtsamkeit und die gesamte Revolutionsregierung bricht auseinander.“

„Dann lass sie doch in Gottes Namen auseinander brechen. Dann löst ein Übergangsstadium das vorherige ab. Ich akzeptierte, dass nur eine zeitlich begrenzte Diktatur die vom alten Regime verursachten schweren Wunden lindern konnte. Diese Phase ist vorüber. Nun müssen Reformen her. War es nicht einmal unser Ziel, die Menschen von jedweder Form der Herrschaft zu befreien?“

„Das war Kovacs Traum. Guter alter Kovacs, ein feinsinnig gebildeter Geist und ein Vordenker, das gebe ich zu. Doch wurde ich in den zurückliegenden Wochen und Monaten mit einer brutalen  Realität konfrontiert. Es bedarf eines autoritären Regimentes, ansonsten droht alles aus dem Ruder zu laufen. Herrschaftslosigkeit könnte in einer solchen Situation nur ins Chaos führen.“

„Cornelius, nur wer unmögliches will, wird das Potenzial des Möglichen ausschöpfen. Auf den Versuch kommt es an. Aber da liegt das Problem. Ihr erfreut euch der Stagnation im Lande. Viele versuchen doch nur noch ihre Pfründe zu retten.“

„Ich habe immer versucht das Gute zu tun und es in der Tat verwirklichen. Aber niemand vermag es zu verstehen. Nicht einmal du.“ wehrte sich Cornelius.

„Wer immer nur das Gute will, verfehlt das Bessere.  Kovacs hatte einen Traum. Aber sag, müssen es Träume bleiben? Ich werde in dem Moment zur Verfügung stehen, wenn ihr damit beginnt, unseren gemeinsamen Traum zu verwirklichen. 

Mit diesem Staat habe ich nichts zu tun.“ gab Elena ohne wenn und aber zu verstehen.

„Dir gefällt es, andere unter Druck zu setzen. Ich kann nicht über meinen Schatten springen.

Es sind zu viele Rücksichten zu beachten. Ich werde tun was in meiner Macht steht. Ich sichere dir jegliche Unterstützung zu. Und ich halte meine schützenden Hände über dich und alle, die sich dir an vertrauen. Dafür verbürge ich mich. Mehr kann ich nicht leisten.“

Verzweifelt versuchte der Mann mit dem großen Herzen zu retten, was zu retten war. Doch es  war bereits zu spät.

„Dann trennen sich heute unsere Wege. Ich befürchtete es, doch es lässt sich nicht verhindern. Aber ich nehme dich beim Wort. Alle und alles, was sichunter meiner Obhut begibt, fällt unter deinen Pardon. Das ist beruhigend zu wissen. Denn ich denke, es werden einige auf mich zukommen in der Zeit die nun beginnt."

„Dann willst du mich also wirklich fallen lassen.“ erwiderte Cornelius mit vor Niedergeschlagenheit schwerer Zunge.

„Ja, das tue ich! Weil ich dir, zumindest im Moment, nicht helfen kann.“

Tief in sich spürte er die Kälte dieser Worte. Schweren Herzens erhob er sich und wandte sich zum Gehen.

„Dann gibt es wohl nichts mehr zu sagen. Lebe wohl, Elena. Lebe dein Leben, Lebe deine Träume, wenigstens du konntest sie dir bewahren. Meine Gedanken werden aber immer bei dir sein.“

Er öffnete die Tür und verließ als gebrochener Mann das Zimmer. Einsamkeit hüllte ihn wie in einen kalten Mantel.

„Lebe wohl Cornelius, ich wünsche dir alles Glück auf Erden.“ rief Elena ihm noch nach.

Dann schluchzte sie auf und die Tränenbäche flossen ungebremst. Nicht nur Cornelius, nein auch sie wurde in diesem Moment zu einer lange währenden Einsamkeit verdammt.

 

Dann bahnte sich die Krankheit ihren Weg durch ihren Körper. Eine schwere Grippe fesselte sie tagelang ans Bett. Ihre robuste Natur verhinderte jedoch schlimmeres.

Um ein Haar hätte sie versäumt, wie der Frühling das Land in einen blühenden Garten verwandelte. Der Frühling, den sie so sehr mochte.

 Doch wann würde in ihrem Leben wieder Frühling sein? Im Moment konnte keiner, nicht einmal sie selbst, diese Frage beantworten.

Anna und Gabriela kümmerten sich um sie. Schließlich gesundete Elena. Doch nur am Körper. Ihre Seele litt weiter, schlimmer denn je zuvor.

Sie fühlte sich einsam und verlassen, konnte zwar ihren Willen durchsetzen, doch was brachte ihr das wirklich ein? Mit Cornelius verlor sie auch noch den allerletzten Freund aus alten Tagen.  Sie versuchte mit sich und der Welt ins Reine zu kommen, doch statt dessen triftete sie nur noch weiter in den Abgrund.

Sie hatte Tessa, die ihr viel Freude bereitete. Doch blieb viel zu wenig Zeit für ihre Tochter.

Sie stürzte sich in ihre Arbeit und drohte sich dabei völlig zu verausgaben. Elena schenkte sich nichts. Selbst nachts war sie zur Stelle, wenn ihre Hilfe benötigt wurde.

Die Zeit heilt alle Wunden, so sagt man, nicht bei Elena. Je tiefer Leanders Todesdatum in den Nebeln der Vergangenheit verschwamm, desto schlimmer wurde es.

Elena quälte sich mit Selbstvorwürfen. Gab sich die Schuld am Tod des Geliebten. Warum durfte sie leben, während er im Grabe lag? 

Hinzu kamen Zweifel über ihre noch immer privilegierte Stellung. Sie hatte ein schönes Heim, wenn auch nicht übertrieben ausgestattet, so doch gemütlich und heimisch.

Was hatte hingegen die Menschen, mit denen sie tagtäglich zu tun hatte. Oft mangelte es an dem Notwendigsten. In letzter Zeit kamen ständig Flüchtlinge aus den Krisengebieten im Norden. Entsetzliches Leid, wo sie auch hinsah. Der Aufgaben und Aktivitäten gab es viele, sie harrten ihrer Erfüllung. Es drohte über Elenas Kopf einzustürzen.

Nun begann  die Zeit da Elena drohte immer deutlicher zu verwahrlosen. Zum Glück kümmerten sich Gabriela und Anna um Tessa, so dass ihre Tochter nichts auszustehen hatte.

Wenn sie spät des Nachts nach Hause kam und sich im Spiegel betrachtete, glaubte sie darin eine Fremde zu erblicken. Ein Geist starrte ihr mit bleichem aschfahlem Gesicht und dunklen Trauerrändern unter den Augen entgegen. Ihre einst so viel gepriesene Schönheit und Sinnlichkeit drohte dahin zu welken. Und in ihrer Wohnung sah es in zunehmendem Maße wie Kraut und Rüben aus.

Auf diese Weise vergingen Monate.

Inzwischen hatte der November Einzug gehalten.

Mit den kalten und öden Regentagen, die sich über das Land legten, machte sich das Elend in Elenas Herzen richtig breit.

Der Möglichkeit, Zuflucht in der Natur zu suchen, weitgehend abgeschnitten, blieb ihr nur noch die Flucht in die Arbeit. Wenn von der Arbeit nach Hause kam, schloss sie sich in ihr Zimmer ein, gab sich den Depressionen hin, kämpfte schon lange nicht mehr dagegen an. Elena ließ sich gehen. Sie begann ihre Trauer in Alkohol zu ertränken. Niemand hinderte sie daran. Die anderen mieden in zunehmende Maße ihre Gesellschaft.

Der Zusammenbruch schien unausweichlich.

Eines späten Nachmittages kam sie besonders erschöpft in der Abtei an. Das Wetter präsentierte sich von seiner besonders üblen Seite. Feuchte Kälte, die sich  ihren Weg auch noch durch die dickste Kleidung bahnte, schien alle Glieder zu lähmen, löste eine tiefe Sehnsucht nach Wärme und Geborgenheit aus.

Den ganzen Tag hatte Elena in den Slums geschuftet.

Frierend und total verdreckt öffnete sie die Tür. Tessa schlief bereits, wie so oft, wenn sie nach einem arbeitsreichen Tag nach Hause kam. Fröstelnd entledigte sich Elena der klammen Kleidung. Sie sehnte sich nach einem heißen Bad. Das Prickeln auf der Haut, die sie einlullende wohlige Wärme, würde ihr gut tun.

Erlesene, von ihr selbst bereitete Kräuter würden das Bad erfrischen und die verlorenen Lebensgeister in ihrem Körper reaktivieren.

Sie konnte es kaum erwarten, das warme Nass um sich zu spüren. Ausgiebig gab sie sich jener Wohltat hin. Das entschädigte für so manches.

Doch kaum hatte sie eine Weile ausgiebig genossen, meldeten sich schon die Gewissensbisse zurück. Ihr war es möglich, sich nach einem solch anstrengenden Arbeitstag diesen Annehmlichkeiten hinzugeben. Doch wo blieben jene, denen sie heute begegnet war? Viele besaßen nicht einmal die elementarsten Grundbedingungen zum Leben. Zusammengekauert in einem notdürftig errichteten Zelt, ohne Heizung, ohne Sanitäranlagen.  Selbst eine warme Mahlzeit schien für diese Leute schon ein Luxus.

Schuldbewusste hob sich Elena aus der Wanne und begann sich abzutrocknen. Dabei fiel ihr Blick in den mannshohen Spiegel an der Wand. Ihr wohlgeformter Venuskörper verlangte nach Zärtlichkeit und Wärme. Ihre Hände strichen über ihre vollen Brüste.

Wieder mal in die Arme genommen und liebkost zu werden, die Sehnsucht drohte sie zu überwältigen. Sie war eine Frau Mitte 30, sollte das schon alles sein? Noch vor wenigen Jahren konnte sie sich vor Liebhabern jeglichen Geschlechtes kaum retten. Und nun?

Die ewig trauernde Witwe. Doch wie konnte sie an so was denken. Ihre große Liebe lag oben auf dem Hügel in einem kalten Grab. Wenn sie wenigstens sein Schicksal hätte teilen können.

Stattdessen hatte das Schicksal sie zum Weiterleben verdammt. Wieder einmal glänzten in ihren Augen die Tränen, rasch begab sie sich zu Bett, was nach dem warmen erquickenden Bad besonders kalt wirkte. Zitternd schlang sie Decke um sich und sinnierte weiter, ließ den vergangenen Tag noch einmal Revue passieren . Wälzte sie sich hin und her, bis ihr Bewusstsein endlich in den Halbtod des Schlummers sank.

 

Von tiefen Emotionen durchdrungen reiste sie nun auf den Flügeln der Phantasie in eine andere Dimension.

Sie gab sich ganz dem Gefühl des Geborgenseins hin, das sie wie ein warmer Mantel umgab.

 

Dann begann der eigenartige Traum: Elena fand sich auf einer duftenden Frühlingswiese wieder. Barfuss und mit ausgewaschenen Jeans und weißem T-Shirt bekleidet begann sie zu laufen, wurde dabei immer schneller. Ihre kupferrote Lockenmähne wehte im Wind, ihre Brüste schaukelten wie reife Äpfel bei jedem Schritt. So als wolle sie den azurblauen Himmel umarmen, streckte sie ihre Arme weit nach oben. Vor ihr tat sich eine Plantage voller blühender Kirschbäume auf.

Schnurstracks begab sich Elena in diese Richtung.

Es war überwältigend, so musste sich eine Göttin fühlen. Langsamen Schrittes durchwanderte sie nun die Plantage, an den Füßen kitzelte weiches Moos. Sie spürte den Drang, sich zu setzen und sich eine Rast gönnen, ließ sich auf den Boden nieder und lehnte ihren Rücken an den Stamm eines Baumes.

Da vernahm sie auf einmal ein Rufen. Irgend eine Stimme rief sie bei ihrem Namen. Eine vertraute Stimme. Sie richtete ihren Blick nach oben, der Dichter Kovacs hatte auf einem der Äste Platz genommen. Als sie seiner ansichtig wurde verspürte sie einen stechenden Schmerz in ihrer Herzgegend und ihre Augen feuchteten sich. Es war jedoch ein positiver, angenehm befreiender Schmerz.

Sie richtete sich auf. Ihre Wahrnehmung schien glasklar. In diesem Moment war ihr bewusst, dass sie träumte.

„Kovacs du? Ich träume! Ja, nur so kann es sein! Ich muss träumen!“

„Ganz richtig Elena, du träumst!  Trotzdem bin ich in diesem Moment ganz real!“ erwiderte Kovacs, legte seinen Notizblock zur Seite, in dem er gerade kritzelte, und streckte ihr die Hand entgegen.

Elena ergriff diese und kletterte den Stamm hinauf, um sich neben den alten Freund niederzulassen.

Kovacs war geschmackvoll gekleidet. Er trug eine braune Wildlederhose und ein großes ausladendes weißes Hemd. Darüber eine ebenfalls braune Wildlederweste mit Fransen.

Sein schwarzgrau meliertes Haar hatte er auch jetzt zu einem Pferdeschwanz nach hinten gebunden.

„Endlich, Elena! Endlich hast du mich gefunden. Ich hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben.“

Er nahm ihr Gesicht in die Handflächen und küßte sie auf die Stirn, auf die Augen und zum Schluss auf den Mund.

Die Tränen fielen Elena wie ein heilsamer Regen herab, weit öffnete sich ihr Herz, um seine Wärme aufzunehmen. Sie bildete Worte, doch die stockten ihr auf der Zunge.

„Dass ich dich noch einmal wieder sehen darf. Ich kann es noch immer nicht glauben.“ sprach sie, nachdem sie die Fassung wieder erlangt hatte.

„Schon lange suche ich auf diese Weise den Kontakt zu dir, aber es gelang mir einfach nicht.

So sehr warst du in der Vergangenheit damit beschäftigt dich selbst anzuklagen und zu verurteilen, dass an ein Durchkommen nicht zu denken war. Alle Kanäle zu deiner Seele verstopft mit Verbitterung und Selbstzweifel. Endlich fand ich in dieser Nacht eine kleine Lücke. Die musste ich natürlich nutzen.“ klärte sie Kovacs auf.

„Ach Kovacs, mein lieber alter Freund, du hast recht mit jedem Wort. Mir ging es nicht gut. So vieles ist geschehen seit jenem Tag, an dem wir uns für immer trennten. Ich fühle mich allein, so entsetzlich allein gelassen.“

„Ja, und deshalb mache ich mir ernsthaft Gedanken um dich. Höchste Eile war geboten, lange hätte ich nicht mehr warten können um dich zu kontaktieren. Du bist dabei den Boden unter den Füßen zu verlieren und dich vollständig aufzureiben. Ich kann nicht länger zu sehen wie du dich mit Zweifel und Selbstanklagen quälst. Es ist Zeit umzukehren.“

„Ich finde einfach keinen Frieden, Freund. Leid, Leid, entsetzliches Leid. Ich fühle mich unvollkommen, denn es müsste noch so viel getan werden. Ich weiß nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Alles scheint über mir zusammenzubrechen.“

„Aber Elena, du hast Großartiges geleistet. Einen unschätzbaren Dienst, wie ihn wohl kaum ein anderer tragen könnte. Was willst du dir noch zumuten? Es gibt noch mehr zu tun, sicher.

Doch für den Moment musst du an dich denken."

Er sprach die Worte langsam, beinahe ehrerbietig aus und ein freundliches Lächeln verklärte sein Gesicht, jenes Lächeln, das sie immer so sehr an ihm gemocht hatte.

„Noch immer bin ich eine Privilegierte, Kovacs und das macht mich krank. Ich möchte das Leben der Menschen, mit denen ich zu tun habe, ganz teilen, aber das will mir nicht gelingen."

„Siehst du und das genau ist der Grund, warum ich dich zu mir gerufen habe.“ Kovacs legte seinen Arm um sie und drückte sie fest an sich.

„Deine Selbstbezichtigungen sind völlig überflüssig. Was du als Privilegien benennst verdient jene Bezeichnung überhaupt nicht. Als du vor dem zu  Bett gehen in dein mollig-warmes Bad gestiegen bist, um nur ein Beispiel von vielen zu nennen. Was in aller Welt ist denn schon dabei?“

„Aber jene, denen ich tagtäglich beistehe, müssen darauf verzichten. Also habe auch ich kein Recht darauf. Das ist der Grund für meine Schuldgefühle. “

„Ich bitte dich, Elena. Wenn du nach getaner Arbeit nach Hause kommst und es dir einmal gemütlich machst, wer könnte das verurteilen? Niemand wird dir einen Vorwurf machen.

Oder anders ausgedrückt: Wem nützt es, wenn du es nicht tätest? Meinst du den armen Gestalten würde das auch nur eine Kleinigkeit helfen?“

„Denen sicher nicht, das ist wahr! Aber mir würde es helfen. Ich hätte mich selbst überwunden und wäre einen Schritt weite.“ erwiderte Elena und entwand sich seiner Umarmung.

„Nun gut, Elena! Tue das alles nicht mehr. Kauf dir einen  alten Kartoffelsack, schneide drei Löcher rein und ziehe ihn dir über. Gehe dann als Bettlerin auf die Straße, am besten barfuß, das wirkt in dieser Jahreszeit besonders. Wem glaubst du, würde das nützen? Sag mir, wem?

Du kannst es nicht! Niemandem würde es nützen. Dir am wenigsten. Nach kurzer Zeit wärst du am Ende. Krank, entkräftet und verbraucht. Und dann ? Wer wäre imstande deine wichtigen Aufgaben zu übernehmen? In deiner derzeitigen Position kannst du ungeheuer segensreich wirken, kannst Menschen, die dringend der Hilfe bedürfen, eine wichtige Stütze sein. Als Bettlerin kannst du dir nicht einmal selber helfen.

Früher hast du in der Tat diese Talente vergeudet und für Nichtigkeiten gelebt. Doch von der alten Elena ist schon lange nichts mehr übrig.“

Kovacs Worte begannen ihre Wirkung zu entfalten und Elena wusste, dass er die Wahrheit sprach.

Auch wenn sich die Zweifel noch nicht ganz verflüchtigt hatten.

„Die alte Elena wollte nach oben, wollte Karriere machen. Als sie oben war und auf ihrer Wolke Platz genommen hatte, spuckte sie den Menschen auf den Kopf. In ihrer dekadenten Umwelt aalte sie sich. Welche eine Verschwendung. Jetzt ist Elena frei davon.

Die neue Elena kann ihr Wissen, ihren Intellekt und ihre Autorität zum Wohle vieler einsetzen. Das ist wahre Freiheit. Wie ich dir schon damals sagte. Die Göttin schenkt Talente, damit wir sie für unsere Umwelt in Anwendung bringen. Du hattest es begriffen und schlugst den rechten Weg ein. Jetzt beginnt dir alles aus der Hand zu gleiten.

Der Vorwurf an Cornelius, auf halbem Wege stehen geblieben zu sein, ist gerechtfertigt. Doch auch dir kann ich einen solchen nicht ersparen. Auch du musst beginnen, den begonnenen Weg fort zusetzen.

„Einen Schritt weiter? Aber wohin soll ich denn?“, unterbrach Elena.

„Du wurdest zu etwas Besonderem auserkoren. Indem du dich selber ständig anklagst, behinderst du deine eigene Entwicklung. Zunächst musst du wieder den Mut in dir aktivieren.

Das gelingt dir am Besten wenn die Freude in dein Herz zurückkehrt.

Selbstliebe ist der Anfang der Befreiung. Wenn du dich nicht selber lieben lernst, wirst du auch kaum imstande sein, einen anderen Menschen aufrichtig zu lieben.“

„Ach Kovacs, wie soll ich wieder Freude finden. Meine Liebe liegt begraben. Damit starb auch ein Teil von mir. Gewiss, ich habe Tessa, die mir viel Freude bereitet. Aber ich fürchte, ich könnte versagen und auf Dauer keine gute Mutter sein. Ich vermisse Leander so.“

„Schon aus diesem Grund muss dein Leben eine Wendung erfahren. Genug der Trauer, es bedarf wieder eines Menschen an deiner Seite. Du brauchst jemanden, der deinem Leben Freude und Erfüllung schenkt. Ein Mensch, der dich liebt, zärtlich zu dir ist und mit dem du den Alltag teilen kannst.“

Elena erschrak. „Das ist unmöglich, Kovacs. Es kann nach Leander keinen Mann mehr für mich geben. Unsere Romanze war von ganz besonderer Art. So etwas lässt sich nicht wiederholen. Täte ich das, würde ich mir noch schuldiger vor kommen. Du bist so freundlich zu mir, es ist gut gemeint. Aber es geht nicht.“

„Mir ist bekannt, dass du dich noch immer als seine Frau und nicht als seine Witwe siehst.  Das ehrt dich, aber ein solches Opfer ist unnötig. Du bist sehr hartnäckig wie immer, meine unerschrockene Kämpferin. Aber die Person, die sehr bald in dein Leben tritt, wird dir sehr gefallen, schon auf Anhieb wirst du von ihr begeistern sein. Der Mensch kommt aus dem Norden, du wirst mit ihm ans andere Ufer schwimmen. Aber gib acht, leicht kannst du sie übersehen. Gehe deshalb in den folgenden Tagen mit besonders offenen Augen durch die Welt.“

„Das will ich gerne tun! Doch viel verspreche ich mir nicht davon. Mein Herz habe ich bei Leander zurückgelassen, somit kann ich es auch kaum an einen anderen Mann weiter verschenken,“ wehrte Elena ab.

„Ich sage es noch einmal, der Mensch wird dir gefallen. In Flammen wird dein Herz stehen, wenn  du zum ersten Male in seine Augen blickst. Es wird eine Beziehung ganz besonderer Art, voller Leben, Zärtlichkeit und Sinnlichkeit. Leanders Schatten kann nicht auf euch fallen, weil auf einer anderen Ebene ihr euch begegnen werdet. Dieser Liebe wirst du dringend bedürfen, denn eine ganze Reihe schlimmer Prüfungen harren noch ihrer Lösung.

Die Person wird dir in allem zur Seite stehen und dir die nötige Kraft spenden.“

„Du machst mir Angst. Schlimme Prüfungen? Noch mehr? Ich fühle mich schwach. Ein für mich fremdes Gefühl.“

„Am Ende wirst du wie immer triumphieren und alles hinter dich lassen. Doch die Frucht muss reifen, bevor sie süßen Honig spenden kann. Viel Energie musst du tanken und wo könnte man wohl besser Energie schöpfen als in den Armen eines geliebten Menschen.

Wenn wir darauf aus sind, das Licht zu sehen, müssen wir zunächst durch die Dunkelheit schreiten. Noch legt sich Nacht auf deine Seele und noch immer stehst du am Abgrund. Doch tiefer wirst du nicht mehr sinken. Den Versuchungen der Macht hast du widerstanden, recht so. Niemals darfst du dich korrumpieren lassen, das wäre Elenas Ende. Dass du nicht nach einem Amt in der neuen Regierung strebst hat dein Ansehen in der Bevölkerung auf ein hohes Maß gesteigert.

Dein endgültiger Triumph wird von ganz anderer Art sein. Einer Herrschaft bedarf es dazu ganz und gar nicht mehr.“

Jetzt sprach wieder ganz der große Lehrer, der sich stets hinter dem liebenswerten Tollpatsch verborgen hielt.

Elenas Neugier schien geweckt.

„Sag doch, Kovacs! Wann wird dieses neue und so ganz andere Zeitalter hereinbrechen?“

„Du weißt es doch bereits. Ich kann es nur immer wiederholen. »Wenn die Avatarin am Tag der Entscheidung  auf der obersten Plattform im gleißenden Licht erscheint und stürmischer Jubel sie umgibt.«

Ach, ich gäbe sonst etwas dafür, wenn ich dieses Erlebnisses noch teilhaftig würde, ich meine, als Mensch aus Fleisch und Blut. Ich kann es nur aus der Entfernung betrachten. Du hingegen wirst entscheidenden Anteil daran haben. Doch noch ist es nicht soweit. Zunächst harren die Prüfungen ihrer Erfüllung.“

„Schwer fällt es mir, deine Botschaften zu entschlüsseln. Wie immer sprichst du  in Rätseln.

Ich fühlte mich wohler, wüsste ich Genaueres, dann würde mir das Leben nicht mehr so viel Mühe bereiten. Wann werde ich aktiv? Wann darf ich eingreifen?

Auch du fehlst mir entsetzlich. So gerne möchte ich weiter von dir lernen.“

„Die letzte Wirklichkeit kann durch eine menschliche Zunge keinen Ausdruck finden. Es wäre sehr kompliziert, dir alles zu entschlüsseln. Nur in der Intuition kannst du erfahren. Selbst musst den Weg du finden. Zur rechten Zeit das Rechte tun. Man kann weder einer Entwicklung vor greifen, noch hinter bereits Begonnenes zurückfallen. Das Bewusstsein des Menschen gleicht den Wolken, die ständig ihre Gestalt verändern. Du wirst wissen, was zu tun ist, wenn der rechte Zeitpunkt gekommen ist.“

„Dann will ich nur hoffen, dass ich den rechten Zeitpunkt erkenne.“

„Vor allem ist es wichtig, dass du in den Folgetagen dein Glück findest. Große Veränderungen stehen dir ins Haus. Sei wachsam, denn an der Wegscheide des Lebens stehen keine Wegweiser. Immer daran denken, aus dem Norden naht dein Glück. Sei achtsam, schreite nicht daran vorbei.“

Kovacs Stimme wurde leiser. Elena bemerkte, wie sie langsam vom Aste glitt, dabei  nach unten fiel ohne sich weh zu tun.

Kovacs begann, sich aus ihrem Bewusstsein zurückzuziehen.

„Wann sehe ich dich wieder,alter Freund? Wann darf ich dir wieder lauschen und von dir lernen?“ rief Elena verzweifelt, denn sie bemerkte, wie sich Schritt für Schritt weiter von ihm entfernte.

„Bald Elena, bald! Finde deinen Weg und höre niemals auf in deiner Seele zu lesen. Sei wachsam. Gib acht! Gib genau acht…!“

Elena sah sich in die Höhe schweben, gleichsam einer Lerche, die ihr Tagwerk beginnt. Noch einmal war es ihr vergönnt, die wunderschöne unbekannte Landschaft zu überblicken. Kovacs hingegen war verschwunden.

Mit einem Ruck saß sie aufrecht in ihrem Bett. Das Herz raste und kalter Schweiß stand auf ihrer Stirn. Sie schwang die Beine über die Bettkante und setzte sich auf. Sie wollte weinen, doch hatten ihre Augen keine Tränen mehr. Es wären Tränen der Freude gewesen und nicht jene des Schmerzes.

Elena fühlte sich aufgewühlt, das Erlebte hatte einen tiefen Eindruck hinterlassen.

An Schlaf war unter solchen Umständen nicht mehr zu denken.

 

Die folgenden drei Tag verliefen in den gewohnten Bahnen. Elena versah ihren Dienst und diese Tätigkeiten nahmen sie voll und ganz in Anspruch.

Ihr Hilfsprojekt platzte aus allen Nähten.

Das lag vor allem an den vielen Flüchtlingen, die in der letzten Zeit aus dem Norden des Landes kamen. Elena vernahm, dass es dort noch immer keinen echten Frieden gab.

Widersprüchliche Berichte drangen zu ihr vor. Von entsetzlichen Gräueltaten war die Rede.

Zur Zeit herrschte zwar Waffenruhe, da die Rebellen sich offensichtlich über die Grenze zurückgezogen hatten, dafür aber schlug die Verarmung erbarmungslos zu. Ganze Landstriche verödeten. Es war verständlich, dass auf Dauer keiner in der Unruheprovinz bleiben wollte.

Die Menschen, die es in den sicheren Süden schafften würden bei Null an fangen müssen.

Es gab nicht wenige, die Wochen, ja Monate mit den schlimmsten Krankheiten ausharren mussten, desto komplizierter erwies sich dementsprechend deren Behandlung.

Verdreckt und verlaust kamen sie an. Elena musste sich selbst überwinden, vor Ekel drehte sich ihr des Öfteren der Magen um.